Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

Moralität als/im Konflikt?

naumann schleidgenEine Rezension von Katharina Naumann

Schleidgen, Sebastian (Hg.): Why should we always act morally? Essays on Overridingness. Marburg: Tectum Verlag, 2012.


Der Band versammelt aktuelle Beiträge zur Debatte um den Vorrang der Moral, die in den 1980er Jahren (erneut) Eingang in die Debatten der Metaethik gefunden hat. Trotz seiner Kürze spiegelt der Band eine Vielzahl von Positionen und Herangehensweisen wieder. Im Fokus steht dabei die Frage, ob moralische Forderungen kategorisch sind. Hierzu vertreten die verschiedenen Autoren – allesamt renommierte Philosophen – nicht nur verschiedene Positionen, sondern sind sich bereits uneins darüber, auf was die Frage selbst abzielt und inwiefern sie überhaupt relevant ist.


> English Abstract     > Inhaltsverzeichnis                           
 

 

Haben moralische Erwägungen stets Vorrang vor Erwägungen anderer Art – etwa ästhetischen, ökonomischen, rechtlichen oder religiösen – oder gibt es bisweilen Gründe, nicht moralisch zu handeln? So könnte man die Hauptfrage der metaethischen Debatte um den Vorrang der Moral (Overridingness) umreißen. Dabei geht es nicht darum, zu zeigen, warum man überhaupt moralisch handeln sollte, sondern vielmehr um den Stellenwert der Moral gegenüber anderen normativen Forderungen – mithin ein Problem, das einem des Öfteren im Alltag begegnet. „Should we always act morally? Essays on Overridingness“, herausgegeben von Sebastian Schleidgen, versammelt sieben Beiträge zu dieser Debatte, fünf davon erscheinen hier zum ersten Mal. Der Band stellt den Auftakt der neuen Reihe „Ethik und Moral“ im Tectum-Verlag dar. Laut Verlag bietet diese sowohl philosophischem Fachpublikum wie auch interessierten Laien die Darstellung aktueller Forschungsergebnisse. Dem mithin hohen Anspruch vermag zumindest dieser Band nicht gerecht zu werden, denn der interessierte Laie wird hier nicht gut bedient.

 

Der Herausgeber skizziert in seiner knappen Einleitung (zwei Seiten) lediglich einige der Fragen und benennt wesentliche Autoren (Slote, Wolf und Williams), die diese Debatte in den 1980er Jahren angestoßen haben, ehe er einen kurzen Überblick über die hier versammelten Texte gibt. Während die Einleitung aufgrund ihrer fehlenden Präzision und Systematisierung einen unbefriedigenden Eindruck hinterlässt, wird dies insbesondere durch die Beiträge von Sandra Fairbanks und Attila Tanyi wettgemacht.

 

Fairbanks verteidigt, als einzige in dem Band, die These vom Vorrang der Moral. Dabei zeigt sie auf überzeugende Weise, dass die kantische Ethik dem damit einhergehenden Vorwurf des Charakterverlustes keineswegs ausgesetzt ist. Hierbei argumentiert sie gegen jene Einwände, welche sie entsprechend vorstellt und systematisiert. Allen gemein ist, dass sie anhand von Gegenbeispielen (Fälle von admirable immorality und admirable imperfection) zeigen wollen, dass es unserem alltäglichen Moralverständnis nicht entspreche, moralischen Erwägungen immer Vorrang einzuräumen. Der Kritik scheinen, wie Fairbanks zeigt, aber zwei unterschiedliche Auffassungen vom Vorrang der Moral zugrunde zu liegen: Erstens, bei Slote, die eines Vorrangs des moralisch Gebotenen im Konfliktfall. Zweitens, bei Wolf und Williams, die eines Vorrangs des moralisch Idealen, als das stete Streben nach der, unter moralischen Gesichtspunkten, besten Handlung.

