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Schichten und Geschichten der Großstadt - Das „urbane Palimpsest“ als Gestaltungsprinzip des Städtischen

Eine Rezension von

 

 

Nico_Völker_stadt_der_moderne

Sandten, Celine, Christoph Fasbender, und Annika Bauer (Hg).: Stadt der Moderne. Trier: WVT, 2013.


Der Essayband Stadt der Moderne versammelt 13 interdisziplinäre Beiträge zu Städten und Großstädten und verhandelt diese und deren Repräsentationen. Der im Band verwendete, weit gefasste Stadtbegriff und die zeitliche sowie räumliche Vielfalt der untersuchten urbanen Orte, kombiniert mit der produktiven Verwendung des Konzeptes des „urbanen Palimpsests“, machen Stadt der Moderne zu einem kenntnisreichen und vielfältigen Beitrag zur gegenwärtigen Stadtforschung.



> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract            

 

 

Der Sammelband Stadt der Moderne nimmt als Ausgangspunkt für seine Untersuchung die sächsische Stadt Chemnitz, um sich ihr und weiteren Städten sowie deren Repräsentationen aus kulturwissenschaftlicher Sicht mit interdisziplinären Perspektiven zu widmen. Die einzelnen Beiträge, alle basierend auf Vorträgen einer Ringvorlesung gleichen Namens anlässlich des 175-jährigen Jubiläums der Technischen Universität Chemnitz, beinhalten diverse Untersuchungen zu Ausprägungen und Repräsentationen urbaner Räume und des Städtischen. In der Einführung des Bandes verorten sich die Herausgeber_innen in ihrem Feld und stellen ihre Expertise beziehungsweise Herangehensweise als „kulturwissenschaftlich orientierte Geschichts- und Textwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler“ (S. 4) in den Vordergrund. Dabei legen sie ihr Hauptaugenmerk auf die kulturelle Repräsentation städtischer Räume, deren verschiedenen Ausprägungen, ihren Erzählungen und Inszenierungen. Sie folgen somit einem kulturwissenschaftlichen Ansatz, der die „Stadt als Text“ liest und versteht.

 

Der Band und seine 13 Beiträge zeichnen sich sowohl durch ihre breite Definition des Begriffs  der „Stadt“, der hier über die in der Stadtforschung oft bevorzugte „Großstadt“ oder Metropole hinausgeht, als auch durch die große räumliche und zeitliche Vielfalt der behandelten urbanen Räume aus. So legen die Herausgeber_innen Sandten, Fasbender und Bauer in ihrer Einleitung auch dar, welche übergeordneten methodologischen bzw. theoretischen Annahmen allen Beiträgen zu Grunde liegen. Der Fokus der Untersuchungen liegt hierbei, nach Ernst Bloch, auf der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ der Städte, auf „ihrem vielfältigen Hin und Her zwischen Einst und Jetzt“ (S. 1). Die Stadt als „Palimpsestraum“ (ebd.), der diese Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart, von sich überlagernden und überschriebenen Schichten, zugrunde liegt, wird zum semantisch-konstruierten, konkreten und gleichzeitig auch immer imaginierten Raum.

 

Das Konzept des Palimpsests, unter anderem etabliert von Andreas Huyssen in seinem Werk Present Pasts: Urban Palimpsests and the Politics of Memory (2003), eröffnet auch neue Einsichten in die Struktur des urbanen Raumes. So bemerken die Herausgeber_innen richtig, dass „vorhandene Forschungen zum Stadtraum traditionell zwischen Zentrum und Peripherie [unterscheiden]“ (S. 2). Hier stellt sich das Konzept des Palimpsests als äußerst hilfreich dar, eben „solches Binaritätsdenken zu überwinden, indem über die horizontale Betrachtung hinaus der Fokus um eine vertikale Dimension dahingehend erweitert wird, dass übereinander liegende bzw. simultan vorhandene urbane Repräsentations- bzw. Lebensformen analytisch stärker in den Vordergrund rücken“ (S. 2).

 

Konzeptuell zeichnet sich der vorliegende Sammelband im einzelnen vor allem durch die große räumliche und zeitliche Vielfalt seiner Beiträge aus, die sich von der Antike bis zur Gegenwart, und sowohl mit europäischen als auch mit außer-europäischen (Afrika, Asien) städtischen Räumen beschäftigen. So geht der Band weder in die Falle eines zu kurz greifenden Eurozentrismus, noch verengt sich das Interesse der Herausgeber_innen und Autor_innen ausschließlich auf im anglophonen Raum angesiedelte Städte. Auch erlaubt der Band so diachrone Rückschlüsse und eine historische Einordnung beziehungsweise Verortung der verschiedenen Untersuchungen der „Stadt der Moderne“.

 

Hilfreich für den Leser ist hierbei die chronologische Ordnung der einzelnen Beiträge, so dass sich von Stefan Pfeiffers Text „Alexandria: Ein archäologisch-literarischer Spaziergang durch eine multikulturelle Stadt in der Antike“ über Annika Bauers „Schanghai 1938 bis 1948: Literarische Repräsentationen jüdischen Lebens im urbanen Palimpsest“ bis hin zu Karin Ikas „Weltbürgertum ohne Weltbürger in der Stadtlandschaft New Yorks? Globale Fragmentierung und gewaltintensive Desorientierung in Don DeLillos Cosmopolis“ und Ulrike Brummerts „AB-Fall, Müll und Staub“ ein Zeitstrahl ergibt, der dem Leser die verschiedenen Spielarten und Ausprägungen von Urbanität näher bringt.

