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Bericht zur Tagung "Amok-Kulturen der Gegenwart. Zur Präsenz spektakulärer Gewalt in Praktiken medialer Repräsentation und umgekehrt"

International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC), Justus-Liebig-Universität Gießen, 25. – 26. Juni 2015


Ein Bericht von

 

> Konferenzübersicht


amok_poster_picture.jpgMit der Tagung "Amok-Kulturen der Gegenwart. Zur Präsenz spektakulärer Gewalt in Praktiken medialer Repräsentation und umgekehrt", organsierten SILKE BRASELMANN (Justus-Liebig Universität, Gießen) und JÖRN AHRENS (Justus-Liebig Universität, Gießen) eine interdisziplinäre Diskussion am International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC, Gießen). Neben Überlegungen zu Einordnungen von Amokläufen spielten die medialen Abbilder der Ereignisse und die Selbstinszenierungen der Attentäter eine wichtige Rolle. Die Vortragenden problematisierten speziell die Wechselwirkungen zwischen Subjektivität und Amok sowie zwischen den Taten und deren medialer Repräsentation.

 

Einordnungen von Amoktaten

 

ziegler.jpgDANIEL ZIEGLER (Justus-Liebig-Universität, Gießen) zeigte verschiedene wissenschaftliche und mediale Einordnungen eines Amoklaufes am Beispiel des Attentates von Anders Behring Breivik in Norwegen 2011. Der Täter habe die Begründung für seine Tat aus unterschiedlichen Narrativen (Terrorismus, Amokläufe in Schulen) zusammengesetzt, wohingegen Rationalisierungen in Medienberichten häufig das Motiv des Abnormalen oder des Bösen aufweisen. Diese mediale Verbannung von Amok aus dem Bereich des Nachvollziehbaren beschrieb Daniel Ziegler als Mittel zum Zweck der Wiederherstellung des "sozialen Bandes" (Durkheim). Auch in soziologischen Einordnungen erkannte er eine zu starke Fokussierung auf Amok als einen Ausnahmefall der sozialen Ordnung. Einen neuen Ansatz sah er deshalb in der Abkehr von einer bloßen Suche nach Gründen für die Gewalt und in der Zuwendung zu gesellschaftlichen Zusammenhängen zwischen Amok, Sinngebung und Subjektivität. 

 

ahrens.jpgDementsprechend verortete JÖRN AHRENS (Justus-Liebig Universität, Gießen) Amok innerhalb der Gesellschaft, machte jedoch auf dessen Losgelöstheit von der gesellschaftlichen und normativen Bindung aufmerksam. Er interpretierte das Phänomen als Eruption von Gewalt im Gegensatz zu deren "Kasernierung" (Elias) im sozialen Alltag. Anhand einer Analyse des Filmes Elephant von Gus van Sants analysierte er klischeehafte Darstellungen von Täteridentitäten und interpretierte diese als Strategien der Reterritorialisierung des Subjektes. Die mediale Epistemologie nach den Amoktaten, so Jörn Ahrens, sei auf die Darstellung der Motive und der Hyperdevianz der Akteure fokussiert. Dadurch werde das Subjekt wieder "vergesellschaftlicht" und somit nachvollziehbar gemacht.

Mediale Abbilder von Amoktaten

 

gerster.jpgDie Rolle der Medien in der Aufarbeitung von Amok stand im Mittelpunkt des Vortrages von MARCO GERSTER (Universität Konstanz). Er sprach über mediale Reaktionen auf School Shootings und analysierte dabei sogenannte "Symbole des Bösen", wie zum Beispiel Waffen oder Videospiele, und "Enthymeme des Guten", wie die Institutionen der Schule und Familie.  Dabei zeigte er, dass in Zeitungsartikeln über die Taten selten konkrete Lösungsansätze geboten, aber häufig vage moralische Aussagen getroffen werden. Er interpretierte diese Berufung auf das "Ungefähre" als Mittel der Aufrechterhaltung einer scheinbaren Übereinkunft über gemeinsame Werte für den Zweck der gesellschaftlichen Bewältigung des Phänomens Amok.

 

RALF JUNKERJÜRGEN (Universität Regensburg) betrachtete spielfilmische Inszenierungen von School Shootings. Mit Bezug auf die Filme Elephant (2003), Polytechnique (2009) und We Need to Talk About Kevin (2011) problematisierte er die ethische Dimension in diesen Darstellungen von Amokläufen. Dies sowohl wegen deren Beförderung von Voyeurismus, als auch aufgrund von Rechtfertigungen, die sich durch die narrativen Strukturen ergeben können. Ralf Junkerjürgen kritisierte außerdem den dokumentarischen Stil, weil dieser die Nachahmung von Skripten befördere.

