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Amerikas Gespenster. Die unperfekte Konstruktion von 'Americanness' in der Performanz des kulturellen Imaginären

Eine Rezension von Sonja Teupen

Hamscha, Susanne: The Fiction of America. Performance and the Cultural Imaginary in Literature and Film. Frankfurt/New York: Campus, 2013.

Die Amerikanistin Susanne Hamscha beleuchtet den performativen Charakter der US-amerikanischen Kultur. Ausgehend von poststrukturalistischen und kulturtheoretischen Überlegungen befragt sie klassische sowie gegenwärtige Texte nach dem Zusammenspiel von Performanz und dem kulturellen Imaginären in der Konstruktion von
America und Americanness. Dabei fokussiert sie gerade jene Stellen, an denen die scheinbar reibungslose Herstellung dominanter Imaginationen durch die ihnen inhärenten Subtexte gestört wird. Im Ergebnis werden innerhalb der hegemonialen amerikanischen Kultur zahlreiche Momente des Widerstands offenbar, die die bloße Reproduktion der Norm konterkarieren.

 

 

Susanne Hamscha fragt in ihrer Studie, wie die Literatur der amerikanischen Renaissance zur Formierung der kulturellen Konzepte America und Americanness beigetragen hat; zudem analysiert sie, wie diese durch popkulturelle Phänomene des vergangenen und des gegenwärtigen Jahrhunderts reartikuliert werden. Die auf ihrer Dissertation basierende Monografie umfasst drei „acts“, den Rahmen bilden ein Pro- und ein Epilog. Der Prolog dient als Einführung in theoretische Konzepte und Prämissen. Die drei Akte enthalten die eigentliche empirische Arbeit an den ausgewählten Texten und entfalten das analytische Potenzial der Perspektive Hamschas. Nacheinander rücken hier verschiedene Aspekte der dominanten Imaginationen Amerikas in den Fokus und mit ihnen die kopräsenten disruptiven Momente oder Gespenster (Hamscha verwendet Derridas Begriff „specters“). Im Epilog lässt Hamscha all diese Fäden in der Analyse eines besonders wichtigen Symbols der amerikanischen Kultur zusammenlaufen: der Figur des Cowboys.

America und Americanness sind Fiktionen, so argumentiert Hamscha mit Baudrillard, die durch die fortwährende Reiteration von „foundational scenarios“ Gestalt erhalten und aufrecht erhalten werden. Aufgrund des performativen Charakters von Kultur handle es sich bei diesen Wiederholungen jedoch notwendig um „repetition[s] with a difference“ (20), womit gleichermaßen Affirmation sowie Refiguration des Zitierten ermöglicht würden. Hamscha überträgt hier die Subjekttheorie Butlers auf das kulturelle Konzept Amerika. Aus dieser Perspektive betont sie die Möglichkeit des Widerstands gegenüber der Normalisierung sowie die Chance, bislang ausgeschlossene Perspektiven und Artikulationen Amerikas sichtbar zu machen. Diese unterdrückten Momente, so Hamschas zentrale Prämisse, liegen dabei nicht außerhalb der kulturellen Erzeugnisse, die die hegemonialen Bedeutungen reproduzieren, sondern haften ihnen als paralleles „spectral narrative“ (18) an.

Als initiales Gründungsszenario und fiktionalen Ursprung Amerikas präsentiert Hamscha im ersten Akt die Unabhängigkeitserklärung. Deren Gespenster werden sichtbar, indem das Dokument seinen performativen Wiederholungen gegenübergestellt wird: etwa einer zentralen Rede Obamas oder Versionen fiktionaler Bearbeitung der in der Erklärung postulierten Eigenschaften Amerikas im Spielfilm. In diesen Reartikulationen trete der Ausschlusscharakter der Unabhängigkeitserklärung ans Tageslicht. Die Figur des Präsidenten Obama lasse sich schließlich als materialisiertes Gespenst des Gleichheitsversprechens lesen; die nicht lebbare Existenzform des schwarzen Präsidenten sei zu einer lebbaren geworden.

Im zweiten Akt analysiert Hamscha, unter anderem im Hinblick auf den körperlichen Aspekt, die Konstruktion des „normalen“ Amerikaners in Texten der amerikanischen Renaissance. Indem sie diese in Dialog mit den Filmen Finding Nemo, Jurassic Park und Spider-Man treten lässt, gelingt es ihr zu zeigen, wie die disruptiven Momente bereits in den foundational scenarios von Emersons Gelehrtem, Thoreaus Einsiedler und Whitmans Dichter angelegt sind und wie sie in den gegenwärtigen Texten reartikuliert werden. Den Aspekten race und gender widmet sich Hamscha im dritten Akt, indem sie zunächst die Figur des Ishmael in Moby-Dick mit der des Brody in Jaws vergleicht; anschließend kontrastiert sie die Hester Prynne aus The Scarlet Letter mit der Pop-Ikone Madonna.

