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Das Jetzt entdecken: Annäherungen an Zeitmodelle des 17. Jahrhunderts

Eine Rezension von

Thodam Landwehr


Landwehr, Achim: Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert. Frankfurt am Main: Fischer, 2014.

Das Werk setzt sich mit Zeit und Zeitvorstellungen im 17. Jahrhundert auseinander und zeigt welche Brüche und Entwicklungen sich hier beobachten lassen. Achim Landwehr, Lehrstuhlinhaber für Frühe Neuzeit an der Universität Düsseldorf, erklärt, dass sich seitdem die Vorstellung und der Umgang mit Zeit verändert haben. Nicht ein einziges Zeitmodell dominierte in der Frühen Neuzeit, sondern viele miteinander konkurrierende Vorstellungen sollten hier bald entstehen. Um sich dem Phänomen der Zeit im 17. Jahrhundert zu nähern, nimmt Landwehr Quellen unter die Lupe, die eine Antwort auf Fragen über die Zeit liefern können: Kalender, Uhren, Zeitungen und zeitgenössische Theorien.


  >Inhaltsverzeichnis     > English Abstract            

Es ist schon erstaunlich. Eine Wissenschaft, deren Gegenstand die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist, hat sich bisher noch kaum mit ihrem obersten Prinzip beschäftigt: Der Zeit selbst. Publikationen zu diesem Gegenstand sind selten in den Geschichtswissenschaften, und so vermag Achim Landwehr mit der "Geburt der Gegenwart" vielleicht einen Anstoß dafür zu liefern, sich vermehrt mit der schwer greifbaren Idee von Zeit zu beschäftigen. Denn in der Tat ist bereits eine klare Definition der Zeit schwierig, wie Landwehr zum Auftakt illustriert.

Ein Physiker würde sicherlich auf die Sekunde als naturwissenschaftlich bestimmbare Einheit der Zeit verweisen, welche er anhand der Anzahl von Schwingungen eines Cäsium-Nuklids genau messen kann. Neben einer naturwissenschaftlichen Bestimmung der Zeit kennen wir gesetzliche Vorgaben über einheitliche Zeitmodelle (S. 30 ff.). Schließlich bleibt nicht unerwähnt, dass all dies nur eine Konstruktion ist, Zeit also nicht einfach unabhängig vom Menschen ein Eigenleben führt. Es geht also aus kulturhistorischer Sicht darum, wie "Gesellschaften sich selbst zu bestimmten Geschehensabläufen und standardisierten Maßstäben der Zeitmessung in Beziehung setzen." (S. 35)

 

Lange galt es als communis opinio, die Menschen der Frühen Neuzeit lebten nur hin auf den Tag des Jüngsten Gerichtes. Eine logische Folgerung angesichts des Alltags im 17. Jahrhundert: Katastrophen, Kriege, weit um sich greifende Seuchen und andere demoralisierende Erfahrungen begleiteten die Bevölkerung nahezu überall in Europa. In Erwartung der Erfüllung der Heilsgeschichte hätten die Menschen Zukunftsentwicklungen nur aus der Vergangenheit und einer Geschichte des Verfalls abgeleitet. Individuelle Zukunftsvorstellungen seien somit erst später in den Köpfen vorhanden gewesen.

 

Landwehr belegt anhand vieler Beispiele, dass sich alsbald Zeitvorstellungen dazu gesellten, die mit der wissenschaftlich allgemein bekannten Erwartung der Apokalypse konkurrierten. Doch bereits diese Vorstellungen von Endzeit kannten die verschiedensten Auswüchse, was sich beispielsweise in unterschiedlichen Berechnungen des Weltendes niederschlug. Nicht nur Martin Luther etwa stützte seine Eschatologie auf mathematische Grundlagen, auch andere Gelehrte des 16. und 17. Jahrhunderts berechneten nach ihren eigenen Theorien den Tag des Jüngsten Gerichts und das Alter der Erde (S. 47 ff.).

 

Dabei hinderte die Tatsache, dass viele dieser Daten ereignislos vergingen, die Urheber dieser Modelle nicht an der Entwicklung neuer Theorien. Wo trat also nun der Wandel in der Erwartung einer Endzeit auf? Einerseits half wiederum die Mathematik bei einer Umdeutung der Zeitwahrnehmung, so Landwehr. Aufkommende Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Statistiken gaben Raum für alternatives Zukunftsdenken. Andere gesellschaftliche Veränderungen traten hinzu. Kleidung änderte ihren Charakter, indem Menschen sie als Mode nutzten, um sich individuell von traditioneller Kleidung zu lösen. Damit ließen sich Grenzen überschreiten, welche noch zuvor als unumstößlich gegolten hatten. (S. 219 f.) Versicherungen bildeten schließlich einen Indikator dafür, dass die Menschen nicht mehr nur in einem passiven Erwarten des Weltendes ihr Dasein fristeten. Solche Entwicklungen verdrängten apokalyptische Erwartungen nicht urplötzlich, legten jedoch den Grundstein für eine neue Erfahrung der individuellen Lebenszeit (S. 337 ff.).

