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Bedrohte Wissenschaft, Bedrohliche Wissenschaftler_innen. Amokläufe an Universitäten als Folge von Ökonomisierungsprozessen?

Eine Rezension von


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Braun, Andreas: Campus Shootings. Amok an Universitäten als nicht-intendierte Nebenfolge der Hochschulreform. Bielefeld: transcript, 2015.

 

Andreas Brauns Studie widmet sich dem noch recht jungen Gewaltphänomen der Amokläufe an Universitäten, welche der Autor definitorisch als neue Subform von Amok in den Mittelpunkt seiner Analyse stellen will. Diese Taten werden hier als extremes Resultat der universitären Reformbestrebungen und der Ökonomisierung von Hochschulen begriffen, welche er aus deutscher Perspektive auch auf Amerika und Großbritannien zu übertragen versucht. Trotz seiner umfassenden Darstellung der Ökonomisierungsprozesse und ihrer Auswirkungen auf die Wissenschaft und das Individuum bleibt der direkte Zusammenhang dieser Reformeffekte mit Amokläufen an Hochschulen aufgrund der verwendeten Daten und der Argumentationsführung nur schwer nachvollziehbar.


> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract             

 

Amok hat sich in den letzten Jahren von einer wissenschaftlich wenig beachteten, seltenen Form exzessiver Gewalt zu einem für moderne Gesellschaften mehr und mehr symptomatischen Gewaltphänomen entwickelt. Schon seit einigen Jahren ist das Phänomen nicht nur für die Kriminologie oder Anthropologie interessant – auch die Kultur- und Sozialwissenschaften haben das Forschungsfeld für sich entdeckt.

 

So setzt sich auch die kürzlich bei transcript erschienene Dissertation des Sozialwissenschaftlers Andreas Braun mit Amok auseinander. Sein Fokus soll dabei auf der sehr spezifischen Amokform der campus shootings liegen. Campus shootings, in Brauns Begriffsdefinition und -verwendung, sind eine Form extremer zielgerichteter Gewalt an Universitäten, die er – so der Untertitel seiner Arbeit – als „nicht-intendierte Nebenfolge der Hochschulreform“ verstanden wissen will. Seine recht vereinfachende These lautet hierbei, dass campus shootings die extremste Strategie zur Identitätsbehauptung wissenschaftlicher Akteur_innen darstellen. Die diversen universitären Reformbestrebungen in Europa, Amerika und Großbritannien hin zur ökonomisierten Universität und der damit auftretende Leistungs- und Effizienzdruck hätten diese extreme Form der Identitätsbehauptung überhaupt erst möglich gemacht.

 

Bereits in der Einleitung wird das Problem jeder Amokforschers deutlich: Der Begriff des Amoklaufs ist alles andere als leicht zu fassen oder zu beschreiben. Ausgehend von einer begriffsgeschichtlichen Definition der campus shootings mit Verweisen auf den historischen Amok im malaiischen Archipel, nähert sich Braun dem Phänomen über drei bereits etablierte Kategorien an: Dem „klassischen“ Amoklauf, school shootings an Schulen, und workplace violence am Arbeitsplatz dienen ihm dazu, campus shootings als eine hybride Subform des Phänomens Amok zu beschreiben.

 

Nach der definitorischen Einleitung präsentiert die Studie in vier ausführlichen Kapiteln die Ökonomisierung der Gesellschaft sowie der Universitäten im europäischen und amerikanischen Kontext, um sich dann den universitären Strukturen und den Restrukturierungs- bzw. Hybridisierungseffekten der Hochschulreform zuzuwenden.

 

Unter dem Begriff der ‘Hochschulreform’ subsummiert Braun dabei sämtliche Ökonomisierungsprozesse der Universitäten in Europa und Amerika seit den 1970er Jahren. Dabei konstatiert er die voranschreitende Ökonomisierung des Hochschulsystems und eine daraus resultierende Hybridform aus Wirtschaft und Bildung, welche mit nicht-intendierten und negativen Nebenfolgen einhergeht – wie z.B. dem gesteigerten und belastenden Leistungsdruck unter wissenschaftlichen Akteur_innen. Die Anpassung der Wissenschaft an wirtschaftliche Effizienz bringt schließlich den homo academicus oeconomicus hervor, der als potentieller Täter für campus shootings in Frage kommt.

