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Die Zwitscher-Maschine - Zusammenspiel von Twitter und Gesellschaft

Sprenger Weller etal


Eine Rezension von Tom Sprenger


Weller, Karin; Axel Bruns; Jean Burgess; Merja Mahrt und Cornelius Puschmann (Hg.): Twitter and Society. New York u.a.: Peter Lang, 2014 (Digital Formations Bd. 89).

 

In 31 Artikeln gibt der Sammelband "Twitter and Society" einen internationalen und interdisziplinären Überblick über die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Mikrobloggingdienst Twitter und dessen Rolle in der Gesellschaft.  Neben den theoretischen Grundlagen und einer breit gefächerten Auswahl an vertiefenden Fallstudien, präsentiert der Band verschiedene Analysemethoden sowie diskutiert die Forschung begleitende Fragestellungen.

 

> English Abstract     > Inhaltsverzeichnis                  
  

Was am Anfang ganz analog als eine handschriftliche Skizze auf dem Notizblock des Twitter-Gründers Jack Dorsey begann (vgl. S. xi),  hat sich seit dem Start 2006 zu einem Onlinedienst entwickelt, der nach eigenen Angaben weltweit rund 200 Millionen aktive Nutzer hat. Die Idee dahinter war und ist einfach: Nutzer können Kurznachrichten ("Tweets") von maximal 140 Zeichen Länge verfassen und den Mitteilungsstreams anderer Nutzer folgen. Rund 400 Millionen dieser Tweets werden am Tag geschrieben. Parallel zur kommerziellen Erfolgsgeschichte entwickelte sich auch eine breite wissenschaftliche Rezeption. Twitter wurde zum Gegenstand von Forschungsanstrengungen verschiedener Disziplinen - Soziologie, Kommunikations- und Medienwissenschaften, Psychologie, Politikwissenschaft, Wirtschafts- und Sprachwissenschaften, Informatik und Computerwissenschaft, die sich unter dem Begriff Twitter Studies zusammenfassen lassen. Diese Bandbreite abzubilden hat sich "Twitter and Society" zum Ziel gesetzt und gliedert sich hierzu in vier thematische Abschnitte.

Das erste Kapitel umfasst Beiträge, die grundlegende Konzepte zur Auseinandersetzung mit Twitter behandeln und so das theoretische Fundament für die folgenden Studien schaffen. Jan-Hinrik Schmidt etwa legt in seinem Aufsatz "Twitter and the Rise of Personal Publics" das  Konzept der persönlichen Öffentlichkeiten als neuen Typus von Öffentlichkeit dar. Personal Publics sind dabei nicht als eine Twitter-spezifische Besonderheit, sondern als ein Charakteristikum des gesamten Social Webs zu verstehen - wobei damit nicht per se alle Kommunikation über solche Plattformen gemeint ist. Informationen werden nicht mehr durch zumeist journalistische Gatekeeper strukturiert, sondern die Nutzer können nach eigener persönlicher Relevanz entscheiden, welche Informationen sie lesen und weiterleiten (vgl S.4). In den Netzwerken, welche die Nutzer miteinander verbinden, entsteht eine neue Form der Echtzeitkommunikation. Die Grenzen zwischen Sender und Empfänger, wie auch zwischen öffentlicher und privater Kommunikation verwischen (vgl. S.8). Auf Twitter können die Nutzer "at least a latent knowledge of the size and composition of their audience" entwickeln (S. 8). Das Follower/Followee-Verhältnis muss dabei kein wechselseitiges sein. Am deutlichsten wird dieses am Beispiel von Musikstars oder Hollywoodschauspielern, die Millionen von Followern haben, aber deren Accounts ihrerseits nur wenigen anderen Nutzern folgen (vgl. S. 17).

Axel Bruns und Hallvard Moe führen diese Gedanken weiter und gliedern in ihrem Aufsatz "Structural Layers of Communication on Twitter" die Kommunikation über Twitter in drei miteinander verwobene Ebenen. Die Makroebene stellt Kommunikation dar, die sich dynamisch um hashtags bildet. Diese dienen als Marker, sie koordinieren den Informationsaustausch und können den Adressatenkreis von Tweets erweitern oder eingrenzen, so dass sich temporäre, themenbezogene Ad-hoc-Öffentlichkeiten bilden (vgl. S. 16-19). Die Mesoebene umfasst relativ stabile Follower-Netzwerke. Auf der Mikroebene sind nach Bruns und Moe direkte interpersonale Gespräche wie @replies angesiedelt. Dabei sind die Ebenen jeweils als offen aufzufassen, so dass Gespräche und Diskussionen schnell zwischen den unterschiedlichen Adressaten wechseln können (vgl. S. 20).

