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Neue Wege in der Narratologie

Eine Rezension von

Schäbler Alber Beyond


Alber, Jan; Per Krogh Hansen (Hg.): Beyond Classical Narration: Transmedial and Unnatural Challenges. (Narratologia 42) Berlin: de Gruyter, 2014.

Der Sammelband erweitert die klassisch-strukturalistische Narratologie um zwei vielversprechende Wege. Zum einen stellt er den transmedialen Ansatz vor, zum anderen wird das relativ neue Forschungsfeld der unnatural narratology umrissen und um exemplarische Analysen erweitert. Der Band überzeugt durch seine breit gefächerten Analysebeispiele aus den unterschiedlichsten Bereichen und zeigt auf, wie innovative Ansätze für die Praxis fruchtbar gemacht werden können.


  > Inhaltsverzeichnis        > English Abstract              

 

Derzeit mangelt es nicht an Ansätzen, den klassischen, oftmals textimmanent arbeitenden Strukturalismus um kontextsensitive Methoden zu erweitern. Der Sammelband Beyond Classical Narratology führt dieses Forschungsfeld im Rahmen der bereits fest etablierten Reihe Narratologia fort und beschreitet zugleich einen neuen, vielversprechenden Weg. Anstatt diverse postklassische Ansätze eklektisch neben einander stehen zu lassen, gruppieren sich die Beiträge um zwei klar definierte Ansätze innerhalb der Erzählforschung: Zum einen die intermediale und zum anderen die unnatürliche Erzählforschung, die sich unter dem gängigeren Begriff der unnatural narratology etabliert hat.

 

Vor allem eine Gruppe dänischer, deutscher und amerikanischer Forscher hat unlängst in mehreren Publikationen den Ansatz der unnatural narratology entwickelt und vertreten. In der Einleitung zum vorliegenden Band skizzieren Jan Alber, Brian Richardson, Henrik Skov Nielsen und Stefan Iversen ihr Vorhaben, zwei Ansätze vorzustellen und praktisch durch die Beitragenden erproben zu lassen. Die unnatural narratology widmet sich Themen, Motiven und Darstellungsstrategien in fiktionalen Werken, die mit dem herkömmlichen Weltwissen der Rezipienten inkompatibel sind bzw. in der realen Welt unmöglich wären (S. 2). So stellen etwa Figuren, die sich in denkende und fühlende Käfer verwandeln, Häuser, die ständig ihre Gestalt ändern, oder eigentlich verstorbene Erzähler besondere Herausforderungen an die Interpretation dar. Die unnatural narratology beleuchtet, wie Leser mit dieser Herausforderung umgehen. Dabei reicht das Spektrum von der Suche nach einer doch realitätskompatiblen Erklärung bis hin zur vorbehaltlosen Akzeptanz des Widerspruchs.

 

Der zweite Ansatz, die transmediale Erzählforschung, erweitert die ursprünglich rein philologisch orientierte Narratologie auf andere Medien (u.a. Film, Comic, Musik, Computerspiel) und versucht medienübergeifende Interdependenzen, aber auch medienspezifische Phänomene analytisch zu fassen. So lotet sie etwa aus, inwiefern sich genuin literaturspezifische Erzähltechniken (beispielsweise Erzähler, Perspektive, Zeitkonzepte) auch auf andere Medien applizieren lassen, oder ob hier Modifikationen oder Neukonzeptualisierungen nötig sind (S. 2).

 

Die Bandbreite an Beispielen, Medien und Themen in den einzelnen Beiträgen weiß im Folgenden durchweg zu überzeugen: So befassen sich die Beiträge mit dem Medium Film (Brütsch, Schmid, Thon), Comic (Thon), Drama und Darstellungskunst (Martens & Elshout, Hennaut), Musical (Hansen), Internet-Serien (Kuhn), Computerspiel (Thon), literarische Reportage (Berning), alternative reality games (Meifert-Menhard), Fotografie (Tsuchiyama) und Musik (Pawlowska).

