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Über die Macht politischer Emotionen. Zwischen Demokratiestabilisierung und populistischer Mobilisierung

Eine Rezension von 


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Korte, Karl-Rudolf (Hg.): Emotionen und Politik. Begründungen, Konzeptionen und Praxisfelder einer politikwissenschaftlichen Emotionsforschung. Baden-Baden: Nomos, 2015.

 

Der Sammelband Emotionen und Politik vereint innovative und thematisch weitreichende Forschung zu relevanten Fragen rund um angemessene und unangemessene Emotionspolitik, die gerade in diesen politisch turbulenten Zeiten von größter Bedeutung sind. Die AutorInnen präsentieren starke Plädoyers für eine Beschäftigung mit Emotionen beziehungsweise Emotionalisierung im politischen Raum.


> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract             

 

Die Emotionsforschung in der Politikwissenschaft ist eine relativ neue und bislang eher informelle Teildisziplin. Sie ist noch deutlich unterforscht; gleichzeitig werden bereits gefundene thematische Erkenntnisse – vor allem aus den Neurowissenschaften – oft in einer schieren Endlosschleife widergekäut.

 

Daher überrascht der gerade erschienene Sammelband zur letztjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft (DGfP). Emotionen und Politik. Begründungen, Konzeptionen und Praxisfelder einer politikwissenschaftlichen Emotionsforschung vereint frische und innovative Thesen sowie einen offenen Blick auf die Wirkmacht von Emotionen im politischen Raum.

 

Zwar sei die Emotionsforschung in der deutschen Politikwissenschaft nach wie vor eine „Randerscheinung“ (S. 12), schreibt der Herausgeber Karl-Rudolf Korte. Dieser Sammelband beweist mit seiner Vielzahl an Beiträgen über die Verflechtung von Politik und Emotionen allerdings, dass sie definitiv in das Zentrum der Politikwissenschaft rücken sollte; eine Forderung, die auch Friedbert W. Rüb in seinem Artikel Emotionen und Politik: Wie emotionslos kann und soll politisches Entscheiden sein? vertritt (vgl. S. 183).

 

Denn die AutorInnen des Sammelbandes zeigen unter anderem auf, dass Emotionen für die Stabilisierung von Demokratie sehr hilfreich sein können. So schreibt der Herausgeber Korte in seiner Einleitung: „Um die Qualität der Demokratie – gerade für die politische Mitte – ohne einen Populismus der Extreme zu sichern, brauchen wir mehr Streit, mehr Ideologie, mehr Begeisterung und auch weniger langweilige Politikentscheider“ (S. 19).

 

Doch auch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den destabilisierenden Faktoren von Emotionen sei vonnöten. So vertritt Felix Heidenreich in seinem Artikel Politische Gefühle – Katalysator des Diskurses oder postdemokratische Emotionalisierung? eine Position, die zu großer Vorsicht in Sachen Emotionspolitik warnt: „Emotionen in der Politik und der politischen Willensbildung sind nicht [..] deshalb unproblematisch, weil sie unvermeidlich sind“ (S. 50).

 

Viele Beiträge in Emotionen und Politik tragen aktuellen Ereignissen Rechnung, bei denen Emotionen offensichtlich mit dem öffentlichen Raum verwoben sind. So beschäftigen sich Maik Herold mit Gier im Finanzkrisendiskurs und Nina Elena Eggers mit der Bedeutung von Emotionen im Europawahlkampf 2014. Claus Leggewie und Jan Rohgalf wenden den Blick jenen zu, die der Herausgeber Korte „Modernisierungsverunsicherte“ (S. 17) nennt – Menschen, die sich populistischen Protestbewegungen wie AfD und Pegida anschließen.

 

Denn Emotionen spielen gerade im Kontext von Populismus eine zentrale Rolle: „Zu lernen ist aus dem weltweiten Vordringen der populistischen Herausforderung [..], welche Macht politische Emotionen haben, wie sehr sich Politisches aus ihnen formt. Dies gilt auch und gerade für Demokratien“, schreibt Claus Leggewie in seinem pointierten Essay Populisten verstehen. Ein Versuch zur Politik der Gefühle. Leggewie spricht sich ebenfalls für eine Erforschung von Emotionen aus, die sich starren Erklärungsmustern widersetzt: „So wenig es den strengen Dualismus von ‚Vernunft‘ und ‚Gefühl‘ gibt, so wenig lassen sich ‚positive‘ von ‚negativen‘ Gefühlen trennen, was für die politische Emotionsforschung von erheblicher Bedeutung ist“ (S. 147).