Im Epilog buchstabiert Hamscha ihre bis dahin gewonnene Erkenntnis an einem besonders prägnanten Symbol der amerikanischen Kultur aus. Indem sie Beispiele des amerikanischen Westerns vor dem Hintergrund des Films Brokeback Mountain liest, zeigt sie, dass sich in der Figur des Cowboys die konfligierenden Versionen von Americanness überkreuzen – trotz oder gerade weil der Cowboy dieses kulturelle Konzept verkörpert wie kein anderer. Brokeback Mountain füge als Reartikulation des Genres diesem das Thema Homosexualität nicht einfach hinzu. Vielmehr lasse er sichtbar werden, dass Homoerotik immer schon als zentrales Element dieses nationalen Mythos gedient habe, der Americanness als heterosexuelle weiße Männlichkeit stabilisiere. Durch die offene Abweichung des Films von den hegemonialen Vorlagen forciere er eine Revision des gesamten Western- und Cowboy-Archivs aus der Perspektive der Homoerotik. Dadurch erfahre die dominante Norm eine Veränderung und mache sie – sowie letztlich das Konzept Amerika insgesamt – inklusiver gegenüber bislang unterdrückten Aspekten.

Mit „The Fiction of America“ liegt eine hochinteressante und kenntnisreiche Studie vor, die nicht nur der Amerikanistik sowie der Literaturwissenschaft, sondern ebenso der kulturwissenschaftlich ausgerichteten Sozialwissenschaft als Anregung dienen kann. Zwar stehen für Hamscha die literarischen, filmischen und popkulturellen Texte im Vordergrund, mögliche Bezüge zu sozialen Praktiken klingen aber an und können in künftigen Arbeiten weiterverfolgt werden. Ebenso wäre die über den Gegenstand der Studie hinausreichende Frage, auf welche Weise das Konzept Amerika auch außerhalb der amerikanischen Kultur reproduziert wurde und wird, der weiteren Betrachtung wert. Hamscha nennt den Umstand, dass Amerika sich zu einem bestimmten Zeitpunkt selbst erfunden und ins Leben gerufen hat, als singuläres Charakteristikum. Die Grenzenlosigkeit des Konzeptes Amerika, so scheint es, könnte als ein weiteres Spezifikum fokussiert werden. Gleichzeitig wäre zu reflektieren, ob die Überlegungen der Studie nicht doch auf andere Kulturen übertragbar sind, auch wenn die Kulturen Europas, wie Hamscha argumentiert, nicht so sehr auf einer Idee, sondern stärker auf gemeinsamer Historie, Abstammung und dem Konzept der Nation basieren.

Kritisch zu erwähnen ist die teils mangelnde Klarheit darüber, wie die Auswahl des Materials erfolgt ist. In der Folge bleibt unreflektiert, welche Ergebnisse eine andere Textauswahl ermöglicht haben könnte. Diskussionswürdig ist darüber hinaus der normative Hintergrund, den Hamscha nicht explizit macht, der jedoch ihre theoretischen Überlegungen und ihre Analyse informiert. Wenn sie schreibt, dass „by granting visibility to marginalized groups in the American cultural imaginary, these [disruptive; ST] moments are more often than not productive and dynamic instances which unearth long silenced voices and send out a plea for inclusion.“ (S. 76), sind mit den marginalisierten Gruppen diejenigen gemeint, deren Hörbarkeit und „Inklusion“ konsensuell eingefordert werden können. Dies ist Hamschas Fokus geschuldet (Körper, race, gender, Sexualität), hätte jedoch explizit reflektiert werden können. Insgesamt handelt es sich aber unzweifelhaft um eine bereichernde und anregende Lektüre, die prominente Konzepte gegenwärtiger Kulturwissenschaft am empirischen Fall nachvollziehbar macht.


Hamscha, Susanne: The Fiction of America. Performance and the Cultural Imaginary in Literature and Film. Frankfurt/New York: Campus, 2013. 334 S., kart., 34.90 Euro. ISBN: 978-3-593-39872-3.


Inhaltsverzeichnis

 

Acknowledgments … 9

Prologue

The Fiction of America – America as Fiction … 13

Act I

Setting the Stage – or, Performing 'America' on the Streets of Philadelphia … 35

Act II

Will the Real American Please Stand Up! Americanness (Dis)Embodied … 83
Interlude: Pop Goes the Canon … 83
Scenario 1, A Fish Called Emerson: The American Scholar and Finding Nemo … 91
Scenario 2, From Walden Pond to Jurassic Park: The Re(dis)covery of America … 119
Scenario 3, S(w)inging the Self: Whitman, Spider-Man, and the Body Politic … 150

Act III

American Idols: The Anatomy of Race and Gender … 181
Interlude: Romancing the Ghost … 181
Scenario 1, The Shark Has Pretty Teeth: Straight White Masculinity and Ethnic Ventriloquism in Moby-Dick and Jaws … 188
Scenario 2, Ghostly Femininity: Parody and Dissent in The Scarlet Letter and Madonna … 238

Epilogue

The Specters of America … 285

Bibliography ….. 303

Index ….. 327
 

 

The Specters of America. The Imperfect Construction of Americanness within the Performance of the Cultural Imaginary

The Americanist Susanne Hamscha examines the performative character of American culture. Based on poststructuralist and cultural-theoretical considerations, she consults classic as well as contemporary texts regarding the interplay of performance and the cultural imaginary in the construction of 'America' and 'Americanness'. She focuses precisely on those moments in which the ostensibly smooth production of dominant imaginations is disrupted by their inherent subtexts. As a result, numerous moments of resistance manifest within the hegemonic American culture which counteract the sheer reproduction of the norm.


© bei der Autorin und bei KULT_online