 

So erhielt die Gegenwart nach Landwehr wachsende Bedeutung und Wert. Je weiter die Vergangenheit als Erklärungsmodell für alles Zukünftige in den Hintergrund rückte, umso mehr trat dies zutage. Landwehrs zentrale These ist also eine neue Wertschätzung der Gegenwart, welche erst in einem vielschichtigen Prozess entstehen konnte. Dass dies gerade im 17. Jahrhundert begann, belegt er anhand sorgfältig ausgewählter und reichhaltiger Quellen. Ebenso erwähnt er, dass diese Entwicklung nicht einen "totalen Umschwung in der Modalisierung von Zeit" (S. 196) bedeutete, sondern vielmehr einen wachsenden Variantenreichtum im Umgang mit Zeit.

Dabei geht es oft um kaum hinterfragte Phänomene, die jedoch bei näherer Betrachtung in interessanten Erkenntnissen resultieren. So waren etwa die massenhaft verbreiteten Kalender der Frühen Neuzeit lange eng bedruckt, Raum für eigene Notizen fehlte fast gänzlich. Schließlich nahmen die leeren Stellen zu, doch vermochten die Zeitgenossen zuweilen nichts damit anzufangen: Der Graf Johann Maximilian IV. Emanuel von Preysing-Hohenaschau ist ein Beispiel hierfür, wie seine spärlichen Notizen aus dem 18. Jahrhundert belegen. (S. 9 ff.)  Allein aber die Möglichkeit solcher Kontingenzbewältigung deutete einen Wandel an. Sie schafften erstmals "die Illusion, in der eigenen, kleinen Gegenwart sowohl die nähere Zukunft gestalten wie auch die jüngere Vergangenheit dokumentieren zu können." (S. 351)

 

Landwehr richtet sich mit seinem Werk ausdrücklich an einen weiteren Leserkreis. Seine Sprache ist transparent und präzise zugleich. "Geburt der Gegenwart" unterhält auf lehrreiche Weise mit harmonisch ineinander greifenden Kapiteln. Umfangreiche Textbelege, Literatur- und Quellenangaben runden das Gesamtbild ab, weshalb auch die wissenschaftliche Leserschaft nicht enttäuscht sein dürfte. Zudem zeigt Landwehr eindrucksvoll, dass kulturwissenschaftliche Forschungen zum Ideenkonstrukt Zeit noch ein erhebliches Erkenntnispotential bergen. Hieran lässt sich in Zukunft anknüpfen, um auch das eigene Zeitbewusstsein über seine scheinbare Selbstverständlichkeit hinaus besser verstehen zu können.   

 

 

Landwehr, Achim: Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert. Frankfurt am Main: Fischer, 2014. 445 Seiten, gebunden, 24.99 Euro. ISBN: 978-3-10-044818-7 

 
 

Inhaltsverzeichnis

 

Kalenderzeit ... 7

Kalenderblatt - 1717 – Geburt der Gegenwart – Ein Massenmedium – Alte Zeiten, neue Zeiten – Was ist Zeit? – Kulturzeit – Zeitschaft

 

Ein Ende von Anfang an ... 41

Kalenderblatt 1630 – Das alltägliche Ende – Finale Kalkulationen – Zeit und Ewigkeit – Tausend Jahre – Endloser Weltuntergang – Das Ende als Realität  – Quirinus Kuhlmann  – Der Niedergang  – Irdischer Verfall  – Humane Dekadenz

 

Verehrung der Vergangenheit ... 91

Kalenderblatt 1649 – Gestern war besser – Der Angriff der Vergangenheit auf die übrige Zeit – Zeugen der Vergangenheit – Das schwierige Alter – Gutes altes Recht  – Neue Vergangenheiten  – Genealogische Verschiebungen – Theorie der Erde – Biblische Historie – Antiquarianismus

 

Im Hier und Jetzt ... 147

Kalenderblatt 1681  – Die Zeit der Zeitung  – Zeitungsstreit  – Welche Gegenwart? – Der Streit zwischen den Alten und den Gegenwärtigen – Fiktiver Realismus – Warum das 17. Jahrhundert?

 

Ordnung und Turbulenz ... 205

Kalenderblatt 1670 – Alamode – Zeit und Mode – Kleiderordnungen – Der Charme der Wiederholung – Katechismen – Vielzeitigkeit

 

Zeit und Macht ... 255

Kalenderblatt 1673 – Zeitenwechsel – Uhren- und Kalenderzeit – Der Siegeszug der Uhr – Naturalisierung der Zeit – Zeitstrafen

 

Anfang ohne Ende ... 297

Kalenderblatt 1655 – Astrologie – Das Ende vom Ende – Das Ende des Schreckens – Die Geburt der Zukunft aus dem Geist der Apokalypse – Projektemacherei  – Wahrscheinlichkeiten und Häufungen  – Versicherungen in der Verunsicherung

 

Anhang

 

Nachwort ... 355

 

Anmerkungen ... 356

 

Quellen und Literatur ... 381

 

Abbildungsnachweis ... 437

 

Sachregister ... 438

 

 

   

Exploring the recent: An approach to time conceptions of the 17th century.

This work deals with time and imaginations of time during the 17th century and shows which fractions and developments can be observed during this period. Achim Landwehr, professor for Early Modern Ages at the University of Düsseldorf, explains that the meaning of time and its handling has changed since then. It was not a single imagination of time that dominated the Early Modern Period, but many competing models of time. Landwehr examines different sources to get closer to the phenomenon of time in the 17th century: Almanacs, clocks, newspapers and contemporary theories. 

 


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