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Artikelaktionen

Was kostet uns Bildung? Wissensgesellschaften im Wandel

Eine Rezension von Evelyn Gottschlich

Schmid, Josef; Amos, Karin; Schrader, Josef und Thiel, Ansgar (Hg.): Welten der Bildung? Vergleichende Analysen von Bildungspolitik und Bildungssystemen. Baden-Baden: Nomos, 2011.

Wie viele Welten der Bildung gibt es? Viele, folgt man dem Sammelband des Tübinger Promotionskollegs International-vergleichende Forschung zu Bildung und Bildungspolitik im Wohlfahrtsstaat. Zu viele, wenn man einige Beiträge liest, die die Chancengleichheit von Kindern ansprechen, vor allem in Deutschland.
PISA, OECD- und Bertelsmann-Studien sind seit einigen Jahren in aller Munde, doch die meisten kennen nur Schlagworte. Der Band liefert systematisierte Einblicke in die Bildungsforschung und bietet detaillierte Daten und Beispiele aus der Praxis. Internationale Vergleichsanalysen zeigen viele Varianten und Anregungen auf; zudem weisen sie auf die kaum lösbare Verknüpfung von Bildung mit Geschichte und Kultur der Gesellschaften bzw. anderen politischen Bereichen hin. 



Einleitend stellen die vier Betreuer des Graduiertenprogramms – Karin Amos, Josef Schmid, Josef Schrader und Ansgar Thiel – den Rahmen des Bandes und den Fokus des Kollegs vor (S. 11-27). Die theoretische Grundlage liefert die Governance-/Steuerungstheorie und die vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung, dabei vor allem das Esping-Anderson-Modell. Beteiligt sind die Fachbereiche Erziehungs-, Politik- und Sportwissenschaften.
Der Band wie auch das Graduiertenkolleg betrachtet den Zusammenhang von Bildungs- und Sozialpolitik, der bis dato in der Forschung eher vernachlässigt wurde. Die Beiträge haben sehr unterschiedliche Zugänge, von Hochschul- über Gesellschaftspolitik, dem 'Nordic Model' bis zur WHO – die Verbindungen und damit die Komplexität des Themas werden deutlich. Der gemeinsame theoretische Rahmen stellt dabei erfolgreich den inneren Zusammenhang sicher.

So legt etwa Michael Opielka (S.29-52) ausführlich dar, wie unterschiedlich die Ausgaben für Bildung in den OECD-Staaten sind, zudem wie dies mit Bildungserfolg und Chancengleichheit korreliert. Deutschlands geringe Investitionen in die Primär- wie Sekundärbildung und ihre Struktur zögen eine Reihe von Problemen nach sich: die sozialen und Bildungsungleichheiten werden erhalten, die Zahl der Abschlüsse im Tertiärbereich werde nicht erhöht, eine sinnvolle Alternative zur Integration von Migranten gäbe es nicht (vgl. S. 31-38). Im zweiten Teil seines Artikels betrachtet Opielka, ob diese Ergebnisse mit dem Wohlfahrtsstaaten-Modell von Esping-Anderson vereinbar sind. Er schlägt zur Ergänzung des Modells (liberal, sozialdemokratisch, konservativ) einen weiteren Typus vor, den an Menschen- und Grundrechten orientierten 'garantistischen'. Dieser Typus ist für Opielka eher ein noch umzusetzendes Ideal, in dem die Vorteile der anderen Typen zusammengefasst würden (S. 44-45). Sein Text leistet einen guten Einblick in ein Thema, das sonst für Nicht-Experten schlecht zugänglich und durchschaubar ist.
Ähnlich gelagert ist der Beitrag von Johannes Klenk (S. 223-244), gleichwohl mit anderen Schwerpunkten: der Europäische Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (EQR), der zwischen 2004 und 2008 entwickelt wurde, und dessen nationale Umsetzung. Klenk untersucht, wie sich der Deutsche Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (DQR) bisher gestaltete. Seine Ergebnisse basieren hauptsächlich auf qualitativen Interviews. Klenk weist daraufhin, dass der EQR sich weitgehend an Lernergebnissen orientiere. Das deutsche Bildungssystem richte sich jedoch vorwiegend nach Input- und Prozessmerkmalen. Die Auseinandersetzung mit dem EQR verlange also ein Umdenken (S. 225). In der Arbeitsgruppe zur Entwicklung des DQR sitzen neben Ministeriumsvertretern Repräsentanten von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen. Interessant ist, dass laut Klenk bei den deutschen Rahmenbedingungen die Verbände der beruflichen Ausbildung überproportional stark mitwirkten. Das liege zum einen daran, dass sie durch frühere Zusammenarbeit den politischen Vertretern als Ansprechpartner bekannt waren. Zum anderen komme hinzu, dass sie intern sehr gut organisiert seien und auch thematisch vorbereitet gewesen waren. Die Arbeitsgruppe entwickle gegenwärtig einen Vorschlag für den DQR, in dem (im Vergleich zum EQR) ein anderer, erweiterter Bildungsbegriff abgebildet werde. Nach Klenk werden im EQR die Niveaus auf den drei Ebenen Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenz betrachtet. Im DQR stehe stattdessen als Bildungsziel 'umfassende Handlungskompetenz'. Diese werde nochmal unterteilt in Fach-, Sozial- und Selbstkompetenz. Praktisch umgesetzt seien diese Kategorien dann in Selbstständigkeit, Verantwortung, Reflexivität (Selbstkompetenz) und Mitgestaltung der Arbeitsbedingungen (soziale Kompetenz) (S. 239-240). Abschließend weist Klenk auf die Möglichkeiten des DQR hin, falls dieser politisch wirksam gemacht werden könne. Eine Recherche zum aktuellen Stand zeigt, dass das Potenzial, das deutsche Bildungssystem zu überdenken und konstruktiv zu verändern, nicht genutzt wurde. Im Mai 2013 erging ein Beschluss der beteiligten Ministerien, der den DQR als reines Übersetzungsinstrument zwischen dem deutschen Bildungssystem und den anderen europäischen definiert (vgl. www.deutscherqualifikationsrahmen.de/).

