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Gespräche zwischen den Lebenden und den Toten – Testamente in der Literatur des 19. Jahrhunderts

 

Eine Rezension von Jürgen Dinkel

Vedder, Ulrike: Das Testament als literarisches Dispositiv. Kulturelle Praktiken des Erbes in der Literatur des 19. Jahrhunderts. München: Fink, 2011.

Ulrike Vedders Studie untersucht das Testament im Spannungsfeld von Recht, Ökonomie und Kultur sowie im Zusammenhang mit Konzepten von Erbschaft, Vererbung und Nachleben. Anhand einer Vielzahl von Beispielen zeigt sie facettenreich auf, wie die Literatur des 19. Jahrhunderts (von Jean Paul, Kleist, E.T.A. Hoffmann, Balzac, Heine, Droste-Hülshoff, Stifter, Melville, Keller, Storm, Fontane, Zola, James u.a.) die breiten gesellschaftlichen Debatten um die Kodifizierung des Erbrechts in Westeuropa aufgriff, diese popularisierte, kritisierte und mit eigenen Deutungen Stellung bezog.

Ulrike Vedders Studie entstand am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin im Kontext dreier größerer interdisziplinärer Forschungsverbünde ("Das Konzept der Generation: Zur narrativen, zeitlichen und biologischen Konstruktion von Genealogie" (2001-2005), "Erbe – Erbschaft – Vererbung. Überlieferungskonzepte zwischen Natur und Kultur im historischen Wandel" (2004-2007) und "Generationen in der Erbengesellschaft. Ein Deutungsmuster soziokulturellen Wandels" (2007-2010)). Die Ergebnisse der einzelnen Arbeitsgruppen liegen mittlerweile in Form von Zeitschriftenartikel, Sammelbänden und Monographien vor, darunter die Habilitationsschrift von Vedder, die im Jahr 2011 in einer überarbeiteten Version veröffentlicht wurde.

Vedders Studie basiert auf drei überzeugend dargelegten Vorannahmen: Erstens geht Vedder davon aus, dass es zwischen dem Ende des 18. und dem Ende des 19. Jahrhunderts in Westeuropa zu einer Vereinheitlichung und Kodifizierung des Erbrechts kam. An den dabei aufkommenden intensiven Diskussionen und Debatten um die Neuregelung des Erbrechts hätten sich zweitens sowohl Juristen, Ökonomen und Politikern als auch Literaten beteiligt. Letztere setzten sich, wie Vedder eindrücklich aufzeigt, drittens in zahlreichen bekannten und weniger bekannten Romanen, Dramen, Erzählungen und Kurzgeschichten mit dem Thema Erben und Vererben auseinander. Den Gegenstand ihrer Analyse stellt ein in zeitlicher Hinsicht breiter Korpus an englisch-, französisch- und deutschsprachigen literarischen Texten dar. Er reicht von Jean Pauls Siebenkäs (1796/97) bis zu Thomas Manns Zauberberg (1924), von François Villons literarischen Testamenten über Texte von William Shakespeare bis zu Hermann Melvilles Moby Dick (1851), den Schriften von Honoré de Balzac und Zolas Le Docteur Pascal. Diese Texte, so Vedder, verarbeiteten die Kodifizierungen des Erbrechts, nahmen zu diesen Stellung und deuteten sie aus. Im Zentrum der juristischen, wie der breiten gesellschaftlichen und damit auch literarischen Debatten um die Kodifizierung hätte dabei die Frage nach der Testierfreiheit und der Bedeutung von Testamenten im Erbvorgang gestanden.

