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Autor, Figur, Autor-Figuren: Erschriebene Identitäten bei Goetz, Lottmann und Herbst

Eine Rezension von Janneke Schoene

Schoene Kreknin


Kreknin, Innokentij: Poetiken des Selbst. Identität, Autorschaft und Autofiktion am Beispiel von Rainald Goetz, Joachim Lottmann und Alban Nikolai Herbst. Berlin/Boston: de Gruyter, 2014.

 

Autoren entwerfen von sich Bilder in ihren Texten und in der Öffentlichkeit. Eine Unterscheidung von Wirklichkeit und Fiktion scheint in der Rezeption oft nicht möglich. Dies wurde mit Begriffen wie Inszenierung, Verkörperung und Aufführung gekennzeichnet. Kreknin greift hierfür auf den literaturwissenschaftlichen Begriff der Autofiktion zurück und betont, dass erschriebene Autor-Figuren und Identitäten als Teil einer umfangreicheren Identitätsarbeit gefasst werden müssen. Autofiktive Identitätsentwürfe sind auch alltagswirklich, wie Kreknin anhand einer Untersuchung der 'Poetiken des Selbst' von Rainald Goetz, Joachim Lottmann und Alban Nikolai Herbst nachweist. Untersuchungsgegenstand ist ihr literarisches Schreiben ebenso wie die öffentliche und mediale Inszenierung.


  >Inhaltsverzeichnis     > English Abstract            

Die Literaturwissenschaft hat bereits erfasst, dass Autoren sich in ihren Texten inszenieren und Figuren ihrer selbst entwerfen. Medien und Rezipienten setzen diese ästhetisch-fiktionalisierten Autor-Figuren oft mit den realen Autoren gleich. Kreknin weist darauf hin, dass textuelle Selbst-Bilder dann nicht mehr bloß literarische Phänomene sind. Eine seiner zentralen Thesen ist, dass diese trotz ihrer Fiktionalisierung als Teil alltagswirklich gültiger Subjekttechniken anerkannt werden müssen. Sie werden auch außerhalb der Texte wirksam, indem sie die öffentliche Vorstellung der Autoren generieren. In seiner Studie zu Goetz, Lottmann und Herbst macht Kreknin zunächst textuelle Autor-Figuren aus und prüft, wie diese im öffentlichen Diskurs aufgegriffen werden.

Mit seinem Begriff der Selbstpoetik greift er auf das Konzept der Selbsttechniken von Michel Foucault zurück, das Methoden der Subjektivation erfasst. Für die Untersuchung der literarischen Autor-Figuren als Mischformen zwischen Wirklichkeit und Fiktion zieht Kreknin zudem den Begriff der Autofiktion heran. So wird markiert, dass der Text gleichzeitig eine fiktionale und eine faktuale Lesart eröffnet. Autofiktionstheorien haben dabei bisher nur literarische Schreibweisen erfasst. An dieses Forschungsdesiderat knüpft Kreknin an und analysiert neben textuellen auch performative Autor-Instanzen, die durch andere öffentliche Medien und Auftritte generiert werden.

Er untersucht beispielhafte Texte, die explizit das Thema der Identität verhandeln, Figuren mit Autorenbezug etablieren und von der Öffentlichkeit als Abbild des jeweiligen Autors rezipiert werden. Dabei liegt Kreknins Fokus deutlich auf dem bekannteren Goetz und der Komplexität seiner Selbstpoetik. Viele Texte von Goetz befragen das Verhältnis von Literatur und Realität; sie provozieren ein Verwirrspiel um Figuren und Erzählinstanzen. Populär geworden ist sein skandalöser Auftritt beim Ingeborg-Bachmann-Preis im Jahr 1983. Goetz schnitt sich in die Stirn, während er einen Text las, der eben diese Handlung zur Sprache brachte, und überschritt damit die Grenze des Textes. Indem Kreknin neben Inhalt und poetologischer Dimension der Texte auch die mediale Präsenz des Autors erfasst bzw. durch intertextuelle Verweise bestimmte Komplexe aufzeigt, erweitert er die bereits umfangreiche Forschungsliteratur.

Er kann anhand einer genauen Analyse herausstellen, dass Goetz in seinem Frühwerk ein hybrides Subjekt konstruiert. Indem eine Identität von Autor, Erzähler und Figur suggeriert und zugleich zurückgewiesen wird, provoziert er sowohl eine referentielle als auch eine fiktionale Lesart. Kreknin zeigt auf, dass dieses komplexe Subjekt in der Rezeption auf ein einheitliches herunter gebrochen und die Figur auf den empirischen Autor projiziert wird. Er kann dem entgegenstellen, dass die Symbiose von Text-Figur und Autor-Subjekt literarisch-fiktional angelegt ist. So ist Goetz eine in seinem Werk geschaffene Figur, die von anderen fortgeschrieben wird. Dies benennt Kreknin als hybrid-metaleptische Selbstpoetik. Wie er darlegt, wird sie in Goetz' späterem Werk von einer mimetisch-metaleptischen Selbstpoetik abgelöst. Eine Metaposition wird als weiteres 'Ich' in die Texte integriert, das als Autor-Subjekt beobachtbar wird. Die von Kreknin verzeichneten Verschmelzungsprozesse zwischen Fiktion und Realität belegen seine These der Selbstpoetik als alltagswirkliche Selbsttechnik.

