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Vom Lesen und anderen Lastern: Menschliche Verfehlungen im Visier von Disziplinierungsdiskursen

thodam kleeberg


Eine Rezension von Malte Thodam

Kleeberg, Bernhard (Hg.): Schlechte Angewohnheiten. Eine Anthologie 1750–1900, Berlin: Suhrkamp, 2012.

  

Die Anthologie versammelt beispielhafte Texte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, welche allesamt Ausdruck verschiedener Gewohnheitsdiskurse sind. Bernhard Kleeberg, Juniorprofessor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Konstanz, geht von einer starken Präsenz von Gewohnheitsdiskursen im ausgewählten Zeitraum aus. Solche Diskurse sollten dazu dienen, sowohl sich selbst als auch Fremde zu disziplinieren und kulturelle Normen bzw. Ideale zu schützen. Kleeberg hat die ausgewählten Texte chronologisch angeordnet. Kommentare verschiedener Autoren aus den Kulturwissenschaften folgen den Beispielen, um diese in ihren historischen Kontext einzuordnen und den zugrunde liegenden Diskurs zu umreißen.


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Zahlreiche in einem mehr oder minder alkoholisierten Zustand ausgesprochenen Schwüre und Gelübde zur Besserung beweisen es immer wieder: Die schlechten Angewohnheiten lassen den Menschen nicht los, niemand kann sich gänzlich von seinen Lastern befreien. Was aber eine schlechte Angewohnheit sein soll, unterliegt den vorherrschenden Diskursen in einer Gesellschaft und wird von jedem Individuum anders wahrgenommen. Mögen wir dabei spontan an Gewohnheiten denken, die das Rauchen, Trinken oder Essen betreffen, so führt diese Anthologie dem Leser eine Vielzahl von anderen Verhaltensweisen vor, die zwischen 1750 und 1900 Gegenstand von Gewohnheitsdiskursen waren.

 In einem einführenden Teil verdeutlicht Kleeberg, dass das Sprechen über schlechte Angewohnheiten nicht erst im Untersuchungszeitraum stattfand. Für die Antike erwähnt er Aristoteles und Cicero (S. 15 f.), John Locke dient ihm weiterhin als Beispiel für die Kritik an Denkgewohnheiten in der Frühen Neuzeit. Locke wetterte gegen "inhaltslose Redewendungen", welche sich "durch langjährige Gewohnheit so sehr das Recht erworben, für tiefe Gelehrsamkeit und hochfliegende Spekulation gehalten zu werden." Dadurch sah er den Fortschritt der Wissenschaften gefährdet, denn statt einer eigenständigen Denkweise attestierte Locke der Zunft auf diesem Wege "nie einer Aufklärung zugänglich" gewesen zu sein (S. 19).

 Kleebergs zentrale These lautet allerdings, dass gerade im gewählten Untersuchungszeitraum "Konzepte des Charakters neu justiert" wurden (S.9). Die Gesellschaft setzte sich mit solchen Angewohnheiten auseinander, welche den eigenen Idealen widersprachen. Dieser "Ruf nach Disziplinierung" (S. 13), der bis heute bestimmend für viele gesellschaftliche Debatten ist, stellt den Kern der dargestellten Diskurse dar.

 So stand etwa das "Laster des Lesens" (S. 274) im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts im Mittelpunkt der Kritik. Ein Plädoyer des Journalisten Alfred Austin gegen das Lesen als Selbstzweck richtete sich gegen eine vermeintlich schädliche Lektüregewohnheit, welche Körper und Geist durch beständige Reizüberflutung angreife. Die einzigen akzeptierten Gründe für das Lesen vermisste dieser in der eigenen zeitgenössischen englischen Literatur: "Uns fallen nur drei gute Gründe für das Lesen ein. Diese sind: weiser zu werden, edelmütiger zu werden und auf unschuldige Weise unterhalten zu werden" (S. 275). Jedoch schien für Austin das Lesen vieler Zeitungen und Romane im Überfluss dazu geführt zu haben, "daß die Konversation eine ausgestorbene Kunst sei". (S. 280). Dies lässt uns angesichts unserer eigenen Diskussionen über Kommunikation im Zeitalter von Smartphones und Tablets schmunzeln, da sich hier eine ähnliche Kritik an Modernisierungsprozessen zeigt. Dorothee Birke beleuchtet in ihrem anschließenden Kommentar den Hintergrund dieser von Austin als schädlich gebrandmarkten Lesegewohnheit. Nach Birke zielte Austin darauf ab, die nationale englische Identität als Wert zu schützen, indem er das übermäßige Lesen mit Alkoholismus verglich; das Lesen zehre den nach seiner Vorstellung gesunden Nationalcharakter der Engländer auf (S. 288-290).

 In dieser Manier behandelt die Anthologie unterschiedlichste Phänomene: die "Böse Laune" als Gewohnheit (S. 99 ff.), den schlechten Umgang mit dem Spielen bzw. Glücksspiel (S. 256 ff.), sowie Anleitungen zur Stärkung des eigenen Willens, womit die Gewohnheit in diesem Fall zum Guten genutzt werden sollte (S. 326 ff.). Wie im vorangegangenen Beispiel folgen erhellende Kommentare, die stark zur Qualität des Sammelbandes beitragen.

