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Praktisch kanonisch. Der Reader „Bildwissenschaft und Visual Culture“ des transcript-Verlags

Eine Rezension von Fabian Goppelsröder

Göppelsröder Rimmele Bildwiss


Rimmele, Marius; Klaus Sachs-Hombach und Bernd Stiegler (Hg.): Bildwissenschaft und Visual Culture. Bielefeld: transcript, 2014.

In einem neu erschienenen Reader „Bildwissenschaft und Visual Culture“ versucht der transcript-Verlag eine erste „repräsentative und kommentierte Zusammenstellung“ wichtiger Texte der Debatte. Jenseits des praktischen Werts birgt ein solches Unterfangen allerdings auch Gefahren. Dass die damit einhergehenden kanonisierenden Effekte der noch jungen Diskussion angemessen sind, wird in dieser Rezension bezweifelt.


> Inhaltsverzeichnis          > English Abstract               

 

Beginnt „die ‚Bildwissenschaft’ viel zu früh damit ihre Geschichte zu schreiben, bevor sie weiß, was sie ist oder was sie sein könnte?“ fragt Gottfried Boehm W.J.T. Mitchell 2006 in einem Brief, der selbst eine der Wegmarken dieser Historisierung geworden ist. Und auch heute noch fragt man sich, ob es für die Kanonisierung der Debatte in Form eines Readers „Bildwissenschaft und Visual Culture“ wirklich schon an der Zeit ist.

 

Dabei ist die Idee des Bandes durchaus einleuchtend: Ausgehend von der als paradigmatisch verstandenen Diskussion über „Iconic und Pictorial Turn“ soll das schnell unübersichtlich wirkende Feld erschlossen werden. Nähe wie Distanz von Bildwissenschaften und Visual Culture werden entlang des (oben anzitierten) Briefwechsels zwischen Gottfried Boehm und W.J.T. Mitchell sowie je eines für ihr Denken programmatischen Aufsatzes entfaltet. Die beiden folgenden Abschnitte zu „Bildtheorien“ und „Visual Culture Studies“ werden so tendenziell der Boehm’schen Seite bzw. jener Mitchells zugordnet. Kapitel IV und V („Zwischen Kunstgeschichte und Bildwissenschaft“ und „Bilder zwischen Wahrnehmungs- und Wissenschaftsgeschichte“) dienen dazu, zumindest ansatzweise auch die historische Perspektive in die Darstellung mit einzubinden. Dass jede Sektion je drei Beiträge fasst, sorgt für ihr zumindest optisches Gleichgewicht.

 

Tatsächlich zeigt der erste Abschnitt in der Gegenüberstellung Boehms und Mitchells, wie sich das zunächst ähnliche Interesse am Bild in seiner kulturellen und epistemologischen Bedeutung ganz unterschiedlich ausprägen kann. Ist beiden der Grundimpuls gemein, das Bild gegenüber dem Primat der Sprache philosophisch aufzuwerten, so erklären sich die Differenzen dieser Aufwertung auch aus der intellektuellen Herkunft bzw. dem akademischen Umfeld beider Denker. Wo Mitchell die Bilderfrage von Beginn an als eine alle Disziplinen, gerade auch die ‚harten’ Wissenschaften, umfassende Herausforderung begreift, sieht sich Boehm mit seinem Thema zunächst isoliert, allein zwischen Philosophie und Kunstgeschichte. Wo der Pictorial Turn eine spezifische Art und Weise sein soll, die Frage nach den nichtdiskursiven Ordnungen von Macht und Wissen einer Kultur konkret zu stellen (S. 52), ist der Iconic Turn von der hermeneutischen Diskussion über Sprache, Verstehen und Kommunikation geprägt. Er ist Folge des Linguistic Turn, nicht dessen Ersatz. Anstatt den einen gegen den anderen auszuspielen, will Boehm die Erweiterung des hermeneutischen Denkens um den erst noch zu kultivierenden nonverbalen, bildlichen Logos (S. 79).

