Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

Wie beeinflusst die Digitalisierung unsere Lese- und Schreibgewohnheiten?

Eine Rezension von Jessica Wilzek

Lobin, Henning; Regine Leitenstern, Katrin Lehnen und Jana Klawitter (Hg.): Lesen, Schreiben, Erzählen. Kommunikative Kulturtechniken im digitalen Zeitalter. Frankfurt am Main/New York: Campus, 2013.

Die Beiträge im Sammelband Lesen, Schreiben, Erzählen. Kommunikative Kulturtechniken im digitalen Zeitalter bieten einen Überblick über aktuelle Forschungsfragen zum Einfluss der Digitalisierung auf die Wissensproduktion und –ordnung sowie auf Veränderungen in Rezeptions- bzw. Produktionsprozessen. Dabei wird eine große Bandbreite unterschiedlichster Überlegungen, u.a. zu Konsequenzen für den Schreibprozess bei Verwendung von Literaturverwaltungssoftware oder das veränderte Erzählen in 'Living Novels' gezeigt. Ein weiterer Vorzug des Bandes ist, dass einzelne Beiträge konkrete Empfehlungen (z.B. für die Verwendung von Literaturverwaltungssoftware) beinhalten.

  

Die Digitalisierung von Wissen und kulturellen Produkten ist längst nicht mehr nur eine willkommene Erleichterung von Recherchemöglichkeiten oder eine bequeme und vereinfachte Zugangsmöglichkeit zu Musik und Literatur. Je mehr sie genutzt wird, desto stärker verändern sich Prozesse der Wissensaneignung und –produktion sowie die Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Erzählens selbst.

In diesem Zusammenhang versammelt der 2013 erschienene Sammelband Lesen, Schreiben, Erzählen. Kommunikative Kulturtechniken im digitalen Zeitalter vierzehn unterschiedliche Beiträge, die sich mit dem Thema der Digitalisierung von Kulturtechniken auseinandersetzen. Er bildet die Abschlusspublikation des Projekts "Kulturtechniken und ihre Medialisierung" am Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) der Justus-Liebig-Universität Gießen und untersucht wie sich in Folge der Digitalisierung kulturelle Produkte verändern; zudem wie sich darüber hinaus auch gesellschaftliche Praktiken im Umgang mit diesen Produkten wandeln.

Der Band teilt sich in zwei thematische Sektionen. Im ersten Teil beleuchten insgesamt sieben Beiträge die Veränderungen in den Kulturtechniken des Schreibens und Lesens sowie in der Wissensproduktion. Zentrale Fragen beziehen sich auf die Digitalisierung des Schreibprozesses, welcher die Vorbereitung des Schreibens durch Ordnung des Wissens voraussetzt, sowie der möglichen Konsequenzen einer Substitution des Schreibens durch Handyfotografie. Im Anschluss fragt ein Beitrag welche Folgen daraus für die Vermittlung von Schreibkompetenzen erwachsen. Ein Herausstellungsmerkmal des Sammelbands ist sicherlich, dass die Beiträge unter anderem konkrete Ansätze für Schreibmodelle im Deutschunterricht in der Schule, die Schreibflüssigkeit von Studierenden bei wissenschaftlicher Textproduktion oder auch eine Systematisierung von Wissensanordnungen bieten. Zwei Beiträge thematisieren außerdem das "automatisierte, maschinelle Lesen und dessen Konsequenzen für die Rezeption von Wissen" (11). Im zweiten Teil gehen sechs weitere Artikel auf das faktuale und fiktionale Erzählen ein. Es werden Fragen behandelt, wie das "Internet als Erzählmedium funktionalisiert werden kann" (12), welchen Beitrag das Internet an der Entstehung von Verschwörungstheorien trägt, die Bedeutung von Denkkollektiven, die digitale Beeinflussung von Erinnerungskulturen und die öffentliche, politische Meinungsbildung via Twitter.

In einer knappen Einführung weisen die HerausgeberInnen auf das zentrale Anliegen des Sammelbandes hin: die wechselseitige Beeinflussung kommunikativer Kulturtechniken und kulturellen Wissens, die durch Digitalisierung maßgeblichen Veränderungsprozessen unterworfen sind. Der den beiden thematischen Sektionen vorangestellte Beitrag von Olaf Breidbach betrachtet dabei die zum Teil euphorische Akzeptanz des Internets als Medium einer offenen und demokratischen Wissensorganisation mit Vorsicht. Seiner Ansicht nach basiert die neue Ordnung auf einer alten und suggeriert durch die Masse an Informationen etwas Neues zu sein: "Viel ist zwar mehr, aber doch nichts wirklich Anderes." (16). Er setzt die Idee der Vernetzung in einen historischen Kontext und zeigt damit auch die Grenzen des Modells und der Vorstellung eines Netzes auf, dessen angeblichen freien Verknüpfungen alte Denkmuster zugrunde liegen. Seiner Beobachtung nach wird z.B. die Suche über das Internet durch den Mainstream gesteuert, und zwar nach dem Prinzip der Häufigkeit und Quantität. Breidbach resümiert dann auch "Das neue Wissen ist das alte, bunter, aber nicht differenzierter, traditionell und in seiner Systematik schwer zu bewegen." (31)

