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Akira Kurosawa – ein Regisseur zwischen Ost und West

Eine Rezension von Alexander

Querengässer Stiglegger Kurosawa


Stiglegger, Marcus: Kurosawa. Ästhetik des langen Abschieds. München: edition text + kritik, 2014.

Akira Kurosawa ist einer der großen Namen in der Geschichte des Kinos. Seine Filme haben Regisseure in unzähligen Ländern beeinflusst und tun es bis heute. Nach langer Zeit legt Marcus Stiglegger nun eine lesenswerte Monografie über Leben und Werk des Meisters vor. Kurosawas Werke zeigen thematisch eine starke westliche Beeinflussung und sind doch eng in der japanischen Kultur verwurzelt. Da besonders der Umgang mit dem Tod und der Prozess des Sterbens den Filmemacher faszinierten, nannte Stiglegger sein Buch „Die Ästhetik des langen Abschieds“.


> Inhaltsverzeichnis          > English Abstract               

 

Er ist einer der meistgeschätzten Regisseure in der Geschichte des Film – und gleichzeitig einer der meist verkanntesten: Akira Kurosawa. In seiner Heimat wurde er durchaus kritisch rezipiert, als ein Filmemacher, der starken westlichen Tendenzen nachging, u.a. verfilmte er Stoffe von Shakespeare, Dostojewski und Dashiell Hammet. Im Westen hingeben gelten seine historischen Stoffe als klassische Beispiele des "Samuraifilmes". Obwohl die Popularität Kurosawas auch durch das Medium DVD nach wie vor hochgehalten wird, liegt die letzte filmwissenschaftliche Würdigung im deutschsprachigen Raum bereits zehn Jahre zurück. Marcus Stiglegger legte daher nun eine detaillierte, wohl strukturierte und gut lesbare Monografie vor. Es ist ein mustergültiges Beispiel für eine gelungene Mischung aus Lebensskizze und Werkanalyse.

 

Nachdem Stiglegger einleitend die Zielstellung seines Buches umrissen hat, liefert er eine biografische Skizze Kurosawas, die etwa ein knappes Drittel des Buches einnimmt. Der junge Kurosawa studierte die Kunst des Kendo ("Stockfechten" in der Tradition der Schwertkampfkunst der Samurai) und strebte ursprünglich eine Karriere als Maler ein. Sein älterer Bruder Heigo führte ihn in die Welt des Films ein, wo er wenig später Regieassistent von Kajiro Yamamoto wurde. 1943 inszenierte er seinen ersten Spielfilm Die Legende vom großen Judo. Und schon damals wurden seine Geschichten von den Zensurbehörden als zu westlich eingestuft. Trotzdem war sein Aufstieg nicht aufzuhalten. Zwischen 1948 und 1965 zählte er zu den erfolgreichsten und einflussreichsten japanischen Regisseuren. Internationale Aufmerksamkeit errang er spätestens 1950, als sein Film Rashomon auf den Filmfestspielen in Venedig den Goldenen Löwen gewann. Es waren insbesondere die historischen Stoffe Kurosawas, die neue Trends setzten. Sein Hit Die sieben Samurai (1954) wurde in den USA von John Sturges zum Westernklassiker Die glorreichen Sieben (1961) umgearbeitet. In Italien nahm sich Sergio Leone Kurosawas Yojimbo (1961) zum Vorbild für seinen eigenen Für eine Handvoll Dollar (1964). Die Filme des Japaners beeinflussten den Italowestern, den chinesischen Martial Arts Film und das amerikanische New Hollywood Cinema. Trotzdem hatte Kurosawa nach 1965 Probleme seine Projekte zu finanzieren. Nach einem vergeblichen Versuch in Hollywood Fuß zu fassen, versuchte er Selbstmord zu begehen. Es war einer seiner Schüler, der ihm wieder auf die Beine verhalf. Nach dem Erfolg von Krieg der Sterne (1977), der viele Elemente von Kurosawas Die verborgene Festung (1958) übernahm, überzeugte George Lucas Paramount schließlich, das nächste Projekt des Meisters zu finanzieren. Mit Kagemusha (1980) und RAN (1985) feierte Kurosawa ein fulminantes Comeback. 1998 starb er an den Folgen eines Hirnschlags.

 

Von zentraler Bedeutung für seine Filme ist sein Verständnis vom "bushido". Die Lebensphilosophie der Samurai ist in den historischen Stoffen Kurosawas zwar offensichtlich, beeinflusste aber auch die Charakterisierung der Protagonisten seiner zeitgenössischen Stoffe, etwa in Engel der Verlorenen (1948) und Ikiru (1952). Dass die historischen Filme des Regisseurs im Westen oft simplifizierend als "Samuraifilme" bezeichnet werden, veranlasste Stiglegger eine kurze Erklärung zum japanischen Chambara-(Schwertkampf) Kino abzugeben. Er verdeutlicht, dass die wenigsten von Kurosawas Figuren echte Samurai im japanischen Sinne sind, sondern im besten Fall Ronin, im schlimmsten Fall clowneske Figuren und Hochstapler.

