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'Seit sechs Tagen träume ich nur noch von Lanzelot' – Frühneuzeitliche Mittelalterrezeption zwischen Luftschlössern und verstaubten Wälzern

Eine Rezension von Anna Isabell Wörsdörfer


Guéret-Laferté, Michèle; Claudine Poulouin (Hg.): Accès aux textes médiévaux de la fin du Moyen Âge au XVIIIe siècle. Paris: Champion, 2012.


Im vorliegenden Konferenzband tragen die beiden Literaturprofessorinnen Michèle Guéret-Laferté und Claudine Poulouin diverse Einzelstudien über frühneuzeitliche Zugänge zum mittelalterlichen Schrifttum, in erster Linie zur literarischen Textproduktion, zusammen. Die BeiträgerInnen stellen ihre Untersuchungen darin unter die gemeinsame Perspektive der Überlieferungsmodalitäten. Durch diese Schwerpunktverlagerung hin zu den äußeren Bedingungen der Rezeption stellt das Sammelwerk eine gelungene, epochenübergreifende  Erweiterung zu bisherigen Arbeiten über textimmanente Präsentationen verschiedenster Mittelalterbilder dar.

  >Inhaltsverzeichnis       > English Abstract            

 

In welcher materiellen und textlichen Gestalt liegen mittelalterliche Werke einem humanistischen Gelehrten und wie einem Liebhaber im 18. Jahrhundert vor? Aus welchen sozialen Schichten stammen die mittelalter-affinen Leser, welches geistige Klima herrscht dort? Welche Institutionen und welche Personen wirken bei der Erschließung und Verbreitung mittelalterlicher Literatur mit und welche Ideologien stecken hinter den jeweiligen Projekten?

Die Beantwortung dieser und weiterer Fragen ist das Ziel des Sammelbandes (vgl. S. 24), der aus einer vom Centre d'Etudes et de Recherche Éditer / Interpréter (CÉRÉdI) ausgerichteten internationalen Konferenz (Rouen, 11.–13. Dezember 2008) hervorgegangen und von den beiden an der Université de Rouen tätigen Literaturwissenschaftlerinnen Michèle Guéret-Laferté und Claudine Poulouin betreut worden ist. Dabei gilt das Hauptaugenmerk den bislang – zugunsten textintern generierter Mittelaltervorstellungen – vernachlässigten äußeren Rezeptionsbedingungen im Untersuchungszeitraum zwischen Renaissance und Aufklärung.

 

Wie Guéret-Laferté und Poulouin in der Einleitung zu Recht postulieren, hat die Forschung längst erkannt, dass das Mittelalter und seine Literatur nicht erst von den Romantikern nach jahrhundertelangem Vergessen wiederentdeckt worden sind. Vielmehr hat es auch in früheren Zeiten eine kontinuierliche Beschäftigung mit der mittelalterlichen Vergangenheit gegeben, wenngleich sich die Fehleinschätzung des Bruches weiterhin hartnäckig zu halten vermag. In einem Streifzug durch die drei der Französischen Revolution vorausgehenden Jahrhunderte gelingt es den Herausgeberinnen, das petrarkische Vorurteil vom 'finsteren Mittelalter' aufzuarbeiten und die daraus resultierende Janusköpfigkeit in den gelehrten und oft doch amateurhaft bleibenden Auseinandersetzungen so deutlich wie nie herauszustellen: Von Pasquier über Chapelain bis Lacurne de Sainte-Palaye veranlasst die Forscher ihr vorrangig linguistischer und historischer Wissensdurst dazu, das mittelalterliche Schrifttum und die darin beschriebenen Sitten – gemessen an den jeweiligen Standards ihrer eigenen Zeit – als primitiv und barbarisch zu disqualifizieren; dies auch wenn ihre Sammlerbibliotheken ein kurioses Interesse an Epoche und Werken bezeugen. Wird von wenigen Tippfehlern, welche die Fakten mitunter verfälschen, abgesehen – Guez de Balzacs Brief an Chapelain stammt von 1647 statt von 1747 (S. 18), Isabeau de Bavière heiratete Charles VI und nicht Charles VII (S. 21) –, bietet diese Hinführung ein stringentes und aufschlussreiches Panorama über die Mittelalterrezeption der Frühen Neuzeit, welche die gesammelten Aufsätze in Einzelaspekten schlaglichtartig beleuchten.

