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Zwischen "Traditionspflege" und Verständnishilfe für die Debatten von heute – klassische Emotionstheorien

Eine Rezension von Anne-Kathrin Weber

Landweer, Hilge und Ursula Renz (Hg.): Handbuch Klassische Emotionstheorien. Von Platon bis Wittgenstein. Berlin/Boston: De Gruyter, 2012.

Der Rückblick auf die vielfältigen klassischen Theorien rund um Emotionen und Emotionalität ist unverzichtbar für die aktuellen einschlägigen Diskussionen. Dies ist die zentrale These der HerausgeberInnen des Handbuch Klassische Emotionstheorien, mit der sie die nachfolgenden Beiträge einleiten. In diesem Sammelband werden die Gedanken und Haltungen von über 30 VertreterInnen der philosophischen Ideengeschichte zu Emotionen allgemein oder im Besonderen porträtiert. Trotz einiger begrifflicher Ungenauigkeiten bietet der Sammelband einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Charakteristika von menschlichen Emotionen in der Ideengeschichte.

 

 

Emotionen sind zurzeit das große Thema in der Alltagspsychologie und in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen. ForscherInnen der Philosophie, aber auch anderer Fachrichtungen, werfen daher wieder verstärkt einen Blick zurück in die Ideengeschichte. Denn seit der Antike sind Emotionen auf vielerlei Weisen Bestandteil der Theorien der bedeutenden PhilosophInnen; sie liefern uns daher wichtige Denkanregungen für heutige Fragen rund um individuelle und kollektive Emotionalität.

Von dieser Prämisse gehen auch die HerausgeberInnen des Handbuch Klassische Emotionstheorien, Hilge Landweer und Ursula Renz, aus: „Insgesamt ist […] die Auseinandersetzung mit klassischen Emotionstheorien keine bloße Traditionspflege, sondern sie stellt wesentliche Hintergründe und Herausforderungen für die gegenwärtige philosophische Auseinandersetzung mit menschlichen Emotionen bereit!"

In ihrem erstmals 2008 unter dem Titel Klassische Emotionstheorien erschienenen Werk vereinen sie Aufsätze zu über 30 Theorien, in denen Emotionen auf unterschiedlichste Weise eine Rolle spielen. Neben viel zitierten PhilosophInnen wie Aristoteles, Hume und Rousseau, lassen sich in dem Handbuch auch Theorien einiger weniger bekannter DenkerInnen wie Wilhelm von Ockham finden. Noch lebende DenkerInnen wurden in der Auswahl nicht berücksichtigt. Auffällig ist allerdings, dass in der Sammlung, bis auf eine einzige Ausnahme (Susanne K. Langer), nur Emotionstheorien von männlichen Philosophen präsentiert werden. Dieses Missverhältnis gibt zu denken.

In ihrer Einleitung weisen Landweer und Renz – zu Recht – darauf hin, dass es keine kontinuierliche und konstant geführte Diskussion um Emotionen in der Philosophiegeschichte gegeben hat (vgl. S. 5). Sie bemühen sich daher um einen kurzen Überblick über die Hauptströmungen der Emotionsideen von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Dieser Anriss von Emotionstheorien wird schließlich in den anschließenden Aufsätzen aufbereitet.

Landweer und Renz verweisen darauf, dass sich die sprachliche Form und die Bedeutungen von Emotionsbegriffen wie „Emotion“, „Gefühl“ und „Affekt“ über die Jahrhunderte hinweg deutlich verändert hat; zudem dass viele DenkerInnen sie auf ganz unterschiedliche Weise verwendeten und definierten.  Allerdings sollte dieser Fakt nicht dazu führen, dass Emotionsbegriffe undifferenziert und abgekoppelt von den jeweiligen Theorien verwendet werden. Dies fällt an manchen Textstellen der Einleitung, aber auch in einigen Aufsätzen auf. Zumindest einige kurze Fußnoten, in denen die Wahl der Begriffe kurz reflektiert und erklärt werden, wären wünschenswert gewesen. Trotzdem, und das ist sehr erfreulich, definieren und kontextualisieren die meisten AutorInnen in ihren Beiträgen anschaulich und konzise die Emotionsbegriffe der von ihnen porträtierten DenkerInnen.

Eine weitere Hilfestellung hätte dem Handbuch gut getan: ein Sachregister, das den LeserInnen, trotz der Verschiedenheit der Emotionskonzepte, den gezielten Vergleich der Theorien im Hinblick auf bestimmte Emotionen wie Liebe oder Mitleid erleichtern würde.
Insgesamt lohnt sich die Lektüre dieses umfassenden Handbuchs allein schon ob der Fülle der darin versammelten Theorien. Viele der Artikel sind sehr präzise und interessant geschrieben, so dass die LeserInnen einen guten ersten Einblick und Überblick bezüglich verschiedener Emotionstheorien erhalten.
 


