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Das Leben einer Forscherin bei den Baatombu. Eine Ethnographie sozialer Elternschaft

Eine Rezension von


Jakob Alber Soziale Elternshaft

Alber, Erdmute: Soziale Elternschaft im Wandel. Kindheit, Verwandtschaft und Zugehörigkeit in Westafrika. Berlin: Reimer, 2013.

Erdmute Alber, Professorin für Sozialanthropologie der Universität Bayreuth, forschte und lebte über 20 Jahre lang in Westafrika. Daraus entstanden ist die vorliegende Monographie „Soziale Elternschaft im Wandel“, eine umfassende ethnographische Studie der westafrikanischen Baatombu. Im Fokus steht dabei die soziale Elternschaft, wobei sich diese Publikation durch zwei Aspekte auszeichnet: Erstens gewährt sie einen intensiven Einblick in die Lebensweisen der Baatombu über 20 Jahre hinweg. Zweitens wird durch die Betrachtung der Elternschaft dessen zugrundeliegende kulturelle Relativität verdeutlicht.


> Inhaltsverzeichnis            > English Abstract              

 

Im Mittelpunkt Erdmute Albers ethnographischer Forschung stehen die Baatombu, mit welchen sie in Nordbenin zusammenlebte. Mit der vorliegenden Arbeit knüpft sie an ihre im Jahre 2000 erschienene Monografie an, welche die Phänomene Macht und Herrschaft der Baatombu untersuchte.

 

Die ethnographische Studie gliedert sich nebst der Einleitung in drei Teile. Diese drei Teile sind in sich schlüssig und somit auch einzeln gut verständlich lesbar. Durch die Einleitung erhält der Leser bereits einen Überblick über die Baatombu und der dortigen sozialen Strukturen. Die Autorin selbst betont mehrfach, dass die Beobachtung einer einzigen ethnischen Gruppe in ethnologischen Fachkreisen nicht unproblematisch gesehen wird, da dies eine „einheitlich ethnische Identität (Albert 2013, 17) suggerieren würde. In ihrer Forschung geht es der Autorin aber nicht darum eine ethnische Homogenität herzustellen, sondern die Selbstsicht der Gruppenmitglieder der Baatombu aufzuzeigen. Die Wandlungsprozesse sozialer Elternschaft zeigt die Autorin dabei durch ihre wiederholten Forschungsaufenthalte der letzten zwanzig Jahre und anhand von Beobachtungen, aufgezeichneten Gesprächen bzw. Interviews auf.

 

Im ersten Teil der Studie widmet sich Alber der sozialen Elternschaft in Westafrika durch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit sozialanthropologischen Konzeptionen und Ansätzen. Dabei geht sie vor allem auf die Studien von Lallemand und Goody ein, wobei sie sich näher mit Goodys Definition von parenthood auseinandersetzt. Des Weiteren thematisiert Alber im ersten Teil die seit den 80er Jahren zu beobachtende Wende der Ethnologie, der zufolge Akteursperspektiven in den Blick zu nehmen seien. Diese Wende zeige sich einerseits in dem vermehrten Interesse am Thema Kindheit, welches seit den 1980ern innerhalb der ethnographischen Forschung, der Soziologie und der Erziehungswissenschaften zugenommen hat. Andererseits werden in der Ethnologie Fragen der Verwandtschaft unter dem Terminus new kinship neu diskutiert. Schließlich ist innerhalb der Verwandtschaftsforschung neben Aspekten von Kultur, Biologie, Natur und Sozialem, aktuell zudem der Aspekt der fiktiven Verwandtschaft von Interesse. Damit bietet Albers Beschäftigung mit sozialer Elternschaft auch eine Möglichkeit, Vorstellungen über Verwandtschaft und Zugehörigkeit zu überdenken. Was bisher allerdings noch innerhalb der ethnographischen Forschung zum Thema Pflegschaft von Kindern in Westafrika fehlt, ist die Kinder- bzw. Männerperspektive. Auch wenn Alber dem nicht nachkommt, definiert sie den Begriff der sozialen Elternschaft sehr weit und inkludiert Aspekte der

 

  • Zugehörigkeit, welche sich auf rechtliche, emotionale, materielle und symbolische Dimensionen beziehen;
  • Zirkulation, welche den Prozess der Übergabe eines Kindes näher beschreibt;
  • Handlungsperspektive, wodurch Zugehörigkeit als aushandelf- und veränderbar gedeutet werden kann (vgl. Alber 2013, 93).

