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Mit den Augen denken: Ein praxisnahes Handbuch zum Umgang mit dreidimensionalen Quellen

 

Eine Rezension von Annette Cremer

Jordonova, Ludmilla: The Look of the Past. Visual and Material Evidence in Historical Practice. Cambridge: Cambridge University Press, 2012.

The Look of the Past befasst sich mit der Frage, in welcher Weise Bilder und Objekte als Quellgattungen in den historisch arbeitenden Kulturwissenschaften dienen können. Es ist ein interdisziplinär angelegtes, methodisches Handbuch, das neben grundlegenden Analysen, praxisnahe Fallbeispiele in Form von vier Essays, umfangreiche Bildbesprechungen und ausführliche Bibliographien zu den einzelnen Schlüsselthemen bietet. Es liefert damit eine anwendungsorientierte Anleitung zum Umgang mit dreidimensionalen Quellen, die für Studium, Lehre und Forschung gleichermaßen zu empfehlen ist. Die besondere Qualität des Buchs liegt in seiner ausdrücklichen Transparenz: Unterschiedliche Zugangsweisen zu Dingen als Quellen werden so nachvollziehbar und in ihrem Leistungsvermögen, ihrer Wirkungsweise sowie ihren Vor- und Nachteilen vergleichbar.

 

 

„Artefacts mediate past ideas and experience“ (1), so der Ausgangspunkt der Autorin. Artefakte, – im Gegensatz zu natürlichen Dingen, die von Menschen gemacht, angeeignet und mit Bedeutung versehen wurden, stehen im Fokus der Analyse. Jordanova betrachtet Objekte als Speicher historischer Erfahrung und zugleich als Text, der für unser Verständnis historischer Phänomene fruchtbar gemacht werden kann. Die Analyse von Objekten ist jedoch komplexer, als das Lesen von Schriftstücken und bedarf eines eigenen methodischen Rüstzeugs. Gegenständliche Hinterlassenschaften (Bilder, Gebäude, Handtaschen) sind Teil der visuellen Kulturen und müssen konsequent historisiert werden. Die Objekte, die die Autorin als visuelle Quellen bezeichnet, möchte sie zum Sprechen bringen. Dazu sei es unerlässlich, sich direkt mit dem Objekt und nicht mit einer fotografischen oder digitalen Repräsentation auseinanderzusetzen, so Jordanova. Nur durch die direkte Betrachtung teile sich das Objekt mit seiner Größe, Textur und Dreidimensionalität mit. Dieser Zugang kommt im deutschsprachigen Raum noch wenig – jenseits des Museums – in Forschung und Lehre zur Anwendung, gleichwohl der direkte Umgang mit (Kunst-) Objekten im Angelsächsischen bereits verbreitet ist.

Jordanovas Ziel ist es einerseits, den Zweifel der Forschung an der Zuverlässigkeit von Objektquellen zu überwinden; andererseits eine integrierte Form der Geschichtsschreibung zu etablieren, in der multiple Quellgattungen zur Forschung herangezogen werden, um eine möglichst holistische und damit überzeugendere Darstellung historischer Phänomene entwerfen zu können (4). Die Beschäftigung mit Dingen ist kein Selbstzweck, sondern dient der Dekodierung und dem besseren Verständnis von Geschichte. Dieser programmatisch eklektische Weg ist kein einfacher Weg. Er setzt die kompetente Kenntnis verschiedenster Methoden voraus. Jordanova insistiert einerseits auf methodischem Pluralismus, zugleich jedoch entwickelt sie aus diesem multiperspektivischen Zugang einen neu integrierten Methodenvorschlag.