Ausgehend von diesen Vorannahmen entfaltet Vedders Studie ein breites Fragespektrum. Über das lange 19. Jahrhundert hinweg analysiert sie, welche Position die jeweiligen Texte zu den Erbrechtsdebatten ihrer Zeit, speziell zur Frage der Testierfreiheit einnahmen. Darüber hinaus betrachtet sie die Begrifflichkeiten von Testamenten, seine Gattungsregeln, seine Medialiät und Symptomatik, sie analysiert die Schriftlichkeit von Testamenten ebenso wie den Einsatz von Testamenten und testamentarischen Schreibweisen in der Literatur; sie entwickelt eine Poetologie des Testaments, und erforscht das Testament als ein Medium der Übertragung von Eigentum, Dingen, Rechten, Identität, Schuld, Leidenschaft, als ein Medium des Fortlebens oder Nachlebens und als ein Medium des Transfers zwischen verschiedenen Wissensfeldern ebenso wie zwischen Wissen und Literatur. (15)

Vedders Ergebnisse lassen sich kaum in wenigen Sätzen zusammenfassen. Ihr zentraler, wenig überraschender Befund lautet, dass sich unter den Literaten und in der Literatur des 19. Jahrhunderts, ebenso wie unter Juristen, Ökonomen und Politikern keine einheitliche Position zu den Kodifizierungsprozessen ausmachen lässt. Literaten und literarische Figuren nahmen höchst unterschiedliche Positionen zu Erbrechtsfragen ein.

Die Stärke der Studie liegt in der Ausarbeitung dieser zahlreichen Einzelpositionen und in  der facettenreichen Betrachtung literarischer Behandlungen des Themas. Zwei sollen exemplarisch vorgestellt bzw. gewürdigt werden: Anhand der Debatten und juristischen Streitigkeiten um die Dichtertestamente und Nachlässe von Friedrich Schiller und Gottfried Keller zwischen deren leiblichen Nachkommen, Verlegern und Vertretern der "Nation" oder des "Volkes" zeigt Vedder die Spannungen zwischen nationalen und individuellen Erbansprüchen auf. Die Konflikte um die ökonomischen Verwertungsrechte der vorhandenen Manuskripte verweisen dabei jedoch nicht nur auf die Debatten des 19. Jahrhunderts, sie können durchaus gewinnbringend auch als eine Vorläuferdebatte um den Umgang mit "Copyrights" und "Urheberrechten" in der globalisierten Welt des 20. und 21. Jahrhunderts gelesen werden. Schließlich beschäftigt sich die Arbeit u.a. mit Texten von Kleist wie Der Findling (1811), Adalbert Stifters Der Hagenstolz (1844) sowie Nachkommenschaft (1864), die insgesamt um Bastarde, Findlinge, totgeborene Säuglinge und Junggesellen/Erbonkel kreisen. Mit letzteren geriet dabei ein Personenkreis in den Blick, der einerseits die genealogische Fortzeugungskette der bürgerlichen Familie und Gesellschaft gefährdete sowie Forderungen nach geeigneten Schutzmaßnahmen hervorrief. Andererseits konnte der Junggeselle als Produkt von z.T. positiv konnotierten Individualisierungsprozessen verstanden werden, bzw. als Erbonkel wohlwollend in andere Schicksale eingreifen, was die vollständige Ablehnung des Junggesellendaseins erschwerte.

Vedders Studie ist all denjenigen zu empfehlen, die sich im engeren Sinne für die Themen Tod, Generationalität, Testamente, Erbschaften und Zukunftserwartungen in der Literatur des 19. Jahrhunderts interessieren. Zudem erarbeitet sie pointiert, wie sich der Übergang von einem westeuropäischen vormodernen Familien- und Eigentumsverständnis zu einem modernen vollzieht.  Bemerkenswert ist der Facettenreichtum der untersuchten Positionen, der umfangreiche Textkorpus sowie die zahlreichen aufschlussreichen Einzelbeobachtungen. Ihr Thema "Testamente als literarisches Dispositiv" im 19. Jahrhundert hat Vedder erschöpfend und kleinteilig aufgearbeitet und auf eine breite empirische Basis gestellt.

