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Vom Körper in der Landschaft zur Landschaft als Körper

eine Rezension von Silvia Boide

boide gulding


Guldin, Rainer: Politische Landschaften. Zum Verhältnis von Raum und nationaler Identität. Bielefeld: transcript, 2014.

Rainer Guldin nimmt in der vorliegenden Monographie die nationalen Landschaftsmetaphern Berg, Wald und Fluss in den Blick und zeichnet ihre historische Nutzung zur nationalen Identitätsbildung in der Schweiz, Deutschland und Österreich nach. Als vierte Metapher fügt er die Luftwurzeln hinzu, die für Identitäten des Exils und der Migration stehen. Dabei führt er eine große Anzahl von Beispielen aus unterschiedlichen Bereichen des öffentlichen Lebens und der Kunst an, um die jeweilige Landschaft aus verschiedenen Perspektiven dargestellt zu begutachten. Für alle diese Metaphern bestätigt sich, dass Landschaften als Metaphern grundsätzlich sehr flexibel und in historischer Perspektive mehrfach kodierbar sind.


  >Inhaltsverzeichnis     > English Abstract            

 

Landschaftsmetaphern bringen die Beziehungen zwischen Landschaft, Gesellschaft und Mensch zum Vorschein. Das macht sie in vielfältiger Weise nutzbar für den politischen und identitätsbildenden Diskurs. Die Konzepte hinter den Metaphern sucht Guldin, ausgehend von Andersons Konzept der "imagined communities", in der vorliegenden Monographie zu entschlüsseln und sie in ihre Bestandteile zu zerlegen. Er geht dabei ihrer Entstehung und Formung ebenso nach, wie er ihre Wirkung beschreibt. Im Mittelpunkt steht dabei jedoch nicht eine Chronologie ihrer Entwicklung, sondern ihre Flexibilität und immerwährende Präsenz, wenn auch in unterschiedlicher Betonung und Funktion, das heißt der Verbindung zwischen Land(schaft) und Leuten.

 

Im Vordergrund der Untersuchung stehen die Landschaftsmetaphern Berg, Wald und Fluss in ihrer Beziehung zu den Nationalstaaten Schweiz, Deutschland und Österreich. Der Fokus liegt eindeutig in der Analyse der nationenbildenden Landschaftsmetaphern für den deutschen Sprachraum, jedoch macht Guldin an verschiedenen Stellen auch von der Möglichkeit eines Vergleichs mit anderen europäischen Staaten und China Gebrauch.

Ein periodischer Schwerpunkt der untersuchten Beispiele aus Philosophie, Kunst, Literatur, Architektur, Film, Werbung, Sport und Politik liegt in der Zeit "vom frühen 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts" (S. 18). Jedoch stammen die immer wieder kurz eingestreuten Ergänzungen auch aus weit älteren Epochen und reichen bis in die unmittelbare Gegenwart des Jahres 2014. So beispielsweise wenn Guldin auf die Nutzung der Baummetapher im Kontext der Werbekampagnen zur Schweizer Abstimmung gegen die "Masseneinwanderung" zu sprechen kommt (vgl. S. 221ff.), die von beiden Lagern bemüht und jeweils im Sinne der eigenen Botschaft angepasst wurde.

 

Die mittleren acht der insgesamt zehn Kapitel gehen auf die Nutzung konkreter Landschaften als Metaphern für die Nationenbildung ein. Sie folgen dabei einer Logik der Materialität: "vom Festen zum Flüssigen, Ephemeren und Formlosen […], von Gebirgen und Felsen über Wälder und Flüsse, hin zu boden- und wurzellosen Luftgebilden" (S. 18). Mit der Abnahme der Festigkeit geht eine Abnahme der Homogenität einher, bis hin zu Landschaften, die als "Patchwork" oder "Mosaik" beschrieben werden.

Die einzelnen Kapitel lassen sich laut Einleitung auch aus dem Zusammenhang des Buches gelöst lesen, verweisen aber doch immer wieder aufeinander. Einer kurzen Leserführung zur Argumentation des jeweiligen Kapitels folgen dann die Analysen verschiedener Beispiele. Ab Seite 82 überrascht die im Verhältnis zu den anderen recht ausführlich geratene Analyse des Romans Die künstliche Mutter des Schweizer Schriftstellers Hermann Burger. Durch die Aneinanderreihung wirken die Analysen teilweise in sich zusammenhanglos. Sie ordnen sich dann aber wieder gelungen in die Struktur des Buches ein.

