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Genoziderinnerung als Frage der Anerkennung

Eine Rezension von

deWolff Robel


Robel, Yvonne: Verhandlungssache Genozid. Zur Dynamik geschichtspolitischer Deutungskämpfe. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag, 2013.

In ihrer 2013 veröffentlichten Dissertation untersucht Yvonne Robel geschichtspolitische Auseinandersetzungen um die Genozide an Herero und Nama, Armeniern sowie Sinti und Roma, die seit den 1990er Jahren im bundesdeutschen Parlament und Printmedien zur "Verhandlungssache" geworden sind. Der diskursanalytische Ansatz der Arbeit prägt dabei grundlegend das Verständnis von Geschichtspolitik und lenkt den Fokus der Analyse über konkrete politische Handlungen und Beschlüsse hinaus auf die diskursiven Aushandlungsprozesse von Sagbarkeiten.

Entsprechend ist es ein erklärtes Anliegen der Studie aufzuzeigen, in welche Richtung die geschichtspolitischen Verhandlungen seit den 1990er Jahren weisen. Die empirischen Befunde machen deutlich, inwiefern die Entwicklung der Erinnerung an die drei "neu entdeckten" Genozide vor allem eine Frage der Benennung und Anerkennung ist; hieran werden gegenwärtig folgenreiche Grenzen zu konstatieren sein.


  >Inhaltsverzeichnis     > English Abstract            

In dem bemerkenswerten Buch, welches auf ihrer 2012 an der Universität Bremen verteidigten Dissertation beruht, untersucht die Kulturwissenschaftlerin Yvonne Robel die Verhandlungen um drei "neu entdeckte Genozide" (S. 24) anhand von parlamentarischen Drucksachen, Gedenkreden und bundesdeutschen Printmedien im Zeitraum 1989/90 bis 2010/11. Hierbei handelt es sich um geschichtspolitische Auseinandersetzungen mit dem Genozid an Herero und Nama (1904–1908); dem Genozid an Armeniern (1914–1917); sowie dem nationalsozialistischen Genozid an Sinti und Roma (1933–1945) (S. 12). Die drei Fallbeispiele stellen zum einen "Ereignisse extremer und asymmetrischer Gewalteruptionen dar, an denen das Deutsche Reich auf verschiedene Weise beteiligt gewesen ist. Zum anderen waren sie jeweils für lange Zeit aus dem deutschen Erinnerungsbestand ausgeschlossen." (S. 13) Die Debatten seien zudem gleichsam charakterisiert durch eine verstärkte geschichtspolitische Auseinandersetzung im vereinten Deutschland (vgl. S. 12) und stehen exemplarisch für eine Welle der Wieder- bzw. 'Neuentdeckung' historischer Opfer, die sich im nationalen Kontext wie auf internationaler Ebene beobachten lässt.

Das Interesse der kulturwissenschaftlichen Arbeit richtet sich dezidiert auf die politisch-öffentlichen Verhandlungen um Erinnerung und Anerkennung dieser historischen Ereignisse in der bundesdeutschen Gegenwart. Ausgehend von der Einsicht Zygmunt Baumans in die Selektivität und Interessiertheit "geschichtspolitischer Deutungskämpfe" nimmt Robel hier deutlich eine konstruktivistische und macht- bzw. hegemonietheoretische Haltung ein. Sie konstatiert, dass "die Vergangenheit sowie der Genozidbegriff […] dabei Gegenstände permanenter diskursiver Aushandlung dar[stellen]" (S. 12). Aus dieser Perspektive sind weder Genozide noch Genozidopfer feststehende Kategorien, sondern werden "über das Erinnern ausgehandelt und inhaltlich gefüllt" (S. 39). Entsprechend ist es ein erklärtes Anliegen der empirischen Untersuchung, die "Ordnung des Diskurses" zu rekonstruieren und so aufzeigen zu können, "in welche Richtung sich das seit den 1990er Jahren verstärkt in der deutschen Öffentlichkeit präsente Erinnern an diese gleichsam 'neu entdeckten' Genozide bewegt." (S. 24)

 