Das zweite Kapitel  stellt vielfältige Analyse- und Forschungsmethoden vor, sowohl aus quantitativer wie auch qualitativer Perspektive – von computerunterstützten Analysemodellen zum Auslesen von Datensätzen bis hin zu ethnographischen Methoden, Interviews und Textanalysen. Auch weitere die Forschung betreffende Grundsatzfragen werden erörtert: Wie sieht es mit der Verfügbarkeit, der Zugänglichkeit und der Archivierung von Twitterdaten aus? Welche ethischen und rechtlichen Fragestellungen entstehen im Umgang mit Nutzerdaten? Diese Debatte steht im Spannungsfeld von wirtschaftlichen, Nutzer- und Forschungsinteressen.

Unter dem Schlagwort "Perspectives" versammelt das dritte Kapitel interessante Themenkomplexe wie zum Beispiel den Datenschutz oder die Verbreitung von Memen via Twitter. Das abschließende  Kapitel wendet sich anhand von Fallbeispielen der Rolle von Twitter in einzelnen Gesellschaftsbereichen zu:  Populärkultur, Markenkommunikation, Politik, Journalismus, Wissenschaft und Krisenkommunikation. Den Unterabschnitt "Politics and Activism" bilden mehrere europäische Fallbeispiele. So nehmen Anders Olof Larrson und Hallvard Moe die Twitteraktivitäten während dreier Wahlkämpfe in skandinavischen Ländern in den Jahren 2010 und 2011 vergleichend in den Blick. Axel Maireder und Julian Ausserhofer analysieren anhand dreier politischer Streitfälle aus dem Jahr 2011 das Nutzungsverhalten und die Interaktionsnetzwerke österreichischer Twitternutzer. In ihrem Beitrag gehen Maireder und Ausserhofer mittels eines Vergleichs zwischen Nachrichtenmeldungen und Tweets der Frage nach, inwieweit die Agenden in den Massenmedien bzw. auf Twitter voneinander abweichen (vgl. S. 307f.).

Der Sammelband bietet einen umfassenden Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Twitternutzung. Dabei  zeigt er die vielfältigen Möglichkeiten auf, sich mit dem Kommunikationsraum Twitter und dessen Einbettung in die Medienumwelt zu befassen. Die Beiträge des Bandes legen aber auch die Herausforderungen offen, denen sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit Twitter aktuell gegenüber sieht. Die Stärke von "Twitter and Society", unterschiedliche Aspekte in den Blick zu nehmen, stellt zugleich einen Schwachpunkt des Bandes dar. Eine klarere Strukturierung und stärkere Einordnung einzelner Artikel wäre an mancher Stelle für den Leser hilfreich gewesen. Das Buch schafft Verständnis für einen Forschungsgegenstand, bei dem sich aus dem Zusammenspiel des technischen Rahmens der Software und den sozialen Interaktionen der Nutzer eine stete Dynamik entwickelt. Dahinter steht die generelle Frage, wie Technologie und Gesellschaft sich wechselseitig beeinflussen.

 

Weller, Karin; Axel Bruns; Jean Burgess; Merja Mahrt und Cornelius Puschmann (Hg.): Twitter and Society. New York u.a.: Peter Lang, 2014 (Digital Formations Band 89). 447 S., Softcover 32.00 Euro. ISBN 978-1-4331-2169-2.

