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Der (Natur-)Schauplatz als Raum in der Aufklärung. Der Anfang des menschlichen Wirkens

Eine Rezension von Evelyn Gottschlich


Forrer, Thomas: Schauplatz / Landschaft. Orte der Genese von Wissenschaften und Künsten um 1750. Göttingen: Wallstein, 2013.


Was bedeutet Landschaft in der Mitte des 18. Jahrhunderts? Dieser Frage geht Thomas Forrer nach, indem er naturhistorische, kunsttheoretische und philosophische Texte der frühen Neuzeit hinsichtlich diskursiver Momente und Figuren analysiert. Im Barock zeige die Natur das Vergängliche des irdischen Lebens auf und in der Moderne werde vor allem die Entfremdung von der Natur thematisiert. Anders sieht Forrer die Sicht der Natur in der Aufklärung zwischen 1720 und 1770. Das Erleben von Natur werde dort als der Ursprung menschlichen Wirkens wahrgenommen. Die Landschaft als Schauplatz sei dabei die Projektionsfläche für alle nur denkbaren Bedeutungen, ihr 'Vor-Augen-Stellen' liefere erst die Möglichkeit, weiter zu denken und zu wirken. Vor diesem Hintergrund betrachtet Forrer seine Quellen mit dem Fokus auf 'Naturgeschichte', 'Kunst und Ästhetik' sowie 'Poesie'.

  >Inhaltsverzeichnis       > English Abstract            

Im ersten Teil entwickelt Forrer anhand antiker Theaterkonzepte die Begriffe des Schauplatzes, Theater und Theorie, Sehen und Über-Sehen sowie ihre Bezüge zueinander. Auf die Frage nach dem Verhältnis von "sinnliche(m) Schauen" und dem "'Schauen überhaupt' zum théatron oder zum Schauplatz", stellt Forrer ein vorphilosophisches Konzept dem platonischen gegenüber. Während bei ersterem der Schauplatz eine Situation des 'Sehens', 'Gesehen-Werdens' und des 'Sehens des eigenen Gesehen-Werdens' gestatte, beschreibt Forrer in der philosophischen Betrachtung Theater als unvereinbar mit der Theorie. Verstehe man Theorie nicht nur als 'göttliche Schau', sondern auch als Sehen der eigenen 'göttlichen Schau', als Theorie der Theorie, so sei das Sinnliche davon ausgeschlossen. Gleichzeitig sei die Theorie der Theorie wiederum nur über den "Umweg der Sichtbarmachung", über Inszenierung möglich (S. 44-45).
Im vorphilosophischen Verhältnis bedingten sich Raum und Schau gegenseitig, théatron und theoria seinen also assoziativ verknüpft. In der philosophischen Theorie hingegen versuche sich die Theorie vom Theater 'abzuschließen'. Dies jedoch ermögliche eine Vielzahl unterschiedlicher Standpunkte und Sichtweisen auf den Schauplatz und das Schauen.

Analog findet Forrer in der Naturgeschichte George Buffons (1750) den 'weitläufigen Schauplatz' (vaste spectacle), der alles Ordnende enthalte, einschließlich des betrachtenden Menschen selbst. Allerdings sei dieser Schauplatz nach Buffon und Hume kein Theater im üblichen Sinne, sondern eines ohne "bestimmte räumliche Struktur", ein Raum, "in dem die Erscheinungen auftreten" in "ständige[r] Wandlung und Ablösung";  und der Geist oder das "soeben erwachte Ich" müsse dies erst einordnen lernen (S. 54).

Zwischen dem Schauplatz der Natur und den Wissenschaften lassen sich zum Beispiel die Schauplatz-Bücher des 16.-18. Jahrhunderts finden, auf die Forrer am Ende des ersten Teils eingeht. Diese versammelten das noch nicht geordnete Wissen, reihten eine Information an die andere. Forrer resümiert, dass diese Präsentationsform das Material zu einer systematischen Wissenschaft liefere, der sie selbst nicht angehöre. Nach Forrrer sei dieses Material, seien diese Einzelheiten auf der einen Seite historische Fakten, insofern Geschichte; andererseits werden sie auf dem Schauplatz als "Quasi-Singuläre" vorgestellt, deren Sinnzusammenhang noch ausstehe. Zwar gäben die Autoren gelegentlich die Richtung einer Ausdeutung vor, immer jedoch sei die Deutung der Einzelheiten in die Vorstellung des Betrachters oder hier des Lesers verlegt. Einige der Kompilatoren der Schauplatz-Bücher verorteten sich selbst am Eingang zur Wissenschaft, indem sie sich auch für ein ungelehrtes Publikum empfahlen. Gleichzeitig ließe sich, so Forrer, der Schauplatz als Ort des Sprache- und Schrift-Werdens, als Grenze zwischen Sichtbarkeit der Dinge und ihrem Bedeuten verstehen. Das Schauplatz-Buch wolle ein Auszug aus dem Buch der Natur sein und um dies zu erreichen, würden rhetorische Mittel verwendet, die die Dinge ausmalen und geradezu anschaulich beschrieben.

