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Variationen eines kulturellen Musters

Eine Rezension von Thorsten Carstensen


Braun, Peter; Bernd Stiegler (Hg.): Literatur als Lebensgeschichte. Biographisches Erzählen von der Moderne bis zur Gegenwart. Bielefeld: transcript, 2012.


Die Fiktionalisierung von Lebensgeschichten ist eine Konstante in der Literatur der Moderne. Sie dient häufig auch dazu, komplexe gesellschaftliche und politische Verhältnisse zu diskutieren. Ob Benjamins Denkbilder aus der Berliner Kindheit, Johnsons Mutmaßungen über Jakob oder Sebalds Spiel mit Korrespondenzen in Die Ausgewanderten: Indem die Autoren Biographien rekonstruieren und problematisieren, untersuchen sie gleichzeitig den Zusammenhang von subjektiver Erinnerung, historischer Wirklichkeit und narrativen Konventionen. Der vorliegende Sammelband steckt das europäische Forschungsfeld ab und zeigt, wie das biographische Erzählen in der Gegenwartsliteratur zunehmend metafiktional wird und immer häufiger an seine Grenzen stößt.

  

In der modernen europäischen Literatur begegnen wir der Lebensgeschichte als einem dominanten kulturellen Muster, mit dessen Hilfe die soziale Wirklichkeit in einen erzählerischen Sinnzusammenhang überführt wird. Basierend auf einer Tagung des Konstanzer Exzellenzclusters "Kulturelle Grundlagen der Integration" im Jahr 2008, setzt dieser komparatistisch angelegte Band Texte der deutschen Literatur zu Beispielen aus England, Frankreich und Spanien in Beziehung. Der Untertitel verweist auf das imposante Spektrum: Über das gesamte 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein erstreckt sich das faszinierende Textfeld, auf dem dann zum Beispiel Walter Benjamin dem englischen Biographen Richard Holmes und zeitgenössischen Autoren wie Maxence Fermine und Juan Manuel de Prada begegnet. Die so eröffneten intertextuellen und interkulturellen Perspektiven dürften künftigen Forschungsarbeiten als beachtenswerte Anknüpfungspunkte dienen.

Vor dem Hintergrund narratologischer Überlegungen widmet sich der Band dem ständigen Funktionswandel, dem das biographische Erzählen in der Moderne und Postmoderne unterworfen ist. Offenkundig wird dabei vor allem die erhöhte Selbstreflexivität, mit der Autorinnen und Autoren wie Jean-Paul Sartre, Georges Perec oder Herta Müller den Konstruktionscharakter jeder Lebensgeschichte offenlegen. Wie die Herausgeber in ihrer Einleitung betonen, basiert der biographische Text im 20. Jahrhundert immer seltener auf einer nachträglichen Rekonstruktion von Zusammenhängen. Zu beobachten sei vielmehr ein zunehmend performatives Erschreiben stets fragil bleibender Konstellation (S. 11).

Ansgar Nünnings Beitrag über die narrativen und selbstreflexiven Strategien des biographischen Schreibens ist im hinteren Teil des Bandes versteckt, obgleich er recht eigentlich das begriffliche Instrumentarium einführt, mit dem sich die einzelnen Ausformungen des Genres klar greifen lassen. Laut Nünning lässt sich am biographischen Schreiben stellvertretend der für postmoderne Kunst allgemein kennzeichnende „Paradigmenwechsel“ (S. 309) hin zu einer verstärkten "Auseinandersetzung mit den Konventionen, Selektionskriterien und Rezeptionserwartungen" (S. 310) der eigenen Gattung beobachten. Als aufschlussreich erweisen sich vor allem Nünnings Überlegungen zu Julian Barnes’ Roman Flaubert’s Parrot. Dieser Prototyp der Metabiographie präsentiere dem Leser kein autoritatives Bild des französischen Autors, sondern reflektiere dessen Werk und Leben "in einer Vielzahl unterschiedlicher Spiegel, Texte und Perspektiven" (S. 322).

Mehrere Beiträge dieses so vielfältigen Bandes sind ausdrücklich hervorzuheben. Dazu gehören jene Aufsätze, die sich dem problematischen Verhältnis von Individual- und Kollektivgeschichte widmen. So analysiert Peter Kuon die komplexen narrativen Strategien, mit denen Robert Merle in seinem Roman La mort est mon métier (1952) die fiktive Autobiographie des ehemaligen Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, erzählt. Der Versuch, das Unbegreifbare im Rahmen einer individuellen Lebensgeschichte fassbar zu machen, müsse, so Kuon, jedoch scheitern: Das kollektive Verhalten der Bevölkerung, welches in einer Diskussion über den Genozid an den Juden zu berücksichtigen sei, lasse sich durch den Fokus auf einen pathologischen Fall nicht erklären. Dorothee Kimmich untersucht derweil, wie Feridun Zaimoglu in seinem Roman Leyla (2006) das Spiel mit den Konventionen des biographischen Schreibens in den Zusammenhang von Migration und Weltliteratur überführt. Kimmich versteht Leyla als "semifiktionale Familienbiographie" (S. 130), die mit den Vorstellungen von Subjekt und Identität des deutschen Bildungsromans breche: Zaimoglus vielstimmiger Text orientiere sich sowohl am mythisierenden Erzählen als auch an der oralen Tradition des Epos. Die Lebensgeschichte der Mutter wird zur "Geschichte aus der alten Zeit" (S. 136), die einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt.

