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Typologie als Bildmodus

Eine Rezension von Isabella Augart

linke augart


Linke, Alexander: Typologie in der Frühen Neuzeit. Genese und Semantik heilsgeschichtlicher Bildprogramme von der Cappella Sistina (1480) bis San Giovanni in Laterano (1650). Berlin: Reimer, 2014.

Typologie als Gegenüberstellung und Verschränkung von Themen des Alten und des Neuen Testaments ist als Denkmuster prägend für die christliche Darstellungstradition. Während typologische Bildprogramme bislang als Charakteristik mittelalterlicher Kunst galten, führt die Dissertation von Alexander Linke erstmals die Formenvielfalt und Argumentationsstruktur von Typologie in der Kunst der frühen Neuzeit vor Augen. Im Mittelpunkt stehen dabei monumentale Ausstattungsprogramme von Künstlern wie Michelangelo, Tintoretto und Rubens.


  >Inhaltsverzeichnis     > English Abstract            

Die christliche Exegese versteht Zeitlichkeit vor allem im Sinne der Heilsgeschichte. Typologie als Denkfigur betont die Zusammengehörigkeit beider Testamente, bei der das Alte Testament als Ankündigung des Neuen Testaments und das Neue Testament als Erfüllung des Alten Testaments ausgelegt wird.Dabei stellt sich für den Künstler bei typologischen Darstellungen die Aufgabe, Strukturbezüge zwischen zeitlich entfernten Ereignissen oder Personen herzustellen. Als Narrationsmuster lassen sich Personenanalogien, liturgische und symbolische Parallelen, Ereignisanalogien, Formparallelen sowie schließlich mariologische Themen identifizieren. Die bisherige Forschung von Autoren wie Ohly, Mohnhaupt, Pippal oder Kemp hat sich vor allem mit der mittelalterlichen Typologie in Exegese, Bildwerken und illustrierter Erbauungsliteratur auseinandergesetzt.

Gegen die dabei postulierte Annahme, typologische Bildformen würden an der Schwelle zur Frühen Neuzeit enden, spricht sich die Analyse von Alexander Linke entschieden aus. Seine aus einer Dissertation hervorgegangene Publikation beschäftigt sich erstmals monografisch mit dem Themenkreis der Typologie im Zeitraum 1480 – 1650. Das Fortleben der Typologie und ihre Wandlungsmuster arbeitet er dabei nach einer historischen Einbettung in der Exegese und der Bildtradition anhand von Einzelanalysen fünf monumentaler Ausstattungsprogramme heraus.

Gewinnbringend nähert sich Linke den Bildprogrammen aus einer produktionsästhetischen Perspektive und greift in einer Fülle von Einzelbeobachtungen verworfene Ideen und Entscheidungsschritte im Prozess der Bildwerdung heraus. Die Arbeit nutzt das Analysemodell des "Plurales Bildes" als Zugang zu typologischen Monumentalprogrammen. Das mehrteilige Bild als spezifischer Modus von Bildlichkeit gerät zunehmend in den Blick der  kunsthistorischen Forschung (Vgl. David Ganz und Felix Thürlemann (Hg.): Das Bild im Plural. Mehrteilige Bildformen zwischen Mittelalter und Gegenwart. Berlin: Reimer, 2010; Blum, Gerd; Bogen, Steffen; David Ganz und Marius Rimmele (Hg.): Pendant Plus. Praktiken der Bildkombinatorik. Berlin: Reimer, 2012; Felix Thürlemann: Mehr als ein Bild. Für eine Kunstgeschichte des hyperimage. München: Fink, 2013).

David Ganz und Felix Thürlemann verweisen auf die "Spannung zwischen Vielfalt und Einheit" als Grundcharakteristikum des Pluralen Bildes: "Mehrere Bilder werden in einer räumlichen Anordnung so verbunden, dass eine neue, mehrteilige 'Konfiguration' mit eigener Bedeutung aus ihnen entsteht." (David Ganz und Felix Thürlemann, "Zur Einführung. Singular und Plural der Bilder", in: dies. (Hg.): Das Bild im Plural. Mehrteilige Bildformen zwischen Mittelalter und Gegenwart (Berlin: Reimer, 2010), S. 7–38, hier S. 8).

