Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

(Immer noch) Alles hybrid? Kulturtheoretische Modellierungen eines prominenten Konzeptes

Eine Rezension von

Raimann Ette Hybridität


Ottmar Ette und Uwe Wirth (Hg.): Nach der Hybridität. Zukünfte der Kulturtheorie. Berlin: Verlag Walter Frey/edition tranvía, 2014.

Nachdem in den Kulturwissenschaften während der letzten zwei Jahrzehnte ein regelrechter ‚Hype um Hybridität‘ zu verzeichnen war, setzen sich Ottmar Ette und Uwe Wirth in dem von ihnen herausgegebenen Konferenzband Nach der Hybridität. Zukünfte der Kulturtheorie detailscharf mit den Leistungsgrenzen des Hybriditätskonzeptes auseinander. Mit Hilfe von 13 interdisziplinären Aufsätzen zeigen sie neue Experimentierräume auf, die eine Modellierung oder gar die Überwindung des Konzeptes ermöglichen. Neue Zugänge zu interkulturellen, intermedialen sowie intertextuellen Beziehungen sollen so gefunden werden, die zugleich auf simplifizierende Bipolaritäten und Re-Essentialisierungen verzichten.


> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract               

 

In Reaktion auf die virulenten Anforderungen einer globalisierten und pluralisierten Gesellschaft, boomten in den letzten zwei Jahrzehnten die sozialwissenschaftlichen Debatten um Hybriditätskonzepte. Während zunächst deren Möglichkeiten in Form von Öffnung und Verflüssigung vormals statischer Konzepte betont wurden und dem Konzept der Hybridität ein subversives Potential unterstellt werden konnte, beginnt der ‚Hype um Hybridität‘ langsam abzuflachen. Heute, 20 Jahre nach der Einführung des Bhabha'schen Hybriditätsverständnisses, droht der Begriff zu einer Universalkategorie zu werden; mondial einsetzbar und überall dort anwendbar, wo sich vermeintlich differente Signifikantenketten treffen, laufen Hybriditätskonzepte Gefahr, durch ihren inflationären Gebrauch selbst zu einem statischen Konzept zu werden; die einstmals gewünschte Überwindung alter Deutungsmuster wäre so kaum noch zu leisten.

 

Um sich diesen Spannungsfeldern von Abgeschlossenheit und Offenheit zu nähern, nehmen Ottmar Ette und Uwe Wirth in der Einleitung eine epistemologische Herleitung des Begriffes der Hybridität vor und geben einen fundierten Überblick über die aktuelle Diskussion. Zeitgleich lancieren sie – im Sinne kritischen Nachfragens – das Alternativkonzept der Pfropfung als eine Möglichkeit, Kulturtheorie nach der Hybridität zu denken (vgl. S. 9).

 

Nahtlos an die Einleitung anknüpfend, diskutiert Uwe Wirth im ersten Beitrag des Konferenzbandes das Konzept der Pfropfung als Kulturmodell und stellt den Leser_innen Vorüberlegungen eines größeren Forschungsprojektes mit dem Arbeitstitel Greffologie vor (vgl. S. 13). Uwe Wirth definiert das Konzept der Pfropfung als eine mögliche Beschreibungsfigur ambivalenter kultureller Integrations- und Übersetzungsprozesse (vgl. S. 26) und setzt dessen dispositive Machtmetaphorik mit der Subversionssemantik des Hybriditätsmodell in ein Verhältnis. Nach Wirth entstehen in diesem Spannungsfeld Interferenzen, die durch ein kritisches Modell zu lokalisieren und zu beschreiben seien; auch würden dadurch vage Hybriditätsmodelle konturierbar (vgl. S. 29). Er führt hier das Projekt einer Greffologie ein, die es sich zur Aufgabe macht, Wanderungsbewegungen und Neukontextualisierungen von Beschreibungsmodellen zu untersuchen. Schließlich könnte man sich so komplexen kulturellen, epistemischen und poetischen Übersetzungsaktivitäten nuancierter nähern.

 

Auch Doris Bachmann-Medick schlägt in ihrem Beitrag „Nach der Hybridität: Travelling Concepts im Horizont von Übersetzung“ ein Alternativmodell zu Hybriditätskonzepten vor. Sie macht deutlich, dass Hybridisierung erst dann zu einer soziologischen Analysekategorie werden kann, wenn sie nicht reine textlastige Repräsentationskategorie bleibt, sondern sich mit der handlungsnäheren und präziseren Kategorie der Übersetzung trifft (vgl. S. 45). So können nicht zuletzt die Rezeptionsweisen und Transformationen des Hybriditätskonzeptes selbst durch Übersetzungsprozesse differenzierter betrachtet werden (vgl. S. 46). Doris Bachmann-Medick geht über die Arbeit mit einer bloßen Metapher hinaus und betont die Unabdingbarkeit konkreter ‚Übersetzungshandlungen‘. Erst durch Praktiken, die Mehrsprachigkeit und Sprachvermittlung regelten, sowie durch kontroverse Ansprüche unterschiedlicher sozialer Gruppen, würden hybride Zwischenräume als interkulturelle Handlungsräume zugänglich werden (vgl. S. 47). Anhand einiger Beispiele macht sie eindrucksvoll deutlich, wie Konzepte durch konkrete Historisierung und Lokalisierung zugleich in lebensweltliche Kontexte hinein übersetzt werden können (vgl. S. 49). Mit sensiblem Blick auf rein akademische Debatten und westliche Begriffsmonopole schlägt sie die Arbeit mit ‚concepts in translation‘ vor, die das Potential haben, viellogische Praxen, Beziehungen, Akteure sowie Strömungen zu erfassen und miteinander in Beziehung zu setzen (vgl. S. 50).