 

So nimmt zum Beispiel die US-Amerikanerin Marian Rothstein in ihrem erhellenden Beitrag "La situation des textes littéraires médiévaux au XVIe siècle" den um 1540 anzusetzenden Mentalitätenwandel von einer spätmittelalterlichen zu einer renaissancehaften Gesinnung in den Blick: Anhand der Bewusstwerdung einer sprachlichen Diskrepanz und der Geschmacksentwicklung der durch den Buchdruck breiter gewordenen Leserschaft kann sie zeigen, dass mit der linguistischen auch eine kulturelle Veränderung einhergeht.

Der Artikel "L'Académie des Inscriptions entre érudition et imaginaire littéraire, ou la construction d'un discours savant sur le Moyen Âge" von Alicia Montoya beschäftigt sich indessen mit den institutionellen und ideologischen Gegebenheiten der Mittelalterrezeption an der Schwelle des 17. / 18. Jahrhunderts. Vielleicht zu kategorisch unterscheidet sie zwischen einem gelehrten, 'männlichen', d.h. kriegerisch-militärischen, und einem literarisch-mondänen, 'effeminierten' Mittelalter-Diskurs, wobei sie den in beiden Gebieten bewanderten Lacurne, Galionsfigur der AIBL, selbst sehr plausibel als ambivalente Gestalt kategorisiert.

Konkrete Textprojekte haben dagegen etwa die Beiträge von Lise Andriès (Paris) und Xavier Bisaro (Montpellier) zum Thema. Während letzterer in "Posséder le passé: les sources médiévales de l'enquête liturgique du père Lebrun (1710-1720)" auftretende Probleme bei der Quellenbeschaffung – fehlende Kooperation und Textverluste – ins Auge fasst, trägt die renommierte Kolportage-Forscherin ihre Ergebnisse zur Entwicklung der Populärliteratur zusammen: Unter dem Titel "Les romans de la Bibliothèque bleue de Troyes" zeichnet sie den soziologischen Wandel der Leserschaft dieser Heftchen auf blauem Papier − Zeichen einer frühen Vermarktungsstrategie – äußerst präzise nach. Der Rezipientenkreis im 17. Jahrhundert teile sich nach Gattungspräferenzen noch in bibliophile (hochadelige) Sammler von Renaissancebänden der Artusepik und eine breitere Leserschicht der in der Bibliothèque bleue verarbeiteten Heldenlieder um Karl den Großen. Diese chansons de geste halten allerdings schon im 18. Jahrhundert unter Anpassung an die bienséance auch Einzug in 'vornehmere' Diffusionsmedien wie die Bibliothèque universelle des romans.

 

Der Konferenzband ist mit einer gemeinsamen Bibliographie und einem Register am Ende ausgestattet, die eine zielgerichtete Suche nach bestimmten Autoren oder Werken immens erleichtern. Guéret-Laferté und Poulouin ist es in Zusammenarbeit mit den BeiträgerInnen gelungen, einen bislang vernachlässigten, 'verstaubten' Teilbereich der Mittelalterrezeption mit informativen und innovativen Aufsätzen zu beleben. Dieses Sammelwerk dürfte bei mediävistisch und frühneuzeitlich interessierten LiteraturwissenschaftlerInnen keinen Staub ansetzen.