In der Auseinandersetzung mit den Quattrocentofresken der Cappella Sistina in Rom gelingt es ihm zu zeigen, wie die Heilsgeschichte und die Legitimation des päpstlichen Primats innerhalb der Kirchengeschichte visuell miteinander verschränkt werden. Darauf aufbauend führt Linke vor Augen, inwieweit Michelangelos Genesis-Bildprogramm in der Sistina als inhaltliche Erweiterung der Raumtypologie agiert. Die halbbiblischen Argumentationsmuster in der grant gallerie im Herzogspalast von Nancy liegen im Fokus des zweiten Argumentationsabschnitts. Das Folgekapitel widmet sich der Analyse von Tintorettos Deckenbildern in der Sala Superiore der venezianischen Scuola Grande di San Rocco. Wenngleich die Virulenz alttestamentlicher Themen in Venedig außen vorgelassen bleibt, bietet Linkes Analyse des additiv entstandenen Zyklus wesentliche Neudeutungen zur Narration der dramatischen Historienbilder vor dem Hintergrund einer Erlösungs-Topik sowie der Repräsentation der karitativen Tätigkeiten der Bruderschaft. Unter produktionsästhetischen Gesichtspunkten schildert Linke in überzeugender Weise den Wechsel von einer impliziten hin zu einer expliziten Typologie in Tintorettos Bildkombinatorik. Als vierte Einzelanalyse rekonstruiert Linke die ursprüngliche typologische Ausstattung der Antwerpener Jesuitenkirche durch Peter Paul Rubens. Die gegenreformatorische Bewegung stütze sich dabei auf eine heilsgeschichtliche Bildargumentation, so Linkes These. Durch Versetzungen innerhalb der regulären Chronologie schöpfe Rubens das kreative Potential der Typologie aus. Zum Abschluss wird der Blick auf die Formentsprechungen innerhalb der Typologie gelenkt. Die zwölf Reliefs in der römischen Kirche San Giovanni in Laterano führen als Versuch einer Rekonstruktion frühchristlicher Typologieprogramme eine historische Perspektivierung in die Argumentation ein.

Durch die stringenten Bildanalysen weist Linke die Typologie in der Frühen Neuzeit erfolgreich als ein vielschichtiges Phänomen aus, das in seiner Kreativität, Historisierung und Evidenzerzeugung so erstmals erfasst wurde. Da er den Fokus auf die Monumentalprogramme verengt, stehen die zahlreichen weiteren Erscheinungsformen des typologisch argumentierenden Bildes in der Frühen Neuzeit nicht in seinem Forschungsinteresse. Die weiterführende methodische Reflexion einer genuin typologischen Zeitlichkeit, welche im Medium des Bildes Vergangenes und Gegenwärtiges, Vorausdeutung und Erfüllung, argumentativ wie stilistisch miteinander verbindet, wäre gerade für den Zeitrahmen der Frühen Neuzeit lohnend.

 

 

Linke, Alexander: Typologie in der Frühen Neuzeit. Genese und Semantik heilsgeschichtlicher Bildprogramme von der Cappella Sistina (1480) bis San Giovanni in Laterano (1650). Berlin: Reimer, 2014 (Bild + Bild 3). 410 S. mit 187 Abb., 79.00 Euro. ISBN 978-3-496-01474-4


 

Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort ... 9

 

EINLEITUNG

Forschungsgeschichtlicher Überblick ... 13

Typologie und heilsgeschichtliches Argumentieren ... 21

Darstellungsmodi typologischer Bildprogramme ... 25

Implizite Typologie

Explizite Typologie

Flexibilität typologischer Kunst

 