 

Diese zweite These zu vertreten scheint zu implizieren, dass die Moral zu fordernd wäre; eine Kritik, der sich auch der konsequentialistische Utilitarismus ausgesetzt sieht (demandingness objection). Hiermit befasst sich Tanyi und kommt zu dem Ergebnis, dass der Konsequentialismus dem Einwand begegnen könne. Die Stärke dieses Aufsatzes liegt, ganz ungeachtet dessen, ob man die Position für überzeugend hält, in der systematisch sehr präzisen Auseinandersetzung mit der Natur moralischer Forderungen, die er hinsichtlich dreier Dimensionen beleuchtet: Reichweite, Inhalt und Autorität. Dabei bemängelt er die fehlende Trennschärfe dieser Dimensionen innerhalb der geführten Debatten.

 

Was die These des Vorrangs des moralisch Gebotenen betrifft, so sind Schlothfeldt/Schweitzer (wie auch Copp und Haji) der Ansicht, sie sei zurückzuweisen. Wenngleich sie Slotes vorgetragene Fälle von admirable immorality nicht für gewichtige Gegenbeispiele halten, so versuchen sie doch zu zeigen, dass es solche geben kann. Hierzu bedürfe es jedoch einer wesentlichen Differenzierung, nämlich der zwischen starken und schwachen Verpflichtungen. Während erstere dann kategorisch gelten, könnten zweitere durchaus von anderen Gründen überwogen werden.

 

Interessanterweise revidiert Slote selbst in dem hier beigesteuerten Beitrag seine ursprüngliche Position und hält seine vormals vorgetragenen Fallbeispiele nicht mehr für überzeugend. Er versucht allerdings nicht, diese zu überarbeiten, sondern den Fokus zu verändern: „Since overridingness may be a less important issue than we have thought, the most important thing will be to show that morality (in itself) is important.“ (S. 61) Auch Louden weist in seinem Beitrag die Relevanz der Frage nach dem Vorrang der Moral zurück. Er geht vielmehr davon aus, dass den zur Diskussion stehenden Konfliktsituationen immer schon gewisse moralische Erwägungen vorausgehen, so dass es sich eigentlich um innermoralische Konflikte handele. Moralische Erwägungen versteht er in diesem Sinne als grundlegend (underlying) und nicht als vorrangig (overriding).

 

Insgesamt lässt sich festhalten, dass der Sammelband für Kenner der Debatte eine Bereicherung darstellt – er präsentiert  interessante neue Forschungsergebnisse verschiedener Lager. Auch wer eine gewisse Vorbildung in Moralphilosophie hat, mag sich auf der Grundlage des Bandes in die Debatte einarbeiten können und neue Einsichten gewinnen, wenngleich eine entsprechende Einführung in die Thematik hierfür sicherlich wünschenswert gewesen wäre.

 

Schleidgen, Sebastian (Hg.): Why should we always act morally? Essays on Overridingness. Marburg: Tectum Verlag, 2012. 190 S., Paperback, 24.90 Euro. ISBN 978-3-8288-2827-8

 

Inhaltsverzeichnis

 

Sebastian Schleidgen

Introduction ... 7

 

Sandra Jane Fairbanks

A Defense of the Overridingness Thesis ... 11

 

Michael Slote

How Important Is Overridingness? ... 53

 

Stephan Schlothfeldt & Stephan Schweitzer

Is Morality Overriding? ... 65

 

David Copp

The Ring of Gyges: Overridingness and the Unity of Reason ... 89

 

Robert B. Louden

Are Moral Considerations Underlying? ... 117

 

Ishtiyaque Haji

Overridingness and Just Plain Ought ... 139

 

Attila Tanyi

The Case for Authority ... 159

 

 

Morality as/in Conflict?

This volume presents insights into new findings on moral overridingness, a debate (re)introduced to meta-ethics in the early 1980s. Even though it gathers only seven contributions, they offer a wide range of positions on and approaches to the question of whether the demands of morality can be considered categorical. For that matter the different authors – all distinguished philosophers – not only disagree about the answer to that question, but also about its very content and significance.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online