 

Die Kapitel zu Lottmann und Herbst fallen wesentlich kürzer aus. Dabei wird Lottmann dank Kreknin erstmals im literaturwissenschaftlichen Diskurs bedacht. Er diagnostiziert Lottmanns Selbstpoetik als seriell-äquivalent. Deutlich wird, dass Lottmann durch Serialität und Reihung Figuren schafft, die zwar auf eine Einheit im Sinne einer Äquivalenz, nicht aber einer Identität des Subjektes deuten. Indem Lottman seine journalistischen Texte in seine Romane integriert, verwischt er motivisch die Grenze zwischen Fiktion und Alltagswirklichkeit. Kreknin weist jedoch nach, dass die Verknüpfung der Subjekte und Figuren um den Autor allesamt im literarischen System stattfinden. 

Herbsts literarisches Werk erweist sich als komplexestes Beispiel für Autofiktion. Seine Selbstpoetik bezeichnet Kreknin als plural kybernetisch-rhizomatisch und konstitent-autoritär sichtbar, sodass sich eine methodische Aporie ergibt. Es wird deutlich, dass Herbst in seinen Texten eine Theorie der Subjektpoetik formuliert, die dessen Vervielfältigung im Netz beinhaltet und das postmoderne Modell einer pluralen, nicht konstanten Identität ist. Dem stellt Kreknin entgegen, dass Herbst sich als Autor-Figur zugleich in der Selbstpraxis als eine konsistente Instanz gibt.

 

Kreknins Studie ergänzt in mehrfacher Hinsicht die Forschung um die Selbstdarstellung von Autoren. Entscheidend ist, dass er den Begriff der Autofiktion erweitert und als Kriterium hierfür eine Fiktionalisierung der Autorschaft festhält. Die Autor-Subjekte, die greifbar werden, präsentieren sich als fiktionale Figuren, die an die Stelle alltagswirklicher Träger der Autorfunktion treten. Kreknin erfüllt insofern seinen eigenen Anspruch, die "Diskurse der Autofiktionsforschung und der Kultursoziologie anzuregen". Denn so umfangreich seine Studie mit 437 Seiten ist, so viele Beispiele aus Literatur und Kunst ließen sich anschließen.

 

 

Kreknin, Innokentij: Poetiken des Selbst. Identität, Autorschaft und Autofiktion am Beispiel von Rainald Goetz, Joachim Lottmann und Alban Nikolai Herbst. Berlin/Boston: de Gruyter, 2014. 462 Seiten, gebunden, 99.95 Euro. ISBN: 978-3-1103-3211-7


 

Inhaltsverzeichnis

 

1 Einleitung ... 1

 

2 Grundlagen der Untersuchung ... 9

2.1 Begriffe der Identität ... 11

2.2 Subjektivation: Theorie und Forschungsperspektive ... 16

2.2.1 Autopoietische Subjektivation ... 19

2.2.2 Subjektivation durch Macht ... 23

2.2.3 Forschungsheuristik ... 26

2.3 Autorschaft und Identität: zentrale Begriffe der Untersuchung ... 30

2.3.1 Poetiken des Selbst? ... 30

2.3.2 Einschreibungen und Fortschreibungen ... 32

2.3.3 Figur, Subjekt, Person: Entwurf einer Genese ... 33

 

3 Methoden: Das Frühwerk von Rainald Goetz – von Klagenfurt bis Festung ... 37

3.1 Bereiche der Autorschaft: Rainald Goetz ... 37

3.2 Der Autorname ... 51

3.3 Identität und Autorschaft im Kontext der Subjektivation ... 53

3.4 Textualität der Kultur: Diskurse, Praktiken und ›Pop‹ ... 60

3.5 Der Medienkompaktbegriff ... 69

3.6 Intertextuelle Beziehungen - eine Begriffsklärung ... 78

3.7 Zeichenbegriff und Zeichenverbundsystem ... 84

3.8 Bedeutungen durch Beobachtbarkeit: Klagenfurt, »Subito« und Irre ... 94

3.9 Rahmen, Konfiguration und Performanz ... 101

3.10 Beobachtung und Beobachtbarkeit im »Subito«-Klagenfurt-Irre-Komplex ... 110

3.11 Authentizität, Fiktionalität, Referentialität, Konsistenz ... 116

3.12 Einschreibungen: Autorschaft, Autobiographie, Autofiktion ... 123

3.12.1 Intertextualität im »Subito«-Klagenfurt-lrre-Komplex... 131

3.12.2 Wahrheit und die Insignien der Autorschaft im Frühwerk von Goetz ... 147

3.12.3 Von der Autobiographie zur Autofiktion: Wo ist die Metaposition? ... 161

3.13 Der Autor als Figur, die Figur als Autor: metaleptische Selbstpoetik bei Goetz ... 171

3.13.1 Thematisierung und Struktur der Subjektmodelle im Frühwerk ... 173

3.13.2 Fortschreibungen der Goetz/Raspe-Figur: Diskurse der Frühphase ... 179

3.13.3 Die ›hybride metaleptische Selbstpoetik‹ ... 182

 