Hierfür entwickelt Yvonne Robel im ersten Teil des Buches ein komplexes Forschungsdesign, in dessen Rahmung politisch-öffentliches Genozidgedenken zunächst in diskurstheoretischer Perspektive als Durchsetzung von Wissen bzw. als "Verhandlungssache" diskursiver Eliten konzipiert wird. Im zweiten Schritt erfolgt eine fundierte Problematisierung des Genozidbegriffs im historischen und juristischen Kontext hinsichtlich der Grenzen seiner Anwendbarkeit. Hierauf aufbauend diskutiert Robel schließlich im Rückgriff auf die Arbeiten von Judith Butler und Aleida Assmann die theoretische Frage der Anerkennung von Genoziden und Genozidopfern. An diese zu erinnern setze zunächst voraus, dass überhaupt über diese Fälle gesprochen werde und sie somit als relevant für die Gegenwart erachtet werden. Entsprechend geht Robel davon aus, dass mit dem performativem Akt des "Sprechens bzw. des Sagbarmachens" gleichsam ein Prozess der Anerkennung einhergeht. "Im Bekenntnis zur Gedenkrelevanz bis hin zur Erinnerungspflicht bestätigt sich der performative Charakter von Gedenkakten: 'Wir gedenken' heißt im übertragenden Sinne, 'wir erkennen hiermit Gedenkrelevanz an'." (S.74)

Im empirischen Teil des Buches werden die Befunde der Diskursanalyse entlang der drei ausgewählten Fallbeispiele hinsichtlich der Aspekte von "Konkurrenz", "Anerkennung" und "Versöhnung" diskutiert. In der umfassenden Aufarbeitung der Verhandlungen zeigt Robel auf, dass Fragen der Benennung und Anerkennung in den drei Fällen eng verknüpft sind und hierbei sowohl juristische als auch ethisch-normative Dimensionen berühren. Der Shoah-Bezug ist dabei durchgängig eine zentrale Referenzgröße. In vergleichender und Einzelfall übergreifender Perspektive demonstriert Robel, dass die nationalsozialistischen Genozide von "geschichtspolitischen 'Konkurrenzen'" geprägt sind; Sinti und Roma können letztlich nur begrenzt als "anerkannte Opfer" gelten. Demgegenüber zeigt die Untersuchung auch, dass bei den geschichtspolitischen Diskursen über die Genozide an Herero und Nama sowie an Armeniern "grundsätzliche Fragen der Benennung der Massenverbrechen als Völkermorde zur Verhandlung" stehen. Hierbei erweisen sich "insbesondere Annahmen über juristische Folgen einer solchen Benennung" als entscheidend (S. 213/214).

In den ausführlichen Schlussbetrachtungen werden die "diskursiven Dispositionen von Genoziderinnerung" und die "Grenzen von Anerkennbarkeit" (S. 387) in Bezug zur "Akteursfrage" (S. 391) sowie der Frage nationaler "Selbstverständigung" (S. 400) gesetzt. Hierin liegt auch die gesellschaftspolitische Relevanz der Untersuchung: "Gegen diese Genozide kann man nicht im Nachhinein intervenieren. Und dennoch werden im Sprechen über die Vergangenheit grundsätzliche Fragen aktuellen politischen Handelns verhandelt." (S. 28)

 

Die kulturwissenschaftliche Arbeit fügt sich ein in ein wachsendes Forschungsfeld zu Genoziden in verschiedenen (nationalen) Kontexten, die bisher durch 'Vergessen' und De-Thematisierung charakterisiert waren. Aktuell erregen derartige Fälle unter den Schlagworten "Indigenocide" oder "Colonial genocide" internationale Aufmerksamkeit. Die Untersuchung verortet sich primär im Bereich der vergleichenden Genozidforschung, knüpft jedoch an Erinnerungskulturforschung, Diskursforschung sowie Diskussionen um Transkulturalisierung und Anerkennung.

 

Yvonne Robel legt mit der Publikation eine mutige und anspruchsvolle Arbeit vor, sowohl auf der Ebene der Theorie wie auch Empirie. Sie entwickelt die theoretischen Annahmen stets bezogen auf den Gegenstand und nutzt sie in der Analyse gewinnbringend. Die Argumentation wird durchweg überzeugend und nachvollziehbar entfaltet. Die kenntnisreiche Untersuchung überzeugt vor allem durch die scharfe Beobachtung und den Mut, starke Thesen zu formulieren. Der vergleichende Ansatz ist als besonders produktiv hervorzuheben. Die Studie eröffnet deutlich neue Perspektiven, auch über den Entwurf eines Anerkennungskonzepts für die Analyse von Diskursen der Genoziderinnerung, die als machtvolle Aushandlungs- bzw. Anerkennungsprozess sichtbar werden. Letztlich verdeutlicht die differenzierte Auseinandersetzung von Yvonne Robel so auf eindrucksvolle Weise die Aktualität und Relevanz der kritischen Begleitung gegenwärtigen politisch-öffentlichen Genozidgedenkens.

