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Dirk Baeckers Kulturtheorie: Ein 'Buch über nichts'

Eine Rezension von Christian Wilke

Baecker, Dirk: Beobachter unter sich. Eine Kulturtheorie. Berlin: Suhrkamp, 2013.

In seinem neuen und sehr zu empfehlenden Buch präsentiert der Soziologe Dirk Baecker eine Theorie der Kultur, die im Wesentlichen der Vorstellung Luhmanns folgt, dass Kultur eine Form der Reflexion auf soziale Phänomene und ihre Kontingenz sei. Aber wie, könnte man fragen, bringt es die Gesellschaft eigentlich fertig, ihr eigener Beobachter zu sein, ohne ihre eigene Reproduktion zu unterbrechen? Luhmanns Antwort lautete, dass Kultur eine historisierende Perspektive sei, die dieses Paradox in der Dimension der Zeit entfaltet. Stattdessen hebt Baecker die Ambiguität von Erwartungen und die ambivalente Konnotation von Symbolen als ein Mittel hervor, mit dem die Agenten der modernen pluralistischen Gesellschaft selbst ihre je eigene Reichweite regulieren.

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In seiner Monographie Beobachter unter sich. Eine Kulturtheorie entwickelt der Systemtheoretiker Dirk Baecker eine Theorie der modernen Kultur, in deren Zentrum die ambivalente Position von Beobachtern in der pluralistischen Gesellschaft steht: Ob es sich bei diesen 'Beobachtern' um Funktionssysteme, Institutionen, Personen oder Medien handelt, – Baecker nennt sie kultiviert genau dann, wenn sie sowohl ihre eigene Praxis bejahen, als auch die Negierbarkeit dieser Praxis durch Positionen anderer Beobachter in Rechnung stellen.

Die Stärke dieses Buchs besteht darin, dass Baecker die Kontextvielfalt, das Reflexionspotential und die empirische Offenheit des Begriffs der Kultur gerade nicht durch emphatische Vergegenwärtigungen konkreter kultivierter Akteure auszufüllen versucht. Sein Buch „über nichts“ (S. 9), dessen einzige Abbildungen symbolische Notationen sind, beschreibt die Position der Kultur mithilfe einer hochabstrakten, aber vorbildlich sortierten mathematisch-philosophischen Sprache als inhaltsleer, eben als Form, in der ein Beobachter in seiner Beobachtung auf die Kontingenz seiner selbst und (nur) insofern auf andere Beobachter reflektieren kann.

Hierzu führt Baecker zunächst in die Laws of Form von George Spencer-Brown ein (S. 17-75) – und zeigt sich dabei als einer der besten Kenner und Interpreten dieser konstruktivistischen Mathematik. Dabei weicht er in durchaus signifikanter Weise von Spencer-Brown selbst und Luhmann ab, denen zufolge logische Paradoxien – wie zum Beispiel eben Praxis, die auch Reflexion ihrer selbst sein soll – nur im zeitlichen Nacheinander aufgelöst werden können. Kultur, die bei Luhmann ohnehin durch das Raster System, Organisation und Interaktion hindurchfiel, tauchte bei diesem daher lediglich als Retrospektive, als Gedächtnis alternativer Möglichkeiten und Bewertungen einer jeweiligen sozialen Praxis auf (Vgl. Niklas Luhmann: Kultur als historischer Begriff. In: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Bd. 4. Frankfurt a. M. 1995, S. 31-54; Elena Esposito: Kulturbezug und Problembezug. In: Burkart, Günter; Runkel, Gunter (Hg.): Luhmann und die Kulturtheorie. Frankfurt a. M. 2004, S. 91-101).

Baecker schlägt demgegenüber vor, dass Beobachtungen in der sozialen Dimension von Sinn, also im Bezug auf andere Beobachter, ambivalente Sinnprägungen annehmen können. Hierbei erinnert Baecker an die subjektphilosophische Tradition (S. 76ff.), die bereits diskutiert hat, inwiefern sich eine Beobachtung dialektisch über ihre Negation informiert (Hegel) und wie sie ästhetisch zur Wahrnehmung eines inneren Widerstreits durch Dritte aufruft (Kant) (S. 141-156).