 

publikum_2.jpgSelbstbilder der Attentäter

 

Eine Verbindung zwischen filmischen Inszenierungen und tatsächlichen Amoktaten wurde auch im Vortrag von NILS BÖCKLER (Universität Bielefeld) problematisiert. Hierbei lag der Fokus auf School Shootings in Deutschland sowie auf deren Referenzen zu realen Taten und fiktiven Vorlagen. Nils Böckler erklärte, wie sich School Shooters die Narrative dieser Modelle aneignen, um sich selbst als Opfer zu präsentieren, die zu Tätern werden. Er wies auch auf die Bildung von Fangruppen hin, die sich über Youtube-Plattformen mit den Narrativen der Täter identifizieren, nachdem sie selbst prekäre Sozialerfahrungen gemacht haben. Das Internet als "Supermarkt ideologischer Präferenzen" beschrieb er einerseits als Raum, der den School Shooters Kontrolle über die eigene Inszenierung ermögliche. Daneben wirke es als Referenzrahmen, in dem hybride Deutungsmuster für vergangene und zukünftige Taten konstruiert werden können.

 

ANDRÉ GRZESZYK (Leuphana Universität, Lüneburg) konzentrierte sich ebenfalls auf die Genese und Inszenierung von Attentätern in Schulen, wobei er ihren Selbstdarstellungen eine fehlende Originalität zuschrieb. Amok bezeichnete er als einen Tauschhandel mit Bildern, da Medienzitate und Bezüge zu anderen Taten überall zu finden seien. Dennoch inszenieren die Täter sich selbst als einmalig. Ebenso wie Nils Böckler zeigte auch André Grzeszyk die Handlungsmacht der School Shooter in Bezug auf ihre Wirkungsregulierung in sozialen Medien auf. Anhand des Abschiedsvideos von Bastian Bosse erörterte der Filmwissenschaftler in einer detaillierten Analyse, wie Täter ihre Biographie kurz vor der Tat nachträglich an ihrem persönlichen Tag der Rache auszurichten versuchen; sie erzeugten zudem ein stringentes Narrativ für ihre widersprüchlichen Handlungen. Auch Daniel Ziegler erläuterte diesen Aspekt des nachträglichen Rationalisierens durch den Täter in seinem Vortrag.

 

braselmann.jpgInsgesamt bot die Tagung viel Raum für Diskussion und Austausch zwischen den verschiedenen Disziplinen und Perspektiven auf Amok. Die Verknüpfungen zwischen den einzelnen Vorträgen gaben einen spannenden Einblick in die Forschungsschwerpunkte des Themas. Eine weiterführende Zusammenarbeit und Vernetzung der Wissenschaftler zum Thema Amok ist deshalb auch in Zukunft zu erwarten.


Eine Publikation der Beiträge bei VS Springer ist für das nächste Jahr geplant.

 

 

Konferenzübersicht


Eröffnung: Silke Braselmann (Justus-Liebig Universität, Gießen)

 

Daniel Ziegler (Justus-Liebig Universität, Gießen): "22/7 und das Imaginäre der Gewalt"

 

Nils Böckler (Universität Bielefeld): "Brothers and Sisters in Arms: Zur Rolle der Identifikation bei Schulamokläufen"


Marco Gerster (Universität Konstanz): "Symbole des Bösen und Enthymeme des Guten. Über die narrative Bewältigung von Amokläufen"

 

André Grzeszyk (Leuphana Universität, Lüneburg): "Tödliche Bilder – Strategien der Selbstinszenierung von School Shootern"

 

Jörn Ahrens (Justus-Liebig Universität, Gießen): "Tätersubjekte. Die Konstruktion von Identitäten nach Amokläufen"

 

Ralf Junkerjürgen (Universität Regensburg): "Form und Ethik in spielfilmischen Inszenierungen von School Shootings. Reflexionen zu Elephant (2003), Polytechnique (2009) und We Need to Talk About Kevin (2011)"

 

Abschlussdiskussion

 

 

© bei der Autorin und bei KULT_online

Fotos: Charlotte Ahrens

 

Die Redaktion weist darauf hin, dass eine_r Organisator_innen Mitglied des Graduiertenzentrums ist, in dessen Rahmen auch dieses Rezensionsmagazin publiziert wird.