 

Es sind diese philosophischen Wurzeln, die durch Boehms Gang in die Kunstgeschichte bzw. Bildkritik häufig zu wenig wirkliche Beachtung finden und auch in vorliegendem Band nicht weiter repräsentiert sind. Die im zweiten Kapitel vorgestellten Bildtheorien werden durch Nelson Goodman, Bernhard Waldenfels und Richard Wollheim zwar mit eminenten Stimmen ihrer semiotischen wie perzeptuellen Traditionen vertreten; die Hermeneutik fehlt in der Zusammenstellung aber. Eine Unterlassung, die den Graben zwischen Bild und Sprache, den Boehm nicht zuletzt unter Bezug auf Gadamer zu überbrücken sucht, implizit verfestigt.

 

In den folgenden (dankenswerter Weise im Ton wahrenden, originalen Englisch belassenen) Texten Irit Rogoffs, Nicholas Mirzoeffs sowie Marita Sturkens und Lisa Cartwrights werden nicht zuletzt die ideologiekritischen Ansätze der Visual Culture Studies deutlich. Die sich in der Boehm–Mitchell Debatte abzeichnende Differenz unterschiedlicher Wissenschaftskulturen und Forschungsinteressen wird hier in gewisser Weise durchgeführt. Und doch fragt man sich, ob angesichts der Ansprüche des Readers gerade die beiden ersten Texte nicht durch Beiträge hätten ersetzt werden sollen, die direkter das Thema der Visualität und der Bilder diskutieren. So wirken Rogoff und Mirzoeff an mancher Stelle wenig anschlussfähig für die Diskussion über das Verhältnis von Bildwissenschaft und Visual Culture.

 

Auch bei den letzten beiden Kapiteln wird die tiefer liegende Motivation ihrer Rolle innerhalb des Buches nicht wirklich deutlich. Mit Aby Warburgs „Das Schlangenritual“ wird ein Grundlagentext der Bildwissenschaft abgedruckt und seine Spur in den Arbeiten zweier ihrer wichtigsten Vertreter, Hans Belting und Horst Bredekamp, verfolgt. Inwiefern diese Positionen dann aber „Zwischen Kunstgeschichte und Bildwissenschaft“ liegen sollen, will nicht recht einleuchten.

 

Auch der Versuch des Schlusskapitels, mit drei kurzen Texten Wahrnehmungsphilosophie und Wissenschaftsgeschichte in den Band zu integrieren, bleibt unbefriedigend. Dabei sind die Ausschnitte aus Jonathan Crarys „Modernisierung des Sehens“, Ludwik Flecks „Schauen, Sehen, Wissen“ sowie Lorraine Dastons und Peter Galisons „Photographie als Wissenschaft und als Kunst“ gut gewählt; insbesondere Flecks frühe und genaue Reflexion auf die epistemologische Relevanz von Sehgewohnheiten leistet eine wichtige historische Referenz innerhalb des Bandes. Um der für Bildwissenschaft wie Visual Culture aber grundlegenden Rolle der Wahrnehmung auch nur einigermaßen gerecht werden zu können, wäre es wichtig gewesen, ihr ein eigenes Kapitel zuzugestehen. Hier hätten Phänomenologie, Gestalttheorie oder ästhetische Medienphilosophie diskutiert werden können, anstatt sie auf die Frage ihrer Verwicklung mit der Wissenschaftsgeschichte zu beschränken.

 

