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Phantastisches Handbuch

Eine Rezension von Klaudia Seibel

Brittnacher, Hans Richard und Markus May (Hg.): Phantastik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart/ Weimar: Metzler, 2013.

Das Handbuch Phantastik. bündelt den derzeitigen Stand der Phantastikforschung. Es stellt Aspekte der Phantastik diachron, transnational, interdisziplinär und über die Grenzen der einzelnen Philologien hinweg zusammen. Darüber hinaus liefert es eine Fülle von Einzelaspekten, die für die Erforschung von Phantastik relevant sind. Es präsentiert in einem Band, was der Phantastikforscher sich bislang mühsam zusammensuchen musste und kann so zum Sprungbrett für neue 'phantastische' Forschungen werden.

> English Abstract     > Inhaltsverzeichnis           
  
Mit dem Thema "Phantastik" widmet sich das vorliegende Handbuch aus der bewährten Metzler-Reihe einem kulturwissenschaftlichen Forschungsgebiet, das in den letzten Jahren sein Schattendasein verlässt. Brittnacher und May haben sich daher des Mammutprojektes angenommen, den Stand der Phantastikforschung im Handbuch-Format zusammenzufassen, welches "den Stoff eines Fachgebietes systematisch präsentiert und sich dabei an Fachleute und Studierende wendet" (Rüdiger Zymner: Handbuch Gattungstheorie. Stuttgart und Weimar 2010, S. 1). Die Beschäftigung mit Phantastik ist noch immer ein Forschungsgebiet in statu nascendi, galt sie doch im deutschsprachigen Raum lange als Marginalie; bis heute sind die Vertreter der Phantastikforschung einem starken Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Nicht einmal über die Schreibweise des Forschungsgegenstandes herrscht Einigkeit. Dennoch ist es zum gegenwärtigen Zeitpunkt durchaus sinnvoll, den Stand der Forschung zu kartographieren. So vernetzen sich einzelne Institutionen der deutschsprachigen Phantastikforschung zunehmend, wie etwa die seit 2003 kontinuierlich arbeitende Sektion "Phantastische Welten" des Gießener Graduiertenzentrum Kulturwissenschaften, unter maßgeblicher Beteiligung der 2010 gegründeten "Gesellschaft für Fantastikforschung". Ein Handbuch könnte in einem solchen Prozess eine zentrale Rolle spielen, da es bisherige Forschungsergebnisse sichert, Anstöße für neue Forschungsrichtungen liefert und Neulingen auf dem Gebiet der Phantastik einen kompakten Überblick zu liefern vermag.  
  
Diesem großen Forschungsgegenstand nähern sich die Herausgeber von zwei unterschiedlichen Blickwinkeln aus: Im ersten großen Teilabschnitt des Bandes, dem "Historischen Teil" wird ein diachroner Abriss der 'phantastischen' Literaturgeschichte gegeben, eingeteilt nach literaturgeschichtlichen Epochen und Nationalliteraturen; der zweite – weitaus umfangreichere – "Systematische Teil" trägt all jenes zusammen, was im Zusammenhang mit Phantastikforschung von Relevanz ist. 
  
