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Zählen und Erzählen. Eine Tagung zu numerischen Ansätzen in den Geisteswissenschaften

"Humanities by the Numbers", 2015 Consortium of Humanities Centers and Institutes (CHCI) Annual Meeting, Center for the Humanities, University of Wisconsin-Madison, 5. – 7. Juni 2015


Ein Bericht von und

 

> Veranstaltungsprogramm

 

chci logo.pngDer Behaviorist B. F. Skinner war ein verhinderter Literat. In seiner Autobiographie gab er der Literatur die Schuld daran; sie gelte es zu "zerstören". In den 1930er Jahren unterwarf Skinner Shakespeares Sonette einer statistischen Analyse. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Häufung alliterierender Anfangskonsonanten in diesen Gedichten kein Kunstgriff, sondern reiner Zufall sei: Würfelte man die einzelnen Wörter durcheinander und ordnete sie nach dem Zufallsprinzip neu, ergebe sich dieselbe Häufigkeitsverteilung. Shakespeare hätte folglich, so Skinner, "seine Worte ebensogut aus einem Hut ziehen können".

 

CHCI_Tagung_StateC.jpgSkinners Kampfansage gegen die Intention des Autors aus dem Jahre 1939 gehört zur Vorgeschichte der Digital Humanities. Ist die Erforschung literarischer Texte mit mathematischen Methoden, mittels numerischer Darstellungen und mit den Möglichkeiten computerbasierter Datenverarbeitung ein Akt der Zerstörung oder ein Aufbruch zu neuen Ufern? Mit dieser zentralen Frage beschäftigte sich die Jahrestagung des internationalen Consortium of Humanities Centers and Institutes (CHCI), die vom 5. bis 7. Juni 2015 an der University of Wisconsin, Madison unter dem Motto "Humanities by the Numbers" stattfand. Das CHCI hat sich seit den 1980er Jahren zu einer wichtigen Plattform für derartige Grundlagendiskussionen in den Geistes- und Kulturwissenschaften entwickelt; mit heute 220 Mitgliedseinrichtungen aus 26 Nationen (darunter fünf aus Deutschland) ist es zu einem globalen Netzwerk des Austauschs von Ideen und Best-Practice-Modellen avanciert.

 

Der amerikanische Starmathematiker JORDAN ELLENBERG (Madison), Autor des Bestsellers How Not to Be Wrong (2014), nutzte in seinem Vortrag die Shakespeare-Studie Skinners als Beispiel für eine nicht aussagekräftige statistische Analyse. Das sei, als betrachte man die Planeten durch ein Fernglas und nicht mit dem Teleskop. Mit dem Fernglas lässt sich die Frage, ob Planeten Monde haben, nicht beantworten; ebenso wenig kann Skinners Statistik beweisen, ob Shakespeare das Stilmittel der Alliteration bewusst eingesetzt hat oder nicht. Ellenberg warnte eindrücklich vor dem Schießen mit mathematischen Kanonen auf literarische Spatzen. Er traf damit genau den Kern des Tagungsthemas: Nutzen und Nachteile statistischer Methoden in den Geisteswissenschaften.

 

CHCI_Tagung_Moretti_Graph.jpgBei den hochkarätig besetzten Podien und Vorträgen wurde deutlich, dass vor einem eindeutigen Votum für oder gegen das Demolieren und Neuzusammensetzen  digitalisierter Texte grundlegendere Fragen nach Gegenstandsbereich und Erkenntnisinteresse der Literaturwissenschaft zu klären sind. FRANCO MORETTI (Stanford) präsentierte in Madison eine Zwischenbilanz seiner bisherigen Forschung zum sogenannten "distant reading", das auf einer solchen Zerlegung basiert. Einwände gegen Morettis Vorgehen blieben verhalten und äußerten sich eher in anschließenden Pausengesprächen. Das lag zum einen an einer gewachsenen Offenheit für neue Ansätze nach dem Ende des Poststrukturalismus, zum anderen aber auch an Morettis entwaffnender Ehrlichkeit und seiner an den Naturwissenschaften geschulten Bereitschaft, die Verfahren und Ergebnisse seiner Experimente in ein skeptisches Licht zu rücken. Er betonte, dass Diagramme und andere Formen der Abstraktion für sich genommen noch kein Forschungsergebnis sind, sondern ihrerseits der Interpretation bedürfen und damit weitere Abstraktionsleistungen erfordern. Einzelwerke seien kommunikative Ereignisse, Textkorpora hingegen kommunizierten nicht, hätten also keinen Sinn im herkömmlichen Verständnis. Die Konzepte der Literaturwissenschaft, so Moretti, seien noch nicht präzise genug für das neue Instrumentarium der Digital Humanities.

