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Ein Buch, das Wissensräume erschließt

Eine Rezension von Klaudia Seibel

seibel gemmel


Gemmel, Mirko; Margrit Vogt (Hg.): Wissensräume. Bibliotheken in der Literatur. Berlin: Ripperger & Kremers, 2013.

Mirko Gemmels und Margrit Vogts Sammelband zum Thema "Bibliotheken in der Literatur" greift ein Thema auf, das zwar schon mehrfach umfassend behandelt worden ist, dem aber gerade unter dem gewählten Blickwinkel der "Wissensräume" neue Aspekte abgewonnen werden können. Der Band enthält ein breites Spektrum von Aufsätzen, die einen guten diachronen Überblick über das erforschte Gebiet geben.


  >Inhaltsverzeichnis     > English Abstract            

Dass Bibliotheken nicht nur ein "besonderes Faszinosum der Weltliteratur" (S. 7) sind, sondern auch ihre literarische Darstellung ein beliebtes und durchaus betrachtenswertes Forschungsobjekt ist, stellt der vorliegende Band unter Beweis. Dieser Gegenstand wurde in den letzten Jahren mit einer gewissen Virulenz erforscht, was nicht nur daran liegen dürfte, dass die Bibliothek quasi das natürliche Habitat des Literaturwissenschaftlers ist. Auch wird hieran deutlich, dass die Zukunft des Buches und somit auch des geordneten Buchbestandes durch die zunehmende Digitalisierung infrage gestellt wird. Insofern triff der vorliegende Band einen Nerv der Zeit, indem er eine Bandbreite von Möglichkeiten aufzeigt, die "Ordnung, Systematisierung, Aufbewahrung und Verwahrung von Wissen" (S. 7) in Bibliotheken (und nicht nur da) zu gestalten. Daneben präsentiert das Buch eine große Spannbreite von Genres, Epochen und Nationalliteraturen.

Regina Hartmann etwa setzt sich sehr anschaulich mit dem aufklärerischen Blick auf Bibliotheken auseinander. Sie tut dies einerseits durch die Analyse von Reiseberichten, die Besuche in realen Bibliotheken schildern; zudem greift sie andererseits mit Johann Karl Wezels Erzählung "Silvans Bibliothek oder die gelehrten Abenteuer" eine satirische Darstellung einer fiktionalen Bibliothek auf. Anhand von Texten von Ludwig Tieck und E. T. A. Hoffmann demonstrieren Dirk Werle und Nikolas Immer demgegenüber gekonnt die Funktionen unterschiedlicher Bibliotheksdarstellungen in Texten der Romantik bzw. der romantischen Konfiguration von Bibliotheken als Wissensraum. Etwas aus der Reihe fallen die Beiträge von Elisabeth Décultot und Angela Steinsiek, da diese sich nicht mit Bibliotheken im engeren Sinne befassen, sondern die Exzerptsammlungen Johann Joachim Winckelmanns bzw. Jean Pauls thematisieren. Obgleich hier 'Bibliothek' im übertragenen Sinne zu verstehen ist, geben doch beide Beiträge Einblicke in Wissensstrukturierungs- und Wissensgestaltungsprozesse, die sich von den Taschenbibliotheken der 'Exzerptoren' auch auf die 'großen' Bibliotheken jener Zeit übertragen lassen. Hervorzuheben ist Dietmar Riegers Artikel: Ihm gelingt es, seine Monographie Imaginäre Bibliotheken: Bücherwelten in der Literatur (München 2002) zu kondensieren und deren Erkenntnisse auf den zeitgenössischen bretonischen Autoren Michel Rio anzuwenden bzw. durch neue Aspekte zu ergänzen. Den Schlusspunkt des Bandes bilden Sarah Neelsens Überlegungen zu Texten von Elfriede Jelinek, die sich von der klassischen Buchform hin zur digitalen Präsentation entwickeln; diese machten die Bibliothek selbst, als physischen Sammelort für Bücher, obsolet – nicht jedoch als virtuell weiter gedachten Wissensraum.