 

 

Guéret-Laferté, Michèle; Poulouin, Claudine (Hg.): Accès aux textes médiévaux de la fin du Moyen Âge au XVIIIe siècle. Paris: Champion, 2012. 550 S., kartoniert, 102.00 Euro. ISBN: 978-2-7453-2270-8


 

Inhaltsverzeichnis


Introduction … 7

 

I. Best-Sellers

Les Mémoires de Commynes, best-seller de l’époque classique

(Jean Dufournet) … 35

Sort et présentation des traductions de Valère Maxime aux XVe et XVIe siècles

(Didier Lechat) … 55

Quand la chanson devient roman: l’exemple de la transmission de Huon de Bordeaux du Moyen Âge à la Révolution

(Francis Gingras) … 73

 

II. Du Moyen Âge à la Renaissance: ruptures et permanences

 

A. Le Moyen Âge des érudits

La situation des textes littéraires médiévaux au XVIe siècle

(Marian Rothstein) … 91

Une « défense et illustration » de la poésie française médiévale: le Recueil de l’origine de la langue et poésie françoise de Claude Fauchet (1581)

(Nicolas Lombard) … 105

Les auteurs médiévaux dans Les Recherches de la France d’Étienne Pasquier

(Éléonore Langelier) … 143

Le Moyen Âge d’Antoine Du Verdier

(Jean-Claude Arnould) … 155

 

B. Les genres

Pierre de Provence revisité: un roman de chevalerie à succès à la Renaissance

(Pascale Mounier) … 173

Fidélité et ruptures dans la transmission de l’Amadis de Gaule du Moyen Âge à la Renaissance

(Sebastiàn Garcia Barrera) … 197

Jacques Gohory ou l’alchimisation du Moyen Âge

(Magali Jeannin) … 217

 

III. Le Moyen Âge de l’âge classique

 

A. Érudition et culture mondaine au XVIIe siècle

Entre philologie et littérature: quelques aspects du Moyen Âge dans le discours critique du XVIIe siècle

(Emmanuel Bury) … 235

Une lecture de la poésie médiévale dans la première moitié du XVIIe siècle: les Vies des poëtes françois de Guillaume Colletet

(Emmanuelle Mortgat-Longuet) … 251

Sacy traducteur de l’Imitation de Jésus-Christ: du « barbare » au français

(Tony Gheeraert) … 267

Des Auctoritates à l’objet philologico-historique: statut du texte médiéval dans les écrits sur la musique au XVIIe siècle

Théodora Psychoyou … 293

 L’Académie des Inscriptions entre érudition et imaginaire littéraire, ou de la construction d’un discours savant sur le Moyen Âge

(Alicia Montoya) … 333

 

B. Redécouverte et invention du Moyen Âge au XVIIIe siècle

Éditer la littérature médiévale au temps des Lumières

(Henri Duranton) … 357

L’abbé Lenglet Dufresnoy éditeur d’œuvres médiévales

(François Bessire) … 373

Posséder la passé: les sources médiévales de l’enquête liturgique du père Lebrun (1710-1720)

(Xavier Bisaro) … 395

Prévost et le Moyen Âge

(Jean Sgard) … 407

Les romans de la Bibliothèque bleue de Troyes

(Lise Andriès) … 419

De l’érudition au périodique: la matière médiévale dans la Bibliothèque Universelle des Romans

(Véronique Sigu)

La réception du Chevalier au Lion de Chrétien de Troyes à la fin du XVIIIe siècle: La Curne de Sainte-Palaye et la Bibliothèque Universelle des Romans

(Maria Colombo Timelli) … 455

La musique ancienne dans trois opéras de Grétry et Dalayrac: Richard Cœur-de-Lion (1784), Sargines (1788) et Raoul, sire de Créqui (1789)

(Patrick Taïeb) … 471

 

Épilogue

Le « petit cabinet » d’un peintre … 491

Un amateur inconnu de romans de chevalerie, le peintre Daniel Dumonstier (1574-1646)

(Isabelle de Conihout) … 493

 

Bibliographie … 499

Ont participé à cet ouvrage … 527

Index nominum … 533

Table des matières … 547

 

  

'For six days I’ve only dreamt of Lancelot' – Early modern reception of the Middle Ages between castles in the air and dusty tomes

 In this volume, Michèle Guéret-Laferté and Claudine Poulouin bring together several articles concerning early modern ways of access to medieval – essentially belletristic – literature. Assuming one common perspective, the authors aim to examine the modalities of text transmission. By means of this priority shift to the external imposed conditions of reception, the anthology constitutes a well-founded, epoch-crossing counterpart to existing studies concerning literary representations of the Middle Ages.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online