Nach einer sehr kurz gehaltenen Einführung durch die Herausgeber beginnt unvermittelt der "Historische Teil". Unvermittelt deshalb, da dem historischen Abriss keinerlei Klärung des Gegenstandsbereiches vorausgeht, zu dem eine Historie verfasst werden soll, gleichwohl aber in der "Einführung" angekündigt wird, "die historische Entwicklung des Phantastischen in seinen unterschiedlichen nationalliterarischen und medialen Ausprägungen differenziert" darzustellen (S. 1). Dies suggeriert auf den ersten Blick, dass es (a) das Phantastische als klar abgegrenzten Gegenstand gibt und dass sich (b) eine kontinuierliche Entwicklungslinie des Phantastischen zeichnen ließe. Doch genau dieses leisten die einzelnen Beiträge in diesem Abschnitt nur sehr bedingt. Hinzu kommt noch, dass die Einteilung der einzelnen Unterabschnitte der Epocheneinteilung der (deutschen) Literaturgeschichtsschreibung folgt. Dies zwingt anderen Nationalliteraturen fremde Zäsuren nicht nur auf, sondern kann mit Blick auf die rigiden, am Kanon orientierten Einteilungen dazu führen, dass phantastische Texte durchs Raster fallen. Eklatant wird dies im Kapitel "Realismus", das als Epochenbezeichnung genau das Textmerkmal hervorhebt, das der Phantastik diametral gegenüber zu stehen scheint. Dennoch liegt ein Gewinn darin, dass – aufgrund der fehlenden definitorischen Festlegung – der Autor jedes neuen Unterkapitels den für ihn gültigen Phantastikbegriff selbst festlegen muss. Hierdurch wird dem nachschlagenden Leser neben einer kompakten Darstellung des phantastischen Literaturschaffens in einem bestimmten Zeitabschnitt auch eine diesem Textcorpus angemessene Definition des Phantastischen geboten. So wird insbesondere für die Zeit vor der Aufklärung eine "enge[] Begriffsdefinition als Reaktion auf Prozesse der Aufklärung und der Rationalität" (S. 1) vermieden. Der historische Teil liefert so eine Fülle von möglichen Ansätzen zur Definition des Phantastischen, die pragmatisch aus der Betrachtung des jeweiligen Textcorpus gewonnen sind. Darüber hinaus wird nationalen Besonderheiten Rechnung getragen und das nicht nur für die 'größeren' westlichen Literaturen, sondern auch für Russland, Polen, Skandinavien, die Niederlande und Belgien sowie die gesamte Romania incl. Lateinamerika. Allein das Fehlen Japans mag man hier bedauern, gehen doch von der zeitgenössischen japanischen Literatur und Populärkultur wichtige Impulse auch für die westliche Phantastik aus.

Der historische Teil vermeidet durch seine Anlage jene Engführung des Begriffs, der für den theoretischen Diskurs über 'Phantastik' kennzeichnend ist. Dieser bestimmt das erste Teilkapitel des "Systematischen Teils". Ausgehend von der französischsprachigen Forschung der Nachkriegszeit wird Tzvetan Todorovs Introduction à la littérature fantastique (1970) als zentraler Text der Phantastikforschung etabliert; er wurde "vor allem von der deutschsprachigen Forschung intensiv rezipiert" (S. 190). Aufgrund seiner strukturalistischen Klarheit zieht man ihn immer noch in vielen Definitionsversuchen des Phantastischen zu Rate, allerdings schließt er durch seinen sehr engen Phantastikbegriff viel von dem aus, was gemeinhin unter Phantastik verstanden wird. Umso wichtiger, dass Brittnacher und May über Todorov hinaus ein breites Spektrum von theoretischen Ansätzen präsentieren, die unter diskursanalytischen, poststrukturalistischen, feministischen, postkolonialistischen, medientheoretisch-analytischen und weiteren Vorzeichen neue Möglichkeiten der Phantastikforschung eröffnen.

Weiterhin behandelt der "Systematische Teil" die verschiedenen medialen Ausprägungen des Phantastischen: Bildende Kunst, Architektur, Musik, Film, Kinder-und Jugendliteratur sowie phantastische Alltagskultur. Insbesondere im Kapitel zur Bildenden Kunst wird in einem sehr umfangreichen formgeschichtlichen Überblick herausgearbeitet, welche Schwierigkeiten die Anwendung des Phantastikbegriffs mit sich bringt. Die Konsequenz daraus, "vorläufige Ordnungen vorzuschlagen und deren Legitimität durch exemplarische gewählte Werke zu begründen […] quer zur Einteilung in Epochen" (S. 205), mag als wegweisend für die Phantastikforschung in allen Disziplinen gelten.