4 Von Heute Morgen bis Schlucht: Internet, Wahrheit und Fortschreibungen bei Rainald Goetz ... 185

4.1 Latenz und die Ausweitung der Medien: Musik, Internet, TV ... 185

4.2 Eine »Geschichte der Gegenwart«: Die poetologische Anlage von Heute Morgen ... 198

4.3 Autorschaft in Heute Morgen: Spalt- und Einheitsfiguren, Verschiebungen – und Realismus ... 208

4.4 Ein Versuch in Simultanität und Konsistenz: Abfall für alle ... 223

4.5 Klage und Schlucht: konsistente Fortschreibungen ... 240

4.5.1 Diskretion, literarische Wahrheit und Pastiche: Klage ... 245

4.5.2 Die Johann-Holtrop-Konsequenz ... 255

4.5.3 Fortschreibungen eines konsistenten autofiktionalen Subjekts – Fazit Rainald Goetz ... 263

4.6 Intermezzo: Rainald Goetz als Figur bei Joachim Lottmann ... 271

 

5 Das seriell-äquivalente Alter Ego: Joachim Lottmann / Jolo ... 279

5.1 Eintritt ins literarische Feld: Mai, Juni, Juli ... 281

5.2 Im Schutze des New Journalism: Referentialität in Lottmanns Reportagen ... 291

5.3 Jolos Maskenspiele: Die Romane von Joachim Lottmann ... 298

5.3.1 Lüge und Referentialität bei Joachim Lottmann ... 298

5.3.2 Jolo, die konstante Variable ... 302

5.3.3 Konfigurationen, Interferenzen, Schreibtätigkeit ... 310

5.4 Das vernetzte Universum der quasi-fiktionalen Lottmannsaga ... 317

5.4.1 Wahrheit, Realistik, Konsistenzen: der Borderline-Blog ... 317

5.4.2 Selbstreferenz und Fremdreferenz im Borderline-Blog ... 326

5.4.3 Die poetologische Schraube des User-generated content ... 334

5.5 Serielle Selbsterschaffung als Weltkopie: Die Selbstpoetik von Joachim Lottmann 340

5.5.1 Ironie und Unentscheidbarkeit bei Joachim Lottmann ... 340

5.5.2 ›Wahrheiten‹: Joseph Roth und Joachim Lottmann ... 343

5.5.3 Pathologie und methodischer Solipsismus: Der Interpretant als Kern der Selbstpoetik ... 346

 

6 Multiple Identitäten und Kybernetischer Realismus: Alban Nikolai Herbst ... 353

6.1 Postmoderne Subjektmodelle? Identität und Beobachtbarkeit in Herbsts Prosa ... 359

6.1.1 Die Verwirrung beginnt: Die Verwirrung des Gemüts ... 360

6.1.2 Beobachtung und Zentralperspektive: Buenos Aires. Anderswelt ... 366

6.2 Herbst, Deters usw.: Autor-Figuren und Träger der Autorfunktion ... 370

6.3 Interferenz der Diskurse: Das Verbot von Meere ... 376

6.4 Die Poetisierung des Internets: Dschungel. Anderswelt ... 379

6.4.1 Der Weblog als rhizomatische Dichtung: Figurenkonstellationen ... 386

6.4.2 Herbsts poetologische Abhandlungen: Der Kybernetische Realismus und Autofiktion ... 395

6.4.3 Die konsistente Konfiguration des Unmündigen: Fortschreibungen im ›Arbeitsjournal‹ ... 406

6.5 Das nach-postmoderne Subjekt? Theorie und Praxis der Identität bei A. N. Herbst ... 414

 

7 Fazit: Autorschaft, Autofiktion, Leben ... 421

7.1 Selbstpoetiken: Goetz, Lottmann, Herbst ... 421

7.2 Konsequenzen für die Theorie ... 429

7.3 Anmerkungen zur Methode ... 431

7.4 Abschluss und Ausblick ... 432

 

Literatur- und Quellenverzeichnis ... 437

Rainald Goetz ... 437

Joachim Lottmann ... 438

Alban Nikolai Herbst ... 440

Autorisierte Quellen und wissenschaftliche Literatur ... 441

Nicht-autorisierte Internetquellen ... 460

Abbildungsverzeichnis ... 462

 

 

Authorial Characters: Written Identities in the work of Goetz, Lottmann, and Herbst

Authors often stage themselves in their texts and other public media. The receptive ability to discern between reality and fiction often appears impossible. Terms like staging, representation or embodiment have been used to mark these instances. Kreknin utilizes the literary term autofiction. He emphasizes that the written, autofictional, authorial figures and identities also have to be recognized as actual work to form the authors’ identities in reality. Kreknin verifies his thesis through a study on ‘Poetiken des Selbst’, which he bases on the authors Rainald Goetz, Joachim Lottmann, and Alban Nikolai Herbst. Their poetics include autofictional writings, as well as medial stagings.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online