 

 

Robel, Yvonne: Verhandlungssache Genozid. Zur Dynamik geschichtspolitischer Deutungskämpfe. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag, 2013. 445 Seiten, broschiert, 59.00 Euro. ISBN: 978-3-7705-5567-3  
 

 

Inhaltsverzeichnis

 

1. EINLEITUNG … 11

 

2. THEORETISCHE RAHMUNGEN … 25

 

2.1. Genozide erinnern … 25

Geschichtspolitisch Sagbares … 26

Nichtsagbares – Vergessenes – Latentes … 29

Die Durchsetzung von Wissen … 31

'Wer' erinnert wo? … 33

Experten und Konsens … 37

 

2.2. Zum Potential des Genozidbegriffs … 40

Genozid – ein sozialwissenschaftlicher oder juristischer Begriff? … 40

Die UN-Konvention als Streitobjekt … 44

Zum historischen Entstehungskontext der UN-Konvention … 47

Strafrechtliche Dimensionen … 49

Politische Sprengkraft: Benennen und Intervenieren … 52

Klassifizierungen von Massengewalt … 56

Geschichtspolitische Konsequenzen I … 62

Moralische Verquickungen … 65

Zündstoff Vergleich … 68

Geschichtspolitische Konsequenzen II … 71

 

2.3. Genozide und Genozidopfer anerkennen … 74

Anerkennbar durch Erkennen … 74

Das 'relevante' Opfer … 80

Der Opferstatus als Aufmerksamkeitsmarker? … 82

 

3. GESCHICHTSPOLITISCHE GRUNDLAGEN … 85

3.1. Tendenzen des Shoah-Gedenkens … 85

Shoah-Gedenken im deutschen Selbstverständigungsdiskurs … 86

Periodisierungsversuche … 88

1989geschichtspolitische Zäsur? … 92

Nationalisierung negativen Gedenkens … 94

Von der Viktimisierung zur Universalisierung … 98

Shoah-Gedenken und Genoziddiskurse … 103

 

3.2 Erinnerung: national – transnational – universal? … 106

Transnationale Formen kollektiven Erinnerns … 106

Transnationales Erinnern als universelle Anerkennung von Leid? … 112

Transnationale Erinnerungsnormative und -standards als Referenzgrößen … 115

Auf dem Weg zum universellen Opfer? … 118

 

4. AUSWAHL UND HANDHABUNG DES MATERIALS … 123

 

4.1. Parlamentarische Drucksachen … 124

Quellenformate … 124

Diskursive Verdichtungen im Untersuchungszeitraum … 127

Geschichtspolitik als Aushandlungsgegenstand verschiedener parlamentarischer Ressorts … 128

      Gedenkreden … 131

4.2. Printmedien … 135

Auswahl der Printmedien und Artikel … 135

Diskursive Höhepunkte … 137

Geschichtspolitik als Feuilletonthema … 139

4.3. Archäologische Beschreibung … 143

 

 

5. DIE NATIONALSOZIALISTISCHEN GENOZIDE: GESCHICHTSPOLITISCHE 'KONKURRENZEN'? … 145

 

5.1. Bundestag und Bundesrat – zweierlei Gedenken? … 148

Der nationale Holocaust-Gedenktag … 148

Sinti- und Roma-Gedenken im Bundesrat … 154

Die Vergleichbarkeit der nationalsozialistischen Massenverbrechen … 157

Differenzierende Reichweiten des Holocaust- und Völkermordbegriffs … 160

Opfer verschiedener 'Klassen'? … 166         

Transnationale und universelle Referenzen … 169

Universalisierte Konsequenzen für die Gegenwart … 173

Koexistenz des Gedenkens? … 175

 

