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Praxistheorie und die Gleichzeitigkeit von sozialer Reproduktion und Transformation

Krentel Schäfer InstabilitätEine Rezension von


Schäfer, Hilmar: Die Instabilität der Praxis. Reproduktion und Transformation des Sozialen in der Praxistheorie. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2013.

Anhand der Arbeiten von Pierre Bourdieu, Michel Foucault, Judith Butler und Bruno Latour untersucht Hilmar Schäfer in seinem Buch Die Instabilität der Praxis. Reproduktion und Transformation des Sozialen in der Praxistheorie theorievergleichend, wie praxistheoretische Forschung auf das ambivalente Verhältnis zwischen Stabilität und Instabilität des Sozialen reagieren kann. Für einen produktiven Umgang mit dieser Ambivalenz wird ein Konzept von sozialer Praxis als Wiederholung vorgeschlagen und über den fundierten Vergleich der theoretischen Positionen ein analytisches Vokabular sowie methodologische Prinzipien für das Feld der Praxistheorien herausgearbeitet.


  > Inhaltsverzeichnis          > English Abstract                    


Ein langbekanntes Problem sozialtheoretischer Analysen besteht darin, dass sich je nach Perspektive das Soziale einerseits aus routinemäßigen, geordneten und relativ stabilen Prozessen zusammenzusetzen scheint; andererseits spielen zugleich immer auch transformative und instabile Momente eine bedeutende Rolle. Mit dem Vorschlag, soziale Praxis als Wiederholung und eine Form der Veränderung zu denken (S. 12, vgl. auch S. 44ff.), versucht Hilmar Schäfer in seiner leicht überarbeiteten Dissertationsschrift Die Instabilität der Praxis. Reproduktion und Transformation des Sozialen in der Praxistheorie diesem ambivalenten Verhältnis von Stabilität und Instabilität des Sozialen zu begegnen und für die praxistheoretische Diskussion produktiv zu machen. Dazu befragt er theorievergleichend die Ansätze Pierre Bourdieus, Michel Foucaults, Judith Butlers und Bruno Latours dahingehend, (1) auf welche Weise sie Wiederholung konzipieren (statisch oder dynamisch); (2) auf welche Mechanismen und analytischen Kategorien sie die Stabilisierung aber auch die Auflösungen von Wiederholungen zurückführen; und (3) welche methodologischen Schlüsse sich für eine praxistheoretische Perspektive auf Wiederholung ableiten lassen (S. 51). Erklärtes Ziel seines Vergleichs ist es dabei weder, die einzelnen Ansätze miteinander zu verschmelzen, sie hierarchisch zu ordnen noch sie zu verwerfen. Schäfer geht es vielmehr darum, "durch die systematische Erschließung von Analysekategorien einen Beitrag zur Pluralisierung soziologischer Optiken zu leisten" (S. 379; vgl. S. 57). Zudem möchte er eine produktive und praxistheoretisch-anschlussfähige Heuristik erarbeiten. Ein Unterfangen, soviel lässt sich vorab bereits verraten, das mir ausgezeichnet gelungen erscheint.

 

Strukturell gliedern sich die sieben Kapitel des Buchs in drei Abschnitte. Zunächst erfolgt eine Einführung in das heterogene Feld der Praxistheorien, in der grundlegende praxistheoretische Standpunkte erläutert werden: etwa die Position, Praktiken als den "zentralen Ort des Sozialen" (S. 20) aufzufassen und das Zurückweisen eines "rationalistischen Verständnis des Handelns" (ebd.). Zudem wird ausgehend von dem den Theorievergleich anleitenden Begriffspaar "Stabilität/Instabilität" (S. 38ff.) in "Das Denken in Wiederholung" (S.44ff.) der für Schäfers Argumentation zentrale Wiederholungsbegriff entwickelt. Dieser sei dem Routinebegriff vorzuziehen, da letzterer ein "präreflexives Tun" sowie eine "gleichbleibende Kontinuität ohne Abweichungen" impliziere (S. 377; vgl. auch S.321ff.).