Im dritten Abschnitt des "Systematischen Teils" werden die wichtigsten Genres, Themen, Motive sowie für die Phantastik relevanten poetischen Konzepte zusammengestellt. Insbesondere das "Themen und Motive"-Kapitel wartet mit einer Fülle einzelner Aspekte auf, von "Apokalypse" bis "Zombie". Sie liefern jeweils querschnittartige Einblicke zu phantastischen Wesen oder phantastischen Orten. Es enthält aber etwa auch einen sehr gelungenen Überblick zur "Magie" von der Antike bis zu Harry Potter. Ergänzt wird das immerhin knapp zweihundert Seiten umfassende Motivinventar durch "die poetischen und poetologischen Schlüsselkonzepte der Phantastik" (S. 2), welche über die Phantastikforschung hinaus kulturwissenschaftliche Anschlussmöglichkeiten bieten (z.B. die Rolle der "Affekte", "Orientalismus" oder "Zeit- und Raumstrukturen").

Aufgrund seiner Heterogenität bietet das Handbuch eine Fülle an Einzelaspekten, die das Erschließen des weiten Feldes der Phantastik für interdisziplinär arbeitende Studierende und Forscher erleichtert. Es mag seine Funktion weniger in der Festschreibung eines Status quo als in der Momentaufnahme eines sehr lebendigen Forschungsgebietes erfüllen. Insofern leistet es einen wesentlichen Beitrag zur weiteren Etablierung des Forschungsgebietes.
 

 

Brittnacher, Hans Richard und Markus May (Hg.): Phantastik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart/Weimar: Metzler, 2013. VII, 647 S., gebunden, 64.95 Euro. ISBN: 978-3-476-02341-4


Inhaltsverzeichnis

I. Einführung (Hans Richard Brittnacher/Markus May) ... 1


II. Historischer Teil


1. Antike ... 5 

1.1 Klassische Griechische und Römische Antike (Almut-Barbara Renger) ... 5
1.2 Judentum (Marco Frenschkowski) ... 7 


2. Mittelalter (Jutta Eming) ... 10
3. Frühe Neuzeit ... 19 

3.1 Deutschland (Ursula Kocher) ... 19
3.2 England (Sibylle Baumbach) ... 23
3.3 Lateinische Literatur des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit (Michele C. Ferrari) ... 27


4. 18. Jahrhundert ... 34

4.1 Romania (Kathrin Ackermann) ... 34
4.2 England (Dieter Petzold) ... 39
4.3. Deutschland (Evelyne Jacquelin) ... 48
4.4. Russland vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert (Thomas Grob) ... 56

 
5. Romantik ... 59

5.1 Deutschland (Hans Richard Brittnacher/Markus May) ... 59
5.2 England/USA (Barry Murnane) ... 67
5.3 Frankreich und Italien (Kathrin Ackermann) ... 73
5.4. Spanien, Portugal (Roland Spiller) ... 78
5.5 Russland (Thomas Grob) ... 84
5.6 Polen (Dirk Kretzschmar) ... 86


6. Realismus ... 89

 6.1 Frankreich (Kathrin Ackermann) ... 89
6.2 England/USA (Barry Murnane) ... 94
6.3 Deutschland (Christian Begemann) ... 100
6.4 Spanien, Portugal (Marco Kunz) ... 108
6.5 Russland (Thomas Grob) ... 111
6.6 Skandinavien (Stephan Michael Schröder) ... 112


7. Symbolismus, Fin de siècle und klassische Moderne ... 118

7.1 Frankreich und Belgien (Thomas Amos) ... 118
7.2 England/USA (Sabine Coelsch-Foisner) ... 125
7.3 Deutschland und Österreich (Peter Sprengel) ... 132
7.4 Spanien, Portugal und Lateinamerika (Roland Spiller) ... 137
7.5 Russland (Thomas Grob) ... 141
7.6 Polen (Dirk Kretzschmar) ... 143
7.7 Skandinavien (Stephan Michael Schröder) ... 144


8. 1945 bis Gegenwart ... 151

8.1 England, USA (Johannes Rüster) ... 151
8.2 Lateinamerika (Roland Spiller) ... 158
8.3 Frankreich (Hendrik Hellersberg) ... 165
8.4 Deutschsprachige Phantastik (Stefanie Kreuzer/Maren Bonacker) ... 170
8.5 Russland (Thomas Grob) ... 177
8.6 Polen (Dirk Kretzschmar) ... 180
8.7 Spanien, Portugal (Marco Kunz) ... 181
8.8 Niederlande und Belgien (Johannes W.H. Konst) ... 183


