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Der Sinn steckt im Detail. Zu Nehrlichs Untersuchung typographischer Textmerkmale in Kleists Prosa

Giertler NehrlichEine Rezension von Mareike Giertler

Nehrlich, Thomas: „Es hat mehr Sinn und Deutung, als du glaubst.“ Zu Funktion und Bedeutung typographischer Textmerkmale in Kleists Prosa. Hildesheim/Zürich/New York: Georg Olms, 2012.


Nehrlichs Studie Zu Funktion und Bedeutung typographischer Textmerkmale in Kleists Prosa leistet sowohl einen wichtigen Beitrag zur Kleistforschung als auch zur aktuellen Schriftbildlichkeitsforschung, die sich auf die Materialität und Sichtbarkeit von Schrift konzentriert. Indem Nehrlich druckbildliche Merkmale wie Fraktur, Sperrsatz, Ligatur und Zeichensetzung in der von Kleist autorisierten Ausgabe der Erzählungen (1810/11) zum Ausgangspunkt seiner Textanalysen macht, gelangt er zu überzeugend neuen Ergebnissen und vermittelt zudem einen differenzierten Eindruck vom Schriftverständnis der Kleist-Zeit. Seine Verknüpfung von Interpretation und Edition schärft die Aufmerksamkeit für das Schriftbild historischer Drucktexte sowie typographisch gelenkte Leseprozesse.


> English Abstract     > Inhaltsverzeichnis                                                                      
 

In der über 200-jährigen Editionsgeschichte von Kleists Erzählungen hat sich deren Erscheinungsbild auf vielfältige Weise gewandelt: Neben Änderungen von Format, Satzspiegel und Schriftgröße wurden die Texte von Fraktur in Antiqua übertragen, Sperrsatz gegen Kursivsatz ausgetauscht, vermeintliche Druckfehler emendiert und die Interpunktion vereinheitlicht. Dabei ist vieles von dem verlorengegangen, was bei genauer Betrachtung wesentlich zum Verständnis der Texte beiträgt. Nehrlich plädiert daher gleich zu Beginn seiner Monographie für eine Erweiterung des Textbegriffs, der „nicht nur den Wortlaut, sondern auch das Schriftbild einschließt“ (S. 8). In Bezug auf Drucktexte ist damit das Ziel der Studie verbunden, anhand von Kleists Prosa „die Typographie als Gegenstand der literarischen Hermeneutik darzustellen und zu rechtfertigen“ (S. 19). Im Rahmen der methodischen Vorüberlegungen werden zunächst am Beispiel von Kleists Anekdoten die interpretatorischen Konsequenzen der Transliteration von Fraktur in Antiqua aufgezeigt, um anschließend auf der Textgrundlage der zweibändigen Gesamtausgabe der Erzählungen von 1810/11 die Funktionsweise von drei typographischen Merkmalen – Sperrsatz, Anführungszeichen und Gedankenstrichen – systematisch zu untersuchen.

 

Den Auftakt des analytischen Teils bildet der Sperrsatz, bei dem durch erweiterte Buchstabenzwischenräume einzelne Worte, Wortgruppen oder ganze Sätze hervorgehoben werden. So häufig dieses Auszeichnungsmerkmal in Kleists Erzählungen vorkommt, so vielseitig sind seine Funktionen, die Nehrlich anhand zahlreicher Textbelege herausarbeitet. Er unterscheidet dabei zwischen der Verwendung von Sperrsatz in der Figurenrede, die als „Vehikel für Affektsprache“ (S. 64) einzelnen Worten Nachdruck verleiht, und der Hervorhebung von Eigennamen, wodurch neue Personen eingeführt und Verwandtschaftsverhältnisse sowie Standesunterschiede angezeigt werden. Besondere Aufmerksamkeit erfährt hierbei die Erzählung „Der Findling“, in der der Name des Waisenkindes erst dann gesperrt erscheint, wenn dieses sich eine eigene und zugleich fremde Identität anzueignen versucht. In einer philologisch anspruchsvollen Lektüre gelingt es Nehrlich nachzuweisen, dass die Sperrung „exakt den Augenblick kennzeichnet, in dem sich die nachträgliche Namensgebung und Identitätsübernahme vollziehen“ (S. 76).

 

Im Mittelpunkt des darauffolgenden Kapitels stehen die Anführungszeichen, deren unkonventioneller Gebrauch sie allererst zu einem typographischen Gestaltungsmerkmal von semantischer Relevanz macht. Während sie als Interpunktionszeichen Zitat und direkte Rede kennzeichnen, steht in Kleists Dialogen bei weitem nicht jede Äußerung in Anführung. Es besteht vielmehr ein „deutliches Abhängigkeitsverhältnis zwischen der prominenten Stellung einer Figur innerhalb einer Erzählung und der privilegierten Kennzeichnung ihrer Äußerungen oder Schriften mittels Anführungszeichen“ (S. 84). Darüber hinaus können unvollständige Anführungen, die auf den ersten Blick wie Setzerfehler wirken, durch das Fehlen der öffnenden bzw. schließenden Anführungszeichen Machtverhältnisse zwischen den Figuren anzeigen. Nehrlich zeigt dies eindrücklich anhand der Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ auf, in der die isolierten Abführungszeichen den „schleichend einsetzenden Machtverfall“ (S. 89) der Mutter dokumentieren. Bei der Wiedergabe schriftlicher Äußerungen, die Nehrlich am Beispiel von „Michael Kohlhaas“ untersucht, dient zudem der strategische Einsatz von Anführungszeichen der Rezeptionssteuerung, indem die Glaubwürdigkeit des zitierten Textes und mit ihm die Autorität des Verfassers gestärkt bzw. geschwächt werden.