Das methodische Grundgerüst im Umgang mit materieller Kultur („skills“) liest sich zunächst wie eine Einführung in kunsthistorisches Arbeiten: Es besteht in der Beschreibung, also der Übersetzung der visuellen Wahrnehmung in Sprache; zudem der diesem Prozess nach geordneten Analyse, der vielschichtigen Kontextualsierung und dem Vergleich. Das Buch ist unterteilt in fünf thematische Kapitel, die von vier exemplarischen Essays gerahmt werden. Jordanova beginnt mit dem Werkzeug der Beschreibung als „unanvoidable element of scholarship“ (17). Besondere Bedeutung komme der aufmerksamen Betrachtung zu, des sich Einlassens, ganz besonders auf Objekte, die uns alltäglich vertraut oder als Kunstwerke visuell überpräsent sind. Jordanova fordert einen kritischen, ja selbstkritischen Umgang, bewusste Aufmerksamkeit für die eigenen Vorannahmen und Reaktionen auf Objekte, die unbewusst in das Zur-Sprache-Werden einfließen. Das Kapitel „Craft, skills and visual intelligence“ befasst sich mit der Frage, „who did what, in what context and with what historical significance“(53). Die Beschaffenheit von Objekten wie Form, Material, Stil und ihre technische Herstellung sind untrennbar mit sozialer Zugehörigkeit, Geschmack, sozialen Beziehungen sowie Macht- und Marktverhältnissen verbunden. Die bislang getrennte Betrachtung dieser Bereiche könnte zugunsten einer integrierten Perspektive aufgegeben werden (54).

Das dritte Kapitel befasst sich mit dem Problem der Periodisierung, das von Kontinuitäten und Wandel, von Ähnlichkeiten und Unterschieden, einem bestimmten zeitlichen Stil, aber auch einem nahezu unsagbaren Eindruck – dem „period feel“ (97) oder „Zeitgeist“ (107) – ausgehe. Das vierte Kapitel handelt von der Beziehung zwischen Menschen und Dingen; genauer von der Wirkung von Objekten auf Nutzer und Betrachter („audience“) bzw. deren Reaktionen auf Dinge. Als Beispiele dienen der Bildersturm („iconoclasm“) sowie Pornographie, welche beide eine intensive Rezipienten-Reaktion provozieren (155). Das Buch schließt mit einem Kapitel zur vergleichenden Analyse unterschiedlicher Perspektiven: Fragen in Bezug auf soziale Stratifizierung; zur geographischen Situiertheit; zu lokalen, nationalen, individuellen, kollektiven oder disziplinären Traditionen führen zu verschiedenen Ergebnissen, auch wenn sie auf ein und dasselbe Objekte angewandt werden.

Formal ist Look of the Past bemerkenswert, etwa da textimmanente Strukturen offen benannt werden (“Bridge”= Überleitung). Jordanova verkörpert mit ihrem Buch in erstaunlicher Weise einen integrierten methodischen Anspruch: mit äußerster Klarheit und größter Transparenz legt sie ihre eigenen Vorannahmen offen und reflektiert ihre Entscheidungen in Bezug auf ihre Text- und Bildauswahl bzw. damit ihre Wirkungsabsicht. So erörtert sie, dass „the book, itself a piece of visual and material culture, embodies the key concept it interrogates“ (187). Jordanovas Sprachgebrauch ist insgesamt äußerst feinsinnig. Es gelingt ihr, facettenreiche Konnotationen vieler einzelner Phänomene herauszuarbeiten. In seiner Selbstreferenzialität ist Look of the Past zugleich Exemplum, Anleitung zum do-it-yourself, praxisnah und zugleich anspruchsvoll. Jordanova verfügt über umfangreiche transdisziplinäre und transepochale Kompetenzen, die sie mit Leichtigkeit zu einem integrierten Ganzen verwebt. Ihr Buch vermittelt nicht nur eine neue methodische Achtsamkeit, sondern eine Haltung, deren Kern in der Nachvollziehbarkeit liegt. Mit ein bisschen Glück stiftet sie mit ihrem Buch nicht nur eine integrierte Forschungsperspektive in Bezug auf materielle Quellen, sondern auch einen fachlichen Stimmungswechsel.

 

 

Jordonova, Ludmilla: The Look of the Past. Visual and Material Evidence in Historical Practice. Cambridge: Cambridge University Press, 2012. 264 S., Taschenbuch, 29.52 Euro. ISBN: 978-0-521-88242-2.