III. Systematischer Teil


1. Phantastik-Theorien (Hans Richard Brittnacher/Markus May) ... 189

2. Mediale Ausprägungen des Phantastischen 198

2.1 Bildende Kunst (Victoria von Flemming) ... 198
2.2 Architektur (Karl R. Kegler) …226
2.3 Musik (Hendrik Hellersberg) ... 232
2.4 Film (Georg Seesslen) ... 239
2.5 Kinder- und Jugendliteratur (Hans-Heino Ewers) ... 249
2.6 Phantastische Alltagskultur ... 258

2.6.1 Rollenspiele, Computerspiele, Internet (Birgit Ziener) ... 258
2.6.2 Fandom (Ronald Hitzler/Annika Leichner) ... 263
2.6.3 Design und Mode (Claudia Banz) ... 268


3. Genres, Themen und Motive, Poetik ... 273

3.1 Genres ... 273

3.1.1 Conte fantastique (Doris Distelmaier-Haas) ... 273
3.1.2 Cyberpunk (Martin Holz) ... 280
3.1.3 Fantasy (Johannes Rüster) ... 284
3.1.4 Groteske (Günter Oesterle) ... 293
3.1.5 Märchen – Sage – Legende (Monika Schmitz-Emans) ... 300
3.1.6 Schauerroman/gothic novel (Mario Grizelj) ... 305
3.1.7 Science Fiction (Roland Innerhofer) ... 318
3.1.8 Utopie/Dystopie (Peter Kuon) ... 328

3.2 Themen und Motive ... 336

3.2.1 Apokalypse/Weltuntergang (Hans Richard Brittnacher) ... 336
3.2.2 Museum und Bibliothek (Peter Assmann)  ...343
3.2.3 Don Juan (Jürgen Wertheimer) ... 347
3.2.4 Faust (Leonard Olschner) ... 350
3.2.5 Feen – Nixen – Elementargeister (Monika Schmitz-Emans) ... 355
3.2.6 Femme fatale/Femme fantôme (Carola Hilmes) ... 362
3.2.7 Friedhof (Birgit Ziener) ... 370
3.2.8 Geister und Dämonen (Silke Arnold-de Simine) ... 376
3.2.9 Kannibalismus/Anthropophagie (Hans Richard Brittnacher/Markus May) ... 384
3.2.10 Künstlicher Mensch (Rudolf Drux) ... 391
3.2.11 Labyrinth (Manfred Schmeling) ... 401
3.2.12 Magie (Böser Blick, Alraune, Zauber) (Marco Frenschkowski) ... 407
3.2.13 Magnetismus, Mesmerismus, Somnambulismus, Hypnose (Jürgen Barkhoff) ... 413
3.2.14 Monster/Ungeheuer (Rasmus Overthun) ... 420
3.2.15 Mumie (Marcus Stiglegger) ... 432
3.2.16 Okkultismus, Spiritismus, Seelenwanderung (Marco Frenschkowski) ... 435
3.2.17 Passagen, Schwellen, Übergänge (Judith Dangel) ... 441
3.2.18 Phantastische Reise/Zeitreise (Roland Innerhofer) ... 447
3.2.19 Puppe (Hans Richard Brittnacher) ... 457
3.2.20 Revenant/Doppelgänger ... 466
3.2.21 Satanismus (Hans Richard Brittnacher) ... 472
3.2.22 Tier (Roland Borgards) ... 482
3.2.23 Totentanz (Uli Wunderlich) ... 488 

 

 

The fantastic made accessible

The handbook Phantastik makes the theory of the fantastic accessible. It has a diachronic, transnational, interdisciplinary perspective that takes into account the diverging traditions of the various language departments. Additionally, it presents a plethora of aspects relevant to research in the fantastic. It presents concisely the many strands of research in the fantastic. Thus, it can be a very good starting point for further research.

 


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