 

Jan-Noёl Thon macht sich für eine Öffnung der Narratologie stark (25ff.): weg von medienspezifischen Betrachtungen und hin zu medienübergreifenden Phänomenen sowie Erzählstrategien. Sein Beitrag löst diesen Anspruch gelungen ein, indem er sich mit den intermedialen Bezügen zwischen gleich drei Medien befasst: Comics (graphic novels), Filmen und Computerspielen. Am Beispiel medienspezifisch unterschiedlicher Ausprägungen der Erzähler-Funktion zeigt er auf, dass der Blick auch für unterschiedliche narratologische Konzepte zwischen den Medien geschärft werden sollte.

 

Gunther Martens und Helena Elshout untersuchen Manifestationen von Erzählerfiguren und Funktionen in verschiedenen Formen des Dramas (81ff.). Sie erweitern dabei auf sinnvolle Weise den Fokus vom Binnentext hin zu Paratexten und Bühnenanweisungen. Am Beispiel von Kleists Amphytrion (1807) zeigen sie auf, wie das Drama den Erzähler in den Sekundärtext verschiebt – ein Konzept das im postklassischen Drama breiten Anklang fand. Durch konkurrierende Erzählerinstanzen, etwa in der Form von Bildschirmen auf der Bühne oder anderer semiotischer Kanäle, werde die bislang im Drama vernachlässigte Frage nach unterschiedlichen Erzählebenen relevant.

 

Markus Kuhn befasst sich indes mit innovativen Internetserien und deren Spiel mit Authentizität sowie Metafiktionalität (137ff.). Anhand zweier Beispiele zeigt Kuhn auf, wie die Serien zwischen Amateur-Ästhetik und professioneller Gestaltung oszillieren und dabei meta-reflexive Fragen aufwerfen.

 

Yoko Tsuchiyama untersucht das narrative Potential dokumentarischer Fotographie (179ff.). Sie analysiert die ideologischen Implikationen der Bildgestaltung und wie diese immer auch Narrationen inszenieren. Am Beispiel von Fotografien des zerstörten Nagasaki zeichnet sie die historische Variabilität von Interpretationen nach.

 

Die Reihe von Analysen zu unterschiedlicher Medien wird abgerundet durch Malgorzata Pawlowska und Per Krogh Hansen, die sich in ihren jeweiligen Beiträgen mit dem narrativen Potential von Musik beschäftigen. Hansen untersucht in Lars von Triers autoreflexiven Musical Dancer in the Dark (2000) die fundamentalen Unterschiede zwischen kognitionslastiger Narrativität und emotionslastiger Musikalität (221ff.). Pawlowska umreißt schließlich das noch junge Feld der musikalischen Narratologie (197ff.). Anhand diverser Beispiele zeigt sie auf, inwiefern bestimmte musikalische Elemente narrative Eigenschaften besitzen.

 

Bis zu diesem Punkt stehen die Beiträge noch recht unvermittelt nebeneinander – eine schon fast zwangsläufige Folge der medialen Bandbreite in diesem Sammelband – und sind zudem durchgängig intermedial ausgerichtet. Das Versprechen, auch unnatürliche Erzählformen zu berücksichtigen, lösen dann die beiden letzten Beiträge von Henrik Skov Nielsen und Jan Alber auf spannende Weise ein. In einem kritischen Dialog spricht sich Nielsen für 'unnatürliche' Lesestrategien aus, bei denen dezidiert auf die Anwendung von Wissen um realweltliche Bedingungen bei der Textrezeption verzichtet wird (239ff.). Demgegenüber zeigt Alber auf, wie unnatürliche Erzählungen mit realweltlich unmöglichen Themen oder Darstellungstechniken erfolgreich naturalisiert werden können (261ff.). Letztlich sei dies durch neu entstehende kognitive Parameter möglich, die sich aus diversen realweltlichen Bezugsrahmen speisen und mischen würden.