Anhand von Hanns-Josef Ortheils Faustinas Küsse und Martin Walsers Ein liebender Mann skizziert Andrea Bartl den Umgang mit historischen Stoffen in der deutschen Gegenwartsliteratur. Beide Romane spielen mit den Konventionen historiographischer Metafiktion, indem sie Reiserlebnisse Goethes als Ausgangspunkte für Reflexionen über das Schreiben wählen. Bartl zeigt, wie Ortheils Text vor dem Hintergrund von Goethes Romreise im Jahr 1786 eine Ästhetik des Flanierens einübt; durch die konstruktive Verbindung von Bewegung im Raum, Wahrnehmung und Narration ergäben sich neue Identitätsentwürfe. Bei Walser dagegen wird der alte Goethe während seines Aufenthalts in Marienbad im Jahr 1823 zum Spaziergänger, der jederzeit zu erstarren droht. Dieser Goethe, das legt Bartl plausibel dar, lässt sich biographisch nicht mehr einfangen; er bleibt eine Leerstelle.

Die Erkenntnis, dass authentisches biographisches Erzählen sich nicht länger innerhalb eines gesicherten Traditionszusammenhangs vollziehen kann, prägt die Literatur der Moderne und Postmoderne insgesamt. Zurecht ruft Bernd Stiegler in seinem Beitrag in Erinnerung, wie schon Walter Benjamin in seinem autobiographischen Text Berliner Kindheit um neunzehnhundert das Überindividuelle herausstellt; jene Technik, die Stiegler als Überblendung bezeichnet, habe das Prinzip einer Sinn stiftenden Lebenserzählung komplett in Frage gestellt. Indem Stiegler frühe Varianten der Berliner Kindheit mit der 1938 erschienenen 'Fassung letzter Hand' vergleicht, führt er Benjamins Verfahren fortschreitender Distanzierung und Abstraktion auf die Perspektive des Exils zurück: In dem Bewusstsein, dass der Abschied von Berlin vermutlich dauerhaft sein würde, ersetzte Benjamin individuelle durch kollektive Erinnerungen.

Es scheint, als schwängen Benjamins Überlegungen gerade in den Texten von poetisch avancierten Autoren wie W.G. Sebald und Hans Magnus Enzensberger stets mit. So schildert Luisa Banki unter dem Begriff der "Polybiographik", wie Sebald in seinen Texten mehrere Lebensgeschichten überblende; aus der Beschreibung der Geschichte einer Figur ergäben sich "immer die Geschichten anderer Figuren". Daraus entstehe eine spannungsvolle Verschränkung von Vergangenheit und Erzählgegenwart: An die Stelle der Biographie eines Individuums trete ein "mehrdimensionales und dezentriertes biographisches Gebilde" (S. 352). Unterdessen zeigt Peter Braun, wie in Enzensbergers politischen Biographien Der kurze Sommer der Anarchie (1972) und Hammerstein oder Der Eigensinn (2008) die jeweiligen Protagonisten in ihrem sozialen und politischen Umfeld verortet werden, so dass Lebensgeschichte und Zeitgeschichte in Relation zueinander treten. Auch Enzensbergers Texte, so Braun weiter, reflektierten "die Brüchigkeit und Fragilität des kulturellen Musters Biographie" (S. 248), ohne es jedoch komplett in Frage zu stellen. Der Grundlage des biographischen Erzählens – also den Dokumenten und Quellen – begegne Enzensberger mit jener "erkenntnistheoretischen Skepsis" (S. 249), die als Signatur der Moderne gelten kann; sie wird zudem von den Autoren des Bandes immer wieder als Merkmal der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts hervorgehoben. Überzeugend arbeitet Braun heraus, dass Enzensberger sich im Kontext jener Debatten um den fiktionalen Aspekt wissenschaftlicher Geschichtsschreibung bewegt, die Hayden White in seiner bahnbrechenden Studie Metahistory 1973 erstmals entfaltete.

In ihrer radikalsten Form ist die erschriebene Lebensgeschichte eine Konstellation aus Partikeln und Bruchstücken. Sie reflektiert damit die postmoderne Infragestellung biographischer Sinnstiftung ebenso wie die Ausdifferenzierung der Lebenswelt. Wie der Sammelband anschaulich belegt, ist in der europäischen Literatur gerade in den letzten zwei Jahrzehnten eine "biographische Mode" (S. 377) zu beobachten. Eine Rückkehr zur kohärent dargestellten Lebensgeschichte des 19. Jahrhunderts ist damit freilich nicht verbunden. Vielmehr offenbaren die vorliegenden Aufsätze, dass es in der Regel dem Lesenden vorbehalten ist, jene Leerstellen zu schließen, die das skeptische biographische Erzählen eröffnet. Zugleich weckt das Buch Vorfreude auf mehr: Von der Erforschung der narrativen Strategien, die dem metabiographischen Schreiben zugrunde liegen, sind für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit anderen internationalen Gegenwartsautorinnen und -autoren wie Ian McEwan, Patrick Modiano oder A. S. Byatt wichtige, frische Impulse zu erhoffen.