Einen relativ breiten Raum nimmt die Untersuchung phantastischer Texte ein: Matthias Hennig, Andreas Grünes, Ira Diedrich und Maren J. Conrad gehen in ihren Beiträgen auf Bibliotheken in der Phantastik ein. So analysiert Hennig die Utopie der totalen Bibliothek bei Borges und Lem (und in einer Randbemerkung auch Laßwitz), die gerade durch ihre Totalität an Funktionalität einbüßt; durch die aufklärerische Idee, alles Wissen in dieser Welt in einem Gebäude zu versammeln, werde sie letztlich ad absurdum geführt. Grünes zeigt demgegenüber anhand der Texte H. P. Lovecrafts, wie die Bibliothek keineswegs ein positiv konnotierter Wissensort sein muss, sondern eben auch jenes Wissen bergen kann, welches das '"'lumen naturale' der Aufklärung […] zu einem 'tödlichen Licht'" (S. 232) des Grauens werden lässt. Diedrich beleuchtet in ihrem Beitrag zu den Thursday-Next- Romanen Jasper Ffordes einen positiven Aspekt der totalen Bibliothek: So gestatte diese bei Fforde in Form der "Great Library" den physischen Zugang zu allen in Büchern codierten Welten. Diedrichs folgert daraus, dass die Betonung der Wichtigkeit jener in der Bibliothek gesammelten Originaltexte zugleich auch ein Hinweis auf die "zentrale Bedeutung des Autors" (S. 265) sei; sie könne zudem "als (Gegen-)Reaktion auf die Entmachtung der Autors in poststrukturalistische Literaturtheorien verstanden werden" (ebd.). Dies lässt sich weder mit Ffordes Texten noch mit Barthes' Aufsatz vom Tod des Autors in Einklang bringen, betonen doch beide die Wichtigkeit des vom Autor losgelösten Textes und den Einfluss des Lesers auf den Text. Conrad erprobt in ihrem Beitrag schließlich einen noch größeren Wurf: anhand von einigen eklektisch ausgewählten Texten versucht sie die Evolution der Bibliothek zum Antagonisten in der fantastischen Literatur nachzuvollziehen. Dies wird durch ihr erstes Beispiel für den Endpunkt dieser Entwicklung, die Harry-Potter-Romane (1997–2007), erschwert: Hier kommt der Bibliothek eine sehr periphere Rolle zu, sie wird wesentlich häufiger als ganz normale Schulbibliothek denn als Quelle von Gefahren dargestellt. Auch ist fraglich, ob J. K. Rowling tatsächlich wie behauptet für die Darstellung von Büchern "ab 1990 [sic!] eine Tendenz in der fantastischen Literatur prägt" (S. 280). In Conrads dritten Beispiel kommt die postulierte Evolution "zur vollen Ausprägung" (S. 284). Jedoch wird in Walter Moers' Die Stadt der Träumenden Bücher (2006) in weiten Teilen gar keine Bibliothek beschrieben: Die Katakomben der Antiquariate des fiktiven Buchhaim bilden zwar auch eine Ansammlung von Büchern, unterscheiden sich aber grundlegend bezüglich ihrer Zugänglichkeit und ihrer Funktionalität von Bibliotheken ("Ordnung, Systematisierung, Aufbewahrung und Verwahrung von Wissen", S. 7). Die in diesem Roman durchaus vorhandenen und zum Teil positiv konnotierten Bibliotheken finden dagegen keinerlei Erwähnung.

Der vorliegende Band ergänzt die ohnehin schon lebhafte Forschung zu fiktionalen Bibliotheken um einige wichtige Einzelaspekte. Trotz der Heterogenität der Beiträge wird – abgesehen von den oben erwähnten Schwächen – deutlich, wie Bibliotheken in literarischen Kontexten als unterschiedlich gestaltete Wissensräume fungieren können. Zugleich verweist der Band auf die Dienlichkeit als Reflex der Wissenskonzepte ihrer Zeit – eine Geschichte, die sich durchaus noch fortschreiben ließe. In den Chor der Stimmen, die neben solider Forschungsarbeit auch das Loblied auf Bibliotheken als Orte des papierenen Wissens anstimmen, reiht sich dieser Band auf Augenhöhe ein.

 

 

Gemmel, Mirko; Margrit Vogt (Hg.): Wissensräume. Bibliotheken in der Literatur. Berlin: Ripperger & Kremers 2013. 352 Seiten, broschiert, 29.90 Euro. ISBN: 978-3-943999-03


 

Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung

(Margrit Vogt) ... 7

 

Architektur des Wissens. Hoffnung auf Lebenssinn:

Bibliotheken in der Literatur der Aufklärung

(Regina Hartmann) ... 15

 

Imaginierte Bibliotheken in Ludwig Tiecks Novellen Die Gemälde und Der Gelehrte

(Dirk Werle) ... 41

 

Anselmus im Scriptorium.

Die Bibliothek als Inspirations- und Erlebnisraum bei E. T. A. Hoffmann

(Nikolas Immer)… 65

 

Der kosmische Schwindel der Bibliotheken.

Zum Prinzip des unendlichen Wissens bei Borges, Lern und Eco

(Matthias Hennig) ... 89

 

Von der Bibliothek zum Mausoleum.

'Logique' und 'rêve' in Romanen von Michel Rio

(Dietmar Rieger) ... 113

 

Winckelmanns Lese- und Exzerpierkunst.

Übernahme und Subversion einer gelehrten Praxis

(Elisabeth Décultot) ... 137

 

"Ich hob aus allen Wissenschaften meine Rekruten aus."

Jean Pauls Exzerptenbibliothek und ihre Verwendung

(Angela Steinsiek) ... 167

 

Das Bibliotheksmotiv in den Graphic Novels von Marc-Antoine Mathieu

(Monika Schmitz-Emans) ... 187

 

Das Grauen in der Bibliothek.

Wissensraum und Macht im Werk H. P. Lovecrafts

(Andreas Grünes) ... 209

 

"Die Bücher hier waren lebendig!"

Die Bibliothek der lebendigen Literatur in Jasper Ffordes Thursday Next- Reihe

(Ira Diedrich) ... 235

 

Das Buchkollektiv als bedrohlicher Intertext.

Die Evolution der Bibliothek zum Antagonisten in der fantastischen Literatur

(Maren J. Conrad) ... 267

 

Von der Subversion des Lesens.

Literarische Gegenwelten in Thomas Bernhards Auslöschung. Ein Zerfall

(Barbara Mariacher) ... 289

 

Die gedächtnislose Bibliothek.

Das literarische Politikum in W. G. Sebalds Austerlitz

(Christian Ronneburger ) ... 309

 

Gegen die Bibliothek. Elfriede Jelinek.

Warum die 'zeitgenössische Literatur' ein neues Medium verlangt

(Sarah Neelsen) ... 327

 

   

A book that opens up new spaces of knowledge

Mirko Gemmel and Margrit Vogt's collection of essays concerning 'libraries in literature' tackles a topic that has been dealt with extensively before; however, by choosing the focus of 'spaces of knowledge', the authors provide new insights. The volume presents a wide range of essays that give a good historical overview of the topic.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online