Inhaltsverzeichnis

Introduction

Starting points ... 1

Assumptions ... 3

Decisions ... 6

Key themes ... 6

Terminology ... 8

Interpretation ... 9

Disciplines ... 11

Structure ... 11

Further reading ... 12

 

1 Description and evidence ... 15

A description ... 15

Description and history ... 16

What is description? ... 18

Attention and time ... 20

Classification and hierarchy ... 22

Captions and titles ... 24

Guides and buildings ... 28

 

Essay A 'sumptuous structure': the Wren Library at Trinity College, Cambridge ... 38

A special building ... 38

A partial description ... 39

Architectural historians consider the library ... 42

Wren's networks, Trinity's networks ... 46

Conclusions ... 48

Endnotes ... 49

Further reading ... 51

Bridge ... 52

 

2 Craft, skills and visual intelligence ... 53

Introduction ... 53

Methods and materials ... 54

Keywords ... 56

Myths of making ... 58

The diversity of work ... 61

Hats 64 How to ... 66

Visual intelligence ... 70

An artist and his materials ... 72

Conclusions ... 73

Endnotes ... 74

Further reading ... 75

Bridge ... 78

Bernini's Ecstasy of St Teresa ... 79

Introduction: a church in Rome ... 79

The saint ... 81

The patron ... 83

The maker ... 85

The spectator ... 87

The style ... 89

Endnotes ... 91

Further reading ... 93

Bridge ... 95

 

3 Periodisation ... 96

Introduction: a feel for the past? ... 96

Periods and public culture ... 98

Periods and objects ... 99

Style ... 103

Words and things ... 106

Revolutionary ages ... 110

Modernism ... 114

Period consciousness ... 118

The period eye ... 120

Endnotes ... 123

Further reading ... 124

Bridge ... 129

 

Essay Photographing 'the Family of Man' ... 130

Photography: treachery and seduction ... 130

Edward Steichen: maestro ... 133

The book ... 135

'Migrant Mother' ... 139

Interpretation and historiography ... 141

Photography: special challenges? ... 143

Endnotes ... 146

Further reading ... 150

Bridge ... 153

 

4 Audiences and display ... 154

Audiences fight back ... 154

Concepts and contexts ... 155

Terms and conditions ... 158

Anxieties about audiences ... 161

Ways of seeing ... 162

Prints and markets ... 164

Problems of language ... 166

Quality and quantity ... 167

Audiences and their disciplines ... 169

Arts of persuasion ... 171

Dissecting display ... 174

Individuals and groups ... 177

Visual powers ... 179

Endnotes ... 181

Further reading ... 183

Bridge ... 186

Coda ... 187

 

Essay Deposits of friendship: Renoir's 1908 portrait of Ambroise VoLLard ... 188

The painting ... 188

The genre ... 191

The textual penumbra ... 195

The visual penumbra ... 201

Endnotes ... 203

Further reading ... 204

Bridge ... 206

 

5 Comparative analysis ... 207

Similarity and difference ... 207

Comparison and disciplines ... 208

Comparison and context ... 211

Connoisseurship ... 211

Comparative literature ... 212

Comparative history ... 216

Looking comparatively ... 217

Pitfalls and problems ... 222

Types of affinity ... 224

Comparison in practice ... 225

Analysis? ... 229

Endnotes ... 229

Further reading ... 231

 

List of reference works ... 234

Illustration credits ... 236

Index ... 238

 

 

Thinking with the eye: Reading material evidence

The Look of the Past explores the ways in which historians can make use of material sources as arguments. The general processes of making, using, and perceiving objects are thoroughly analysed as well as the complex methodological tools of description and comparison. As a specialized handbook (although not explicitly stated as such) it offers a pragmatic approach to the integration of objects in research. In four exemplary essays, Jordanova applies the method she explains theoretically, demonstrating its uses. Additionally, the book provides ample information of further reading for each key theme. As a publication, it promotes scholarly transparency and as such it could become a model of ideal academic conduct.

 

 

© bei der Autorin und bei KULT_online