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Menschenrechtsschutz für das Kollektiv. Ein Seiltanz mit der Kultur

Eine Rezension von


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Mende, Janne: Kultur als Menschenrecht? Ambivalenzen kollektiver Rechtsforderungen. Frankfurt/New York: Campus, 2015.

 

Janne Mende begibt sich mit ihrer Dissertation Kultur als Menschenrecht? Ambivalenzen kollektiver Rechtsforderungen in ein politikwissenschaftliches Debattenfeld, das seit je her kontrovers diskutiert wird. Sie untersucht Theorie und Empirie kollektiver und kultureller Menschenrechte am Fallbeispiel indigener Rechte vermittels qualitativer und interpretativer Inhaltsanalysen. Nach Mende können kollektive kulturelle Menschenrechte den Rahmen individueller Menschenrechte unterstützen oder auch sprengen – abhängig von den jeweils zugrundeliegenden Konzepten von Kultur und Identität sowie von (impliziten) normativen Maßstäben.


> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract             

 

Können individuelle Menschenrechte durch kollektive Rechte erweitert werden? Muss Kultur menschenrechtlich geschützt werden, um individuelle Freiheit und die Entwicklung individueller Identität zu ermöglichen? Mit diesen Fragen begibt sich Janne Mendes Buch Kultur als Menschenrecht? Ambivalenzen kollektiver Rechtsforderungen in ein Debattenfeld, das seit je her kontrovers diskutiert wird. Einige Parameter der Debatte mögen sich verändert haben und werden  weniger dichotom diskutiert. Kollektive und Gruppen haben mittlerweile etwa Eingang in das Völkerrecht und das Menschenrecht gefunden – dennoch bleiben die grundlegenden Fragen nach repressiven oder emanzipatorischen Effekten kollektiver oder kultureller Menschenrechte zumeist einseitig beantwortet. Dieser Einseitigkeit begegnet Mende mit einer differenzierten Herangehensweise, die sich zur Beantwortung der Fragen nicht mit einem einfachen Ja oder Nein zufrieden gibt.

 

Nach einer Einführung in die aktuellen Diskurse um Menschenrechte und die Entwicklung von kollektiven Rechten verortet Mende zunächst das Debattenfeld im Rahmen von Kommunitarismus und Liberalismus. Anschließend erweitert sie diesen um die Frage des normativen Maßstabs und diskutiert die Ansätze dreier bedacht ausgewählter Theoretiker_innen. Mit Taylor, Kymlicka und Okin schafft sie einen Rahmen für ihre Diskussion und deckt die theoretischen Prämissen des Liberalismus, des Kommunitarismus, der jeweiligen normativen/analytischen Bezugspunkte sowie derer Grenzen ab. Als Befürworter kollektiver Rechte argumentiert Taylor, dass individuelle Autonomie nur im Rahmen der Kultur möglich sei. Kymlicka wiederum plädiert für gruppendifferenzierte Rechte, die eine Überwindung der dichotomen Zuordnung individueller Rechte als liberalistisch und kollektiver Rechte als kommunitaristisch ermöglichen sollen.

 

Als Vertreterin gegen kollektive Rechte führt Mende die polarisierende Okin an, die eine feministisch erweiterte liberale Perspektive entwickelt. Durch die Frage nach der Positionierung und der Rolle des Einzelnen innerhalb der Kultur eröffnet sie die Debatte um Macht- und Ungleichheitsverhältnisse, aufgrund derer es keinen Schutz von Kultur durch kollektive Rechte geben dürfe.

 

Bevor Mende den theoretischen Rahmen mit einem empirischen Fallbeispiel ausfüllt, präzisiert sie den theoretischen Rahmen durch eine Spezifizierung und Neukonzeptionierung relevanter Schlüsselbegriffe. Zunächst geht es um die Termini Individuum und Gesellschaft, die für die kommunitaristische und liberale Argumentation normativ unterschiedlich gewichtet sind. Mende führt die beiden Konzepte in einer vermittelten Beziehung zusammen, ohne ihre Widersprüche aufzulösen, und ermöglicht damit, Dichotomien auf analytischer und normativer Ebene zu umgehen. Sie entwickelt weiterhin einen integrierten und in sich differenzierten Identitätsbegriff, welcher bei ihr für eine Gesamtkonstellation unterschiedlicher Beziehungen und Widersprüche steht. Dadurch wird eine Diskussion ermöglicht, die repressive und emanzipatorische Elemente in ihrer Interdependenz miteinbezieht.

