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Kulturelle Verarbeitungen von 9/11 aus transkultureller Sicht

Eine Rezension von

Kovach Schmidtgall Traumatische


Schmidtgall, Thomas: Traumatische Erfahrung im Mediengedächtnis. Zur Struktur und interkulturellen Rezeption fiktionaler Darstellungen des 11. September 2001 in Deutschland, Frankreich und Spanien. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2014.

Diese romanistische Studie fokussiert sich auf die europäische Rezeption in Printmedien drei europäischer Länder – Deutschland, Frankreich und Spanien – von US-amerikanischen kulturellen Produkten, die sich mit dem 11. September 2001 beschäftigen. Mit einem gründlich etablierten theoretischen Rahmen und klar definierter Methodik leistet Schmidtgall einen singulären Beitrag zum stetig wachsenden, interdisziplinär-kulturwissenschaftlichen Forschungsfeld, welches 9/11 als traumatisches Medienereignis untersucht.


  > Inhaltsverzeichnis          > English Abstract                 


Traumatische Erfahrung im Mediengedächtnis ist die Publikation des Dissertationsprojektes Dr. Thomas Schmidtgalls (Lehrstuhl für Romanische Kulturwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation, Universität des Saarlandes). Das Buch ist umfangreich im thematischen wie auch – mit seinem 613 Seiten – dimensionalen Sinne. Fokus dieser romanistischen Studie ist die Rezeption von US-amerikanischen kulturellen Produkten (zwei Filme, ein Roman und eine Comic-Serie), die sich mit dem 11. Septembers 2001 in den Printmedien dreier europäischer Länder (Deutschland, Frankreich und Spanien) beschäftigen. Mit einem gründlich etablierten theoretischen Rahmen und klar definierter Methodik leistet Schmidtgall einen singulären Beitrag zum wachsenden, interdisziplinär-kulturwissenschaftlichen Forschungsfeld, welches 9/11 als traumatisches Medienereignis untersucht.

 

Augenmerk dieser Studie ist nicht (nur) die transmediale Breite der US-amerikanischen kulturellen Produkte, die in Betracht gezogen werden – diese Leistung wurde bereits mit Publikationen wie Stefanie Hoths Medium und Ereignis: 9/11 im amerikanischen Film, Fernsehen und Roman (2011) erbracht. Aufbauend auf solche Arbeiten, analysiert Schmidtgall verschiedene mediale Verarbeitungen von 9/11 aus einer innovativen, nämlich transkulturellen Perspektive. In einer akribischen Vorgehensweise werden sowohl quantitative Ergebnisse als auch qualitative Betrachtungen über die Rezeption in der deutschen, französischen und spanischen Presse bis zum fünften Jahr nach dem 11. Septembers 2001 untersucht. Es sind sämtliche Rezeptionen der Filme World Trade Center (Regie: Oliver Stone) und United 93 (Regie: Paul Greengrass), des Romans Extremely Loud and Incredibly Close von Jonathan Safran Foer, und des Comics In the Shadow of No Towers von Art Spiegelman berücksichtigt. Die Rezeption dieser populären kulturellen Verarbeitungen von 9/11 untersucht Schmidtgall, um unter anderem "die Wahrnehmung der USA und US-amerikanischer Medienprodukte" (14) in den jeweiligen Ländern zu verstehen. Schmidtgall zeigt dabei eine Sensibilität für die unterschiedlichen, historisch geprägten Verhältnisse zwischen den USA und diesen drei europäischen Ländern auf. Gleichzeitig schafft er es herauszustellen, welche Gemeinsamkeiten sich etablieren. Ziel ist zu erfassen, "ob sich in der Rezeption eine kollektive, kulturelle Schockwirkung des 11. September 2001 als Trauma auch für die drei westeuropäischen Nationen nachweisen lässt" (16-17) – "ob sich auch Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Sinne einer transnationalen, besser transkulturellen Redeweise über den 11. September abzeichnen" (17).

 

Die Ergebnisse dieser vergleichenden Arbeit folgen, nachdem Schmidtgall die theoretische Grundlage und Diskussion über den "11. September als globales Ereignis" aufarbeitet hat. Er fasst einige Haupttheorien und Definitionen des Medienbegriffes (von Roland Posner, Marschall McLuhan, Siegfried J. Schmidt, und weiteren) zusammen; durchschreitet wichtige Beiträge zum Thema kollektives Gedächtnis und nähert sich an einen Begriff des Mediengedächtnisses an. Die Rezeptionstheorie und Diskursforschung, mit entsprechenden Verweisen auf die Arbeiten von Wolfgang Iser und Stuart Hall werden abschließend besprochen. Diese Teile des Projektes schaffen einen strukturierten Überblick und erörtern mehrere relevante Forschungsbereiche, Theorien, Konzepte und Begriffe. Sie dienen als Ausgangspunkt für die eigentliche Untersuchung und bleiben deswegen vorwiegend überblickend bzw. zusammenfassend.

 

Der Ereignisbegriff wird hier in einem generellen philosophischen Sinne (angelehnt an Heidegger) und im kontextspezifischen Sinne, das heißt mit Bezug auf den 11. September, hervorgehoben. Verschiedene Meinungen, etwa von Jean Baudrillard, Slavoj Žižek und Jacques Derrida, zur Einordnung von 9/11 als Ereignis werden verglichen. Schmidtgall betont, dass nach Foucault der Ereignisbegriff überwiegend als diskursives Konstrukt betrachtet wird. Hier hätte Schmidtgall allerdings die Ontologie Alain Badious erwähnen können, die eine wichtige, neue Sicht auf das Ereignis in den letzten Jahren hervorgebracht hat.

