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Über Grenzen des Museums. Partizipatives Erzählen von Migrationsgeschichten im Projekt "Neuzugänge"

Eine Rezension von 


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Bluche, Lorraine, Christine Gerbich, Susan Kamel, Susanne Lanwerd und Frauke Miera (Hg.): Neuzugänge. Museen, Sammlungen und Migration. Eine Laborausstellung. Bielefeld: transcript, 2013.

 

Im Band Neuzugänge reflektieren und beurteilen Lorraine Bluche, Christine Gerbich, Susan Kamel, Susanne Lanwerd und Frauke Miera eine von ihnen konzipierte Laborausstellung zum Thema Migration im Museum Friedrichshain-Kreuzberg in Berlin. Dabei rufen die Autorinnen vor allem zu mehr Partizipation der Bevölkerung beim Sammeln und bei der Ausstellungsentwicklung auf, um Geschichten von Einwanderung und Einwander_innen in Zukunft stärker in die deutsche Museumslandschaft einzubinden. Das Buch zeigt jedoch auch die Grenzen partizipativer Strategien. Wie viel Partizipation ist möglich – zu wie viel Offenheit sind Museen bereit?


> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract             

 

Das Prinzip der Partizipation hat sich bisher kaum in deutschen Museen etabliert. Während interaktive Angebote weit verbreitet sind, folgen nur wenige Institutionen Nina Simons Aufforderung, die Relevanz des Museums durch das Einbeziehen der Bevölkerung zu steigern (The Participatory Museum. Santa Cruz, 2009, vgl. S. ii). Die Ausstellung "Neuzugänge – Migrationsgeschichten in Berliner Sammlungen", die vom 29.01. - 27.03.2011 im Museum Friedrichshain-Kreuzberg stattfand und mit dem Museum der Dinge, dem Stadtmuseum und dem Museum für Islamische Kunst kooperierte, ist diesbezüglich eine Ausnahme. Museumsexterne Berliner_innen wurden auf verschiedenen Ebenen an der Konzeption und Produktion der Laborausstellung beteiligt. Der Sammelband zum Projekt dokumentiert selbstkritisch und multiperspektivisch die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung.

 

Warum Migration, warum Partizipation? Diese Fragen beantworten Frauke Miera und Lorraine Bluche in ihrem einleitenden Beitrag. Die museale Darstellung von Migration erfolge bisher nur eingeschränkt, da Migrant_innen ausschließlich in ihrer Funktion als solche zu Geschichte und Objekten befragt werden und daher nicht als "Akteur_innen im diskursiven Raum" auftreten (vgl. S. 27). Diese Schranken wollen die Koordinatorinnen mittels Partizipation überwinden. Tatsächlich beweist die Vielfalt der im Sammelband besprochenen Methoden eine hohe Bereitschaft, Berliner_innen bedeutungsstiftend in die Ausstellungsplanung einzugliedern. Fokusgruppen interpretierten zunächst Sammlungsobjekte auf Basis des in England entwickelten Konzepts "Revisiting Collections". Zudem erwarb das Museum neue Objekte mit Migrationsbezug, wobei persönliche Geschichten der Leihgeber_innen in Video-Kommentaren präsentiert wurden. Ferner konnten Besucher_innen während der Ausstellung sowohl tatsächliche Objekte, als auch skizzierte Objektvorschläge beisteuern. Das Ziel dieser neuen Methoden sehen Frauke Miera und Lorraine Bluche darin, den Weg zum inklusiven Museum zu ebnen; es gelte, das in der Institution produzierte, eingeschränkte, aber zugleich dominante Wissen zu reflektieren (vgl. S. 28).   