Der zweite Teil des Buches "Die Entstehung der Künste und des Menschen" widmet sich weiterführend Kant, dem Erhabenen, der künstlerischen Verarbeitung und der (Wieder-)Belebung des Menschen. Forrer zieht das Fazit, dass das Natürliche nicht mehr nur als Ursprung des Menschen begriffen werde, sondern auch seiner Verfeinerung diene. Der dritte Teil des Werkes erörtert folgerichtig das "Dichten in der Landschaft".

In der Zusammenfassung am Schluss geht Forrer noch einmal auf die Beziehung zwischen Natur und Mensch ein. In der Sicht der Aufklärung nehme der Mensch einen Eindruck der Natur wahr (Perzeption), der bei ihm einen Perspektivwechsel zu sich selbst auslöse (Reflexion): was und wie bemerke ich? Beide Perspektiven oszillierten. Mit jedem Augenblick der Betrachtung setze sich der Mensch gleichsam selbst aufs Spiel und rückversichere sich im Moment der Reflexion seiner selbst. Diese Reflexion sei der Beginn der Wirksamkeit des Menschen. Forrer führt diese Überlegung der Serialität und Rekurranz weiter, hin zur Kunstästhetik des 18. Jahrhunderts, in der die Wiederkunft des Neuen zu einer lebensbejahenden Dynamik werden könne.

Die Untersuchung Forrers ist sowohl umfassend als auch analytisch tiefgehend. Die Arbeit variiert vor allem am Anfang zwischen assoziativen Passagen, die für Nicht-Literaturwissenschaftler schwerer zugänglich sind, und sehr klaren Darstellungen inhaltlicher und theoretischer Zusammenhänge. Obwohl es keine Redundanzen gibt, wäre das Buch möglicherweise auch mit weniger als seinen rund 450 Seiten ausgekommen. Während auf David Hume Bezug genommen wird,  fehlt die sicherlich sehr fruchtbare Auseinandersetzung mit Shaftesbury, dessen Philosophie der Empfindsamkeit weitere wichtige Aspekte liefern könnten. Insgesamt ist "Schauplatz Landschaft" ein sprachgewaltiges Werk, dessen Überlegungen und Ergebnisse in vielfacher Hinsicht die Arbeiten in allen kulturwissenschaftlichen Disziplinen befruchten dürfte.

 

 

Forrer, Thomas: Schauplatz / Landschaft. Orte der Genese von Wissenschaften und Künsten um 1750. Göttingen: Wallstein, 2013. 472 S., geb., 44,90 Euro. ISBN: 978-3-8353-1343-9
 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung … 7

 

Erster Teil: Schauplätze der Naturgeschichte … 29

1. Spectacle, Schauplatz, théatron … 31

2. Erwachen zu Theorie und zu Geschichte … 48

3. ›Schauplätze‹ in Buchform … 130

 

Zweiter Teil: Schauplatz/Landschaft: Die Entstehung der Künste und des Menschen … 153

1. Schöne Aussichten I: Das ›Feld‹ als Schauplatz der kantischen Vermögen … 155

2. Schauplatz/Landschaft: Ein Nachleben … 195

3. "… auf dem Weg zum Kunstwerk" … 248

4. Schöne Aussichten II: "Für mich nichts"… 280

5. Heterogenese: Die Entstehung des Menschen … 303

 

Dritter Teil: Dichten in der Landschaft … 327

1. Idyllische Umwege: Zurück – zur Kultur … 329

2. Raum und Zeit der Idylle … 336

3. Der ›kleine‹, idyllische Tod und das Dichten … 376

4. Echo und die Schauplätze von Laut und Schrift … 406

 

Schluss: Die Wiederholung der Natur … 427

 

Bibliographie … 449

Dank … 469

Register … 470

  
 

The (natural) spectacle as space in the age of enlightenment. The beginning of human potency

What does landscape mean in the middle of the 18th century? Following this question Thomas Forrer analyses discursive moments and figures in early modern texts from natural history, art theory, and philosophy. In the Baroque period nature would show the impermanence of all mundane life, and in the modern age the alienation of nature would be the current topic. To Forrer, nature appears differently in the era of enlightenment from 1720 to 1770. The experience of nature would be perceived as the origin of human potency. Landscape as spectacle would be then the projection surface for every thinkable meaning, the 'putting-before-one's-eyes' supplies the possibility of thinking further and becoming potent in the first place. In respect thereof, Forrer observes his sources with a focus on 'natural history', 'art and aesthetics', and 'poetry'.

 


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