 

Im letzten dieser acht, "Luftwurzeln" benannten, Kapitel spannt Guldin einen Bogen vom antisemitischen Ressentiment der "Wurzellosigkeit" (S. 217) über Metaphern für Nomadismus bzw. Sesshaftigkeit bis hin zu Appadurais "ethnoscapes" (vgl. S. 239), die in Zeiten fortschreitender Globalisierung der Definition transnationaler Identitäten dienen. Damit schlägt er eine Brücke bis in die Gegenwart, in der sich ebenso zeige, wie verschiedene politische Landschaften nebeneinander existieren und sich überlagern können.

 

Erstes und letztes Kapitel rahmen die dazwischen liegenden durch grundsätzliche Überlegungen zur Verbindung von "Land und Leute[n]" (Titel des ersten Kapitels) und zur Ablösung der Körpermetapher durch die Landschaftsmetapher im Hinblick auf eine Beschreibung des Staates/der Nation selbst. Die im ersten Kapitel theoretisch eingeführte Überlegung zur Identität der Menschen in Abhängigkeit von "ihrer Landschaft" zieht sich durch den ganzen Band und wird im Kontext ihrer historischen Verwendung verfolgt. Dass diese Verbindung auch von den Nationalsozialisten für ihre Propaganda verwendet wurde, ist landläufig bekannt.

 

Das Buch überzeugt durch die erzählende Struktur und die Fülle an Beispielen entlang der Materialität von fest bzw. flüssig, bis hin zu den Luftmetaphern des Exils und der Migration. Gelegentlich entsteht der Eindruck, dass für jede der untersuchten Metaphern genug Material für je ein ganzes Buch zusammengekommen ist. An einigen Stellen erscheint es bedauerlich, dass manche dieser Beispiele nur kurz Erwähnung finden.

 

Eine überzeugend präsentierte und im Verlauf des Textes immer wieder kehrende Erkenntnis ist die flexible Einsetzbarkeit derselben Landschaft als Metapher in verschiedenen Zusammenhängen. So kann ein Fluss trennen oder verbinden – je nach politischem Verhältnis der Ufer oder des Flussverlaufs. Demnach wird der Rhein schwerpunktmäßig als trennender "Graben" und die Donau als "Band" gesehen. Guldin zeigt, wie beide Flüsse im geschichtlichen Verlauf sowohl als trennend wie auch als verbindend wahrgenommen wurden: je nach politischer Situation herrschten die beiden Eindrücke abwechselnd vor. Diese manchmal widersprüchliche Mehrfachkodierung derselben nationalen Landschaft beobachtet Guldin bei allen vorgestellten Landschaften. So kann auch der Wald der Deutschen nicht nur ein schützender und sakraler Raum sein, sondern ebenso bedrohlich wirken oder einen militärischen Anklang haben.

 

Guldins Band bietet neben dem Vergleich und der Geschichte von deutschen, schweizerischen und österreichischen Landschaftsmetaphern auch einen guten Einstieg in die Landschaftsdiskurse der drei Staaten an sich.

 

 

Guldin, Rainer: Politische Landschaften. Zum Verhältnis von Raum und nationaler Identität. Bielefeld: transcript, 2014. 296 Seiten, kartoniert, 29.99 Euro. ISBN: 978-3-8376-2818-0


 

Inhaltsverzeichnis

 

Einführung ... 7

 

Land und Leute

Zum Verhältnis von Landschaft und Identität ... 21

 

Felsenburg der Freiheit

Die Alpen als Wall und Wasserschloss ... 41

 

Hoher Himmel, enges Tal

Wandlungen des alpinen Diskurses ... 67

 

Das Herz der Finsternis

Metamorphosen des Waldes ... 95

 

Silvanismus und Saharismus

Überlegungen zum Landschaftsvergleich ... 123

 

Limes

Metaphern der territorialen Trennung ... 149

 

Graben und Band

Landschaften als Modelle ... 171

 

Patchwork

Zusammengesetzte Landschaften ... 195

 

Luftwurzeln

Landschaften des Exils und der Migration ... 215

 

Vom body politic zum body geographic

Zur Entstehung der nationalen Landschaftsmetapher ... 243

 

Literatur ... 277

 

Abbildungen ... 291

 

  
Landscapes as metaphors for national identity/ies

In his monograph, Rainer Guldin takes a closer look at three types of landscape: mountain, forest and river in their function as national identity metaphors for Switzerland, Germany and Austria. A fourth focus is dedicated to the metaphor of aerial roots in terms of identities of exile and migration. He presents a great number of examples from public life and the arts, areas in which these metaphors have been used. For all of the metaphors it proves correct that landscapes in this sense are flexible regarding their multiple meanings, focusing different aspects and usable for different narrations.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online