 

Doch genügen partizipative Methoden, um Stereotype aufzubrechen und Stigmatisierung zu vermeiden? Diesbezüglich verweisen Frauke Miera und Lorraine Bluche, aber auch Christine Gerbich und Susan Kamel auf eine Herausforderung: Während die Kuratorinnen die Repräsentation von gesellschaftlicher Hybridität anstrebten, fügten Teilnehmer_innen mit Migrationshintergrund vor allem kulturspezifische Objekte zur Ausstellung hinzu. Anstatt Leihgaben, welche die Durchlässigkeit der Grenze zwischen Eigenem und Fremdem aufzeigen, erhielt das Museum etwa eine Kalligraphie, eine tamilische Buchstabentafel und eine Kokosnussraspel aus Sri Lanka (S. 160, 182). Christine Gerbich erklärt dieses Phänomen durch unbewusste Pauschalisierungen im Projekt und durch die Auswahl der Fokusgruppenmitglieder (vgl. S. 55). Susan Kamel stellt mit Bezug auf Sharon Macdonald die folgenreichere Frage, ob "in der Einbindung der Öffentlichkeit in die Ausstellungsentwicklung auch die Gefahr [lauert], dass wir nur das wiederholen, was alle schon zu wissen glauben" (S. 72). Diese Überlegung ist grundlegend für partizipative Projekte, denn sie thematisiert den Umgang mit solchen Besucherinhalten, die eine Herausforderung für die Bedeutungsansprüche der Museen darstellen. Ein wirklich inklusiver Ansatz im Projekt "Neuzugänge" würde bedeuten, den Selbstzuschreibungen der Museumsexternen mindestens ebenso viel Wert beizumessen wie der institutionell angestrebten Repräsentation von Hybridität. Hier stellt sich eine wichtige Grundsatzfrage der Partizipation: Sind Museen bereit, die von ihnen angedachten Bedeutungen durch Besucherbeiträge zu hinterfragen oder partizipieren Laien lediglich als Lückenfüller für bereits vorgefertigte Meisternarrative?

 

Um Stigmatisierung zu vermeiden hätten die Koordinatorinnen Strategien finden müssen, das Dilemma gemeinsam zu bewältigen, urteilt Susan Kamel (vgl. S. 93). Frauke Miera und Lorraine Bluche sehen Klärungsbedarf zum Begriff der Migration auf Seiten der Museen (vgl. S. 30). Die Verantwortung wird demnach bei den Institutionen verortet, während Diskussionen über Stereotype und Zuschreibungen mit museumsexternen Teilnehmer_innen im Sammelband kaum dokumentiert sind. Eine Integration der entsprechenden Reflexionen von "Laien" in die Ausstellung sowie in den Textteil des Buches wäre daher eine wünschenswerte Erweiterung des Projektes gewesen. Wie ergiebig dies sein kann, zeigt der Teilnehmerkommentar zu einem Sammlungsobjekt aus dem Museum für Islamische Kunst: "Warum haben die Museumsleute das Koranblatt als Symbol für den Orient ausgewählt? Viele denken: Aha! Koran, Orient, fertig. […] Zum einen gibt es viele 'echte' Deutsche, die Muslime sind. Zum anderen könnte man auch die Bibel oder das Alte Testament auswählen, wenn man den Orient beschreiben wollte." (S. 120) Solche Hinweise von außen ermöglichen einen kritischen Blick auf die Kategorien und Weltbilder, die in den Disziplinen und Institutionen oft als selbstverständlich angenommen werden. Hingegen erklärt Gisela Helmecke vom Museum für Islamische Kunst in ihrem Beitrag, dass "[w]irklich neue Erkenntnisse" in Bezug auf die Objekte durch das Projekt "Neuzugänge" nicht gewonnen werden konnten (vgl. S. 40). Diese Einschätzung zeigt, dass der Mehrwert der Partizipation stets von den Bedeutungen abhängig ist, welche die Museen bereit sind als Erkenntnis wahrzunehmen.