 

Viele Themenbereiche, die diese Studie anspricht, sind Zeichen einer arbeitsintensiven und genauen Recherche. An einer Stelle etwa präsentiert Schmidtgall mehrere Graphiken (Balken- und Kuchendiagramme) um zu zeigen, wie lange die Sendezeit des 9/11 Ereignisses im deutschen, französischen und spanischen Fernsehen anhielt. Die eigentliche Untersuchung, die "Rezeptionsanalyse der ausgewählten fiktionalen Darstellungen", unterteilt die Rezeption nach mehreren Kategorien, Kriterien und aus verschiedenen Perspektiven. Bei der Untersuchung der Rezeption von Extremely Loud and Incredibly Close in den deutschen Printmedien wird zum Beispiel die Anzahl der Beiträge nach Printmedium (SZ, FAZ, Die Welt, etc.) und "perzeptiven Äußerungen" (Sentimentalität, Postmoderne, Fiktion, Kitsch, etc.) in Tabellen untergliedert.

 

Solche detaillierten Betrachtungen und summarischen Zusammenfassungen münden im letzten Kapitel in elf synthetisierende Ergebnisse. Er listet diverse, hochinteressante Schlussfolgerungen auf, die als Ausgangspunkte für weitere Studien gut dienen könnten. These "a" zum Beispiel besagt, dass "je artikulierter und je dichter die fiktionalen Darstellungen, desto intensiver [...] reagierten die Kritiker in allen drei Ländern hinsichtlich der Rezeption" (558). Dies hat interessante Implikationen sowohl für die Rezeptionstheorie verschiedener Medien, als auch für die kognitive Rezeptionstheorie. Weiterhin lautet These "h", dass "alle drei Länder die USA als ein Land in einer tiefen gesellschaftlichen und politischen Krise beschreiben" (564); These "i" wiederum, dass 9/11 "unbestreitbar auch im kollektiven Gedächtnis der drei europäischen Gesellschaften als traumatische Erfahrung fest verankert ist" (565). Diese paradoxe Mischung aus kritischer Betrachtung von außen sowie Zusammenhalt und Mitgefühl zeigt nicht nur die ambivalente Rezeption von US-amerikanischer Kultur, sondern auch die Verhältnisse zwischen den USA und den drei europäischen Ländern. All dies prägt die tiefgründigen Verhältnisse, welche sich zugleich in unserer post-9/11 Welt immer wieder neu definieren. 

 

 

Schmidtgall, Thomas: Traumatische Erfahrung im Mediengedächtnis. Zur Struktur und interkulturellen Rezeption fiktionaler Darstellungen des 11. September 2001 in Deutschland, Frankreich und Spanien. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2014. 613 S., 78.00 Euro. ISBN: 978-3-8260-5411-2.

 

 

Inhaltsverzeichnis (verkürzt)

 

I. Einleitung ... 13

1. Zielsetzung und Fragestellung ... 14

2. Aufbau der Arbeit ... 17

3. Methodische Vorgehensweise ... 20

4. Forschungslage ... 27

 

II. Theoretische Grundlagen ... 32

1. Medien und ihre kulturelle Bedingtheit ... 33

2. Medien und das kollektive Gedächtnis ... 39

3. Rezeptionstheorien, Diskursforschung und Medien als Kommentarformen der Öffentlichkeit ... 47

4. Zusammenfassung ... 58

 

III. Der 11. September als Globales Ereignis ... 60

1. Der 11. September als Ereignis in den Medien ... 66

2. Der. 11. September als Trauma aus kulturwissenschaftlicher Perspektive ... 75

3. Das kollektive Gedächtnis und die Terroranschläge ... 82

4. Die Erinnerungskultur im Fernsehen ... 86

 

IV. Mediale und künstlerisch-intellektuelle Darstellungen des 11. September ... 102

1. Film, Literatur, Comic – Existiert ein erinnerungsadäquates Medium? ... 102

2. Mediale Ver- und Bearbeitungsformen des 11. September – eine Querschnittsbetrachtung ... 128

 

V. Präsentation und Analyse der ausgewählten fiktionalen Darstellungen ... 145

1. World Trade Center von Oliver Stone ... 146

2. United 93 von Paul Greengrass ... 163

3. Extremely Loud and Incredibly Close von Jonathan Safran Foer ... 177

4. In the Shadow of No Towers von Art Spiegelman ... 199

 

VI. Rezeptionsanalyse der ausgewählten fiktionalen Darstellungen ... 219

1. World Trade Center und United 93 ... 226

2. Extremely Loud and Incredibly Close von Jonathan Safran Foer ... 392

3. In the Shadow of No Towers von Art Spiegelman ... 486

 

VII. Schlussbetrachtung und Zusammenführung der Ergebnisse ... 551

 

VIII. Literaturverzeichnis ... 570

 

 

The cultural processing of 9/11 from a transcultural perspective

 

This romance-studies work focuses on the European reception, in print media from three countries, of American cultural products that deal with September 11, 2001. With a thoroughly established theoretical framework and clearly defined methods, Schmidtgall achieves a unique contribution to the growing interdisciplinary field in the study of culture that investigates 9/11 as a traumatic media event.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online