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Die Wirklichkeit der TV-Nachrichten. Ansätze einer narratologischen Nachrichtenforschung

Eine Rezension von

Polland Bietz Geschichten


Bietz, Christoph: Die Geschichten der Nachrichten. Eine narratologische Analyse telemedialer Wirklichkeitskonstruktion. Trier: WVT, 2013.

„Nachrichten erzählen Geschichten“ – dies ist die zentrale These der Monografie von Christoph Bietz. Indem der Autor eine Brücke zwischen den Grundannahmen der Nachrichtenforschung und der Erzähltheorie schlägt, zeigt er, dass Nachrichten gar nicht anders können als zu erzählen. Das Narrative sei dabei unabhängig von Fiktionalität und Faktizität zu betrachten und könne dazu beitragen, den Authentizitätsanspruch der Nachrichten zu erklären. In detaillierten Einzelanalysen entwickelt Bietz eine Narratologie telemedialer Nachrichten und stellt damit die herkömmlichen Herangehensweisen der Nachrichtenforschung mit ihrem Objektivitätsanspruch grundlegend in Frage.


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In seiner überzeugenden Dissertation aus dem Jahr 2013, erschienen in der Reihe „WVT-Handbücher und Studien zur Medienkulturwissenschaft“, fordert Christoph Bietz die Grundannahmen der Nachrichtenforschung heraus und leistet einen innovativen Beitrag für die intermediale Erzähltheorie. Er gibt fachlich interessierten Lesern ein theoretisch und methodisch fundiertes, wertvolles begriffliches Instrumentarium zur narratologischen Analyse telemedialer Nachrichten an die Hand. Zugleich ebnet er dabei den Weg für eine intermediale und transgenerische Erzähltheorie. Zur Vorbereitung seiner detaillierten Einzelanalysen im fünften Kapitel der Arbeit führt Bietz im zweiten und dritten Kapitel zunächst eine kritische Bestandsaufnahme der beiden Forschungsbereiche Nachrichten- und Erzählforschung durch. Diese vereint er im vierten Kapitel auf überzeugende Weise zu einer „Narratologie telemedialer Nachrichten“.

 

Dass Menschen seit jeher Geschichten erzählen scheint unbestritten. Sind diese Menschen jedoch Journalisten, so wird ihnen die scheinbar „natürliche“ Veranlagung zum Verhängnis. Story-telling animals oder homo narrans hin oder her – im journalistischen Selbstverständnis wird ein Authentizitätsanspruch erhoben, in welchem vermeintlich fiktive Erzählungen keinen Platz haben. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Nachrichtenforschung mit der Annahme einer objektiven, außermedialen Wirklichkeit, die Berichterstattung und ihre „Fakten“ auf Übereinstimmung zu überprüfen versucht. Auf nahezu ironische Weise greift Bietz an dieser Stelle mit der zentralen These seiner Arbeit in das medienskeptizistische Bild ein: „Nachrichten erzählen Geschichten“ (S. 2). Doch statt der gängigen Kritik in die Hände zu spielen, der zufolge Nachrichten die Realität dramatisieren, inszenieren und verzerren, weist Bietz mit seiner erzähltheoretisch fundierten Herangehensweise in eine andere Richtung. Er schreibt, dass „der Begriff des Narrativen gänzlich unabhängig von Fiktionalität und Faktizität zu verstehen ist und darüber hinaus sogar ironischerweise dazu beitragen kann, gerade den Authentizitätsanspruch der Nachrichten zu erklären“ (S. 5).