 

Als drittem typographischem Textmerkmal geht Nehrlich den Gedankenstrichen in Kleists Erzählungen nach. Der Analyse vorangestellt ist ein kurzer historischer Überblick über die Entstehung und Entwicklung der Gedankenstriche, deren Funktionen sich mit denen von Auslassungspunkten überschneiden. Welche Aufgabe ihnen jeweils bei Kleist zukommt, ist davon abhängig, ob sie innerhalb oder außerhalb der Figurenrede stehen. Ist letzteres der Fall, so dienen sie meist der Orientierung, indem sie vor allem bei langen Gesprächssequenzen den Sprecherwechsel ankündigen. Im Rückgriff auf Genettes Erzähltheorie zeigt Nehrlich außerdem die narrative Ordnungsfunktion von Gedankenstrichen auf, wenn diese Zeitsprünge, Gleichzeitigkeit sowie Perspektivenwechsel anzeigen und dabei in ihrer Wirkung filmischen Mitteln wie Kameraschwenk oder Schnitt vergleichbar sind. Unter dem Stichwort „Mimesis“ als nachahmender, direkter Rede fasst Nehrlich die nicht-sprachlichen Aspekte in Kleists Darstellung der Figurenrede zusammen, die mittels Gedankenstriche wiedergegeben werden. Insofern sie Sprachlosigkeit, Redeabbruch und -unterbrechung kennzeichnen und damit den Oralitätseffekt steigern, tragen gerade jene genuin schriftlichen Zeichen, die keine lautliche Entsprechung haben, dazu bei, „die mediale Differenz zwischen schriftlichem Text und mündlicher Rede zu verringern“ (S. 152). Ein eigenes Teilkapitel widmet Nehrlich abschließend dem berühmten Gedankenstrich am Anfang der „Marquise von O....“, der als typographisches Mittel zur Lektüre- und Aufmerksamkeitslenkung das Prinzip der Linearität unterläuft und sich als das „tatsächliche Ende“ (S. 160) der Erzählung erweist.

 

In der Fülle von Einzelbeobachtungen und der Genauigkeit der Textanalysen liegt der große Gewinn dieser Studie, die sich erstmalig systematisch mit detailtypographischen Textmerkmalen in Kleists Prosa auseinandersetzt. Damit leistet sie einen wesentlichen Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Schriftbildlichkeitsforschung. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen auf eindrucksvolle Weise, dass die aus philologischer Sicht besonders reizvollen Irritationsmomente literarischer Texte nicht nur auf lexikalischer Ebene zu finden sind, sondern sich auch im Schriftbild manifestieren. Von dort aus erlangen sie eine eigene Bedeutungsebene, die es sowohl bei der Interpretation als auch bei der Edition der Texte zu berücksichtigen gilt.

 

Nehrlich, Thomas: „Es hat mehr Sinn und Deutung, als du glaubst.“ Zu Funktion und Bedeutung typographischer Textmerkmale in Kleists Prosa. Hildesheim/Zürich/New York: Georg Olms, 2012 (Germanistische Texte und Studien, Bd. 88). 200 S. mit 9 Abb., broschiert, 24.80 EUR. ISBN: 978-3-487-14794-9

 


Inhaltsverzeichnis

 

1 Einleitung ... 7

 

2 Gegenstand und theoretische Grundlagen ... 11

2.1 Gegenstandsbereich der Untersuchung ... 11

2.2 Stand der literaturwissenschaftlichen Schriftforschung ... 13

2.3 Ziele der vorliegenden Untersuchung ... 19

2.4 Typographie als Bedeutungsträger in der Literatur ... 21

2.5 Hermeneutik der Typographie ... 30

2.6 Textgrundlage der Untersuchung ... 34

2.7 Zur Fraktur der Textzeugen ... 39

2.8 Zum editorischen und interpretatorischen Umgang mit Typographie ... 41

2.9 Hinweise auf Kleists Schriftverständnis ... 53

 

3 Untersuchung der typographischen Merkmale ... 59

3.1 Sperrsatz ... 59

3.1.1 Betonung, Kontrast ... 62

3.1.2 Eigennamen, Identität, Erkenntnis ... 66

3.2 Anführungszeichen ... 78

3.2.1 Sprechertrennung, unvollständige Anführung, Macht ... 81

3.2.2 Affekt, Lüge ... 93

3.2.3 Authentifizierung, berichtete/erzählte Rede, zitierte Schrift ... 99

3.3 Gedankenstriche ... 115

3.3.1 Entstehung, Geschichte und Pragmatik des Gedankenstrichs ... 117

3.3.2 Sprechertrennung ... 124

3.3.3 Zeit und Perspektive ... 131

3.3.4 Mimesis ... 143

3.3.5 Der Gedankenstrich in der Marquise von O.... ...152

 

4 Schluss ... 163

 

5 Anhang: tabellarische Verzeichnisse ... 169

5.1 Verzeichnis der Anführungen in den Erzählungen ... 169

5.2 Verzeichnis der Sperrungen in den Erzählungen ... 186

 

6 Literaturverzeichnis ... 189

 

The Sense Lies in the Detail. Nehrlich's Study about Typographic Features in Kleist's Prose

Nehrlich’s survey Zu Funktion und Bedeutung typographischer Textmerkmale in Kleists Prosa provides an important contribution to the research of Kleist as well as interesting new aspects of the current studies of notational iconicity focusing on materiality and visibility of writing. Typographical features like black letter, letter-spacing, ligature, and punctuation in the authorized release of Kleist’s Erzählungen (1810/11) are the initial points of Nehrlich’s analysis. He states convincing new results and proffers a differentiated impression of scripture-understanding during Kleist’s time. His connections of interpretation and edition draw attention to the face of historical printed texts and typographically guided reading processes.



© bei der Autorin und bei KULT_online