 

Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Sammelband, der das Weiterdenken eines so breiten Konzeptes wie ‚Hybridität‘ anregen will, einer ebenso großen thematischen Spannweite an Artikeln bedarf. Die weite Perspektivierung birgt jedoch den Nachteil, dass ein Dialog zwischen den einzelnen Beitragen schwer erschließbar ist. Eine Unterteilung des Bandes in Sektionen hätte den Leser_innen dazu dienen können, einen erleichterten Zugang zu den unterschiedlichen Verhandlungsflächen zu finden. Gerade nach der überaus pointierten Einleitung der Herausgeber wäre ein Schlussbeitrag wünschenswert gewesen, der den argumentativen Leitfaden der reichhaltigen Analyseansätze kurz resümiert.

 

Ungeachtet dessen gelingt es dem Tagungsband vorbildlich, neue Fragehorizonte zu erschließen und Polylogiken zu etablieren, die besonders in den mittlerweile konflikthaft gewordenen Hybriditätsdiskursen dringend notwendig sind. Ottmar Ette und Uwe Wirth tragen mit Nach der Hybridität. Zukünfte der Kulturtheorie maßgeblich zu der Ideenentstehung bei. Hybridität ist weiter zu denken und die Verbindungen von ‚Verschiedenartigem‘, ohne den Rückgriff auf essentialisierende Aufladungen, neu zu kontextualisieren. 

 

 

Ottmar Ette und Uwe Wirth (Hg.): Nach der Hybridität. Zukünfte der Kulturtheorie. Berlin: Verlag Walter Frey/edition tranvía, 2014. 256 S., broschiert, 19,80 Euro. ISBN: 978-3-938944-86-8

 


Inhaltsverzeichnis


Ottmar Ette, Uwe Wirth

Nach der Hybridität: Zukünfte der Kulturtheorie – Einleitung … 7

 

Uwe Wirth (Justus-Liebig-Universität Gießen)

Nach der Hybridität_ Pfropfen als Kulturmodell. Vorüberlegungen zu einer Greffologie … 13

 

Doris Bachmann-Medick (Justus-Liebig-Universität Gießen)

Nach der Hybridität: Travelling Concepts im Horizont von Übersetzung … 37

 

Yvette Sánchez (Universität St. Gallen)

Transkulturelles Verhandeln als Schwächung von Bipolarität … 55

 

Sérgio Costa (Freie Universität Berlin)

Die verrechtlichte Differenz:

Liberales Kulturverständnis und das Aufkommen neuer Ethnizitäten in Lateinamerika … 69

 

Khal Torabully (Mauritius)

Coolitude. Between fixity and fluidity: agglutination and the poetics of the coral … 93

 

Irmela Marei Krüger-Fürhoff (Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin)

Die neue Leber spricht Spanisch. Transplantationsnarrationen als

Auseinandersetzung mit transkulturellen und biopolitischen Hybriditätsdiskursen … 123

 

Andreas Hübner (GCSC, Justus-Liebig-Universität Gießen)

Die Geschichte einer gescheiterten Übersetzung?

Das Konzept der Kreolisierung in den Louisiana Studies … 137

 

Gesine Müller (Universität zu Köln)

Die Karibik als privilegierter Ort für Theorieproduktion.

Von der antillanité zum tout-monde … 155

 

Dirk Wiemann (Universität Potsdam)

Vom Globus zum Planeten. Derek Walcott ,nach der Hybridität‘ lesen … 167

 

Leonhard Fuest (Universität Hamburg)

Übung mit Chimäre: Vom Nutzen der zoopharmaka für die Kulturtheorie … 185

 

Markus Messling (Universität Potsdam)

2666: Die Moderne als Echolot der Globalisierung. Roberto Bolaño und das Erbe Baudelaires … 199

 

Ottmar Ette (Universität Potsdam)

Cuba: Zwischen Insel-Welt und Inselwelt. Von der Raumgeschichte zur Bewegungsgeschichte … 217

 

Autorinnen und Autoren … 253

 

 

How to talk about Hybridity? Culture-theoretical modelings of a well-known concept

 

In analysis of the ‘hybridity hype’ that has occurred in the humanities during the last two decades, Ottmar Ette and Uwe Wirth focus in their conference volume Nach der Hybridität. Zukünfte der Kulturtheorie on the limits of the concept of hybridity. Based on 13 interdisciplinary articles, the authors open up new experimental spaces that allow for modelling or even overcoming the concept of hybridity. Along these lines, this miscellany provides new research angles on intercultural, intermedial as well as intertextual relationships that scrutinise simplistic bipolarities and re-essentializations.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online

 

Die Redaktion weist darauf hin, dass eine_r der Autor_innen/Herausgeber_innen Mitglied des Graduiertenzentrums ist, in dessen Rahmen auch dieses Rezensionsmagazin publiziert wird.