 

Im dritten Abschnitt analysiert Stiglegger die Techniken Kurosawas und schreibt diesem die Rolle eines "Auteurs" im Sinne des Cahirs de cinema zu. Kurosawa benutzte in seinen Werken eine Reihe wiederkehrender Techniken. So versuchte er stets den Raum zu reduzieren und Bildern ihre Tiefe zu nehmen; oder er zog Rahmengebilde um seine Figuren, die entweder trennen oder stärker akzentuieren. Der Tod bildet ebenfalls ein omnipräsentes Thema in seinen Werken, er betont ihn auf seine eigene Art und Weise. Während viele Actionregisseure ihren Fokus auf den Akt des Tötens legen, war Kurosawa stärker fasziniert vom Prozess des Sterbens. So verweigert er seinem Zuschauer in der finalen Schlacht von Kagemusha das Kampfgeschehen und spiegelt deren Dramatik in den Gesichtern der Mitglieder des Takeda-Clans. Auch die Verwendung von Zeitlupen diente der Ästhetisierung des Sterbeprozesses. Diese Technik, erstmals angewandt in Die sieben Samurai, sollte einen großen Einfluss auf das Kino Sam Peckinpahs ausüben. In weiteren Abschnitten geht Stiglegger auf Kurosawas Montagetechniken, auf die Einflüsse des japanischen No-Theaters in seinen Filmen, auf die intensive Verwendung von Licht- und Schatten in seinen Schwarz-Weiß Filmen, auf Komik und Traumwelten, die Bedeutung von Gesichtern sowie die Einbeziehung der Natur ein, welche Kurosawa wie kaum ein anderer zur Untermalung von Stimmung und Gefühlswelten nutzt.

 

Im vierten Kapitel analysiert der Autor die Darstellung des Heroischen bei den Protagonisten Kurosawas. Stiglegger bemüht vor allem die Theorien westlicher Autoren und Autoritäten (zum Beispiel Friedrich Schiller), um das Wesen des Heros, der Tragödie und des Pathos zu erklären. Seine Ausführungen scheinen bezogen auf die Filme Kurosawas zwar schlüssig, dennoch definiert er diese Begriffe aus dem japanischen Kulturraum heraus  nur unzufrieden stellend.

 

Abschließend unterstreicht der Autor die breite Bedeutung Kurosawas für das Weltkino. Seine Filme wurden als Remakes in andere Genres transferiert. Die großen Regisseure des italienischen Western – etwa Sergio Leone, Sergio Corbucci, oder Duccio Tessari – beziehen sich in ihren frühen Werken sehr stark auf die Werke des "Sensei". Kurosawas Zeitlupentechnik war Inspiration für Sam Peckinpah, der daraus eine ganz eigene Bildästhetik entwickeln sollte.

 

Marcus Stigglegger hat mit dem vorliegenden Band eine ausgewogene Mischung aus Biografie und Filmanalyse vorgelegt. Sein Werk ist flüssig lesbar, seine Sprache über weite Teile verständlich und einfach, ohne es an wissenschaftlicher Genauigkeit mangeln zu lassen. Eine Biografie über einen Regisseur scheint immer dann gelungen, wenn der Leser durch sie Lust bekommt, die beschriebenen Filme noch einmal anzusehen. Stiglegger ist dies sehr gut gelungen, das Buch kann daher auch als Blaupause für weitere Arbeiten dieser Art dienen.

 

 

Stiglegger, Marcus: Kurosawa. Ästhetik des langen Abschieds. München: edition text + kritik, 2014. 180 S., broschiert, 29.80 Euro. ISBN: 978-3869163352.

 


Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort von Hyunseon Lee ... 9

 

Eine Einleitung ... 17

 

Ein konservativer Modernist zwischen Feder und Schwert. Kurosawas Leben ... 29

 

Der Weg des Kriegers. Kurosawas Vision des bushido ... 54

 

Spuren einer Ästhetik des Abschieds. Kurosawas Handschrift ... 67

 

Der Schatten des Heroismus. Kurosawas Themen ... 128

 

Global Cinema. Kurosawas Rezeption im Weltkino ... 151

 

Filmografie ... 170

 

Literaturverzeichnis ... 174

 

Register ... 177

 

Bildnachweis ... 180


 

Between East and West: Akira Kurosawa

 

Akira Kurosawa is one of the big shots in the history of cinema. His movies have influenced directors in numerous countries, and continue to do so. Now, at last, a German monograph about the life and works of the master that is truly worth reading, by Marcus Stiglegger. Thematically, Kurosawa's work shows a strong western influence but, at the same time, is strongly based on Japanese culture. It was especially ways of dealing with death and the process of dying that fascinated the filmmaker, which Stiglegger weaves into the title of this book: "Die Ästhetik des langen Abschieds".

 


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