 

Entlang der im umfangreich einführenden Kapitel entwickelten Fragestellung (s.o.) folgt im zweiten Abschnitt die intensive Auseinandersetzung mit den Arbeiten Bourdieus, Foucaults, Butlers und Latours. Deren Positionen und Konzepte werden jeweils in eigenständigen Kapiteln detailliert beleuchtet und in gesonderten Zwischenfazits dahingehend diskutiert, inwiefern sich Anschlüsse zur praxistheoretischen Perspektive anbieten bzw. welche Inkompatibilitäten nicht aufgelöst werden. Bemerkenswert ist dabei, dass Schäfer mit Judith Butler und Bruno Latour zwei Autor_innen in seine Analyse einbezogen hat, deren Positionen im Gegensatz zu Bourdieus "Theorie der Praxis" und Foucaults Spätwerk bislang selten den Praxistheorien zugeordnet wurden (S. 60). Butler kann laut Schäfer als eine "Theoretikerin der Ambivalenz" (S. 242) bezeichnet werden, deren praxistheoretisches Potential zum einen in der öffnenden Wirkung ihrer kritischen Theoriearbeit liegt. Zum anderen gründet es sich insbesondere in ihrer an Derrida anschließende Weiterentwicklung des Konzepts von Performativität, mit dem sich ein "ambivalente[r] Prozess zwischen Stabilität und Instabilität" (S. 242) fassen lässt. Ihr Verständnis von Praxis als zitierende Wiederholung erfasst die zeitliche sowie kollektive Dimension von Praxis und verschiebt das Denken antiessentialistisch vom Sein zum Prozess (S. 243). Auch Latours Ansatz der Akteur-Netzwerk-Theorie besitzt mit der Abkehr von einer subjektorientierten Analyse, der radikalen Ablehnung dualistischer Kategorien, der anti-essentialistischen Ausrichtung und der Frage nach verteilter Handlungsfähigkeit zahlreiche, praxistheoretisch anschließbare Konzepte (S. 304). Aus praxeologischer Sicht gehe es darum, "mit Latour bezüglich der Berücksichtigung der Handlungsdimension nicht-menschlicher Elemente einen Schritt voranzugehen und gleichzeitig innerhalb seiner Perspektive einen Schritt zurückzutreten, indem die These, dass ausschließlich Dinge das Soziale stabilisieren, endgültig fallengelassen wird" (S. 308f.).

 

Die spezifischen Analyseergebnisse der vier Kapitel des zweiten Abschnitts werden dann im letzten Teil des Buchs kontrastiv zusammengeführt. Schäfer kommt dabei zu dem Schluss, dass Praktiken in praxeologischen Ansätzen "als sich wiederholende, als wiederholte und als wiederholbare Formationen begriffen werden können" (S. 323). Aus dem Vergleich dreier, zentraler praxeologischer Analysekategorien ("Körperlichkeit", "Materialität", Verhältnis von "Praxis, Macht und Norm" (S. 328ff.)) leitet Schäfer vier methodologische Prinzipien ab (S. 367ff.) mit denen Praxistheorie als eine "transitive Methodologie" formuliert werden kann (S. 374ff.). Innerhalb dieser wird erstens das Subjekt durch den Fokus auf das Verwobensein praktischen Tuns mit kulturellen und historischen Praxiskomplexen gewisserweise "dezentriert" (S. 368f). Im Zusammenhang mit dem Wiederholungscharakter von Praxis wird zweitens die fundamentale "Relationalität von Praktiken" deutlich: deren kulturelle Verfügbarkeit, kompetente Ausführung und Verstehen stehe immer in einem spezifischen Verhältnis zu anderen Praktiken und für eine bestimmte Praxisgemeinschaft (S. 369f.). Drittens spielt Zeitlichkeit für die Analyse von Praxis eine entscheidende Rolle. Schäfer zufolge kann "Praxis […] ausschließlich als Prozess, in der Verlaufsform gedacht werden" (S. 370), wobei die gegenwärtige Ausführung einer Praxis "zitierend" auf vergangene Ausführungen zurückgreift. Sie wird dabei selbst für zukünftige Ausführungen zitierbar, so dass "sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer Praxis [verschränken]" (ebd.). Außerdem müssen viertens, angesichts der für das Sozialgeschehen konstitutiven Bedeutung von Unschärfe, dichotome Konzeptionen des Sozialen zugunsten eines "Denken in graduellen Differenzen" überwunden werden (S. 371ff.).

 

Insgesamt hat Schäfer eine anspruchsvolle praxistheoretische Studie vorgelegt, die insbesondere in den Zwischenfazits und der Schlussdiskussion auf systematische Weise methodologische, konzeptuelle, analytische Schärfungen sowie Anschlussstellen für kommende Forschungsarbeiten herausarbeitet. Denn schlussendlich können erst diese das jeweils ambivalente Verhältnis von sozialer Stabilität und Instabilität fallspezifisch klären. Mit seiner umfassenden, vergleichenden Diskussion und den vorgeschlagenen Begrifflichkeiten erschafft das hier rezensierte Buch hierzu eine sehr gute und theoretisch fundierte Arbeitsgrundlage.



