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Wege zu einer transepochalen Emotionsgeschichte

Eine Rezension von Isabella Augart

Jarzebowski, Claudia; Kwaschik, Anne (Hg.): Performing Emotions. Interdisziplinäre Perspektiven auf das Verhältnis von Politik und Emotion in der Frühen Neuzeit und in der Moderne. Göttingen: V & R unipress, 2013.

Der Sammelband vereint 16 Beiträge einer Ringvorlesung und eines interdisziplinären Symposiums zum Thema "Politics and Emotion", welche im Sommersemester 2011 an der Freien Universität Berlin stattfanden. Vertreter aus verschiedenen Fachbereichen warfen dabei einen Blick auf das Verhältnis von individuellen und kollektiven Emotionen. Durch den gemeinsamen Fokus auf die politische Dimension der Emotionen in der Frühen Neuzeit und in der Moderne wird das Forschungsfeld der Emotionsgeschichte gewinnbringend um einen transepochalen Ansatz erweitert. 


> English Abstract     > Inhaltsverzeichnis


Emotionen sind "Einwirkungen äußerer Gegebenheiten auf die menschliche Psyche sowie deren Auswirkungen auf den menschlichen Körper" (Ulrich Rehm: "Affektenlehre, 2. Kunst", in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 1, Darmstadt: WBG, 2005, Sp. 88–90, hier Sp. 88). Das Zusammenspiel zwischen Außenwirkung und Seelenbewegung, zwischen individuellem innerem Empfinden und kollektiven Gefühlsgemeinschaften bildet das Erkenntnisinteresse des Sammelbandes. Emotionen haben derzeit Forschungskonjunktur, die Leitfragen in der interdisziplinären Emotionsforschung reichen dabei von den Klassifikationen der menschlichen Emotionen, über deren Auslöser und Kontrollierbarkeit bis hin zur Emotionsmodellierung als zeichenhaften Ausdruckskonventionen bzw. deren jeweiliger Lesbarkeit. In der gegenwärtigen Forschungsdiskussion wird eine Debatte über die Frage geführt, ob Emotionen evolutionsbiologisch universal bedingt oder kulturell codiert seien. Eine historische Perspektive auf die Emotionen berücksichtigt dabei mit terminologischer Feinschärfe die Etablierung des gegenwärtigen Emotionsbegriffs auf Basis der jeweiligen zeitgenössischen Diskurse zum Affekt, zur Passion, Leidenschaft, Stimmung und Emotion. Die Beiträge aus der historisch-kulturellen Emotionsforschung lenken in diesem Sammelband den Blick gewinnbringend auf Aushandlungen individuellen Erlebens und kollektiver Affektdiskurse des fühlenden Subjekts im kulturellen und zeitlichen Wandel. Die versammelten Forschungsansätze aus der Geschichtswissenschaft, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Soziologie und Genderforschung konzentrieren sich dabei auf die politische Dimension der Emotionen.

Im Mittelpunkt des ersten Teils steht die Verschränkung von Fühlen und Handeln. Die Aufsätze von Renate Dürr, Bettina Hitzer, Karsten Lichau und Claudia Jarzebowski untersuchen historische, geographische und soziale Parameter der Emotionen sowie deren Modellierungen und Deutungen in den zeitgenössischen Diskursen der Vergangenheit. Bewusst erstrecken sich die Beiträge in einer transepochalen Themenwahl vom 17. Jahrhundert bis in die Zeitgeschichte. Die Standortgebundenheit des heutigen Blicks auf die Emotionsgeschichte wird dabei durch den Schwellenbereich des 19. Jahrhunderts erschwert, in dem sich die Kategorien "Öffentlichkeit" und "Privatheit" etablierten. In der Frühen Neuzeit ist eine derartige Trennung innerhalb des menschlichen Gemeinweisens nicht in vergleichbarer Weise greifbar. Als methodische Herausforderung und methodischer Gewinn zugleich erscheint daher der Versuch der Autoren, für die Frühe Neuzeit und die Moderne jeweils treffende Begrifflichkeiten und Erklärungsmodelle zu entwickeln und diese im Sammelband in einen fachlichen Dialog zu bringen. Wie eine transepochale Emotionsgeschichtsforschung aussehen kann, zeigt der pointierte Beitrag von Claudia Jarzebowski zum Themenkreis von Gewalt und Grausamkeit; sie nähert sich dem durch Fallstudien zur Hinrichtung einer schlesischen Räuberfamilie 1661 und zum Prozess gegen einen serbischen Kriegsverbrecher in den 1990er Jahren an. Besonders hervorzuheben ist dabei der methodische Ansatz, die öffentliche Reaktion auf die begangenen Verbrechen, darunter etwa Morde an Kindern und Schwangeren, zunächst im jeweiligen Kontext historisch zu verorten und daraufhin nach transepochalen Funktionsmustern ihrer Performanz zu fragen. Derartige Funktionsmuster zielen ab auf politisch-emotionale Strategien zur Angsterzeugung, um "Emotionen zu schüren und in politisch relevante Legitimationslogiken einzupassen" (S. 94). Jarzebowski gelingt es zu zeigen, wie Emotionen "performativ" im politischen Geschehen funktionieren, indem sie zunächst "adressiert werden, um dann selbst handlungsmächtig" zu werden (S. 95).

