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„Im Gespräch mit den Dingen“. Über den epistemischen Wert des Fremdkörpers

Eine Rezension von


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Neumann, Birgit (Hg.): Präsenz und Evidenz fremder Dinge im Europa des 18 Jahrhunderts. Göttingen: Wallstein, 2015.

 

Der Konferenzband Präsenz und Evidenz fremder Dinge im Europa des 18. Jahrhunderts (Hg. Birgit Neumann) versucht die kulturellen, sozialen und politischen Prozesse der Aneignung, Translation und Präsentation von Dingen fremder Herkunft im Zeitalter der europäischen Aufklärung literatur- und kulturhistorisch nachzuvollziehen. Anhand eines weiten Spektrums an Untersuchungsgegenständen wird ergründet, wie die Zirkulation und Verfügbarkeit fremder Dinge in der entstehenden Konsumgesellschaft des 18. Jahrhunderts jene auf den empirischen Wissenschaften beruhenden Klassifikationssysteme des „aufgeklärten“ Europas vor neue Herausforderungen stellt.


> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract             

 

Nach einer überaus informativen und inhaltlich dichten Einleitung der Herausgeberin Birgit Neumann, Professorin für Anglistik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, unterteilt sich der Band in fünf thematisch geordnete Sektionen. Die Sektion I: Wissen fremder Dinge befasst sich mit verschiedenen Prozessen des Wissenstransfers; zudem mit Momenten des Vergessens und Verschweigens, die mit der Translokation und Re-Kontextualisierung unvertrauter Dinge in die sie aneignende Kultur einhergehen. Die Beiträge des Panels II: Medien der Präsenz – Sammeln und Ausstellen fremder Dinge beschäftigen sich hingegen mit den Ausstellungslogiken und Sinngebungsverfahren innerhalb der verschiedenen Räume – seien es Wunderkammern, Kuriositätenkabinette, Gärten oder Bibliotheken. In ihnen, so Neumann, wird „die fremde Welt anhand repräsentativer Dinge zur Schau gestellt “ (15). Sektion III: Subjektkonstitution, soziale Praktiken und fremde Dinge konzentriert sich auf die Frage, inwiefern sozial etablierte Praktiken des Umgangs mit „fremden“ Dingen jeweils auf das Subjekt rückwirken können; dessen Selbstverständnis würde hierdurch gleichermaßen bestärkt wie untergraben. Insbesondere Gertrud Lehnerts Beitrag über den wirtschaftlichen und sozialen Wert des Kaschmirschals in der europäischen Mode des 18. Jahrhunderts bietet hier unerwartete kulturhistorische Einblicke in das Feld. In Abschnitt IV: Repräsentation fremder Dinge: Diskursivierung von Präsenz und Evidenz liegt der Fokus auf den verschiedenen ästhetischen Verfahren mittels derer die Präsenz und Evidenz fremder Dinge in literarischen Texten der Zeit beschreibbar wird. Interessant ist hier beispielsweise der Beitrag Sibylle Baumbachs, die auf die wachsende Beliebtheit der it-narratives in der englischen Literatur der Zeit hinweist: Objekte würden zunehmend anthropomorphisiert und entwickelten dadurch ein Eigenleben (S. 399). Wie Baumbach anmerkt bilden solche Perspektivwechsel im Kontext der vorherrschenden kolonialen Handelsstrukturen einen kritischen Kommentar zur objektbesessenen Konsumkultur der Zeit (S. 401). In den Beiträgen des Panels V: Marktordnungen – Der Wert fremder Dinge steht vor allem die Bedeutung und Bewertung fremder Dinge innerhalb der Handelspraktiken eines zunehmend globalisierten Marktes im Mittelpunkt.

 

In Anbetracht der thematischen Fülle der Einleitung mag es ein wenig enttäuschen, dass auf einige der von Neumann angesprochenen Themen in den Beiträgen selbst gar nicht oder nur mehr am Rande eingegangen wird. So wird im Verlauf des Bandes nicht mehr berücksichtigt, dass die Prozesse der „Exklusion, Invisibilisierung und Enthumanisierung“ (31) sich auch in erheblichem Maße auf die Geschlechterordnung der Gesellschaft auswirkten und diese zu untermauern halfen. Auch die inhaltliche Zuordnung der Beiträge zu den jeweiligen Sektionen ist nicht immer nachvollziehbar. So hätten die thematische Kohärenz und der inhaltliche Dialog zwischen den Beiträgen mitunter durch eine andere Anordnung besser herausgestellt und „evidenter“ gemacht werden können. So fragt man sich, ob nicht Johannes D. Kaminskis Beitrag zum „Fremdkörper Kaffee – Das Importprodukt als ökonomischer und diätischer Störfaktor natürlicher Zirkulation“ im Panel V: Marktordnungen besser aufgehoben gewesen wäre. Er hätte dort auf die skeptischen Stimmen hinweisen können, die sich einem von den Vorzügen des internationalen Handels überzeugten Diskurs innerhalb Englands entgegenstellten. In Anbetracht der abwechslungsreichen Themen und inhaltlichen Fülle der Beiträge wiegen derartige Mängel letztlich weniger schwer. Nach der Lektüre bleibt vor allem die Erkenntnis, dass das Bedürfnis nach einer „kollektive[n] Selbstbegründung“ (Neumann S. 12) und Konturierung des aufgeklärt-modernen, im Entstehen begriffenen Subjekts den Umgang mit fremden Dingen im Europa des 18. Jahrhunderts kennzeichnet. Mit seinen insgesamt 33 Beiträgen bietet der Band insgesamt eine überaus lohnenswerte Lektüre, die sich aufgrund ihrer interdisziplinären Auslegung für ein breites Publikum eignet und dem Leser eine Vielzahl an Zugängen zu dem Thema bietet.