 

Erst im sechsten Kapitel des Buches kehrt Braun zu campus shootings zurück: Ausgehend von den neuen Herausforderungen der ökonomisierten Universität arbeitet er verschiedene Identitätstypen heraus; durch sie ließen sich den Identitätsbedrohungen durch das universitäre Umfeld begegnen. Mit Goffman, Mead und Schimank bemüht sich der Autor, die Durchführung eines Amoklaufs an einer Universität als Ausstieg aus der gesellschaftlichen Rolle und somit als extreme und letzte Strategie der Identitätsbehauptung zu erklären: Der_die Wissenschaftler_in oder Studierenden – mit großem Leistungsdruck und Sanktionen konfrontiert – wehrt sich durch einen Amoklauf gegen die  Einflussnahme der Universität auf das Leben ihrer Akteur_innen. „Dieser vollkommenen Macht“, so Braun „kann der Machterleidende nur entgehen, wenn er den Machtausübenden tötet“ (S. 338). Bei den Opfern kann es sich dabei sowohl um „paradigmatische Vertreter der hochschulreformbedingten institutionalisierten Strukturen [...] als auch um einzelne Mitglieder der relevanten Bezugsgruppen aus den organisationalen Teilbereichen Lehre und Forschung“ (S. 339, Herv. im Orig.) handeln. Der eigentlich Machtausübende sei ein gesellschaftliches Teilsystem, welches als solches nicht physisch angreifbar sein könne.

 

Es ist auffällig, dass sich Braun zunächst auf die deutsche Hochschullandschaft, ihre Reformen und den deutschen Bildungsbegriff konzentriert, sich auf den letzten Seiten seines Buches plötzlich aber amerikanischen campus shootings zuwendet. Dies tut er in drei sehr knappen Fallstudien und ohne Problematisierung der medialen Berichterstattung, die jedoch die Datengrundlage seiner Fallstudien darstellt. Er bemüht sich im Vorfeld, campus shootings als eigene, analyserelevante Hybrid- und Subform des Phänomens Amok zu präsentieren. Im Anschluss kann er die Relevanz der von ihm angesprochenen Taten für seine sehr kausale und oft schwer nachvollziehbare Argumentation so jedoch nicht verdeutlichen.

 

Braun konstatiert zwar, dass campus shootings in der Forschung bis dato eher randständig behandelt wurden. Doch auch er behandelt die Taten eher beiläufig und, aus Mangel an Vorfällen in Deutschland, primär als theoretischen Fall. Dabei können die von ihm genannten Ereignisse seine These, bei schwacher Einbettung in die Amok-Debatte und mangelnder methodischer Reflektion, insbesondere für den deutschsprachigen Raum kaum stützen.

 

Anstelle der campus shootings stehen im eigentlichen Zentrum des Buches schließlich die hochschulpolitischen Reformbestrebungen und deren negative Nebenfolgen für Universitäten und die Identitäten der wissenschaftlichen Akteur_innen. Dabei gelingt es dem Autor nicht, campus shootings überzeugend als mögliche Nebenfolge dieser Veränderungen darzustellen. Vielmehr verliert er sich in Spekulationen und vereinfachenden Argumentationsgängen, die Amok an Hochschulen als klares und stellenweise sogar logisches Resultat des Neoliberalismus verstanden wissen wollen. Diese Vereinfachungen werden einem so komplexen Gewaltphänomen nicht gerecht und müssen kritisch betrachtet werden. Mit reiner Begriffsklärung und Definitionsarbeit kann es schließlich beim ohnehin hoch problematischen Formulieren klarer Ursache-Wirkungs-Ketten nicht getan sein.