Schäfer, Hilmar: Die Instabilität der Praxis. Reproduktion und Transformation des Sozialen in der Praxistheorie. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2013. S., gebunden, 39.95 Euro. ISBN: 978-3-942393-66-9.

 

 

Inhaltsverzeichnis


Einleitung ... 11

 

1.1 Praxistheorie ... 13

1.1.1 Basisannahmen der Praxistheorie ... 16

1.1.2 Praxistheorie im Kontext von Soziologie und Kulturtheorie ... 24

1.1.3 Der Praxisbegriff im Kontext von „Regel“ und „Norm“ ... 27

1.1.4 Strukturbegriff und Nähe zum Poststrukturalismus ... 33

1.2 Stabilität und Instabilität der Praxis ... 38

1.3 Das Denken der Wiederholung ... 44

1.3.1 Poststrukturalistische Perspektiven ... 46

1.3.2 Analytische Perspektive und Leitfragen der Studie ... 49

1.4 Begründung der Auswahl der Theorien ... 52

1.5 Theorieverständnis und Theorievergleich ... 54

1.6 Anlage und Aufbau des Buches ... 60

 

2. Pierre Bourdieu: Die statische Reproduktion des Sozialen ... 63

2.1 Praxeologische Bezüge: Wittgenstrein und „Regelfolgen“ ... 66

2.2 „Praxis“ zwischen Subjektivismus und Objektivismus ... 68

2.2.1 Bourdieus Kritik am Subjektivismus ... 68

2.2.2 Bourdieus Kritik am Objektivismus ... 70

2.3 Das Habituskonzept ... 73

2.4 Die Körperlichkeit der Praxis ... 79

2.5 Die Zeitlichkeit der Praxis ... 83

2.6 Die dynamische Logik der Praxis ... 85

2.7 Die soziale Welt als Feld ... 88

2.8 Die Kapitalsorten ... 89

2.9 Das Koinzidenzverhalten zwischen Habitus und Feld ... 91

2.10 Kritik an der Statik von Bourdieus Theorie der Praxis ... 93

2.11 Das Spannungsverhältnis zwischen dynamischer Praxis und statischer Reproduktion ... 97

2.12 Die Homogenitätsperspektive der Feinen Unterschiede ... 105

2.13 Die Homogenitätsperspektive der Feldtheorie ... 109

2.14 Von Homogenität zu Heterogenität ... 112

2.15 Zwischenfazit

 

3. Michel Foucault: Die historische Transformation von Praktiken ... 121

3.1 Diskursive Praxis ... 124

3.1.1 Die wiederholbare Materialität des Diskurses und Foucaults Regelverständnis ... 128

3.1.2 Diskursive Praktiken als Handlungen ... 129

3.1.3 Die diskursive Konstitution des Subjekts ... 130

3.1.4 Die Sonderstellung diskursiver Praxis ... 132

3.1.5 Diskursive Praxis und das Problem der Transformation ... 133

3.1.6 Das praxeologische Potential der Archäologie ... 135

3.2 Die Dynamik des Macht-Wissens und die Körperlichkeit des Sozialen ... 138

3.2.1 Die Genealogie ... 139

3.2.2 Das produktive Machtkonzept ... 140

3.2.3 Das dynamische Wissenskonzept ... 145

3.2.4 Bewertung der dynamischen Wissenskonzeption ... 148

3.2.5 Körperlichkeit der Macht und des Wissens: Die Disziplin ... 150

3.2.6 Die Wiederholung disziplinärer Übungen ... 151

3.2.7 Das Dispositiv als Kategorie zur Analyse heterogener Ensembles ... 154

3.2.8 Charakteristika der Genealogie ... 156

3.3 Gouvernementalität und Technologien des Selbst ... 157

3.3.1 Gourvernementalität ... 159

3.3.2 Technologien des Selbst ... 163

3.3.2.1 Das Thema der Sorge um sich ... 164

3.3.2.2 Der historische wandel der Selbstsorge ... 166

3.3.2.3 Die praxeologische Methodologie der Analyse ... 173

3.3.2.4 Technologien des Selbst als stabilisierende Übungen ... 177

3.3.2.5 Asketische Übungen als körperliche Wiederholungen ... 179

3.3.2.6 Zwei Formen von Übungen ... 182

3.4 Zwischenfazit ... 186

 