 

Zu diesem Zweck führt der Autor fünf detaillierte Einzelanalysen durch. Die Auswahl begründet er nachvollziehbar und sie wirkt ausreichend für sein Anliegen der erzähltheoretischen Analyse verschiedener Nachrichtenformate. Dennoch hätte er die Selektion nach Zeitraum, Größe des TV Senders, Sendezeit und Einteilung in Ressorts bzw. Typen überzeugender präsentieren können – ohne Rückgriff auf den Verweis auf die „nackte [...] Notwendigkeit zur Selektion“ (S. 199). Positiv anzumerken ist sein selbstreflexiver Umgang mit dem Vorgang der Quantitäts- und Komplexitätsreduktion des Materials. Bietz thematisiert nicht nur die Problematik der Klassifikation von Ereignissen, sondern auch seine persönlichen Interessen. So tritt er als forschendes Subjekt im Feld in Erscheinung – eine lobenswerte Seltenheit im erzähltheoretischen Kontext – und entgeht der Gefahr der Willkür bei der notwendigerweise ausgrenzenden Materialauswahl.

 

Bietz schlussfolgert überzeugend, dass Nachrichten eine narrative Version der Realität, eine „Als-ob-Realität“ (S. 376) erschaffen; sie legitimieren sich selbst auf metanarrative Weise, analog zu Lyotards Begriff der Metaerzählung. Ihre „konjuktivisierenden“ Erzähldiskurse werden so zur Verlässlichkeitsstrategie (vgl. S. 381). Seine Argumentationen regen eine grundlegende theoretische Neuorientierung der Nachrichtenforschung auf narratologischer Basis an. Er konzeptionalisiert Nachrichten als „Beobachtungen zweiter Ordnung“ (S. 370) und formuliert ihren ursprünglichen Objektivitätsanspruch als „Zuverlässigkeitsanspruch“ (S. 381) um. So gelingt Bietz die Rückbindung an den journalistischen Wahrheitsanspruch, an den Bericht dessen, „was wirklich geschah“. Nachrichten, so schließt er, formen aus dem „dissonanten Chaos menschlicher Zeiterfahrung konsonante stories“ (S. 383) – darin liege ihre inhärente Narrativität begründet.

 

Abschließend ist das Buch als beispielhaft für akkurate wissenschaftliche Arbeit zu bewerten. Sowohl die präzisen und zugleich komplexen Zusammenführungen der relevanten Forschungsbereiche, als auch der bedachte Einsatz hilfreicher Fußnoten sowie der Umfang der verwendeten Forschungsliteratur sind als besondere Stärken hervorzuheben. Dieses Buch ist all denjenigen wärmstens zu empfehlen, die sich wissenschaftlich mit intermedialer Erzähltheorie und Nachrichtenforschung beschäftigen; zudem auch jenen, die gern mehr darüber wissen möchten, wie und weshalb Nachrichten uns Geschichten „auftischen“.

 

 

Bietz, Christoph: Die Geschichten der Nachrichten. Eine narratologische Analyse telemedialer Wirklichkeitskonstruktion. Trier: WVT, 2013. 422 S., broschiert, 46,50 Euro. ISBN: 978-3868214345.

 


Inhaltsverzeichnis

 

I. Einleitung … 1
 
II. Nachrichtenforschung: Bestandsaufnahme und Kritik … 14
 
1. (Medien-)Geschichte der Nachrichten … 14
1.1. Nachrichtenmerkmale und demokratisch-liberale Prinzipien … 15
1.2. Objektivitätsideal und Free-Flow-of-Information Debatte … 18
1.3. Gegenwärtige Situation … 23

 

2. Selektionstheorien … 25
2.1. Forschungsentwicklung … 28
2.2. Die Nachrichtenwert-Theorie … 30

  • 2.2.1. Faktoren im Nachrichtenfluss … 30
  • 2.2.2. Kritik am Modell und theoretische Neuorientierung … 35
  • 2.2.3. Weiterführung der Nachrichtenwert-Theorie … 40

 

3. Theoretische Problemfelder und begriffliche Aporien … 42
 
III. Narratologie(n): Bestandsaufnahme und intermediale Synthese … 50
 
1. Disziplinäre Grenzziehungen und Methodenverortung … 50

 

2. Wissenschaftshistorische Notizen … 56
2.1.   Entstehung der Romantheorie … 58
2.2.   Deutschsprachige Erzähltheorie: Erste Ansätze … 64
2.3.   Russischer Formalismus … 65
2.4.   Französischer Strukturalismus … 73
2.5.   Narratologische Forschungstradition … 80