Landweer, Hilge und Renz, Ursula (Hg.): Handbuch Klassische Emotionstheorien. Von Platon bis Wittgenstein. Berlin/Boston: De Gruyter, 2012.  39,95 Euro. ISBN: 3-1102-8415-4


Inhaltsverzeichnis

 

Hilge Landweer / Ursula Renz
Zur Geschichte philosophischer Emotionstheorien … 1

Michael Erler
Platon: Affekte und Wege zur Eudaimonie … 19

Christof Rapp
Aristoteles: Bausteine für eine Theorie der Emotionen … 45

Friedemann Buddensiek
Stoa und Epikur: Affekte als Defekte oder als Weltbezug? … 69

Christopher Gill (übersetzt von Damian Caluori)
Die antike medizinische Tradition: Die körperliche Basis emotionaler Dispositionen … 95

Damian Caluori
Plotin: Was fühlt der Leib? Was empfindet die Seele? … 121

Johannes Brachtendorf
Augustinus: Die Ambivalenz der Affekte zwischen Natürlichkeit und Tyrannei … 141

Alexander Brungs
Christliche Denker vor dem 13. Jahrhundert: Von der Askese zur Liebestheologie … 163

Martin Pickavé
Thomas von Aquin: Emotionen als Leidenschaften der Seele … 185

Vesa Hirvonen (übersetzt von Johanna und Raino-Lars Albert)
Wilhelm von Ockham: Die Passionen der zwei Seelen … 205

Robert Schnepf
Huarte de San Juan und Suárez: Lachen im spanischen Humanismus und in der Spätscholastik … 221

Markus Wild
Montaigne und La Rochefoucauld: Emotionen in der Moralistik … 247

Dominik Perler
Descartes: Emotionen als psychophysische Zustände … 269

Michael Hampe
Hobbes: Furcht und Bewegung … 293

Ursula Renz
Spinoza: Philosophische Therapeutik der Emotionen … 309

Tad Schmaltz (übersetzt von Ursula Renz)
Malebranche: Neigungen und Leidenschaften … 331

Angelica Baum und Ursula Renz
Shaftesbury: Emotionen im Spiegel negativer Neigung … 351

Aaron V. Garrett (übersetzt von Ursula Renz)
Hutcheson: Leidenschaften und Moral Sense … 371

Christoph Demmerling und Hilge Landweer:
Hume: Natur und soziale Gestalt der Affekte … 393

Christian Strub
Smith: Sympathie, moralisches Urteil und Interesselosigkeit … 413

Sidonia Blättler
Rousseau: Die Transformation der Leidenschaften in soziale Gefühle … 435

Birgit Recki
Kant: Vernunftgewirkte Gefühle … 457

Dieter Birnbacher und Oliver Hallich
Schopenhauer: Emotionen als Willensphänomene … 479

Romano Pocai
Kierkegaard: Die existenzielle Bedeutung von Emotionen … 501

Werner Stegmaier
Nietzsche: Umwertung (auch) der Affekte … 525

Jan Slaby
James: Von der Physiologie zur Phänomenologie … 547

Maria-Sybilla Lotter
Whitehead: Kritik der Gefühle … 569

Kevin Mulligan
Scheler: Die Anatomie des Herzens oder was man alles fühlen kann … 587

Gunter Gebauer und Anna Stuhldreher
Wittgenstein: Das Sprachspiel der Emotionen … 613

Barbara Merker
Heidegger und Bollnow: Theorie der Befindlichkeit und ihre Kritik … 635

Jean-Pierre Wils
Sartre: Emotionen als Urteile … 661

Rolf Lachmann
Langer: Philosophie des Fühlens … 681

Zu den Autorinnen und Autoren … 705
 

 

Classical Theories of Emotions: a 'Maintenance of Tradition' and an Aid for Understanding Current Debates 

Looking back on the manifold classical theories of emotions is indispensable for current discussions on emotions and emotionality. This aspect serves as the main thesis with which the editors of the anthology Handbuch Klassischer Emotionstheorien introduce the following articles. In this handbook, the thoughts and opinions of over 30 representatives of the Western philosophical tradition on emotions in general and specific emotions are portrayed. Despite some inaccuracies with regard to definitions, the anthology offers a comprehensive overview of the different characteristics of human emotions in the philosophical tradition.



© bei der Autorin und bei KULT_online