4. Judith Butler: Die Instabilität performativer Wiederholung ... 195

4.1 Das Performativitätskomzept in der sprachphilosophischen Debatte ... 198

4.1.1 Austins Entdeckung ... 199

4.1.2 Derridas Kritik an Austin ... 201

4.2 Performanz des Geschlechts und das Denken der Wiederholun ... 204

4.3 Subjektkonzeption ... 210

4.4 Das feministische Subjekt und die politischen Konsequenzen von Butlers Perspektive ... 212

4.5 Instabilität und Subversion ... 213

4.6 Die Konzeption des Körpers ... 217

4.6.1 Performative Materialisierung ... 219

4.6.2 Körperwissen (mit Bourdieu) ... 223

4.6.3 Leidenschaftliches Verhaftetsein und Kritik der Psychoanalyse ... 224

4.7 Norm und Geschlecht ... 231

4.8 Butlers Kritik des illokutionären Verständnisses von Performativität ... 235

4.9 Butlers Kritik der Iterabilität ... 237

4.10 Zwischenfazit ... 242

 

5. Bruno Latour: Die Stabilisierung des Sozialen in heterogenen Netzwerken ... 251

5.1 Laborkonstruktivismus ... 254

5.2 Das verallgemeinerte Symmetrieprinzip ... 256

5.3 Die gesellschaftstheoretische Diagnose ... 258

5.4 Eine "variable Ontologie" ... 260

5.5 Die Unbestimmtheit des Sozialen ... 263

5.6 Wer handelt? ... 266

5.7 Instabilität und Stabilität des Sozialen ... 271

5.8 Theorie und Methode ... 275

5.9 Der Modus der Analyse ... 276

5.9.1 Die Lokalisierung des Globalen ... 277

5.9.2 Die Neuverteilung des Lokalen ... 280

5.9.3 Die Verknüpfung von Orten ... 282

5.10 Paradigmatische Beispiele und verschiedene Dingbezüge ... 284

5.10.1 „Zwingende“ Dinge ... 285

5.10.2 Hybride Konstellationen ... 290

5.10.3 „Rahmende“ Dinge ... 291

5.11 Subjektivität als Effekt zirkulierender Formate ... 293

5.12 Kritik der "Plug-in"-Metapher ... 295

5.13 Die Körperlichkeit des Sozialen ... 297

5.14 Zwischenfazit ... 303

 

6. Vergleichende Diskussion ... 311

6.1 Praxis als Wiederholung ... 313

6.1.1 Konzeptionen von Wiederholung ... 313

6.1.2 Ein praxeologisches Wiederholungsverständnis ... 321

6.2 Praxeologische Analysekategorien ... 327

6.2.1 Die Körperlichkeit der Praxis ... 328

6.2.1.1 Der Körper in den diskutierten Ansätzen ... 328

6.2.1.2 Inkorporation ... 330

6.2.1.3 Die Trägheit des Körpers ... 335

6.2.1.4 Affektivität ... 338

6.2.1.5 Die praktische Konstitution des Körpers ... 341

6.2.1.6 Der Körper als praxeologische Analysekategorie ... 343

6.2.2 Die Materialität der Praxis ... 346

6.2.2.1 Materialität in den diskutierten Ansätzen ... 347

6.2.2.2 Die konstitutive Dimension des Materiellen ... 348

6.2.2.3 Räumlichkeit ... 350

6.2.2.4 Materialität als Effekt von Wiederholung ... 353

6.2.2.5 Materialität als praxeologische Analysekategorie ... 354

6.2.3 Praxis, Macht und Norm ... 358

6.2.3.1 Macht und Norm in den diskutierten Ansätzen ... 359

6.2.3.2 Macht als instabile Relation ... 360

6.2.3.3 Norm als spezifische Konstellation ... 364

6.2.3.4 Macht und Norm als praxeologische Analysekategorien ... 366

6.3 Methodologische Prinzipien der Praxistheorie ... 367

6.3.1 Dezentrierung des Subjekts ... 368

6.3.2 Relationalität der Praxis ... 369

6.3.3 Zeitlichkeit der Praxis ... 370

6.3.4 Graduelle Differenzen ... 371

6.3.5 Transitive Methodologie ... 374

 

7. Fazit ... 377

 

Danksagung ... 391

 

Bibliographie ... 393

 

 

Practice theory and the synchrony of social reproduction and transformation

 

Based on the work of Pierre Bourdieu, Michel Foucault, Judith Butler, and Bruno Latour, the book Die Instabilität der Praxis. Reproduktion und Transformation des Sozialen in der Praxistheorie by Hilmar Schäfer examines how practice theory could engage with the ambivalent relationship between the stability and instability of social phenomena. In order to find a productive way of dealing with this ambivalence, the book suggests a conceptualization of social practice as specific forms of enduring iteration and provides an analytical vocabulary as well as methodological principals for upcoming practice theoretical studies.



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