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Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft: Verwoben nicht verwirrend

Eine Rezension von Friedolin Krentel

Beck, Stefan; Jörg Niewöhner und Estrid Sørensen (Hg.): Science and Technology Studies. Eine sozialanthropologische Einführung. Bielefeld: transcript, 2012 (VerKörperungen/MatteRealities. Perspektiven empirischer Wissenschaftsforschung, Band 17).

Der von Stefan Beck, Jörg Niewöhner und Estrid Sørensen herausgegebene Sammelband Science and Technology Studies. Eine sozialanthropologische Einführung nimmt zahlreiche wichtige Strömungen, Positionen und Konzepte des heterogenen Forschungsbereichs der Science and Technology Studies (STS) in den Blick. Zusätzlich zu dieser aus sozialanthropologischer Perspektive unternommenen 'Kartografierung' der STS werden insbesondere theoretisch-konzeptuelle und methodisch-methodologische Schnittmengen zwischen STS und sozial- bzw. kulturanthropologischen Forschungsansätzen herausgearbeitet.


Die unter dem Namen Science and Technology Studies (STS) zusammengefasste Erforschung der alltäglichen Verschränkungen von Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft ist in den deutschsprachigen sozial- und kulturanthropologischen Fachdiskursen bislang wenig etabliert. Dieser Umstand erscheint umso erstaunlicher, als dass sich zahlreiche Parallelen und Schnittmengen erkennen lassen, die in zunehmenden Maße vor allem auf der Ebene von Promotionen und Post-Doktorand_innen produktiv gemacht werden.

Der hier rezensierte Sammelband Science and Technology Studies. Eine sozialanthropologische Einführung, herausgegeben von Stefan Beck, Jörg Niewöhner und Estrid Sørensen, möchte eben diesen Trend im deutschsprachigen Raum fördern sowie besagte Schnittmengen zwischen STS und sozial- und kulturanthropologischer Forschung weiter stärken (vgl. S. 7). Der Band ist aus einer raum-zeitlichen Koinzidenz der beteiligten Autor_innen hervorgegangen: alle waren in den Jahren 2009-2011 am "Labor: Sozialanthropologische Wissenschafts- und Technikforschung" des Instituts für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin aktiv. Die Autor_innen präsentieren in insgesamt 13 Beiträgen eine dezidiert auf die sozialanthropologische Ausrichtung der STS fokussierende Einführung.

Zu Beginn der dreigeteilten Einleitung skizzieren die Herausgeber_innen mit einem "View from Nowhere" (S. 11-22) zunächst den Gegenstand und die Methoden des "hochgradig transdisziplinäre[n] Forschungsfeld[s]" (S. 11) der STS. Daran anschließend (S.23-42) wird mit Blick auf die wechselseitigen Verschränkungen zwischen STS und sozialanthropologischen Fachdiskursen besagte "sozialanthropologische Spezifik dieser Einführung" (S. 23) und die damit einhergehende selektive Vorstellung der STS-Problematisierungen in Bezug auf ethnografische Methoden, Praxis, Materialität und Körperlichkeit offen gelegt. Die geraffte Darstellung erleichtert es dem_der Leser_in die einzelnen Beiträge und deren Zusammenhänge innerhalb des für Neueinsteiger_innen unübersichtlichen Feldes der STS zu verorten.

Im ersten Hauptteil zeichnet Jörg Niewöhner in zwei chronologisch aufeinander folgenden Kapiteln zunächst den Übergang von der Wissenschaftstheorie zur Soziologie der Wissenschaft (S. 49-75) nach; anschließend skizziert er über die Soziologie wissenschaftlichen Wissens (S. 77-101) die Entstehungsgeschichte der STS. Mit Blick auf eine sozialanthropologische Perspektive führt er den polnischen Mediziner und Mikrobiologen Ludwik Fleck (1896-1961) als 'Urgestein' der STS ein (S. 65-71). Dieser habe als erster "[…] den Produktionsprozess von Erkenntnis als Praxis und nicht als logische Struktur in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Überlegungen [ge]stellt" (S. 66). Zugleich habe er mit dem Begriff des 'Denkstils' die sozial- und kulturhistorische Einbettung und materiell-technische Prägung des Prozesses sowie die praktische Rolle von Materialität und Technik zusammengebracht (vgl. S. 70). Im zweiten Kapitel beschreibt Niewöhner, wie im Zuge von Nachkriegszeit und Kaltem Krieg das Verhältnis zwischen Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft neu ausgehandelt wird, wodurch sich der soziologische Blick weg von der Wissenschaft als Institution hin zur Analyse wissenschaftlichen Wissens verschiebt. Dies markiert Niewöhner zufolge in den 1970er Jahren, "[…] die Geburtsstunde der Science and Technology Studies, wie sie in diesem Band vorgestellt werden" (S.98).