Im Rahmen der ersten Sektion "Lesen und Schreiben" betrachtet Annina Klappert die Wissensverwaltungssysteme Citavi, Endnote, Bibliographix und Synapsen. Sie untersucht wie die Wahl für eines dieser Systeme das wissenschaftliche Arbeiten und Schreiben vor dem Schreiben beeinflusst. Der Beitrag konzentriert sich dabei auf die Unterschiede der Systeme mit dem Verweis auf Luhmanns "offene Anlage" (68) des Zettelkastens bzw. auf die Fähigkeit der inneren Vernetzung, sowie die Möglichkeiten der Verweise und Effizienz in der Zugriffsorganisation. Klappert kommt zu dem Ergebnis, dass die weit verbreiteten  Literaturverwaltungssysteme Citavi und Endnote durch bestimmte Einschränkungen (fehlende Anordnungs- und Speichermöglichkeiten von Inhalten) nicht den Kriterien von Luhmanns Zettelkasten entsprechen. Bibliographix und Synapsen kämen diesem hingegen schon näher: durch hineingegebene eigene Gedanken und Literaturangaben würden letztendlich andere als die ursprünglich intendierten Strukturen oder Zusammenhänge sichtbar. Klapperts Beitrag bietet insgesamt einen interessanten Einblick in jene Wissensverwaltungssysteme, die den Alltag wissenschaftlichen Arbeitens strukturieren. Ihr Beitrag schafft mit dem Vergleich zu Luhmanns Zettelkastensystem eine Systematik, deren Ergebnis für alle interessant ist, die vor der Entscheidung für eines dieser Systeme stehen.

Insgesamt versammelt der Band eine große Vielzahl unterschiedlicher Analyseansätze zum Phänomen der Digitalisierung von zentralen Kulturtechniken wie des Lesens, Schreibens und Erzählens. Dabei ist hervorzuheben, dass einige der Beiträge aus den theoretischen Überlegungen konkrete Anwendungsempfehlungen unter anderem von Literaturverwaltungssoftware ableiten, weshalb der Band sowohl theoretisch wie alltagspraktisch interessant ist.
 


Lobin, Henning; Regine Leitenstern, Katrin Lehnen und Jana Klawitter (Hg.): Lesen, Scheiben, Erzählen.  Kommunikative Kulturtechniken im digitalen Zeitalter. Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2013. 324 S., kartoniert, 39.90 Euro. ISBN: 978-3-593-39951-5


Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort
Henning Lobin, Regine Leitenstern, Katrin Lehnen, Jana Klawitter … 7


Wissen im Netz
Olaf Breidbach … 15


I. Lesen und Schreiben


Der digitale Textentwurf: Prolegomena zu einem material-ästhetischen Feld medienkulturwissenschaftlicher Forschung
Oliver Ruf … 37


Schreiben mit Zettel und Link: Ein Einstieg in digitale Zettelkastensysteme
Annina Klappert … 63


Papierlose Notizen: Zum Gebrauch von Handyfotografie als Mnemotechnik des Alltags
Michael A. Conrad … 83


Digitales Schreiben im Deutschunterricht
Florian Radvan … 107


(Un)Sicherheit im wissenschaftlichen Schreiben: Webbasierte Unter-suchungen zu konzeptionellen Prozessen und Schreibflüssigkeit
Annika Dix, Lisa Schüler, Jan Weisberg … 131


Between Work and Network: A Qualitative Approach to Quantitative Textuality
Andrew Patten … 157


Volltextsuche und der philologische Habitus
Mirco Limpinsel … 171


II. Erzählen - faktual und fiktional


Vom Printroman zur "living novel": Fiktionales Erzählen im Internet am Beispiel des Browsergames TwinKomplex
Alexander Scherr … 189


Digitale Detektive: Verschwörungstheorie im Internet
John David Seidler … 209


Begriffe auf Wanderschaft: Denkkollektive in sozio-technischen Vernetzungen
Jana Klawitter … 231


Im Schatten von Warschau - Von der Marginalisierung zur Multimedialisierung der Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt
Markus Roth … 255


Fotografien des Ersten Weltkriegs in der Weimarer Republik und in digitalen Quellensammlungen
Julian Nordhues … 273


Twitter als narrative Form der politischen Kommunikation im Wahlkampf
Björn Klein … 291


Autorinnen und Autoren … 309

Index … 317
 

 

How does digitalization influence our reading and writing habits?

The anthology Lesen, Schreiben, Erzählen. Kommunikative Kulturtechniken im digitalen Zeitalter gives an overview of current research regarding consequences of digitalization for the reception and production of knowledge. It includes various different analytical approaches, e.g. about the consequences of using software like Citavi for the writing process or the changes in narrating which can be seen in ‘Living Novels’. One of the merits of the anthology is the specific recommendations given in the different articles (e.g. which software to use for one's own academic writing or how to integrate new concepts of writing in teaching).


© bei der Autorin und bei KULT_online