 

An dieser Stelle offenbart sich eine inhaltliche Lücke des Sammelbandes: Auch wenn laut Leggewie Emotionen nie per se ‚positiv‘ oder ‚negativ‘ seien, so fällt auf, dass in Emotionen und Politik vor allem (‚negative‘) Emotionen wie Angst, Wut und Ressentiment besprochen werden. Zu kurz kommen hingegen Ideen über ‚positive‘ Emotionen (wie beispielsweise das Mitgefühl) im politischen Raum. Das war allerdings zu erwarten, denn die deutsche Politikwissenschaft tut sich – im Gegensatz zur anglophilen Forschungslandschaft – nach wie vor schwer mit aktiver (‚positiver‘) Emotionspolitik. Ein zweiter kleiner Wermutstropfen für den sonst sehr gelungenen Sammelband ist die Tatsache, dass fast jeder Artikel mit einem Abriss über den derzeitigen Stand der Emotionsforschung in der Politikwissenschaft beginnt. Das erzeugt Redundanzen für die themenkundige LeserInnenschaft.

 

Grundsätzlich bringt Emotionen und Politik aber neue Frische in die deutsche politikwissenschaftliche Emotionsforschung. Denn nicht immer dieselben Namen werden zitiert, nicht immer dieselben starren Thesen und Haltungen zu Emotionen im öffentlichen Raum vertreten. Das macht den Sammelband zu einer abwechslungsreichen Forschungslektüre, die weitere, inhaltlich vielfältige Diskussionen über Emotionen in der Politik und im Politischen anregen wird.

 

 

Korte, Karl-Rudolf (Hg.): Emotionen und Politik. Begründungen, Konzeptionen und Praxisfelder einer politikwissenschaftlichen Emotionsforschung. Baden-Baden: Nomos, 2015. 69 Euro. ISBN: 3-8487-2246-4



Inhaltsverzeichnis

 

Karl-Rudolf Korte

Emotionen und Politik. Begründungen, Konzeptionen und Praxisfelder einer politikwissenschaftlichen Emotionsforschung … 11

 

Teil I: Interdisziplinäre Begründungen

 

Philipp Nielsen

Politik und Emotionen aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft … 27

 

Felix Heidenreich

Politische Gefühle – Katalysator des Diskurses oder Ergebnis postdemokratischer Emotionalisierung? Die Perspektive des dynamischen Republikanismus … 49

 

Gary S. Schaal/Rebekka Fleiner

Politik der Gefühle … 67

 

Oliver Lembcke/Florian Weber

Leidenschaft, Affekt und Gefühl bei Max Weber – eine politiktheoretische Skizze … 91

 

Benjamin C. Seyd

Das Politische Fühlen. Der Poststrukturalismus, das Politische und die Wende zum Gefühl … 113

 

Teil II: Politikwissenschaftliche Perspektiven

 

Claus Leggewie

Populisten verstehen. Ein Versuch zur Politik der Gefühle … 139

 

Friedbert W. Rüb

Emotionen und Politik. Wie emotionslos kann und soll politisches Entscheiden sein? … 155

 

Reinhard Wolf

Emotionen in den internationalen Beziehungen: Das Beispiel Ressentiments … 187

 

Anja Besand

Gefühle über Gefühle. Zum Verhältnis von Emotionalität und Rationalität in der politischen Bildung … 213

 

Lisa Katharina Bogerts

Die Kraft des Visuellen: Emotionen und Bilder in der Protest- und Bewegungsforschung … 225

 

Teil III: Fallstudien

 

Maik Herold

Gier am Finanzmarkt? Eine Emotion und ihre Instrumentalisierung im aktuellen Krisendiskurs … 249

 

Nina Elena Eggers

Mehr Leidenschaft für Europa? Zur Bedeutung von Identitäten und Emotionen im Kontext der Europawahl 2014 … 271

 

Jan Rohgalf

Subsidiarität als Kampfbegriff. Politik und Emotionalisierung am Beispiel der AfD … 297

 

Taylan Yildiz

Gekränkte Souveränität? Beschwichtigung als hegemoniale Praktik der Überwachungspolitik … 317

 

Kristina Weissenbach

Bilder von Europa. Emotionale Reaktionen auf die Eurovision Debate im Europa-Wahlkampf 2014 … 333

 

Autorenverzeichnis … 349

 


The Power of Emotion: Between Stabilizing Democracies and Mobilizing Populism

 

The comprehensive anthology Emotionen und Politik combines innovative and extensive research on questions regarding the appropriate and inappropriate politics of emotions, which are even more relevant in these politically turbulent times. The authors make a strong plea for engaging with emotions, and with emotionalization, in the political realm.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online