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Mehrsprachigkeit integrativ denken: Kognitive und kulturwissenschaftliche Perspektiven auf den mehrsprachigen Sprachenerwerb

Eine Rezension von 

Stamenkovic Roche Mehrspr.


Roche, Jörg: Mehrsprachigkeitstheorie. Erwerb – Kognition – Transkulturation – Ökologie. Tübingen: Narr, 2013.

Im Studienbuch Mehrsprachigkeitstheorie fasst Jörg Roche wichtige Ergebnisse der Mehrsprachigkeitsforschung zusammen, indem er kognitive und kultursensitive Aspekte des Sprachenerwerbs und des Sprachenmanagements berücksichtigt. Roche diskutiert zahlreiche Studien aus den Bereichen des multiplen Sprachenerwerbs sowie der Sprachenverarbeitung  und bringt sie in Zusammenhang mit fachdidaktischen Konzepten und Methoden der Kulturvermittlung. Dabei beleuchtet er eine Reihe von kognitionspsychologischen, gesellschaftlichen und bildungspolitischen Faktoren, die den Erwerb und die Förderung von Mehrsprachigkeit beeinflussen und liefert erste Hinweise zu ihrer unterrichtspraktischen Relevanz.


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Das Interesse der Fremdsprachendidaktik an Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Wie Roche zu Recht betont, standen im Fokus der deutschsprachigen Forschung bisher eher linguistische und didaktisch-methodische Aspekte der Mehrsprachigkeit und des Sprachenerwerbs (vgl. S. 7). Roches kognitionswissenschaftliche Ausrichtung auf diese Thematik, d.h. die Frage wie verschiedene Sprachen und Kulturen im kognitiven System mehrsprachiger Lerner zusammenwirken, eröffnet daher neue Perspektiven auf dieses diffuse Forschungsfeld. So skizziert er, wie Transkulturationsprozesse im Rahmen eines kognitions-psychologischen Verfahrens der Schema- und Modellentwicklung erfasst werden können, wobei Fremdheit nicht als Ausnahme sondern als Normalität zu verstehen sei.

 

Die Monographie ist in sieben Kapitel und ein Literaturverzeichnis gegliedert. Jedes Kapitel enthält eine strukturierte und übersichtliche Zusammenfassung relevanter Forschungsarbeiten, die durch zusätzliche Exkurse zu spezifischen Themenbereichen erweitert werden. Trotz der Fülle der präsentierten Studien entsteht nicht der Eindruck einer Theorielastigkeit, da die komplexen theoretischen Überlegungen durch zahlreiche Beispiele aus verschiedenen Bildungskontexten ergänzt werden. Die begleitende Webseite zum Buch enthält weitere Materialien, die zur Illustrierung vorgestellter Forschungsergebnisse dienen. Dabei handelt es sich um nähere Erläuterungen beschriebener Modelle, Statistiken, Auszüge aus bildungspolitischen Dokumenten und Lernertexte.  

 

Das erste Kapitel zeigt, wie sich kulturell geprägte Schemata in Sprache manifestieren und wie diese wiederum von Sprache beeinflusst werden. Als Lösung für die hieraus resultierenden Probleme der interkulturellen Kommunikation diskutiert der Verfasser verschiedene Standardisierungsansätze, u.a. die Nutzung des Englischen als Lingua franca. Er warnt davor, eine künstliche Einsprachigkeit und ein simplifiziertes Verständnis von Globalisierung zu vermitteln und plädiert für die Förderung einer linguistischen Pluralität (vgl. S. 40).

 

Die Frage, welche kognitiven Prozesse beim Aufbau und Management von Sprachen eine wichtige Rolle spielen, steht im Mittelpunkt des zweiten Kapitels. Thematisiert werden zentrale Prozesse des Sprachenerwerbs - von Chunking und Dechunking bis hin zum Aufbau einer Basisvarietät, das heißt einer ersten konsistenten Grammatik. Von unmittelbarer Relevanz für die Fremdsprachendidaktik ist insbesondere die Frage nach der Interaktion mit der sprachlichen Eingabe. Die Erkenntnis, dass ein inhaltlich orientierter, stark auf den Gebrauch ausgerichteter Sprachenerwerb zu besseren Lernergebnissen führt als formbasierte Verfahren ist von wesentlicher Bedeutung für die Gestaltung des Fremdsprachenunterrichts (vgl. S. 94).

 

Im Hinblick auf das Thema Sprachenverarbeitung im dritten Kapitel sind für die Mehrsprachigkeitsforschung besonders die Ausführungen zum mehrsprachigen mentalen Lexikon von Interesse. Roche berichtet von der Annahme, dass der Wortschatz aller verfügbaren Sprachen eines Individuums gemeinsam gespeichert und aktiviert werden kann. Dies erklärt Phänomene wie Interferenz und Codeswitching (vgl. S. 120). Im Anschluss thematisiert Roche die Nutzung von Metaphern im Fremdsprachenunterricht und illustriert wie unterschiedlich die semantischen Systeme von Sprachen sein können. Schließlich zeigt er anhand konzeptueller Grammatikanimationen, wie eine kognitiv orientierte Didaktik in der Unterrichtspraxis umgesetzt werden kann. Ein Modell kognitiver Didaktik fasst die kognitionswissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten beiden Kapitel zusammen (vgl. S. 158).