 

Den Begriff der Kultur – wesentlicher Referenzpunkt für die Debatte um kollektive Rechte – beschreibt Mende als stark diversifiziert und heterogen. In ihrer Konzeptualisierung eines erweiterten und eines engen Kulturbegriffes arbeitet sie sowohl emanzipatorische, als auch repressive Dimensionen heraus.

 

Der empirische Teil des Buches diskutiert indigene Rechte als Hauptgrund für die Prominenz kollektiver Rechte. Für Mende gelten sie als zentrale neue Stufe in der Entwicklung der internationalen Menschenrechte. Die Analyse umfassender Dokumente aus dem United Nations Permanent Forum on Indigenous Issues zeigt, dass der Bezug auf weitreichende Menschenrechtsverletzungen an Indigenen (u.a. Armut, Repression, Gewalt, Kriminalisierung) auf sechs verschiedenen Ebenen als Notwendigkeit für kollektive Menschenrechte herangezogen wird. Dabei würden kollektive Rechtsforderungen vor allem in drei Bereichen eine übergeordnete Rolle spielen: 1. Kultur, Identität und Indigenität, 2. Land, Länder und Ressourcen, 3. Mit- und Selbstbestimmung. Da jeweils kollektive Identitäten, kollektive Besitzformen und kollektive Selbstbestimmung zugrunde liegen würden, können diese Ansprüche nur durch kollektive Rechte geschützt werden, so heißt es in den indigenen und zivilgesellschaftlichen Dokumente. Zudem wird der Wunsch nach Aufrechterhaltung indigener Distinktion sowie der Faktor des Zuerst-da-gewesen-seins als Begründung für die Notwendigkeit kollektiver Rechte angeführt.

 

Mende diskutiert die Ebenen und Begründungsmuster kritisch, ohne sie dichotom abzulehnen. Sie bettet die Argumente in soziale, politische und historische Kontexte ein und verbindet sie mit dem normativen Maßstab von Leiden, ohne diesen jedoch als Letztbegründung zu setzen. In diesem Sinne plädiert Mende für eine offene Diskussion der Macht- und Herrschaftsverhältnisse in und gegenüber indigenen Forderungen. Kultur, Identität und kollektive Rechte, so das Fazit, können im Rahmen universeller Menschenrechte nur dann integriert werden, wenn die verwendeten Kategorien durchdrungen, ihre Machtverhältnisse aufgedeckt und potenzielle repressive sowie emanzipatorische Dimensionen diskutiert werden. Damit gelingt der Autorin eine grundlegende wie kritische Auseinandersetzung mit den Dynamiken kollektiver und kultureller Menschenrechtsforderungen. Sie ist trotz ihrer Komplexität angenehm zu lesen und kann als Ausgangspunkt für rege Diskussionen dienen.

 

 

Mende, Janne: Kultur als Menschenrecht? Ambivalenzen kollektiver Rechtsforderungen. Frankfurt/New York: Campus, 2015. 262 S., broschiert, 36,90 Euro. ISBN: 978-3593503158



Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung...7

 

1. Der Konfliktrahmen kollektiver Rechte ... 25

1.1 Kommunitarismus und Liberalismus ... 28

1.2 Charles Taylors Kommunitarismus ... 31

1.3 Will Kymlickas liberale gruppendifferenzierte Rechte ... 41

1.4 Susan Moller Okins feministischer Liberalismus ... 53

1.5 Kollektive Rechte im Rahmen von Liberalismus und Kommunitarismus ... 63

 

2. Schlüsselbegriffe kollektiver Rechte ... 65

2.1 Individuum und Gesellschaft ... 67

2.2 Identität ... 72

2.3 Kultur ... 101

2.4 Moral und Kritik ... 112

 

3. Indigene Rechte als Fallbeispiel kollektiver Rechte ... 121

3.1 „Peoples“ und „Issues“ ... 123

3.2 Dimensionen indigener Rechte ... 147

3.3 Kultur und Menschenrecht in indigenen Rechten ... 198

 

4. Kollektive Rechte im Menschenrecht ... 213

 

Verzeichnis der analysierten Dokumente ... 226

 

Abkürzungen ... 235

 

Abbildungen ... 237

 

Literatur ... 238 

 


Protecting Collective Human Rights: A Balancing Act within "Culture"

 

With her dissertation thesis Kultur als Menschenrecht? Ambivalenzen kollektiver Rechtsforderungen Janne Mende enters a political-science debate that has always been controversial. She examines the theory and empiricism of collective and cultural human rights, especially the case of indigenous rights, based on qualitative and interpretative content analysis. Following Mende, collective cultural human rights may support individual human rights or undermine them – depending on the underlying notions of culture and identity, as well as their (implicit) normative standards.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online