Den Fokus des zweiten Teils bildet das Verhältnis von Sinnlichkeit und Materialität. Doris Kolesch, Stephanie Bung, Elke Anna Werner, Catherine Viollet und Janina Wellmann legen in ihren Aufsätzen den Schwerpunkt auf Affektpraktiken im 17. und 18. Jahrhundert. Die zahlreichen Diskurse und Einzeldisziplinen dieser Epoche brachten den menschlichen Gefühlen eine neue theoretische Aufmerksamkeit entgegen und führten zu einer Verlagerung von der ethischen hin zur empirischen Affektdeutung. In einem bis heute fortwirkenden Paradigmenwechsel richtete sich der neue empirische Blick auf den menschlichen Körper als "lesbaren" Ausdrucksträger der Emotionen in Gestik, Mimik und physiologischen Veränderungen. Der Lesbarkeit und Codierung von Affekten durch Körperbewegungen kommt dabei eine soziale Dimension zu. Ein daran anknüpfendes Erkenntnisinteresse verfolgt die Emotionsforschung in den Kunstwissenschaften, welche sich mit emotionalen Zeichenpraktiken in Kunst und Literatur, Musik und Theater beschäftigt. Elke Anna Werner verweist in ihrem Beitrag zu "Perspektiven der kunst- und bildwissenschaftlichen Forschung" treffend auf diese Relevanz der zeichenhaften Codierung der bildlichen Affektdarstellungen, welche die kunsttheoretische Wirkungsästhetik als Ausgangspunkt hat (S. 147–166). Ein wesentlicher Erkenntnisgewinn der umsichtigen Argumentation liegt in der Erweiterung bisheriger Deutungen zur künstlerischen Affektdarstellung um die Ebene der ästhetischen Ambiguität.

"Diskurs und Ordnung" geben den inhaltlichen Rahmen für den dritten Teil vor. Die Beiträge von Birgit Aschmann, Birgit Sauer, Gertraude Krell und Anne Kwaschik widmen sich in fundierten Einzelanalysen dem Verhältnis von Individuum und Sozialgemeinschaft im historischen Wandel. Die abschließenden Bemerkungen von Barbara Hahn sowie Helmut Puffs Nachwort richten sich auf die "Emotionsgeschichte" als Narrativ der jeweiligen Historiographien.

Die Leistung des Sammelbandes besteht sowohl in der Fülle der Einzelbeobachtungen zu Affektmodellierungen und -funktionalisierungen in den Fallstudien aus der Frühen Neuzeit bzw. der Moderne, als auch im gelungenen Versuch, ein transepochales Narrativ zu begründen. Der Sammelband liefert damit einen wesentlichen Beitrag zur historisch-kulturellen Emotionsgeschichte und lenkt den Blick auf bislang nicht berücksichtigte Erzählstrategien, Performanzen und Ausdrucksmuster der Emotionen.
 
   
Jarzebowski, Claudia; Kwaschik, Anne (Hg.): Performing Emotions. Interdisziplinäre Perspektiven auf das Verhältnis von Politik und Emotion in der Frühen Neuzeit und in der Moderne. Göttingen: V & R unipress, 2013. 336 S., kartoniert, 49,99 Euro. ISBN: 978-3899719604


Inhaltsverzeichnis

 

Helena Flam - Quo vadis? Wege der Emotionenforschung zwischen den Disziplinen ... 7

Fühlen und Handeln ... 15
Renate Dürr - Laienprophetien. Zur Emotionalisierung politischer Phantasien im 17. Jahrhundert ... 17
Bettina Hitzer - Körper-Sorge(n). Gesundheitspolitik mit Gefühl ... 43
Karsten Lichau - »The moving, awe-inspiring silence«. Zum »emotionalen Potential« der Schweigeminute ... 69
Claudia Jarzebowski - Das gefressene Herz. Emotionen und Gewalt in transepochaler Perspektive ... 93

Sinnlichkeit und Materialität ... 113
Doris Kolesch - Flanieren im Park. Zur emotionalen und politischen Bedeutung von Bewegung im 17. Jahrhundert ... 115
Stephanie Bung - Mimicry und Emotionen. Zur sozialen Handlungslogik französischer Gelegenheitsdichtung des 17.Jahrhunderts ... 129
Elke Anna Werner - Visualität und Ambiguität der Emotionen. Perspektiven der kunst- und bildwissenschaftlichen Forschung ... 147
Catherine Viollet - »J'étois assez dissimulée ...«. Zur Rolle von Emotionen in den Memoiren der Zarin Katharina II. von Russland ... 167
Janina Wellmann - Eine höhere Form der Erkenntnis. Körper, Rhythmus und Emotion um 1800 ... 187

Diskurs und Ordnung ... 215
Birgit Aschmann - Von der »niña inocente« zur »ilustre prostituta«. Techniken der Apologie und Delegitimierung der spanischen Königin Isabella II. über den Genderdiskurs ... 217
Birgit Sauer - »Bringing emotions back in.« Gefühle als Regierungstechnik: Geschlechter- und demokratietheoretische Überlegungen ... 241
Gertraude Krell - Emotionen, Frauen, Arbeit und Führung. Diskursive Fabrikationen und Verschränkungen in der Managementforschung ... 259
Anne Kwaschik - Folter in der Republik? Gewalt, rechtsstaatliche Ordnung und »emotionale Navigation« in der Auseinandersetzung liberaler Demokratien mit dem Terrorismus ... 283
Perspektiven ... 307
Barbara Hahn - Leidenschaften und Gefühle in der Öffentlichkeit. Hannah Arendts Gedanken über die Dunkelheit des menschlichen Herzens ... 309
Helmut Puff - Nachwort ... 321
Danksagung ... 333


Politics and Emotions in Historical Perspective

 

The 16 essays in this volume emerged out of a lecture series and an interdisciplinary conference on "Politics and Emotions" during summer term 2011 at the Freie Universität Berlin. Interdisciplinary perspectives explore the relation of individual and collective emotions. The shared focus on the political dimension of emotions in the Early Modern and Modern periods results in a transepochal approach to the history of emotions.


© bei der Autorin und bei KULT_online