 

Im vierten Kapitel gibt Roche eine Einführung in die verschiedenen Modelle der Mehrsprachigkeit und plädiert dafür, Mehrsprachigkeit als ein "dynamisches ökologisches System" (S. 160) zu verstehen. Die gesellschaftlichen Diskurse rund um das Thema Mehrsprachigkeit werden anhand verschiedener Studien der Migrations- und Bildungsforschung dargestellt, wobei der „konzeptuell monolingual[e] Modus“ (S. 189) dieser Studien kritisiert wird.

 

Das fünfte Kapitel schlägt eine Brücke zwischen dem sprachlichen und dem kulturellen Lernen, indem es verschiedene kulturvermittelnde Ansätze der Fachdidaktiken vorstellt. Sie reichen von traditionell faktenorientierten Verfahren bis hin zu solchen, die konstruktivistische Aspekte des Fremdverstehens ins Zentrum rücken. Dabei kritisiert Roche zu Recht, dass diese kulturdidaktischen Modelle nur sehr selten die Aspekte des Sprachenerwerbs integrieren und damit der Interdependenz zwischen Sprache und Kultur nicht gerecht werden.

 

Viele dieser Modelle wurden neuerdings durch das kulturwissenschaftliche Konzept der Transkulturation ergänzt, das Roche im sechsten Kapitel zusammen mit den kognitionspsychologischen Prozessen der Schema- und Modellentwicklung denkt. Damit zeigt er, dass Wissensorganisation eine transkulturelle Qualität haben kann, womit die gängige Dichotomie des Eigenen und des Fremden obsolet werde (vgl. S. 262).

 

Als Schlussfolgerung seiner theoretischen Überlegungen formuliert Roche auf den letzten Seiten seiner Monographie zehn Vorschläge zur Zukunft des Sprachenunterrichts, die auf eine integrative Ausbildung kommunikativer, kultureller und transkultureller Kompetenzen abzielen.

 

Der Monographie gelingt es, die Vielfalt kognitionswissenschaftlicher Erkenntnisse zu Themen wie Sprachenerwerb, Sprachenverarbeitung und Mehrsprachigkeit abzubilden und sie mit kulturwissenschaftlichen Ansätzen zu verknüpfen. Dabei geht Roche sehr differenziert auf einzelne Aspekte dieser Forschungsfelder ein, die trotz der überwiegend strukturierten Darstellung manchmal zusammenhangslos wirken. Eine stärkere Vernetzung der einzelnen Kapitel durch Überleitungen oder Ergebniszusammenfassungen, wie bereits in einigen Kapiteln vorhanden, würde zu einer besseren Orientierung der Leser_innen beitragen. Kritisch anzumerken ist außerdem der hohe Anteil an komplexer Fachterminologie, die etwaigen Studienanfängern_innen weitgehend unbekannt sein dürfte. Dem wäre durch das Anlegen eines Glossars mit kurzen Erklärungen zu zentralen kognitionswissenschaftlichen Begriffen abgeholfen.

 

Insgesamt bietet das Studienbuch einen äußerst lohnenswerten und interdisziplinären Einblick in die Mehrsprachigkeitstheorie. Es liefert erste Grundlagen und Anregungen für eine integrative Mehrsprachigkeitsdidaktik, die sprachliche und kulturelle Aspekte mehrsprachiger Kommunikation gleichermaßen berücksichtigt. Sowohl Theoretiker_innen als auch Praktiker_innen ermöglicht diese Monographie differenzierte Einsichten in ein Thema, das selten so umfassend betrachtet wurde.

 

 

Roche, Jörg: Mehrsprachigkeitstheorie. Erwerb – Kognition – Transkulturation – Ökologie. Tübingen: Narr, 2013. 318 S., broschiert, 24.99 Euro. ISBN 978-3-8233-6697-3.

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Danksagung … IX

 

Prolog … 1

 

Einleitung … 5

Interkulturelle Kommunikation im Zeitalter der Globalisierung … 5

Interkultureller Fremdsprachenunterricht … 8

 

1. Kultursprache und Sprachkultur … 12

1.1 Sprache und Identität … 18

1.2 Sprache und Denken … 20

1.3 Semantik und Lexik … 21

1.4 Gestik, Mimik und Proxemik … 26

1.5 Text und Diskurs … 28

1.6 Kommunikationsmaximen … 32

1.7 Standardisierung als Lösungsansatz … 34

1.7.1 "Überflieger-Strategie" Lingua franca … 35

1.7.2 Regel-Strategie Sprachnormung … 40

1.7.3 Pragmatik-Strategie fachsprachliche Kommunikation … 42

1.8 Zur Operationalisierung von Linguakulturen: Kultureme und Behavioreme … 44

1.9 Zur Rolle der elektronischen Medien in interkultureller Kommunikation … 45

 