Herrschte im ersten Teil noch eine chronologische Logik, so fächern die Beiträge im zweiten Teil "Forschungsansätze der Science and Technology Studies" inhaltlich auf. Über die pointierte und gut verständliche Darstellung vier zentraler Strömungen 'entwirren' die Autor_innen Christoph Kehl und Tom Mathar ("Eine neue Wissenschaftssoziologie: Die Sociology of Scientific Knowledge und das Strong Programme", S. 103-122), Estrid Sørensen ("Die soziale Konstruktion von Technologie (SCOT)", S.123-144), Katrin Amelang ("Laborstudien", S.145-171) sowie Tom Mathar ("Akteur-Netzwerk Theorie", S. 173-190) in gewisser Weise das komplexe Geflecht der STS. Dies gelingt ihnen ohne zugleich den spezifischen Charakter der STS als in ständig wechselseitiger Aushandlung und Weiterentwicklung befindliches Forschungsfeld aus den Augen zu verlieren. Entlang der zum Teil heiß umkämpften Grenzziehungen – sowohl zwischen als auch innerhalb dieser Ausrichtungen der STS – können die Beiträge die jeweils zentralen Argumentationslinien und Konzepte gut herausarbeiten. Gleichzeitig werden über die explizite Frage nach potentiellen Schnittmengen der einzelnen Ansätze zur sozialanthropologischen Forschungsprogrammatik immer auch Brücken und Pfade zwischen den Ansätzen sichtbar gemacht.

Diese Strategie wird im dritten Teil aus sozialanthropologischer Perspektive weitergeführt. So ergreift Michi Knecht in dem Kapitel "Ethnografische Praxis im Feld der Wissenschafts-, Medizin und Technikanthropologie" (S. 245-274) die Gelegenheit, mittels aktueller Beispiele und Verweisen auf den sozialanthropologischen Fachdiskurs die Komplexität des Ethnografie-Begriffs zu verdeutlichen. Wird 'Ethnografie' in den STS zumeist mit der Methode der 'teilnehmenden Beobachtung' gleichgesetzt (vgl. S. 249), so ergänzt Knecht die methodische Dimension zusätzlich um "[…] eine spezifische textuelle oder visuelle Darstellungsweise" (S. 248), die im stetigen Wechselspiel mit der Empirie theoriegenerierend wirkt (vgl. S. 248-249). In ihrer radikalisierten Form der Praxeographie verlagert sich zudem der Ansatzpunkt empirischer Untersuchungen von Akteursgruppen auf die interaktiven Herstellungspraxen von Wirklichkeit (vgl. S.258-260): durch sie ließen sich kollaborative bzw. intervenierende Forschungspraxen entwerfen (vgl. S. 267-269). Auch die Untersuchung der unsichtbaren und dennoch (bzw. eben dadurch) effektreichen Allgegenwärtigkeit von Klassifikationssystemen kann als Schnittstelle zwischen sozialanthropologischer Forschung und den STS dienen: so argumentiert etwa Martina Klausner in "Klassifikationen und Rückkopplungseffekte" (S. 275-298) anhand der Ansätze von Mary Douglas, Ian Hacking sowie Geoffrey Bowker und Susan Leigh Star. Das von letzterer (zusammen mit Karen Ruhleder) eingeführte Konzept der Infrastruktur greift Stefan Beck im anschließenden Kapitel "Transnationale Infrastrukturen des Humanen" (S. 299-325) auf und stellt es dem Foucaultschen Dispositiv sowie dem Begriff der Plattform von Peter Keating und Alberto Cambrosio zur Seite. Er unterstreicht am Beispiel der Biomedizin ihre besondere Eignung als analytisches Instrumentarium: sie würden Technik gleichzeitig in historischer Tiefe und praktischer Situiertheit thematisieren; materielle, diskursive, institutionelle wie auch epistemische Dimensionen von Technik erfassen; zudem lokale Praktiken mit Prozessen höherer Ordnung verbinden (vgl. S. 315). Abschließend liefert Estrid Sørensen mit "Post-Akteur-Netzwerk Theorie" (S. 327-345) einen Einblick in die aktuellen Neujustierungen innerhalb der Akteur-Netzwerk Theorie. In ihrem Text beschreibt sie am Beispiel der von Marianne de Laet und Annemarie Mol untersuchten simbabwischen Buschpumpe die neuen 'Sensibilitäten' der ANT für Räumlichkeit, Multiplizität und Performativität.