 


Braun, Peter; Bernd Stiegler (Hg.): Literatur als Lebensgeschichte. Biographisches Erzählen von der Moderne bis zur Gegenwart. Bielefeld: transcript, 2012.  412 S., kart., mit farb. Abb., 36.80 Euro. ISBN 978-3-8376-2068-9


Inhaltsverzeichnis

Die Lebensgeschichte als kulturelles Muster. Zur Einführung ... 9

Peter Braun, Bernd Stiegler

 

I. URSZENEN BIOGRAPHISCHEN ERZÄHLENS

 

Lebensgeschichte, Topographie & biographische Spuren. Zur postmodernen Romantik in Richard Holmes’ Footsteps. Adventures of a Romantic Biographer ... 23

Helga Schwalm

 

Goethe geht spazieren. Hanns-Josef Ortheils Faustinas Küsse, Martin Walsers Ein liebender Mann und ein mögliches Paradigma biographischen Erzählens ... 41

Andrea Bartl

 

Una vida de cine. Zur narrativen Wieder-Holung des Lebens in Miguel Delibes’ Roman Cinco horas con Mario ... 61

Kurt Hahn

 

Lebensgeschichten entwerfen. Projekt und Biographie im Werk Jean-Paul Sartres ... 89

Patricia Oster

 

II. DER BIOGRAPHISCHE ERZÄHLER

 

Das Leben eines Massenmörders. La mort est mon métier von Robert Merle ... 115

Peter Kuon

 

Metamorphosen einer Biographie. Bemerkungen zu Feridun Zaimoglus Leyla ... 129

Dorothee Kimmich

 

Wie kollektiv kann eine biographische Geschichte sein? Facetten des autonarrativen »Wir« ... 145

Jürgen Link

 

III. RÄUMLICHES ERZÄHLEN

 

Bildwechsel. Walter Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert als Versuch einer Ausbildung neuer Bilder geschichtlicher Erfahrung ... 171

Bernd Stiegler

 

Zerfahrene Lebenslinien. Über die Fragmentierung des Biographischen in Uwe Johnsons Mutmassungen über Jakob ... 187

Alexander Honold

 

»Ceci n’est pas un monument«. Orte und Nicht-Orte in W ou le Souvenir d’enfance von Georges Perec ... 203

Barbara Kuhn

 

»Se forger une légende«. Biographisches Erzählen und Mythos bei Maxence Fermine ... 227

Friedrich Wolfzettel

 

IV. ROLLENSPIELE: REZEPTIONSÄSTHETISCHE DYNAMIKEN ZWISCHEN TEXT UND LESER

 

Der ›Eigensinn‹ biographischen Erzählens. Das Beispiel Enzensberger ... 247

Peter Braun

 

Das Leben im Kopf. Überlegungen zu einer rezeptionsorientierten Narratologie der Biographik ... 269

Stefanie Schäfer

 

Biographeme im deutschsprachigen Gegenwartsroman (Herta Müller, Monika Maron, Uwe Timm) ... 289

Dirk Niefanger

 

V. PERFORMING BIOGRAPHY: POLYBIOGRAPHIEN, METABIOGRAPHIEN UND DOKUFIKTIONEN

 

Narrative und selbstreflexive Strategien (post-)moderner fiktionaler Metabiographien. Bausteine für eine Narratologie und Funktionsgeschichte ... 309

Ansgar Nünning

 

»Was bedeuten solche Ähnlichkeiten, Überschneidungen und Korrespondenzen?« W.G. Sebalds polybiographisches Erzählen ... 349

Luisa Banki

 

Biographische Dokufiktion in der spanischen Literatur der Gegenwart. Las esquinas del aire von Juan Manuel de Prada und Soldados de Salamina von Javier Cercas ... 377

Christian von Tschilschke

 

Abbildungsverzeichnis ... 401

Autorinnen und Autoren ... 403

 

 

Variations of a cultural pattern

In twentieth-century literature, telling fictional lives is often a way of probing complex social and political conditions. Not only do seminal texts such as Benjamin’s Berlin Childhood around 1900, Johnson’s Speculations about Jakob or Sebald’s The Emigrants seek to reconstruct and contest biographies; in addition, they explore the multifaceted correlations between subjective memory, factual reality, and the conventions of narrative. The essays in this edited volume cover a wide range of European authors and texts while documenting how, in contemporary literature, the writing of lives has become increasingly metafictional and fragile.



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