2. Erwerbslinguistik … 48

2.1 Zweit- und Fremdsprachenerwerb … 48

2.2. Prozesse des Sprachenerwerbs … 54

2.2.1 Chunking und Dechunking … 55

2.2.2 Von den Chunks zur Basisvarietät … 58

2.3 Zeit- und Raumkonzepte im Sprachenerwerb … 63

2.3.1 Temporalität … 63

2.3.2 Räumlichkeit … 64

2.3.3 Beziehungen von Raum und Zeit … 67

2.4 Vom Wort zur Grammatik und zum Text … 69

2.5 Erwerbssequenzen und Verarbeitungshypothese … 72

2.6 Fossilisierung und Stabilisierung … 82

2.7 Formorientierung und Inhaltsorientierung … 87

2.7.1 Strukturen im Sprachenerwerb … 87

2.7.2 Interferenz … 94

2.7.3 Xenolekte … 98

2.7.4 Vereinfachte Eingabe im Sprachenerwerb … 107

 

3. Sprachverarbeitung … 109

3.1 Gehirnzentren … 109

3.2 Bedeutungskonstruktion … 112

3.3 Sprachverstehen und Sprachproduktion … 114

3.3.1 Sprachenknoten … 118

3.3.2 Das mehrsprachige mentale Lexikon … 120

3.3.3 Der Erwerb des mentalen Lexikons … 121

3.3.4 Metaphorisierungsprozesse … 123

3.4 Metaphern im Sprachunterricht … 131

3.5 Kognition und Grammatik … 135

3.6 Erwerb und Veränderung mentaler Modelle mit Grammatikanimationen … 137

3.7 Textualität als Konstruktion … 145

3.7.1 Lesen als Konstruktionsprozess… 148

3.7.2 Das Prinzip der kognitiven Plausibilität … 151

3.7.3 Multikodalität und Multimedialität … 152

3.8 Von der didaktischen Grammatik zur kognitiven Didaktik … 156

 

4. Mehrsprachigkeit … 160

4.1 Faktoren der Mehrsprachigkeit … 168

4.2 Modelle des multiplen Sprachenerwerbs … 171

4.2.1 Das Faktorenmodell … 171

4.2.2 Das Rollen-Funktions-Modell … 172

4.2.3 Das dynamische Modell … 173

4.2.4 Das biotisch-ökologische Modell … 177

4.2.5 Mehrsprachigkeit als kulturelles Kapital … 180

4.3 Codeswitching … 182

4.4 Innere und äußere Mehrsprachigkeit … 186

4.5 Mehrsprachigkeit in Migrations- und Bildungsforschung … 189

4.5.1 Bewertung der Sprachfertigkeiten in der Migrationsforschung … 195

4.5.2 Aufenthaltsdauer und Arbeitsmarkt … 197

4.6 Mehrsprachigkeitsdidaktik … 199

 

5. Kulturvermittlung … 202

5.1 Inhalte in der Sprach- und Kulturvermittlung … 204

5.2 Kultur- und Landeskunde … 205

5.3 Multikulturelle Lehrpläne … 207

5.4 Zur Problematik der Kulturbegriffe … 215

5.5 Kultur, Sprache und Kognition … 217

5.5.1 Dimensionen Interkulturellen Trainings … 220

5.5.2 Kulturelle Deutungsmuster … 224

5.6 Komplexitätsreduktion in den Fachdidaktiken … 227

5.7 Erinnerungskulturen … 229

5.8 Interkulturelle Hermeneutik … 232

5.8.1 Innen- und Außenperspektive … 235

5.8.2 Konstruktion und Relationalität des Fremden … 239

5.8.3 Das 5-Phasenmodell der interkulturellen Sprachdidaktik … 242

 

6. Transkulturation und Transdifferenz … 249

6.1 Kommunikative Steuerung sozialer Identitätsprozesse … 249

6.2 Kollektivzugehörigkeit als Ausdruck von pluraler Identität … 250

6.3 Konvergenz und Divergenz im Kulturkontakt … 252

6.4 Transkulturalität und kulturelle Figuration … 254

6.5 Die Normalität des Fremden in der skeptischen Hermeneutik … 256

6.6 Transdifferenz … 257

6.7 Veränderung und Koordination kognitiver Schemata und Modelle … 259

 

7. Postscript: Zehn Vorschläge zur Zukunft des Sprachenerwerbs und Sprachenunterrichts … 263

 

8. Literaturverzeichnis … 269

 

Register … 315

 

Bildnachweis … 319

 

 

Developing Integrative Multilingualism: Cognitive and Cultural Perspectives on Multilingual Language Acquisition

 

In the coursebook Mehrsprachigkeitstheorie, Jörg Roche summarizes the most important results of research on multilingualism and considers cognitive and cultural aspects of language acquisition and language management. Roche discusses different studies on multiple language acquisition as well as language processing and relates them to didactic concepts and methods for teaching culture. Furthermore, he examines a wide range of cognitive, social, and educational factors influencing the acquisition and development of multilingualism and offers first insights into their relevance for the practice of multilingual teaching.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online