 


Vedder, Ulrike: Das Testament als literarisches Dispositiv. Kulturelle Praktiken des Erbes in der Literatur des 19. Jahrhunderts. München: Fink, 2011. 428 S.,  51.00 Euro. ISBN: 978-3-7705-5061-6



Inhaltsverzeichnis

1. LETZTE WORTE: ZUR EINLEITUNG ... 11

1.1 Das Testament als literarisches Dispositiv im 19. Jahrhundert ... 14

1.2 Tod, Nachleben, Testament: Paradoxe Signaturen der Moderne ... 17

1.3 Literarische Erschließungswege ins 19. Jahrhundert ... 26

 

2. ZUR BEGRIFFS- UND LITERATURGESCHICHTE

DES TESTAMENTS IN DER VORMODERNE ... 35

2.1 Das Testament: Begriffs- und rechtsgeschichtliche Vorbemerkungen ... 38

2.1.1 Übersetzungen zwischen Sprachen; Übertragungen zwischen Bibel und Recht ... 38

2.1.2 Testieren im römischen Recht: Rezeption und mondialatinisation ... 41

2.2 François Villons literarische Testamente:

Petit Testament (1456) und Grand Testament (1461/62) ... 47

2.2.1 Villon und das satirische Testament: Literaturgeschichte und Gattungsfragen ... 48

2.2.2 Geldvermächtnisse: Entwertung und Zirkulation ... 54

2.2.3 Krisen der Jenseitsökonomie ... 57

2.2.4 Das testierende lyrische Ich: Souveränität und Autorschaft ... 61

2.3 William Shakespeares testamentarisches Schreiben ... 63

2.3.1 Erbschafts- und Identitätsfiktionen: Shakespeares Dichtung und »Last Will« ...  65

2.3.2 »our darker purpose«: King Lears Erbteilung ... 68

2.3.3 An der Grenze des Todes: Testamentarisches Schreiben

und Undarstellbarkeit ... 71

 

3. DAS TESTAMENT ALS FIGUR DER SCHRIFT

IN DER MODERNE ... 75

3.1 Ästhetik des Übergangs: Schrift, Tod und Testament ... 78

3.1.1 Individualität im Medium der Schrift? Rhetorik und Eigenhändigkeit des Testaments ... 79

3.1.2 »I am dead« (Poe): Todesgrenzen, Todespassagen ... 85

3.1.3 Testamentarische Zeitstruktur und Wiedergängerei (Droste-Hülshoff ) ... 91

3.1.4 Ars moriendi/scribendi: Schreiben als Einübung ins Sterben,

Sterben als Einübung ins Schreiben (Kafka, Schnitzler, Stieglitz) ... 99

3.2 Testaments- als Erzählfunktionen: Zur Gattungspoetik einer écriture testamentaire ... 105

3.2.1 Testamente und Romane schreiben (Keller, Melville) ... 106

3.2.2 Testieren, Erzählen, Adressieren: Individualität und Alterität ... 111

3.2.3 Testamentseröffnung (Raabe, Wilkie, Scott, Jean Paul) ... 116

3.2.4 Der Testamentsvollstrecker als Figur und Erzähler (Th. Mann, Jean Paul) ... 126

 

4. ERBRECHT UND FIKTION:

GELTUNGSKONFLIKTE UND AUSLEGUNGSFRAGEN ... 129

4.1 Erbe: Recht und Fiktion ... 134

4.1.1 Kodifizierungen um 1800: Grundsätze und Schreibweisen ... 135

(1) Entindividualisierung im allgemeinen Recht. (2) Individua-

lisierung als Eigentümer. (3) Abstraktion. (4) Privilegierung der

Nachkommen. (5) Entwertung der Toten (Goethe). (6) Repräsen-

tation. (7) Testierfreiheit

4.1.2 Auslegungsfragen: Poesie und Fiktion im Recht (Hebel, Grimm, Kelsen, Savigny) ... 150

4.1.3 Dichtererben und Dichtertestamente

(Schiller, Keller, Fontane, Droste-Hülshoff, Kafka, Heine) ... 162

4.2 Geltungskonflikte in der Moderne:

Literarische Sanktionierungen von Testament und Erbschaft ... 181

4.2.1 Juristische Anachronismen nach 1800: Erbverbrüderung und Majorate

(Kleist, Hoffmann, Arnim, Balzac, Stifter) ... 182

4.2.2 Testamentsbetrug, Erbschleicherei, Enterbung: Störfälle der Übertragung und ihr Recht

(Balzac, Anzengruber, Gotthelf, Halbe, James, Brontë, Austen, Butler) ... 205

 

