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Schein und Sein: Über die repressiven Charakterzüge der Chruščev-Ära

Eine Rezension von Rayk Einax
 
Hornsby, Robert: Protest, Reform and Repression in Khrushchev’s Soviet Union. Cambridge u. a.: Cambridge University Press, 2013.


In vielen herkömmlichen Darstellungen besitzt die Chruščev-Ära (1953-1964) den Nimbus einer Phase, in der es dem sowjetischen Regime gelang, die Gesellschaft durch liberale politische Reformen in Aufbruchsstimmung zu versetzen. Der Begriff des "Tauwetters" ist für eine solche Sichtweise sprichwörtlich, spiegelt aber auch die Empfindungen vieler Zeitgenossen wieder. Indem Robert Hornsby die willkürlichen Reaktionen des Regimes auf alle möglichen Formen von individuell sanktionswürdigem Verhalten, aber auch hinsichtlich der Motive der Protagonisten untersucht, stellt er dieses Klischee auf anregende Art in Frage. Darüber hinaus macht das Buch epochenübergreifend wichtige Entwicklungslinien in der Geschichte der poststalinistischen Sowjetunion kenntlich.

 

 

Sicherlich präsentierte sich das sowjetische Regime nach Stalins Tod 1953 unter seinem neuen Partei- und Staatsführer Nikita Chruščev nach außen in einer gewandelten, modernisierten, weltoffeneren Form. Allerdings blieben im Inneren die stalinistischen Grundlagen – quasi das Korsett des Systems – trotz der Entlassung hunderttausender Häftlinge aus den GULag-Haftstätten unangetastet und nach wie vor galten die Sowjetbürger als Teil einer kollektiven, ständig mobilisierbaren sozialen Ordnung. In diesen Kontext ist auch das Buch Protest, Reform and Repression in Khrushchev’s Soviet Union des britischen Historikers Robert Hornsby einzureihen, wobei seine Trias (Protest, Reform und Repression) erklärungsbedürftig ist. Dem Autor zufolge waren die politischen Veränderungen nach Stalin so evident, dass sie sich insbesondere im Protestverhalten des Einzelnen widerspiegelten; eine organisierte dissidentische Szene hätte sich jedoch nicht herausgebildet.

Doch gerade diese neue Vielfalt an Protestformen (kritische Wortmeldungen auf Versammlungen, empörte Leserbriefe, satirische Flugblätter, Graffitiparolen u. a.) setzte das System offenbar unter Zugzwang, sodass in zunehmendem Maße dessen repressive Seite zum Vorschein kam. Hierbei macht Hornsby deutlich, dass der häufig sozial motivierte Protest der vorwiegend körperlich arbeitenden Massen (Arbeiter und Bauern) – in seinen Zielen, nicht unbedingt in seinen Formen – in starkem Kontrast zu den Kreisen der sowjetischen „Intelligenz“ stand. Deshalb war neben der Repression die soziale Kompensation ein weiteres wichtiges Aktionsfeld des Regimes, um potentiellem Arbeiterprotest materiell den Wind aus den Segeln zu nehmen. Und aus diesem Grund galten die Forderungen der Intelligenz wegen ihrer vermeintlichen politischen Motivation als gefährlich.

Wie die Archivquellen überzeugend darlegen, waren Verstöße – egal ob gewollt oder ungewollt – gegen einen solchen paternalistischen Habitus nicht nur in der städtischen Öffentlichkeit anzutreffen, sondern im gesamten Land. Dabei stellte die sogenannte „Geheimrede“ Chruščevs vom Februar 1956, in der er im Angesicht der versammelten Parteielite hinter verschlossenen Türen mit Stalin abrechnete, einen wichtigen Katalysator dissidenter Verhaltensweisen dar. Dennoch herrschte allerorten Unsicherheit darüber, wie weit die ideologische Öffnung reichte bzw. was öffentlich überhaupt sagbar war. Selbst seitens der Partei und der Exekutivorgane (Miliz, KGB) war zunächst ein gewisser Selbstfindungs- oder Lernprozess vonnöten. In Anbetracht der neuen Qualität der Proteste kamen jedoch ab 1957/58 nicht nur eine zunehmende Beschränkung der entsprechenden Diskurse zum Tragen, sondern ebenso die im Vergleich zur Stalinzeit differenzierteren Methoden der strafrechtlichen Reaktion.