 

3. Begriffliches: Narrativ, das Narrative, Narrativität … 81

 

4. Die klassische Story-and-Discourse-Distinktion … 94

 

5. Mittelbarkeit: Operation zwischen Story und Discourse … 103
5.1.   Selektion und Perspektivierung … 106

  • 5.1.1. Die Erzählinstanz … 108
  • 5.1.2. Erzählmodi … 117
  • 5.1.3. Fokalisierung und subjektives Erzählen … 125

5.2.   Narrative Dimensionen I: Zeit … 142
5.3.   Narrative Dimensionen II: Raum … 152

 

6. Ereignishaftigkeit: Das ‚Substrat’ der Erzählung … 160
6.1.   Konstituenten der Geschichte I: Ereignisse … 162
6.2.   Konstituenten der Geschichte II: Entitäten … 175
6.3.   Narrative Realitätsillusion: Possible-Worlds Theory und Unreliability … 182
 
IV. Eine Narratologie telemedialer Nachrichten … 197
 
1. Methodische Rahmung und Analysematerial … 197
1.1.   Selektionskriterien … 197
1.2.   Themen und Zeitfenster … 200

 

2. Nachrichten als Erzählung(en) … 201
2.1.   News-Discourse … 201

  • 2.1.1. Die Erzählinstanz der TV-Nachrichten … 202
  • 2.1.2. Erzählmodi und Perspektiven … 210

2.2.   Narrative Dimensionen in den TV-Nachrichten … 216

  • 2.2.1. Raum-Zeit-Relationen … 216
  • 2.2.2. Serialität I: Vom Beitrag zur Sendung … 224
  • 2.2.3. Serialität II: Von Sendung zu Sendung … 228

2.3.   News-Story … 231

  • 2.3.1. Ereignisse … 231
  • 2.3.2. Personen und Protagonisten … 239

 
V. Einzelanalysen … 247
 
1. Arabische Revolution I: Der Sturz des Pharao … 247
1.1.   Kardinalereignisse: Revolution in 18 Tagen … 250
1.2.   Akteur Chaos: Wer gegen wen? … 256
1.3.   Erzähler-Ordnung: Die Mittelbarkeit des Korrespondenten … 263

 

2. Arabische Revolution II: Gaddafi gegen den Rest der Welt … 269
2.1.   Kardinalereignisse: Freiheitskampf und Bürgerkrieg … 269
2.2.   Eine Frage der Persönlichkeit: Der entrückte Despot … 276
2.3.   Eine Frage der (Erzähl-)Perspektive: ‚Freiheit’ als Legitimation des Krieges … 283

 

3. Guttenbergs Plagiatsaffäre: Wer hoch pokert, kann tief fallen … 294
3.1.   Kardinalereignisse: „Kein Kavaliersdelikt“ … 295
3.2.   Moral und Tragödie: Niedergang eines Blenders … 303
3.3.   Meinung und Modus: Streitdiskurs und O-Töne auf der Nachrichtenbühne … 312

 

4. Japans Dreifach-Katastrophe: Vision der Apokalypse … 318
4.1.   Kardinalereignisse: Instantanes Chaos … 319
4.2.   Unreliable Narration: Super-GAU oder Alles im Griff? … 333
4.3.   Erzählentität ‚Atomkraft’: Die Menschheit gegen sich selbst … 344

 

5. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg: Politische Erosion … 352
 
VI. Die Wirklichkeit der Nachrichten als Alternative Possible World … 367
 
Glossar … 385

 

Quellen … 389

 

 

The Reality of TV News: Towards a Narratological News Theory

 

“News narrates stories” – this is the central thesis of Christoph Bietz’ monograph. By bridging the basic concepts of News Theory and Narratology, he shows that the news has no choice other than to narrate. Those narratives are independent from categories such as facticity and fiction, and they might even contribute to the claim of authenticity within the News itself. In detailed analyses Bietz develops a narratology of telemedial news and fundamentally challenges the conventional approaches of News Theory with its claim of objectivity.

 


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