 

 

Neumann, Birgit (Hg.): Präsenz und Evidenz fremder Dinge im Europa des 18 Jahrhunderts. Göttingen: Wallstein, 2015. 576 S., gebundener Schutzumschlag, 49 Euro, ISBN: 978-3-8353-1595-2



Inhaltsverzeichnis

 

Birgit Neumann

Präsenz und Evidenz fremder Dinge im Europa des 18. Jahrhunderts

Zur Einleitung … 9

 

I. Wissen fremder Dinge

 

Anita Traninger

Einleitung … 39

 

Martin Mulsow

Alchemische Substanzen als fremde Dinge … 43

 

Frauke Berndt

Ex marmore

Evidenz im Ungeformten bei J.J. Winkelmann und A.G. Baumgarten … 73

 

Claudia Keller

›Zeitungen, Komödienzettel, Preiskurrente‹

Fremde Dinge in Goethes Akten der Reise in die Schweiz 1797 … 97

 

Johannes D. Kaminski

Fremdkörper Kaffee

Das Importprodukt als ökonomischer und diätischer Störfaktor natürlicher Zirkulation … 116

 

II. Medien der Präsenz. Sammeln und Ausstellen fremder Dinge

 

Christiane Holm

Einleitung … 135

 

Johannes Grave

Aneignung und Befremden

Zum Verhältnis von Dingen und Parerga bei Goethe … 142

 

Michael Niedermeier

»Taheitisches Zeug«

Die ethnographische Sammlung der Forsters im Wörlitzer Südseepavillon und die Tahiti-Mode im frühen Landschaftsgarten … 163

 

Stefan Laube

Schaufenster in die Ferne

Exotische Dinge in welfischen Wunderkammern … 183

 

Ulrike Gleixner

Unlesbare Schriften

Bestände von Weltensammlern des 18. Jahrhunderts in der Herzog August Bibliothek … 202

 

Ingo Uhlig

Nach der Reise

Johann Reinhold Forsters Oberaufsicht über den botanischen Garten in Halle 1781-1788 … 218

 

Peter-Henning Haischer

Priapea

Fremdheit und Tabu in der Sammlung und Literatur des 18. Jahrhunderts … 234

 

Charlotte Kurbjuhn

Zur konstruierten Zeitlichkeit fremder Dinge und gefälschter Sammlungen … 252

 

III. Subjektkonstitution, soziale Praktiken und fremde Dinge

 

Johannes Süssmann

Einleitung … 277

 

Vittoria Borsò

Vom Leben der Dinge und Staunen der Subjekte

Präsent-Aktion und Visualisierung im 18. Jahrhundert (Diderot) … 280

 

Gertrud Lehnert

Zum Luxus fremder Dinge

Der Kaschmirschal … 302

 

Dirk Uffelmann

»Here you have all my stuff!«

Real Things from a Mythical Country: Ottoman ›Samartica‹ in Enlightened Poland … 323

 

Thomas Wünsch

Das Kamel und der Tod

›Fremde Dinge‹ als Provokation der Selbstinszenierung in Polen im Zeitalter der Türkenkriege … 339

 

Gesine Müller

Vom ›Genuß der Dinge, die wir so weit herholen…‹

Hautfarbe und Zucker bei J.B. Labat und G.-Th. Raynal … 356

 

IV. Repräsentation fremder Dinge

Diskursivierung von Präsenz und Evidenz

 

Barbara Schmidt-Haberkamp

Einleitung … 373

 

Roger Lüdeke

The Eigensinn of Literary Things

Reading Social Practice with Robinson Crusoe … 377

 

Sibylle Baumbach

Die Faszination fremder Dinge in der englischen Literatur des 18. Jahrhunderts … 395

 

Dirk Werle

Kleine und große Dinge in hymnischen Gedichten des 18. Jahrhunderts

Illustriert an Klopstocks »Gestirnen« und Höltys »Hymnus an den Mond« … 412

 

Rainer Emig

Strange Things in English Gothic Novels … 429

 

Sonja Fielitz

»Dash’d in a Cloud of Foam«

Re-present-ations of the Four Seasons in the Arts … 441

 

Gabriele Rippl

Description and the Production of Presence

Literary Debates in Eighteenth-Century England and Germany … 458

 

 

V. Marktordnungen

Der Wert fremder Dinge

 

Iwan-Michelangelo D’Aprile

Einleitung … 477

 

Georg Lehner

Chinesische Bücher auf dem europäischen Markt … 484

 

Boris Roman Gibhardt

Der Klassizismus und die Moden

Autonomie- versus Warenästhetik in der Goethezeit … 497

 

Michael Eggers

Weltliteratur und Warenkunde

Zur ökonomischen und naturhistorischen Wissensordnung bei Johann Beckmann und Goethe … 512

 

Julia A. Schmidt-Funke

›Eigene fremde Dinge‹

Surrogate und Imitate im langen 18. Jahrhundert … 529

 

Nora Plesske

Curiosities from Paradise

The Materiality of Cook’s Explorations in the South Pacific … 550

 

Beiträgerinnen und Beiträger…569

 

 


Im Gespräch mit den Dingen”: On the Epistemic Value of the Foreign Object

 

The conference volume Präsenz und Evidenz fremder Dinge im Europa des 18. Jahrhunderts (Presence and Evidence of Unfamiliar Things in 18th-century Europe), edited by Birgit Neumann, aims to identify and understand the multitude of cultural, social, and political processes by which objects of exotic provenance were systematically appropriated, translated, and presented within an ‘enlightened’ European society. Based on a broad variety of objects, the volume’s contributions examine the extent to which the increased circulation and enhanced availability of exotic goods within a growing global market challenges Europe’s existing systems of classification and empirical cognition.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online