 

Hervorzuheben ist unter allen Beiträgen Bernadette Malinowskis Essay „’Vorübergehend sein und bleiben’: Passagen-Denken in Literatur, Philosophie und Wissenschaft“, der die „konkrete Architekturform“ (S. 107) der Passage nicht nur in der Literatur widergespiegelt sieht, sondern die Passage weiter noch als „Hybrid-Raum“ liest. Sie erörtert wie dieser sich „von seiner konkreten architektonischen Form zunehmend ablöst und zu einer ‚reinen‘ Denkfigur […] abstrahiert“ (S. 108). Somit weise er sich als geeignet aus, um der „Stadt als Text“ gewahr zu werden und diese als genuin interdisziplinäres Projekt zu verstehen.

 

Eine wichtige Aufgabe erfüllt außerdem Evelyne Keitels Essay „Nicht New York, nicht Chicago, nicht LA: Das Wiederaufleben der Provinz in den amerikanischen TV-Serien der Gegenwart“: Sie sorgt für ein relevantes Gegengewicht innerhalb der Essaysammlung und wendet sich von der Metropole ab und der Provinz zu. Am Beispiel neuerer US-amerikanischer Fernsehserien wie The Sopranos oder True Blood erarbeitet Eitel die „Funktion der Provinzialität“ (S. 9) innerhalb dieser Serien und schlussfolgert, dass hier „das Urbane in die Provinz [einzieht]“ (S. 219). So thematisiert sie die immer implizite Spannung der Bedeutungsfelder „Stadt“ und „Land“ im urbanen Diskurs.
Das im Band dominierende Verständnis von Stadt als einem semantisch konstruierten Raum, der ganz im Sinne des Palimpsests immer wieder neu beschrieben und überschrieben wird beziehungsweise werden muss, spiegelt sich in allen Beiträgen wider. In dieser Hinsicht lässt sich Stadt der Moderne am sinnigsten als ein gelungenes Schlaglicht auf aktuelle Tendenzen in der kulturwissenschaftlichen Stadtforschung begreifen, das unterschiedliche Ansätze wie Forschungen nebeneinander stellt und somit im buchstäblichen Sinne „lesbar“ macht.

 

 

Sandten, Celine, Christoph Fasbender, und Annika Bauer (Hg). Stadt der Moderne. Trier: WVT, 2013. (Chemnitzer Anglistik/Amerikanistik Today CHAT, Bd. 3). 310 S., 34,50 Euro. ISBN 978-3868214277



Inhaltsverzeichnis

 

Cecile Sandten, Christoph Fassender und Annika Bauer
Einführung: Stadt der Moderne ... 1

 

Stefan Pfeiffer
Alexandria: Eine archäologisch-literarischer Spaziergang durch eine multikulturelle Stadt in der Antike ... 13

 

Christoph Fasbender
Annaberg-Boomtown - Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit einer Metropole um 1500 ... 45

 

Winfried Thielmann
Gelehrter - Praktiker - Wissenschaftler: Georgias Agricola, ein Chemnitzer Kopf zu Beginn der Neuzeit ... 69

 

Katja Sarkowsky
Urbane Modernen: New Yorks Immigrantenviertel in Jacob Riis’ How the Other Half Lives (1890) und Anzia Yezierkas Salome of the Tenements (1923) ... 93

 

Bernadette Malinowski
“Vorübergehend sein und bleiben”: Passagen-Denken in Literatur, Philosophie und Wissenschaft ... 107

 

Thomas Bauer-Friedrich
Stadt-Darstellungen in der bildenden Kunst ... 131

 

Sylvia Jurchen
“Im Lesesaal der Straßen”: Vladimir Majakowskijs Konzeptionen von Stadt als ästhetischer Lehranstalt ... 155

 

Annika Bauer
Schanghai 1938 bis 1948: Literarische Repräsentationen jüdischen Lebens im urbanen Palimpsest ... 183

 

Evelyne Keitel
Nicht New York, nicht Chicago, nicht LA: Das Wiederaufleben der Provinz in den amerikanischen TV-Serien der Gegenwart ... 199

 

Teresa Pinheiro
Lissabon: Auf der Suche nach dem Mythos der ewig unmodernen Stadt ... 221

 

Cecile Sandten
Intermediale Fiktionen der postkolonialen Metropole: Kalkutta, Delhi und Kairo in den Graphic Novels von Sarnath Banerjee und G. Willow Wilson ... 237

 

Karin Ikas
Weltbürgertum ohne Weltbürger in der Stadtlandschaft New Yorks? Globale Fragmentierung und gewaltintensive Desorientierung in Don DeLillos Cosmopolis ... 257

 

Ulrike Brummert
AB-Fall, Müll und Staub ... 271

 

Informationen zu den Beiträgen ... 301

 

 

(De)constructing the City – The “Palimpsest” and Its Use as a Theoretical Model for Urban Research

 

Stadt der Moderne (The Modern City) is an essay collection comprising thirteen different contributions all dealing with cities and metropolises and the representations thereof. The broad definition of the term “city,” the vast temporal and spatial variety of the analysed urban spaces, and the elaborate use of the “urban palimpsest” make Stadt der Moderne a well-informed and multi-faceted contribution to current urban research.

 


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