 Kleebergs Anthologie ist nicht nur für Wissenschaftler ein interessantes Buch. Die stets aktuelle Thematik wirft jedoch auch die Frage auf, wie sich Gewohnheiten in ihrer Unübersichtlichkeit klar definieren lassen. Denn letztlich ließe sich fast jede Handlung als Gewohnheit begreifen. Die Textsammlung leistet schließlich durch ihr reiches Material nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Forschung, sondern bietet als Lesebuch Einblicke in die Entwicklung moralischer Diskurse. Somit lohnt sich die Lektüre in doppelter Hinsicht. Und sei es nur zur Unterhaltung – denn in unserer Zeit gilt das Lesen zur Unterhaltung zum Glück nicht als allgemeines Laster.

 


Kleeberg, Bernhard (Hg.): Schlechte Angewohnheiten. Eine Anthologie 1750–1900, Berlin: Suhrkamp, 2012. 446 Seiten, broschiert, 19.00 Euro. ISBN: 978-3-518-29602-8



Inhaltsverzeichnis 

 

Bernhard Kleeberg

Schlechte Angewohnheiten. Einleitung ... 9

 

Laster und Charakter

Montesquieu

Der Geist der Gesetze (1748) ... 67

 

David Hume

Versuch über die Nationalcharaktere (1748) ... 71

 

Jacques Bos

Nationalcharakter zwischen Klima und Gewohnheit.

Kommentar zu Montesquieu und David Hume ... 90

 

Carl Friedrich Pockels

Ueber die böse Laune. Ein psychologischer Versuch (1788) ... 99

 

Christiane Frey

Schlechte Laune. Zur moralischen Menschenkunde

um 1800. Kommentar zu Carl Friedrich Pockels ... 117

 

Philipp Peter Guden

Polizey der Industrie (1768) ... 130

 

Adolph Freiherr von Knigge

Predigt gegen Müssiggang (1783) ... 142

 

Albert Schirrmeister

Muße und Müßiggang als individuelle Charakterfehler

und sozialer Habitus. Kommentar zu Philipp Peter Guden und Adolph von Knigge ... 149

 

Entwicklung und Psyche

Christian Gotthilf Salzmann

Ueber die heimlichen Sünden der Jugend (1785) ... 165

 

Franz X. Eder

Wie die einsame Lust zur Krankheit wurde.

Kommentar zu Christian Gotthilf Salzmann ... 181

 

Joseph Priestley

Die Bedeutung früher religiöser Unterweisung (1778/1780) ... 193

 

Joseph Priestley

Die Gefahr schlechter Angewohnheiten. Eine Predigt (1787) ... 199

 

Ingrid Kleeberg

Mentale Spuren der Gewohnheit. Kommentar

zu Joseph Priestley ... 213

 

Umwelt und Konzentration

James Phillips Kay

Vom moralischen und physischen Zustand der

arbeitenden Klassen (1832) ... 227

 

Bernhard Kleeberg

Animalische Gewohnheit und soziale Frage.

Kommentar zu James Phillips Kay ... 243

 

Jonathan Harrington Green

Die üblen Folgen des Spielens (1845) ... 256

 

Valeska Huber

Glücksspieldiskurse im 19. Jahrhundert. Kommentar zu Jonathan Harrington Green ... 265

 

Alfred Austin

Vom Laster des Lesens (1874) ... 274

 

Dorothee Birke

Lesen als geistiger Alkoholismus. Kommentar zu Alfred Austin ... 284

 

Disziplin und Erziehung

Hermann Oppenheim

Nervenleiden und Erziehung (1899) ... 293

 

Gwendolyn Whittaker

Gewohnheit und Pathologie im pädagogischen Diskurs

um 1900. Kommentar zu Hermann Oppenheim ... 311

 

Josef Clemens Kreibig

Die Aufmerksamkeit als Willenserscheinung (1897) ... 320

 

Reinhold Gerling

Die Gymnastik des Willens (1905) ... 326

 

Ingo Stöckmann

Willensschwäche oder von der Selbstbemeisterung durch Gewohnheit. Kommentar zu Josef Clemens Kreibig und Reinhold Gerling ... 336

 

Tradition und Barbarei

Cesare Lombroso Gewohnheitsverbrecher (1890) ... 349

 

Enrico Ferri

Die Klassifikation der Verbrecher (1896) ... 354

 

Riccardo Nicolosi

Der Gewohnheitsverbrecher in der ›positiven Schule‹ der italienischen Kriminologie. Kommentar zu Cesare Lombroso und Enrico Ferri ... 368

 

Fernando Ortiz

Die afrokubanische Unterwelt: Die schwarzen Hexer (1906) ... 378

 

Marcel Vejmelka

Rasse und Kriminalität im kubanischen Zivilisationsdiskurs um 1900. Kommentar zu Fernando Ortiz ... 398

 

David Paul von Hansemann

Der Aberglaube in der Medizin und seine Gefahr für Gesundheit und Leben (1905) ... 409

 

Barbara Orland

Medizin und Aberglaube um 1900. Kommentar zu David Paul von Hansemann ... 426

 

Nachweise ... 438

 

Hinweise zu den Autorinnen und Autoren ... 441

 

Dank ... 446

 

 

Reading and other guilty pleasures: Human misconduction in the discourse of disciplinary action

This anthology contains exemplary text from the18th to 20th century, dealing with various habitual discourses. Bernhard Kleeberg, professor at the University of Konstanz, argues that there is a significant presence of habitual discourses in the chosen period. Such discourses should serve to discipline others as well as oneself and to protect cultural norms and ideals. Kleeberg provided the chosen texts in a chronological order. Each example is followed by a comment of an author from the field of cultural studies in order to clarify its historical background and the corresponding discourses.



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