 

 

Braun, Andreas. Campus Shootings. Amok an Universitäten als nicht-intendierte Nebenfolge der Hochschulreform. Bielefeld: transcript, 2015. 408 S., kartoniert, 34,99 Euro. ISBN 978-3-8376-3130-2



Inhaltsverzeichnis

Vorwort…9

 

1. Über Amokformen, gesellschaftliche Veränderungsprozesse und Identität … 13

 

2. Die Ökonomisierung der Gesellschaft … 43

2.1 Die (Ausgangs-)Basis einer Ökonomisierung der Gesellschaft … 44

2.1.1 New Public Management … 50

2.1.2 Grundannahmen im New Public Management … 54

2.1.3 Steuerungselemente des New Public Managements … 57

2.2 Zum Verhältnis von New Public Management und einer gesellschaftlichen Ökonomisierung … 63

2.2.1 Gesellschaftliche Differenzierung … 64

2.2.2 Die Organisationsgesellschaft … 81

2.2.3 Die ökonomische Durchdringung der Teilsysteme … 90

2.3 Zusammenfassung … 104

 

3. Die Ökonomisierung der Universitäten … 107

3.1 Die politische intendierte Ausgangsbasis der Ökonomisierung im europäischen Kontext … 110

3.2 Die politisch intendierte Ausgangsbasis der Ökonomisierung im amerikanischen Kontext … 118

3.3 Die intendierte (erste) Ebene der Ökonomisierung der Universitäten … 127

3.4 Zusammenfassung … 139

 

4. Zur komplexen Struktur des Reformobjekts Universität – oder: Universitäten als institutionalisierte Organisation lose gekoppelter Teilbereiche … 143

4.1 Universitäten als Organisationen … 144

4.2 Universitäten als (institutionalisierte) Organisationen … 152

4.3 Universitäten als institutionalisierte Organisationen lose gekoppelter Teilbereiche … 163

4.4 Zusammenfassung … 177

 

5. Restrukturierungs- und Hybridisierungseffekte der Hochschulreform … 181

5.1 Universitäten im Quasi-Markt … 186

5.2 Die unternehmerische Universität … 198

5.2.1 Rechenschaftsablegung … 201

5.2.2 Definition und Festlegung der Ziele … 207

5.2.3 Formale Struktur … 212

5.2.4 Management als Profession … 220

5.3 Universitärer Isomorphismus als Rahmenbedingung für Änderungen im Rollenbild wissenschaftlicher Akteure … 224

5.4 Der Homo Academicus Oeconomicus … 240

5.5 Zusammenfassung … 249

 

6. Amoktaten im Kontext von Hochschulen: Campus Shootings als hybride und eigenständige (neue) Subform von Amok … 253

6.1 Vom Phänomen Amok zur Subform der Campus Shootings – Erster Schritt: Campus Shootings als spezieller Fall und der Prozess des Casing … 258

6.2 Ein Zwischenschritt: Zur Definition von Campus Shootings und deren charakteristischen Merkmalen … 263

6.3 Vom Phänomen Amok zur Subform der Campus Shootings – Zweiter Schritt: Campus Shootings als hybride (neue) Subform von Amok … 274

6.4 Zusammenfassung … 283

 

7. Campus Shootings als nicht-intendierte Nebenfolge der Hochschulreform: Von den Restrukturierungs- und Hybridisierungseffekten zur Bedrohung der Identität … 285

7.1 Der Homo Academicus Oeconomicus, normative Erwartungen und das Belohnungssystem … 287

7.2 Identität(en) an reformierten universitären Kontext – Identitätstypen des Homo Academicus Oeconomicus … 301

7.3 Identitätsbedrohung(en) und –behauptung(en) im universitären Kontext … 313

7.4 Amoktaten an Universitäten als nicht-intendierte Nebenfolge der Restrukturierungs- und Hybridisierungseffekte der Hochschulreform(en) – Campus Shootings als Form identitätsbehauptenden Handelns … 330

7.5 Zusammenfassung … 345

 

8. Schlussbetrachtung … 351

 

Literatur … 359

 


Universities under Threat: Processes of Economization as a Cause for Campus Shootings?

 

Andreas Braun’s book analyses the relatively recent phenomenon of rampage shootings at universities. He defines campus shootings as a new hybrid of forms of excessive violence, such as workplace violence and school shootings. Campus shootings, he argues, are a direct result of an ongoing economization of universities that can be observed internationally. While his account of economization and New Public Management is very detailed, Braun fails to convincingly show how the negative effects of the economization can be seen as an explanation for campus shootings. Instead, based on very little data, he constructs rather oversimplifying causal chains in an attempt to explain rampage shootings at universities.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online