 

Susan Kamel schlussfolgert in ihrem Beitrag, dass "partizipative Elemente in der Ausstellungsentwicklung und –umsetzung nicht ausreichen, um tradierte und klischeehafte Herangehensweisen zu durchbrechen und neue Perspektiven zu ermöglichen". Sie fordert stattdessen eine "nach innen gerichtete Museumsrevolution" (S. 73). Auch kurzfristigere Alternativen, wie Diskussionen mit "Laien" auf der Meta-Ebene, können neue Sichtweisen hervorrufen. Der Sammelband zeigt jedoch, dass die Grenzen der Partizipation beginnen, wo Besucherinhalte nur die Lücken einer vorgegebenen Erzählung des Museums füllen. Obzwar Christine Gerbich in ihrem Beitrag gewillt ist, Partizipation nicht als ein Abgeben der Interpretationshoheit des Museums zu bewerten (vgl. S. 44), beweisen die Reflexionen der Ausstellung, dass in der Angst vor dem Kontrollverlust der Institution eine der größten Herausforderungen für die Partizipation liegt.

 

 

Bluche, Lorraine, Christine Gerbich, Susan Kamel, Susanne Lanwerd und Frauke Miera (Hg.): Neuzugänge. Museen, Sammlungen und Migration. Eine Laborausstellung. Bielefeld: transcript, 2013. 200 S., broschiert, 29,80 Euro. ISBN: 978-3-8376-2381-9

 


Inhaltsverzeichnis

 

Grußwort des Präsidenten des Deutschen Museumsbundes e.V.

 

Grußwort der Vorsitzenden des Freundeskreises des Museums für Islamische Kunst im Pergamonmuseum der Staatlichen Museen zu Berlin e.V.

 

Einleitung

 

Textteil

 

Lorraine Bluche, Frauke Miera: Partizipatives Sammeln in der Einwanderungsgesellschaft … 23

 

Christine Gerbich: Neue Zugänge durch partizipative Strategien bei der Ausstellungsentwicklung … 39

 

Gisela Helmecke: Weitgereiste Objekte im Museum für Islamische Kunst … 59

 

Susan Kamel: Gedanken zur Langstrumpfizierung musealer Arbeit. Oder: Was sich aus der Laborausstellung 'Neuzugänge' lernen lässt … 69

 

Susanne Lanwerd: Was versteht man unter 'migratory aesthetics'? … 99

 

Fabian Ludovico: Forschen im Bestand – Annäherungen an zwei Objekte … 113

 

Peter Schwirkmann, Martina Weinland: Sammlungen erzählen Geschichte(n) im Stadtmuseum Berlin … 125

 

Katalogteil

 

Ausstellungstexte zu den Objekten der beteiligten Museen mit Kommentaren der Fokusgruppen … 135

 

Interviews mit den externen Leihgeberinnen zu den von ihnen zur Verfügung gestellten Objekten … 153

 

Interviews mit den Sammlungsleiterinnen bzw. Direktoren der beteiligten Museen zum Umgang mit dem Thema 'kulturelle Vielfalt' in ihrer Institution … 171

 

Leihgaben der Besucherinnen während der Laborausstellung … 179

 

Fotos der Ausstellung … 187

 

Anhang: Rezensionen der Ausstellung … 191

 

Autorinnen und Autoren … 193

 

Danksagung … 197

 


Challenging Boundaries: On Participatory Narratives of Migration in the Museum Project "Neuzugänge"

 

In their edited volume Neuzugänge, Lorraine Bluche, Christine Gerbich, Susan Kamel, Susanne Lanwerd, and Frauke Miera evaluate and reflect upon their joint laboratory exhibition about migration that was shown at the Museum Friedrichshain-Kreuzberg in Berlin. The authors call for more public engagement in the collection process and in the conceptualization of exhibitions in order to gradually bring more narratives of migration to the repertoire of German museums. However, the book points also to the boundaries of participation. Just how much inclusion of visitors is possible – how willing are museums to open up?

 


© bei der Autorin und bei KULT_online