TYPOLOGIE IN SCHRIFT UND BILD

Exegese: Frühe Kanonisierung und späte Krise der Schriftdeutung ... 41

Typologie in der Bibel und die Figuraldeutung der Kirchenväter

Autoritätsverlust der Kirchenväter und 'Reformation' der Figuraldeutung

Bild: Typologie nach dem Vorbild patristischer Exegese ... 49

Kernthemen typologischer Kunst seit dem Frühchristentum

Ausdifferenzierung und Standardisierung typologischer Bilderreihen seit 1200

Bild und Exegese: Neubestimmung eines schwierigen Verhältnisses ... 65

Kreativität und Suggestivität visueller Figuraldeutung um 1600

Anschaulichkeit als Korrektiv figuraler Freiheit

 

HEILSGESCHICHTEN UND PROGRAMMATISCHE GESCHICHTSENTWÜRFE, 1480–1650

Politische Ideologie im heilsgeschichtlichen Gewand (Cappella Sistina I) ... 79

Die "capella magna" und Sixtus IV.

"Istoriis cum cortinis cornicibus et pontificibus" – Das Bildprogramm

Die Strukturlogik der Kapellendekoration und Fragen der Autorschaft

Platinas Vitae pontificum und das Bildprogramm der Cappella Sistina

Der Historienzyklus und die Inszenierung eines 'idealen' Papsttums

Zwischenbilanz

Typologie im Dienst des Gesamtkunstwerks (Cappella Sistina II) ... 115

"per memoria di Sisto" – Michelangelos Sixtinische Decke

Erste Entwürfe

Apostel, Propheten, Sibyllen und die Ahnen Christi

En-bloc-Typologie und implizite Typologie in den Deckenfresken

Von der Papstgeschichte zur Heilsgeschichte

Epilog: Das Jüngste Gericht und die typologische Gesamtstruktur

Typologische Ex-zentrik im Herzogspalast von Nancy ... 149

Antoine le Bon und die "grant gallerie" im Palais ducal

Die Zeichnungen und Rekonstruktion der Raumdekoration

"Jesus mon cerf" – Die Logik der typologischen Relationierung

Konzeptionelle und ikonographische Referenzen

Speculum venationis – Eine ex-zentrische Heilsgeschichte

Dynamische Typologie in der Scuola Grande di San Rocco ... 193

Geschichte, Funktion und Dekoration der Scuola Grande di San Rocco

Die Ausstattungskampagne der Sala superiore

Beginn der Dekoration: Aufrichtung der Ehernen Schlange

Die Erweiterung der Ikonographie: Drei Mosaische Wunder

Der zweiphasige Ausbau des Deckenprogramms

Die neutestamentlichen Wandbilder und die Logik ihrer Relationierung

Fragmente einer Heilsgeschichte oder Synopse der Heilslehre?

Die Macht der Bilder im zerstörten Gemäldezyklus der Antwerpener Jesuitenkirche ... 235

Peter Paul Rubens und die Antwerpener Jesuiten

Die Schrift- und Bildquellen des verlorenen Programms

Die Rekonstruktion der ursprünglichen Konzeption

Die Revision der Heilsgeschichte

Bild-Rochaden: Zwischen typologischer Wirkungsästhetik und Propaganda

Historisierte Typologie im Mittelschiff von San Giovanni in Laterano ... 267

Die ecclesia primitiva und Konstantin der Große

Ein atypischer Zyklus

"rinovare anco questa memoria" – Die Historisierung der Typologie

Rekonstruktion und Invention frühchristlicher Typologie

Kontrolle des typologischen Eigensinns der Künstler

 

KORRESPONDENZEN ZWISCHEN BILDERN

Typologie im Rückblick ... 297

Heilsgeschichten und programmatische Geschichtsentwürfe ... 301

Typologie als Universallösung ... 305

 

ANHANG

Anmerkungen ... 315

Transkription der Begleittexte zur Galerie des cerfs ... 365

Verzeichnis der Literatur und Abkürzungen ... 375

Verzeichnis der Abbildungen ... 403

 

  
Typology as visual thought

Typology as interaction of the Old and the New Testament is a major tradition of Christian iconography. While typological cycles were considered as prevailing in medieval visual culture, Alexander Linke’s doctoral study sheds light on the variety of forms and argumentation of typology in early modern art. It focuses on monumental typological cycles by artists like Michelangelo, Tintoretto, and Rubens.

 


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