 

Inhaltsverzeichnis

 

Richard Rogers Foreword: Debanalising Twitter: The Transformation of an Object of Study ... ix

Acknowledgements ... xxvii

Karin Weller, Axel Bruns, Jean Burgess, Merja Mahrt, Cornelius Puschmann: Twitter and Society: An Introduction ... xxix

 

Part I: Concepts and Methods


Concepts

Jan-Hinrik Schmidt: Twitter and the Rise of Personal Publics ... 3

Axel Bruns; Hallvard Moe: Structural Layers of Communication on Twitter ... 15
Alexander Halavais: Structure of Twitter: Social and Technical ... 29

Cornelius Puschmann;Jean Burgess: The Politics of Twitter Data ... 43

 

Methods
Devin Gaffney; Cornelius Puschmann: Data Collection on Twitter ... 55

Axel Bruns; Stefan Stieglitz: Metrics for Understanding Communication on Twitter ... 69

Mike Thelwall: Sentiment Analysis and Time Series with Twitter ... 83

Jessica Einspänner, Mark Dang-Anh, Caja Thimm: Computer-Assisted Content Analysis of Twitter Data ... 97

Alice E. Marwick: Ethnographic and Qualitative Research on Twitter ... 109

Michael Beurskens: Legal Questions of Twitter Research ... 123

 

Part II: Perspectives and Practices


Perspectives

Alex Leavitt: From #FollowFriday to YOLO: Exploring the Cultural Salience of Twitter Memes ... 137

Rowan Wilken: Twitter and Geographical Location ... 155

Michael Zimmer; Nicholas Proferes: Privacy on Twitter, Twitter on Privacy ... 169

Miranda Mowbray: Automated Twitter Accounts ... 183

Ke Tao; Claudia Hauff; Fabian Abel; Geert-Jan Houben: Information Retrieval for Twitter Data ... 195

Thomas Risse; Wim Peters; Pierre Senellart; Diana Maynard: Documenting Contemporary Society by Preserving Relevant Information from Twitter ... 207

 

Practices

Popular Culture

Nancy Baym: The Perils and Pleasures of Tweeting with Fans ... 221

Stephen Harrington: Tweeting about the Telly: Live TV, Audiences, and Social Media ... 237

Tim Highfield: Following the Yellow Jersey: Tweeting the Tour de France ... 249

Axel Bruns; Katrin Weller;Stephen Harrington: Twitter and Sports: Football Fandom in Emerging and Established Markets ... 263

 

Brand Communication

Stefan Stieglitz, Nina Krüger: Public Enterprise-Related Communication and Its Impact on Social Media Issue Management ... 281

Tanya Nitins, Jean Burgess: Twitter, Brands, and User Engagement ... 293

 

Politics and Activism

Axel Maireder, Julian Ausserhofer: Political Discourses on Twitter: Networking Topics, Objects, and People ... 305

Anders Olof Larsson, Hallvard Moe: Twitter in Politics and Elections: Insights from Scandinavia ... 319

Johannes Paßmann, Thomas Boeschoten, Mirko Tobias Schäfer: The Gift of the Gab: Retweet Cartels and Gift Economies on Twitter ... 331

 

Journalism

Christoph Neuberger; Hanna Jo vom Hofe; Christian Nuernbergk: The Use of Twitter by Professional Journalists: Results of a Newsroom Survey in Germany ... 345

Alfred Hermida: Twitter as an Ambient News Network ... 359

 

Crisis Communication

Axel Bruns; Jean Burgess: Crisis Communication in Natural Disasters: The Queensland Floods and Christchurch Earthquakes ... 373

Farida Vis; Simon Faulkner; Katy Parry; Yana Manyukhina; Lisa Evans: Twitpic-ing the Riots: Analysing Images Shared on Twitter during the 2011 U.K. Riots. .. 385

Merja Mahrt; Katrin Weller; Isabella Peters: Twitter in Scholarly Communication ... 399

Timo van Treeck; Martin Ebner: How Useful Is Twitter for Learning in Massive Communities? An Analysis of Two MOOCs ... 411

Cornelius Puschmann; Axel Bruns; Merja Mahrt; Katrin Weller; Jean Burgess: Epilogue: Why Study Twitter? ... 425

Notes on Contributors ... 433

 

How Twitter interacts with Society - Insight into an emerging field of research

In 31 articles the anthology "Twitter and Society" provides an international and interdisciplinary overview of the scientific examination of the microblogging service Twitter and its interaction and connections with society. Alongside articles dealing with the theoretical foundations of Twitter research and a large selection of case studies, the volume presents various analytical methods and discusses the accompanying research-related challenges.

 


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