5. ERBSTÜCKE:

MATERIALITÄT UND MEDIALITÄT DER DINGE ... 219

5.1 Ding- und Wertkategorien ... 223

5.1.1 Münzen (Hoffmann, Hauff, Fontane) ... 225

5.1.2 Schriften (Laclos, Stifter, James) ... 231

5.1.3 Bilder (Storm, Fontane, Keller, Hawthorne, Wilde, Stifter) ... 241

5.1.4 Plunder (Kleist, Raabe, Keller) ... 249

5.2 Silberne Schalen: Zur Vermittlungsfunktion von Erbstücken

zwischen Vormoderne und Moderne ... 259

5.2.1 Waschschale (Heine) ... 261

5.2.2 Aderlass-Schale (Stifter) ... 264

5.2.3 Taufschale (Th. Mann) ... 267

5.2.4 Objektcharakter und Medialität der silbernen Schalen ... 270

5.3 Inventare: Materielle Kultur und ihre Bewältigung ... 271

5.3.1 »Rechtswohlthat« und Kulturtechnik des Inventars ... 272

5.3.2 Inventarisches Zählen und Erzählen (Stifter ... 278

 

6. VON ABSCHENKUNG BIS ZIRKULATION:

ZUR ÖKONOMIE DES ERBES IN DER MODERNE ... 287

6.1 Ökonomie und Poetik testamentarischer Gaben ... 291

6.1.1 Gabe und Aufschub (Stifter) ... 292

6.1.2 Geben und Vergeben (James) ... 299

6.2 Kapitalisierung: Zirkulation und Annihilierung ... 306

6.2.1 Die Abstraktionsleistung des Geldes und das Inkommensurable der Ökonomie ... 307

6.2.2 Verwehtes Erbe: Gottfried Kellers Poetik der Ökonomisierung in

Der grüne Heinrich ... 310

6.2.3 Verlustreichtum: Gottfried Kellers Die Leute von Seldwyla ... 314

6.3 Abschenkung und Zerstörung ... 324

6.3.1 Der Wunsch zu verwaisen: Das zerstörte Porträt des Vaters (Melville) ... 325

6.3.2 Verbrennen, zerschlagen, zur Plünderung freigeben:

Das Ende des »Herzensmuseums« (Raabe) ... 330

 

7. NATURALISIERUNG UND NORMIERUNG:

INTERFERENZEN ZWISCHEN TESTAMENTARISCHEM

UND BIOLOGISCHEM ERBE ... 335

7.1 Zwischen Recht und Natur: Seitenfiguren der Familie ... 339

7.1.1 Bastarde und Findlinge: Hybride Nachkommen im

Diskurs des Rechts und der Natur (Kleist) ... 341

7.1.2 Junggesellen und Seitenverwandte als Erblasser:

Ein Alternativmodell (Balzac, Stifter, Storm) ... 349

7.2 Legitimität vs. Determinismus: Gesetzlichkeiten ... 365

7.2.1 Erblichkeit des Fluchs: Die Fortzeugung des Worts und

der Fluch der Vererbung (Grillparzer, Hawthorne, Storm) ... 366

7.2.2 Biologische Vererbungsgesetze als literarische Organisationsprinzipien

(Zola, Ibsen) ... 376

7.2.3 Die neue Dominanz des vererbungsbiologischen Paradigmas:

Todgeweihte Säuglinge im Naturalismus (Hauptmann, Halbe,

Hirschfeld, Weigand) ... 386

 

8. SCHLUSSBEMERKUNG ... 393

 

BIBLIOGRAPHIE ... 399

NAMENREGISTER ... 423

 

Conversations between the living and the dead – Wills in 19th century literature

Ulrike Vedder analyses last wills in the context of law, economics, and culture as well as regarding concepts of inheritance reforms during the 19th century in Western Europe. On the basis of numerous examples she convincingly demonstrates how 19th century literature (from Jean Paul, Kleist, E.T.A. Hoffmann, Balzac, Heine, Droste-Hülshoff, Stifter, Melville, Keller, Storm, Fontane, Zola, James) participated in social reform debates concerning the variety of inheritance laws in West Europe.




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