Das Anliegen eine deutschsprachige Einführung in die STS mit einer "dezidiert sozialanthropologische[n] Perspektive" (S. 42) vorzulegen ist ausgezeichnet geglückt. In ihren jeweiligen Beiträgen gelingt es den Autor_innen in viele der wichtigen Begrifflichkeiten, der theoretischen und methodologischen Konzepte sowie Problematiken verständlich einzuführen. Dank zahlreicher empirischer Beispiele aus dem Umfeld der STS kann der_die Leser_in zum einen die Genese dieser Ansätze besser nachvollziehen; zum anderen lässt sich hieran ihre Nützlichkeit für die eigene Arbeit überprüfen. Schließlich kommen auf diese Weise viele wichtige Autor_innen und Vordenker_innen der STS zu Wort, deren divergierende Ansätze und Konzepte in den einzelnen Beiträgen (v.a. im drittenTeil) äußerst konstruktiv zusammengebracht werden: So wird zwar aus guten Gründen auf bestehende Unterschiede und gegenseitige Abgrenzungen hingewiesen. Dies geschieht aber zumeist auf eine Weise, die anstelle von starren Dichotomien divergierender Schulen vielmehr 'produktive Reibezonen' entwirft und die Dynamiken innerhalb der STS sichtbar macht. Eben diese Darstellungsform spornt den_die interessierte_n Leser_in geradezu an – ganz im Sinne der betonten Prozesshaftigkeit und Unabgeschlossenheit wissenschaftlicher Erkenntnisse – potentielle Schnittmengen und gangbare Pfade zur konzeptuellen, methodischen und theoretischen Weiterentwicklung der STS auszuloten.

So gesehen richtet sich dieses Buch keineswegs 'nur' an STS-Neulinge, sondern hält unter der Prämisse sozialanthropologischer Anschlussfähigkeit auch für erfahrene Wissenschaftler_innen einen reichhaltigen Fundus prägnanter Konzepte und Ansätze bereit. Letztlich können beide Zielgruppen von dem schlüssigen Aufbau, den zugänglich aufbereiten Inhalten und der didaktisch äußerst vorteilhaften Aufwertung der Beiträge, durch jeweils vorangestellte Zusammenfassungen und kommentierte Literaturempfehlungen, profitieren. Damit steht einer breiten Rezeption des Werkes nichts im Weg und lässt für die Zukunft spannende Entwicklungen innerhalb des sich in ständigem Fluss befindlichen Feldes der STS erwarten.


Beck, Stefan; Jörg Niewöhner und Estrid Sørensen (Hg.): Science and Technology Studies. Eine sozialanthropologische Einführung. Bielefeld: transcript,  2012 (VerKörperungen/MatteRealities. Perspektiven empirischer Wissenschaftsforschung, Band 17), 335 S., broschiert, 29.80 Euro. ISBN: 978-3-8376-2106-8


Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort...7

Einleitung - Science and Technology Studies aus sozial- und kulturanthropologischer Perspektive ... 9
Jörg Niewöhner, Estrid Sørensen, Stefan Beck


Teil I – Wissenschaftsphilosophische und –soziologische Grundlegungen

Von der Wissenschaftstheorie zur Soziologie der Wissenschaft ... 49
Jörg Niewöhner

Von der Wissenschaftssoziologie zur Soziologie wissenschaftlichen Wissens ... 77
Jörg Niewöhner


Teil II – Forschungsansätze der Science and Technology Studies

Eine neue Wissenschaftssoziologie: Die Sociology of Scientific Knowledge und das Strong Programme ... 103
Christoph Kehl, Tom Mathar

Die soziale Konstruktion von Technologie (SCOT) ... 123
Estrid Sørensen

Laborstudien ... 145
Katrin Amelang

Akteur-Netzwerk Theorie ... 173
Tom Mathar


Teil III – Sozialanthropologische Perspektiven auf STS

STS und Politik ... 191
Estrid Sørensen

Rationalität – Wissenschaft – Technik ... 221
Stefan Beck

Ethnographische Praxis im Feld der Wissenschafts-, Medizin- und Technikanthropologie ... 245
Michi Knecht

Klassifikationen und Rückkopplungseffekte ... 275
Martina Klausner

Transnationale Infrastrukturen des Humanen: Technologien als Mittel der gesellschaftlichen Autopoiesis ... 299
Stefan Beck

Post-Akteur-Netzwerk Theorie ... 327
Estrid Sørensen


Autorinnen und Autoren ... 346

Personen- und Sachindex ... 348


Science, Technology, and Society: Entangled, not intractable

The volume Science and Technology Studies. Eine sozialanthropologische Einführung, edited by Stefan Beck, Jörg Niewöhner and Estrid Sørensen, takes a closer look at important threads, positions, and concepts of the heterogeneous field of study called Science and Technology Studies (STS). In addition to this 'cartography’ of the STS from an explicitly social-anthropological perspective, the authors focus on the theoretical and conceptual as well as on methodical and methodological interfaces between the research programmes of STS and Social and Cultural Anthropology.


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