 

Insgesamt eröffnet der Band viele hochinteressante Zugänge zur Narrativität verschiedenster Medien. Die Spannweite hat freilich den Nachteil, dass ein Dialog zwischen den Beiträgen praktisch kaum stattfindet – ein Problem vieler Sammelbände. Zudem liegt ein deutlicher, quantitativer Schwerpunkt auf intermedialen Fragestellungen, womit das unnatürliche Erzählen nur punktuell in den Fokus rückt. Jedoch treten die beiden abschließenden Beiträge zu unterschiedlichen Rezeptionsstrategien bei unnatürlichen Texten in einen produktiven und unterhaltsamen Dialog miteinander. Hier kann die Leserin miterleben, wie sich ein noch junges Forschungsfeld konsolidiert und in kritischem Dialog selbst reflektiert. Ein methodisch wie inhaltlich wichtiger Band für jene Leserschaft, die sich für innovative theoretische Fragestellungen abseits etablierter und abgenutzter Theoriedebatten interessiert.

 

 

Alber, Jan; Per Krogh Hansen (Hg.): Beyond Classical Narration: Transmedial and Unnatural Challenges. (Narratologia 42) Berlin: de Gruyter, 2014. 285 S., gebunden, 83.95 Euro. 978-3110352573.

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

JAN ALBER & PER KROGH HANSEN: Introduction: Transmedial and Unnatural Narratology ... 1

 

WOLF SCHMID: The Selection and Concretization of Elements in Verbal and Filmic Narration ... 15

 

JAN-NOËL THON:  Toward a Transmedial Narratology: On Narrators in Contemporary Graphic Novels, Feature Films, and Computer Games ... 25

 

MATTHIAS BRÜTSCH: From Ironic Distance to Unexpected Plot Twists: Unreliable Narration in Literature and Film ... 57

 

GUNTHER MARTENS & HELENA ELSHOUT:  Narratorial Strategies in Drama and Theatre: A Contribution to Transmedial Narratology ... 81

 

BENOÎT HENNAUT: Building Stories around Contemporary Performing Arts: The Case of Romeo Castellucci's Tragedia Endogonidia ... 97

 

NORA BERNING: Narrative Journalism from a Transdisciplinary Perspective:  A Narratological Analysis of Award-Winning Literary Reportages ... 117

 

MARKUS KUHN: Web Series between User-Generated Aesthetics and Self-Reflexive Narration: On the Diversification of Audiovisual Narration on  the Internet ... 137

 

FELICITAS MEIFERT-MENHARD: Emergent Narrative, Collaborative Storytelling: Toward a  Narratological Analysis of Alternate Reality Games ... 161

 

YOKO TSUCHIYAMA : Photography and Narrative: The Representation of the Atomic  Bomb in Photographs of Nagasaki from 1945 to 1995 ... 179

 

MAŁGORZATA PAWŁOWSKA: Musical Narratology: An Outline ... 197

 

PER KROGH HANSEN:  Flow-Stoppers and Frame-Breakers: The Cognitive Complexities of the Film Musical Exemplified by Lars von Trier's Dancer in the Dark ... 221

 

HENRIK SKOV NIELSEN: The Unnatural in E.A. Poe's "The Oval Portrait" ... 239

 

JAN ALBER Postmodernist Impossibilities, the Creation of New Cognitive Frames, and Attempts at Interpretation ... 261

 

Notes on Contributors ... 281

 

 

New Paths in Narratology

 

The anthology expands classical structuralist narratology by exploring two promising paths: transmedial and unnatural narratology. The latter constitutes a relatively new approach in the field. Both these approaches are demonstrated with a broad range of examples and across a scope of different media. The collection of essays thus fruitfully bridges the gap between theory and practice and demonstrates the innovative insights of postclassical narratology.

 


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