 

Im zweiten Teil gewährt uns Alber einen Einblick in das Leben der Baatombu. Hier zeigt sie, dass bei jenen Baatombu, die in dörflichen Teilen Westafrikas leben,  Kindespflegeschaften als alltägliche Sozialstrukturen zu verstehen sind. Diese werden dadurch erläutert, dass Alber zunächst die biologische Elternschaft bei den Baatombu beschreibt. Ein Merkmal dieser biologischen Elternschaft zu ihren Kindern ist die Schamhaftigkeit, die deren Beziehung beschreibt. Diese Schamhaftigkeit, welche sich im Alltag und in Gesprächen zwischen Alber und erwachsenen Personen der Baatombu zeigt, versucht sie im zweiten Teil unter anderem am Beispiel der Geburt nachvollziehbar zu machen. Dabei greift sie nicht nur auf Interviews zurück, sondern erklärt die Schamhaftigkeit zudem anhand von Fotografien und Zitaten. Bevor sich Alber im zweiten Teil der sozialen Elternschaft widmet, illustriert sie sehr sorgfältig, welche Vorstellungen bezüglich Elternschaft insgesamt bestehen.

 

Der dritte Teil der Studie handelt letztendlich von der Geschichte der sozialen Elternschaft im 20. Jahrhundert.  Dabei gelingt es Alber die benötigten Informationen zu Politik und Gesellschaft so auszuführen, dass der Bezug zur sozialen Elternschaft weiterhin erkennbar bleibt. Dieser Teil wird ebenfalls von eigenen Gesprächsprotokollen, Beobachtungen, Fotografien und Diagrammen bestimmt. Hier zeigt sich zudem, wie durch die Kindespflegeschaft Verwandtschaft ausgehandelt wird; Alber begreift die Kindespflegeschaft als ein fluides Konzept innerhalb der Gesellschaft. An dieser Stelle schließt sich der Kreis: Ihre Definition der sozialen Elternschaft aus Kapitel eins wird anschlussfähig.

 

Erdmute Albers Monografie „Soziale Elternschaft im Wandel“ zeichnet sich durch ihr immenses Material zu den Baatombu aus. Ihre geschickt sozialwissenschaftlich verorteten Beobachtungen regen zum Nachdenken über die Gesellschaft und ihre Normvorstellungen an. Auch für Personen, die sich nicht in der ethnographischen Forschung verorten, ist dieses Buch daher überaus interessant. Zudem führt der deskriptive Schreibstil der Autorin dazu, dass der Leser sehr schnell Zugang zur Thematik findet, ohne diese dabei vereinfachen zu würden.

 

 

Alber, Erdmute: Soziale Elternschaft im Wandel. Kindheit, Verwandtschaft und Zugehörigkeit in Westafrika. Berlin: Reimer, 2013. 426 S., broschiert, 39 Euro, ISBN: 978-3-496-02868-0

 


Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung ... 7

 

Die  Baatombu ... 17

 

Feldforschung und Methoden ... 31

 

Dank ... 51

 

Erster Teil

Die Übertragung von Zugehörigkeit – Zentrale Begriffe und theoretische Ansätze ... 55

Britischer Strukturfunktionalismus ... 55

Biologische, soziale und legale Elternschaft ... 64

Delegation von Elternschaft ... 65

Gründe und Nutzen ... 67

Zirkulation von Kindern ... 73

Wendung zum Akteur ... 80

Übertragung vorgestellter Zugehörigkeit ... 88

Andere Ansätze ... 94

 

Zweiter Teil

Elternschaft im ländlichen Borgu ... 99

Biologische Elternschaft ... 104

Ein Kind annehmen ... 151

Gründe für die soziale Elternschaft ... 181

Soziale Elternschaft, Geschlecht und Heirat ... 198

Konflikte ... 204

Argumente gegen Elternschaft ... 219

 

Dritter Teil

Geschichte der sozialen Elternschaft im 20. Jahrhundert ... 223

Die vorkoloniale Zeit ... 227

Koloniale Veränderungen ... 234

Die postkoloniale Zeit ... 253

Ein Konflikt am Beginn der Unabhängigkeit ... 260

Kindespflegschaft im ländlichen Raum: Tɛbɔ, Kika und Yarɔ ... 317

Zwei Konflikte am Beginn des 21. Jahrhunderts ... 362

 

Schluss ... 386

 

Anhang ... 391

 

 

The Life of a Researcher at the Baatombu - An Ethnography of Social Parentage

 

Erdmute Alber, Professor for Social Anthropology at the University Bayreuth, lived and conducted research in West Africa for over 20 years. The result is the monograph Soziale Elternschaft im Wandel, an extensive ethnographical study on the West African Baatombu tribe. The study’s focus is the Baatombu’s practice of social parentage and is remarkable for two main reasons: First, Alber grants the reader an intensive look into the lives of the Baatombu over (the past) 20 years. Secondly, and as a result, observing (the Baatombu version of collective) parentage creates a deeper understanding of this concepts cultural relativity.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online