Dass Rimmele, Sachs-Hombach und Stiegler ihr Buch mit der Diskussion zwischen Boehm und Mitchell beginnen lassen, ist so zwar ein zunächst nachvollziehbarer Einstieg in die Debatte; er birgt aber auch Gefahren. Neben der Aura einer Heldengeschichte mit zwei Protagonisten schleicht sich überhaupt die Tendenz der Zuspitzung bzw. Reduktion auf binäre Ordnungsmuster ein. Die Komplexität und Vielschichtigkeit des Themas aber lässt sich auf diese Weise nur schwer fassen. Insbesondere ist die Frage von Bildwissenschaft und Visual Culture nicht auf die Beiträge ihrer deutschen bzw. deutschsprachigen Protagonisten auf der einen Seite, und eines angloamerikanischen Forschungsinteresses auf der anderen Seite zu reduzieren. Mindestens die Beiträge der französischen Phänomenologie, Psychoanalyse und Dekonstruktion hätten hier in ihrer grundlegenden Bedeutung für beide Seiten mit berücksichtigt werden müssen. Dass Frankreich mit dem Pariser Kunsthistoriker und Philosophen Georges Didi-Huberman überhaupt einen der aktuell interessantesten und eminentesten Bildwissenschaftler stellt, geht in dieser Darstellung vollständig verloren.

So bietet der Reader „Bildwissenschaft und Visual Culture“ zwar eine ganze Reihe interessanter und für das Thema relevanter Lektüren. Der kanonisierende Effekt eines solchen editorischen Unternehmens bleibt allerdings problematisch. Auch weil ein die Unabgeschlossenheit der Diskussion thematisierendes, einen Ausblick gebendes Kapitel fehlt. Trotz ihrer nun schon gut 30 Jahre ist die Debatte zu jung, ist sie noch zu sehr in der Entwicklung, um auf solch definitive Weise abgebildet zu werden.

 

Rimmele, Marius; Klaus Sachs-Hombach und Bernd Stiegler (Hg.): Bildwissenschaft und Visual Culture. Bielefeld: transcript, 2014. 352 S., broschiert, 24,99 Euro. ISBN: 978-3-8376-2274-4

 


Inhaltsverzeichnis


Vorwort

Marius Rimmele/Klaus Sachs-Hombach/Bernd Stiegler ... 9

 

I. Iconic und Pictorial Turn

Einführung ... 15

 

1. Ein Briefwechsel

Gottfried Boehm und W.J.T. Mitchell ... 19

 

2. Der Pictorial Turn

W.J.T. Mitchell ... 41

 

3. Jenseits der Sprache? Anmerkungen zur Logik der Bilder Gottfried Boehm ... 67

 

II. Bildtheorien

Einführung ... 83

 

4. Sprachen der Kunst

Nelson Goodman ... 89

 

5. Ordnungen des Sichtbaren

Bernhard Waldenfels ... 111

 

6. Sehen-als, sehen-in und bildliche Darstellung

Richard Wollheim ... 131

 

III. Visual Culture Studies

Einführung ... 149

 

7. Studying Visual Culture

Irit Rogoff ... 155

 

8. Sexuality Disrupts. Measuring the Silences

Nicholas Mirzoeff ... 171

 

9. Practices of Looking: An Introduction to Visual Culture

Marita Sturken and Lisa Cartwright ... 187

 

IV. Zwischen Kunstgeschichte und Bildwissenschaft

Einführung ... 207

 

10. Das Schlangenritual. Ein Reisebericht

Aby M. Warburg ... 213

 

11. Medium — Bild — Körper: Einführung in das Thema

Hans Belting ... 235

 

12. Kunsthistorische Erfahrungen und Ansprüche

Horst Bredekamp ... 261

 

V. Bilder zwischen Wahrnehmungs- und Wissenschaftsgeschichte

Einführung ... 277

 

13. Die Modernisierung des Sehens

Jonathan Crary ... 281

 

14. Schauen, Sehen, Wissen

Ludwik Fleck ... 295

 

15. Photographie als Wissenschaft und als Kunst

Lorraine Daston und Peter Galison ... 317

 

Biografien ... 333

 

Register ... 337


 

Practically Canonical. The Reader Bildwissenschaft und Visual Culture

 

With the reader Bildwissenschaft and Visual Culture, transcript publisher aims to provide a first “representative and commented edition” of crucial contributions to this specific field of research. Beyond its indisputable pragmatic value, however, the project is certainly not without its faults. Whether the canonizing effects live up to the dynamics of the still young discussion is doubtful, as this review contends.

 


© beim Autor und bei KULT_online