Hornsby ist darin zuzustimmen, dass das Regime, obwohl es ein Gefühl kulturellen Wandels vermittelte, keine grundsätzliche Kehrtwende vollzogen hatte: „the regime no longer repressed those who had done nothing at all (…) but it had not become any more tolerant of active political nonconformity.“ (S. 72) In rascher Folge wurden daraufhin die einschlägigen Paragrafen verschärft, die Presse propagandistisch aufgerüstet sowie neue Ansätze einer möglichst breiten sozialen Kontrolle entwickelt. Gerade weil alle gesellschaftlichen Kräfte nunmehr dazu aufgefordert waren, sich nach Maßgabe der sowjetischen Ordnung aktiv an den öffentlichen Belangen zu beteiligen, habe laut Autor eine zunehmende Politisierung des individuellen Alltags stattgefunden und somit einen spürbaren Konformitätsdruck erzeugt. Weil sich die Jugend bei ihrer ideologischen Kritik in besonderer Weise hervortat, zielten solche Entwicklungen ganz wesentlich auf den Jugendverband „Komsomol“ sowie auf die Universitäten ab.

Unter diesen Voraussetzungen identifiziert Hornsby für die Zeit nach 1956 eine stufenweise Disziplinierungsstrategie seitens des Regimes. Im Zuge dessen sei es zunächst darum gegangen, die maßgeblichen Partei- und Komsomolkader in ihrer Argumentation zu festigen bzw. zu disziplinieren. Im Anschluss daran hätten sich die Bestrebungen darauf gerichtet, erst die Parteimitglieder und dann die Öffentlichkeit 'auf Linie' zu bringen sowie dadurch den Beginn einer „poststalinistischen sozialen Ordnung“ (S. 134) einzuläuten.

Im Anschluss rückten zunehmend die Lebensverhältnisse der Bevölkerung in den Mittelpunkt einer weit verbreiteten Kritik, welche schließlich zu Beginn der 60er Jahre in offene Proteste mündete. Vor diesem Hintergrund konstatiert Hornsby eine Zweiteilung der Amtszeit Chruščevs, wobei er den Schnitt für 1958 ansetzt. Zuvor hatte das mehr oder weniger willkürliche, restriktive Vorgehen gegen Abweichler und deren Verhaltensformen einen Höhepunkt erreicht, der (quantitativ) selbst die Brežnev-Zeit (ab 1964) in den Schatten stellte. Dies bestärkt die Hauptthese des Buches, dass die Chruščev-Ära repressive Strukturen in beträchtlichem Ausmaß konservierte, um auf die gesellschaftlichen Veränderungen zu reagieren. Dies, sowie die Entstehung von (intellektueller) Dissidenz, ist auch die verbindende Klammer zu Chruščevs Nachfolger Leonid Brežnev.

Vor allem diese Interdependenzen kommen während der Lektüre hervorragend zur Geltung. Der einzige Schwachpunkt der Studie besteht darin, dass der Autor bei der Wahl der Begrifflichkeiten nolens volens Verwirrung stiftet: Das Spannungsverhältnis zwischen der Kategorie „Öffentlichkeit“ und ihrer kontroversen Deutung im sozialistischen bzw. sowjetischen Kontext wird nicht aufgelöst. Die Argumentation des Buches spitzt sich darüber hinaus auf die Schlagwörter „dissidentes“ oder „nonkonformes Verhalten“ zu, wobei zu letzterem etwa das Abhören westlicher Radiosender gehört. Dies hat jedoch nur bedingt mit dem Buchtitel (Protest, Reform, Repression) zu tun und hätte einer weiteren Erörterung bedurft. In der Gesamtabwägung ist dennoch von einer gelungenen Analyse zu sprechen, deren Fokus – und das ist durchaus eine Seltenheit – auf den spezifischen Kontinuitäten der sowjetischen Nachkriegszeit ruht.

 

 

Hornsby, Robert: Protest, Reform and Repression in Khrushchev’s Soviet Union. Cambridge u. a.: Cambridge University Press, 2013. 313 S., kart., ca. 80,- $. ISBN: 978-1-107-03092-3.

 

Inhaltsverzeichnis

List of tables ... viii

Acknowledgements ...  ix

Transliteration ... x

 

Introduction ... 1

 

Part I ... 21

1 An end to silence ... 23

2 Putting out fires ... 54

3 After the Hungarian rising ... 79

4 Turning back the tide: the clampdown on dissent ... 108

 

Part II ... 135

5 The anti-Soviet underground ... 137

6 Taking to the streets ... 171

7 Less repression, more policing ... 197

8 The application of force ... 222

9 A precursor to the Soviet human-rights movement ... 253

 

Conclusion ... 284

 

Glossary ... 290

Bibliography ... 291

Index ... 308

 

 

Illusion and reality: concearning the repressive features of the   Khrushchev era

In many conventional portrayals the Khrushchev era (1953-1964) is depicted as a period of the successful arousal of a spirit of optimism within soviet society through liberal political reforms. Often the term 'thaw' illustrates such perceptions, but it also reflects the impressions of many contemporaries. While Robert Hornsby analyses the arbitrary reactions of the regime concerning all possible forms of individually prosecutable behavior, which included examinations of the personal motives of the protagonists, he challenges such stereotypes in an inspiring manner. Beyond that this book indicates important developments in the history of the Soviet Union after Stalin.

 

 

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