5.2. Denkmale und deren Widmungen … 177

Ein "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" … 178

Der Bundestag entscheidet über das Denkmal … 180

Ein zentrales Roma-Denkmal … 184

Mahnmal oder Denkmal – Mahnen oder Gedenken? … 189

Holocaust-Mahnmaldebatte: 'Opferhierarchien' … 192

Roma-Denkmaldebatte: Von 'Opferhierarchien' zu 'Opferkonkurrenzen' … 195

Völkermordvergleich als Affront … 200

Rollenzuweisungen an die Opfergruppen … 204

 

5.3.   Sinti und Roma als anerkannte Opfer? … 210

 

6. ARMENIER, HERERO UND NAMA ALS GENOZIDOPFER: ANERKENNUNG MIT HINDERNISSEN … ? … 215

 

6.1. Die "Bewertung der Massaker an den Armeniern" … 217

Auf dem Weg zum parlamentarischen Gedenkkonsens … 218

Die Vergangenheit als internationaler Skandal … 225

Die Vermeidung des Genozid- und Anerkennungsbegriffs … 230

Massaker oder Genozid? … 235

Die deutsche (Mit-)Verantwortung … 239

Zuständigkeitsfragen … 245

Die Shoah als diskursiver Bezugspunkte? … 250

Kontinuitätsentwürfe … 252

Geschichtspolitische Bestandsaufnahme … 255

 

6.2.   Das "Gedenken an die Opfer des Kolonialkriegs im damaligen Deutsch-Südwestafrika" … 259

Deutschland 'entdeckt' seine Kolonialverbrechen … 260

Postkoloniale Impulse … 268

'Verantwortung' als Kontinuum stiftender Topos … 270

Kolonialkrieg oder Genozid? … 274

Ein kolonialer Genozid? … 281

Waterberg und Auschwitz … 285

Kontinuität und Singularität als Diskursmuster … 289

Kolonialgeschichte – spezifisch deutsch und doch europäisch … 294

Die 'afrikanischen Opfer' … 298

 

6.3.   Nichtbenennen und anerkennen? … 302

 

7. GESCHICHTSPOLITIK ALS VERSÖHNUNGSLEISTUNG? … 307

 

7.1. Vergeben, Versöhnen, Helfen: Wiedergutmachung an Herero und Nama … 310

Forderungen nach Wiedergutmachung … 311

'Entschädigung' und Entschuldigung … 318

Völkerrecht als Referenz … 324

Die 'uneinigen' Nachkommen … 326

Die 'entschädigungsrelevante' Entschuldigung … 330

Versöhnung als Gegenmodell zu materieller Wiedergutmachung … 336

Versöhnungsgelder als Hilfeleistungen … 343

Diskursive Wechselwirkungen … 349

 

7.2. Genoziderinnerung als EU-Beitrittskriterium für die Türkei … 355

Die Völkermordfrage im EU-Beitrittsprozess … 357

Anerkennungs- und Beitrittsfrage im deutschen Diskurs … 360

Europäische Werte- und Erinnerungsgemeinschaft … 364

Europa als Versöhnungsprojekt … 367

Pamuk als Beitrittshindernis und Brückenbauer … 371

Genoziderinnerung im Europa-Findungsprozess … 376

Geschichtspolitische Annäherungen? … 379

 

7.3.   'Versöhnung' als Erwartung, Besänftigung und Grenzmarker

 

8. DISKURSIVE DISPOSITIONEN VON GENOZIDERINNERUNG … 387

 

8.1.   Grenzen von Anerkennbarkeit … 387

8.2.   Die Akteursfrage … 391

8.3.   Geschichtspolitische Verortungen … 395

8.4.   Genoziderinnern als nationale Selbstverständigung? … 400

 

 

LITERATUR- & QUELLENVERZEICHNIS … 407

 

 

Memor(ies) of genocide and the question of recognition

In her dissertation, published in 2013, Yvonne Robel explores the controversy surrounding the genocides on Herero and Nama, on Armenians as well as on Sinti and Roma, which have become a "matter of debate" (Verhandlungssache) since the 1990s. The discourse-analytical approach marks the understanding of politics of history and memory and guides the focus beyond concrete political action towards discursive negotiations about norms of public speech and commemoration.

Hereby, the study seeks to reconstruct the "order of discourse" and, in doing so, to show in which ways the historical-political debates have developed since the 1990s. The empirical findings emphasize to what extent the direction of memory of these three "newly discovered" genocides is mainly a question of naming and recognition and that, currently, there are significant limitations on what can be said and remembered.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online