Dass Beobachter, die mit der eigenen Negierbarkeit rechnen, dadurch in gewisser Weise als Einzelne die Gemeinschaft anerkennen, scheint mir eine interessante und plausible These zu sein. Bemerkenswert daran ist, dass Kultur so mit einem denkbar schwachen Begriff der Anerkennung definiert ist, der nicht notwendig mit Verstehen oder Akzeptanz gleichzusetzen ist.

In diesem und nur diesem nüchternen Sinne verortet Baecker Kultur in der modernen Gesellschaft. Das soziale Handeln erhält so den Akzent, vielfach gerade im Bewusstsein der Möglichkeit des Scheiterns erfolgreich zu sein (S. 157ff.). Die allgegenwärtigen symbolischen Formen der Medien treten zudem in ihren stets ambivalenten Konnotationen hervor (Massen-, Verbreitungs- und Kommunikationsmedien wie Liebe, Macht, Wahrheit, ...). So könnten etwa die Medien der Internetkommunikation in der sozialen Praxis ebenso kultiviert bejaht wie abgelehnt werden, indem deren Symbole sowohl für die globale Vernetzung stehen wie für den Mangel an lebendigem Austausch und Datenschutz (S. 248). Das Internet heißt also kultiviert, nicht insofern es bildet, sondern insofern es sich symbolisch mit Unwerten auflädt und in der Programmierung Konsequenzen daraus zieht, dass wir (aus Verweigerung oder anderen Gründen) eine Seite auch nicht aufrufen können.

Baeckers Kulturtheorie ist den Monographien Luhmanns zu den Funktionssystemen der Gesellschaft ebenbürtig – auch wenn Kultur kein solches System ist. Baecker richtet sich vornehm(lich) nur an die Soziologie. Gleichwohl darf man seine Kulturtheorie auch einer breiteren intellektuellen Öffentlichkeit empfehlen. Denn er nimmt implizit die poststrukturalistische Debatte der 80er Jahre wieder auf, die den Gegensatz zwischen Partikularismus und Universalismus zu unterlaufen versuchte (Vgl. Joseph Vogl (Hg.): Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen. Frankfurt a. M. 1994). Dass Baecker das Band der Gemeinschaft unter der Bedingung von Pluralität jedenfalls nicht in einer gemeinsamen Sache liegen sieht, sondern in dem Rechnen der Beobachter mit ihrer Negierbarkeit (christlich würde man sagen: mit ihrer Nichtigkeit), in diesem politischen Philosophem scheint mir die Relevanz seines Buches über die Forschung hinaus zu liegen.

 

 

Baecker, Dirk: Beobachter unter sich. Eine Kulturtheorie. Berlin: Suhrkamp, 2013. 309 Seiten, kartoniert, 34.95 Euro. ISBN: 978-3-518-58590-0

 

Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort ... 9

Das Wissen der Beobachter ... 17
Die Form ... 17
Arithmetik ... 18
Algebra ... 24
Wiedereintritt ... 42
Kalküle ... 64

Eine Frage der Form ... 76
Die Idee ... 76
Die Skepsis ... 93
Das Subjekt ... 106
Das System ... 120

Schwierigkeiten mit der Negation ... 141
Die Implikation ... 141
Der Widerstreit ... 148
Die Handlung ... 161
Die Ungewissheit ... 178
Die Technik ... 193

Eine Archäologie der Medien ... 199
Ökologien ... 199
Symbole ... 210
Medien ... 228
Überschüsse ... 257

Das Ganze der Gesellschaft ... 274
Ergänzungen ... 274
Intrigen ... 286
Autopoiesis ... 296

Abbildungsverzeichnis ... 304
Sachregister ... 305

 

Dirk Baecker's Theory of Culture: A 'book about nothing'

By and large, in his new and highly recommended book sociologist Dirk Baecker presents a theory of culture following Luhmann's claim that culture basically is a form of reflection upon social phenomena and their contingency. But how, one may ask, does society accomplish being its own spectator and not interrupt the reproduction of itself? Luhmann's answer was that culture is a historicizing perspective unfolding this paradox in time dimension. Instead, Baecker emphasizes ambiguity of expectations and ambivalent connotations of symbols as a means by which agents in modern pluralistic society are regulating the limits of their own (systems, media, organizations, etc.).

 


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