 

Das Spannungsfeld zwischen der auf kommunikativen Sinn abzielenden Erklärung und Interpretation einzelner Phänomene einerseits und der statistischen Auswertung von Big Data andererseits wurde auf der Tagung intensiv und kontrovers diskutiert. Die Historikerin JILL LEPORE (Harvard) verwahrte sich gleich zu Beginn gegen das Thema der Konferenz und machte am Beispiel eines Mordfalls in Barre, Vermont, aus dem Jahr 1919 deutlich, wie mikro- und makrohistorische Zusammenhänge nur durch sorgfältige Archivarbeit rekonstruiert und erklärt werden können. Sie bestand darauf, dass Zahlen als Abstraktion von gelebter Wirklichkeit Erkenntnis zwar ermöglichen, aber auch verdecken können (etwa bei der modernen Klassifikation von Todesarten). Geschichte könne erst durch das Erzählen von Geschichten wieder zum Leben erweckt werden. KHALIL GIBRAN MUHAMMAD (New York) zeigte in seinem Vortrag "What Numbers Don't Tell Us About Race" wie es dazu kommen konnte, dass die US-amerikanische Kriminalitätsstatistik seit dem 19. Jahrhundert zu einem Herrschaftsinstrument gegenüber der schwarzen Bevölkerung wurde. Sie stelle eine normative Ordnung dar, die nicht einfach soziale Wirklichkeit abbilde, sondern diese mit bis heute spürbaren Nachwirkungen beeinflusse. Schon um 1900 seien die Polizeistatistiken dazu verwendet worden, Schwarzen eine größere Neigung zu Gewaltverbrechen zuzuschreiben und ihnen damit die Fähigkeit zur Teilhabe an einem demokratischen Gemeinwesen abzusprechen. Dies schlage sich noch heute etwa in der Überrepräsentation schwarzer Häftlinge in US-Gefängnissen nieder, wird aber auch in den jüngsten Fällen von massiver Polizeigewalt gegen Schwarze deutlich.

 

CHCI_Tagungsbericht_UnionTerrace.jpgDer Einfluss statistischen Wissens auf das Handeln institutioneller Akteure war auch Thema einer lebhaften Podiumsdiskussion zur Qualitätsmessung mittels Rankings, Ratings und bibliometrischer Datenerhebungen. ROGER KAIN (London) berichtete über aktuelle Entwicklungen in der britischen Hochschullandschaft. Dort wurde unlängst eine Kommission eingesetzt, um zu prüfen, ob die Bewertung der Forschungsleistungen von Hochschullehrern im Rahmen des Research Excellence Framework künftig allein aufgrund bibliometrischer Daten, ohne das aufwendige Peer Review-Verfahren, möglich sei. Das in wenigen Wochen zu veröffentlichende Ergebnis dieser Arbeitsgruppe wurde in Madison mit Erleichterung zur Kenntnis genommen. Die Organisationssoziologin WENDY ESPELAND (Northwestern University) machte auf unterwünschte Nebenfolgen von Rankings aufmerksam. Sie tat dies am Beispiel der großen juristischen Fakultäten in den USA. Manchen Law Schools sei zum Erhalt eines hohen Platzes im Ranking nahezu jedes Mittel recht. So werde mancherorts von den Absolventen erwartet, dass sie in ihren ersten Publikationen ihren Prüfer zehnmal zitieren, um eine höhere Bewertung in Zitations-Indizes sicherzustellen. "Garbage in, garbage out" sei das A und O der Auswertung statistisch erhobener Daten. Man dürfe nicht vergessen, dass Zahlen nur scheinbar Tatsachen vorgeben, bei denen es sich um Artefakte der Datenerhebung und Auswertung handeln kann. In Institutionen und auch in der Öffentlichkeit würden sie vorschnell als Abbildungen der Wirklichkeit verstanden und verwendet. Spätestens an dieser Stelle trafen theoretische und praktische Aspekte numerischer Verfahren in den Geisteswissenschaften aufeinander.

 

Dass es bei den Zahlen, die für Forschungseinrichtungen relevant sind, auch um Geld geht und um die Schaffung möglichst idealer Forschungsbedingungen, zeigten nicht zuletzt die Ansprachen von EARL LEWIS, dem Präsidenten der Andrew Mellon Foundation, und WILLIAM „BRO“ ADAMS, dem Vorsitzenden des National Endowment for the Humanities (NEH). Adams hielt ein mitreißendes Plädoyer für die gesellschaftliche Aufgabe der Geisteswissenschaften auch und gerade in Krisenzeiten und warnte ebenso wie zahlreiche andere Redner vor dem Missbrauch statistischer Daten zur Suggestion von Evidenzen in Wissenschaft und Gesellschaft. Die finanzielle und strukturelle Krise ist in den USA derzeit deutlich spürbar; parallel zur Tagung des CHCI wurden im State Capitol von Wisconsin Budgetkürzungen und Gesetzesänderungen debattiert, die die akademische Freiheit und das Tenure-Prinzip in Frage stellen. Sie ist aber schon lange keine inhaltliche Krise der Geisteswissenschaften mehr.

 

CHCI_Tagung_IGHERT_PPT.jpgDort wo finanzielle Förderung mit interdisziplinärer kulturwissenschaftlicher Forschung zusammentrifft, findet sich auch das Gießener Graduiertenzentrum GCSC (Graduate Center for the Study of Culture) ein, das seit September 2014 Teil eines von der Andrew Mellon Foundation finanzierten Pilotprojekts zur Optimierung internationaler und interdisziplinärer Graduiertenförderung ist. Unter dem Forschungsschwerpunkt von Indigenität bietet IGHERT (Integrative Graduate Humanities Education and Research Training) ein geisteswissenschaftliches Gegenstück zum bereits etablierten naturwissenschaftlichen Pendant IGERT. Dass das für die Humanities eingefügte ‘H’ in ‘IGHERT’ für eine interdisziplinär geisteswissenschaftliche Forschung steht, die zu aktuellen Diskursen substantiell beizutragen hat, wurde in Madison nicht nur bei den thematischen Vorträgen, sondern auch bei der Vorstellung der Mellon-finanzierten Programme besonders deutlich. Denn an produktiven Auseinandersetzungen über gegenstandsadäquate Theorien und Methoden herrscht kein Mangel. Die Tagung gab Anlass zu hoffen, dass die Spannung zwischen dem Zählen und dem Erzählen, dem Interpretieren von Texten und dem Auswerten von Daten nicht destruktiv werden, sondern produktiv bleiben wird.

 

 

Veranstaltungsprogramm


Friday, June 5, 2015:

 

Sara Guyer (Center for the Humanities, University of Wisconsin-Madison), Marsha Mailick, (University of Wisconsin-Madison): Welcome and Opening Remarks

 

Opening Plenary Lecture

 

Jill Lepore (Harvard University, Boston): Countless: The Humanities as a Body of Evidence

 

Chair: Susan Zaeske (University of Wisconsin-Madison)

 

Saturday, June 6, 2015:

 

Sarah Guyer (Center for the Humanities, University of Wisconsin-Madison), Rebecca M. Blank (University of Wisconsin-Madison): Morning Welcome

 

Plenary Lecture

 

Khalil Gibran Muhammad (Schomburg Center for Research in Black Culture, New York): What Numbers Don’t Tell Us About Race

 

Chair: Ian Baucom (University of Virginia, Charlottesville)

 

Roundtable: Numbers in the Humanities

 

Caroline Levine (University of Wisconsin-Madison): Pattern Recognition: Repetition Across Acts of Reading

 

Gary Tomlinson (Whitney Humanities Center, Yale University, New Haven): Conversing Across the Great Divide

 

Matthew Wickman (Humanities Center, Brigham Young University, Provo): On Quantitative Analysis and the Picturesque; or, Reading for the Middle Distance

 

Chair: Judith Buchanan (Humanities Research Centre, University of York)

 

Scale, Networks, Collaboration: CHCI’s Mellon-Funded Projects and New Directions in the Humanities

 

Sally Kitch (Institute for Humanities Research, Arizona State University, Temple): Humanities for the Environment

 

Hsiung Ping-chen (Research Institute for the Humanities, Chinese University of Hong-Kong), Leerom Medovoi (University of Arizona, Tucson): Religion, Secularism, and Political Belonging

 

Debjani Ganguly (Australian National University, Canberra): Integrative Graduate Humanities Education and Research Training

 

Stathis Gougouris (Columbia University, New York): Medical Humanities

 

Chair: Michael Steinberg (Cogut Center for the Humanities, Brown University, Providence)

 

Roundtable: Critical Humanities Centers and Institutes

 

Annie McClanahan (University of Wisconsin-Milwaukee): Debtors’ Misprison

 

Gregg Mitman (University of Wisconsin-Madison): Listening and Convening: A Politics of the Environmental Humanities in Action

 

Premesh Lalu (Centre for Humanities Research, University of the Western Cape, South Africa): Technically Speaking

 

Chair: Richard Grusin (Center for 21st Century Studies, University of Wisconsin-Milwaukee)

 

Members’ Dinner

 

Earl Lewis (Andrew W. Mellon Foundation): Numbers, Stories, and Questions: An Historian’s Look at the Past

 

Sunday, June 7, 2015:

 

Plenary Lecture

 

Franco Moretti (Stanford University, Stanford): Patterns

 

Chair: Susan Stanford Friedman (Institute for Research in the Humanities, University of Wisconsin-Madison)

 

Workshop: Assessing, Ranking, Measuring

 

Greg Downey (University of Wisconsin-Madison)

 

Wendy N. Espeland (Nortwestern University, Evanston)

 

Roger Kain (School of Advanced Study, University of London)

 

Chair: Julia Lupton (School of Humanities, University of California, Irvine)

 

Intervention

 

Jordan Ellenberg (University of Wisconsin-Madison): ‘Shakespeare Might As Well Have Drawn His Words Out of a Hat’

 

Chair: David Krakauer (Wisconsin Institute for Discovery, University of Wisconsin-Madison)

 

Closing Plenary Lecture

 

William Adams (National Endowment for the Humanities): Humanities Past and Humanities Future: Thoughts on the 50th Anniversary of NEH

 

Chair: Kathleen Woodward (Simpson Center for the Humanities, University of Washington, Seattle)

 

 

© bei den Autoren und bei KULT_online

Fotos: Ingo Berensmeyer, Eva-Maria Müller