Sehr 'erfrischend' ist auch der Beitrag von Frieder Wolf und Carolin Knoll (S. 101-120), in dem sie zehn Thesen vorstellen, die sie aus der bundesländervergleichenden Bildungsforschung gewonnen haben. Ergänzend zur Analyse der Bildungspolitik im internationalen Vergleich tragen sie leicht zugänglich Argumente und Ergebnisse auf Bundesebene vor, die den internationalen Ergebnissen teilweise widersprechen. Vor allem machen diese Thesen aber deutlich, wie differenziert das Bildungssystem schon auf deutscher Ebene ist und wie stark vereinfacht internationale Studien aufgefasst werden müssten. Insgesamt liefern die Thesen Hinweise für die weitere Forschung.
Das Buch ist sehr geeignet, um sich einen tieferen Einblick in die heutige Bildungsdiskussionen und ihre Hintergründe zu verschaffen. Der Text von Gunther M. Hega Wohlfahrtsstaaten und Bildungspolitik (S. 53-99) eignet sich als Einstieg, da in ihm vermehrt die grundlegenden Begriffe erläutert werden. Manchmal sind die Beiträge jedoch für Laien und Wissenschaftler anderer Disziplinen etwas zäh formuliert und die Fachbegriffe zu wenig erschlossen. Ein Glossar am Ende des Bandes könnte bei einer Neuauflage dem abhelfen. Literaturangaben laden zum Weiterlesen ein.

Die Schnelllebigkeit der Bildungsreformen und -prozesse in unserer Zeit sorgen dafür, dass einige Beiträge nicht mehr auf dem aktuellen Stand sind. Das tut ihrem grundsätzlichen Informationsgehalt jedoch keinen Abbruch. Da auch der Zusammenhang zwischen staatlichen Bildungsinstitutionen und lebenslangem Lernen des Öfteren durchschimmert, bereichert dieser Band jeden, der mit Bildung, Pädagogik, Lernen und Lehre zu tun hat.


Schmid, Josef; Amos, Karin; Schrader, Josef und Thiel, Ansgar (Hg.): Welten der Bildung? Vergleichende Analysen von Bildungspolitik und Bildungssystemen. Baden-Baden: Nomos, 2011. 338 S., broschiert, 49 Euro. ISBN: 978-3-8329-7018-5


Inhaltsverzeichnis

 

JOSEF SCHMID, KARIN AMOS, JOSEF SCHRADER, ANSGAR THIEL
Vorwort: Welten der Bildung? Analysen von Bildungspolitik und Bildungssystemen in unterschiedlichen Wohlfahrtsstaaten … 7

JOSEF SCHMID, KARIN AMOS, JOSEF SCHRADER, ANSGAR THIEL
Einleitung – International-vergleichende Forschung zu Bildung und Bildungspolitik im Wohlfahrtsstaat: Grundlagen und Perspektiven … 11

MICHAEL OPIELKA
Bildungspolitik als Gesellschaftspolitik. Eine neue Form der Wohlfahrtsstaatlichkeit? … 29

GUNTHER M. HEGA
Wohlfahrtsstaaten und Bildungspolitik. Nachzügler, Vorreiter oder Ausreißer? Die Schweiz und die Vereinigten Staaten in vergleichender Perspektive … 53

FRIEDER WOLF, CAROLIN KNOLL
Lehren aus der bundesländervergleichenden Bildungspolitikanalyse: Zehn Thesen im Lichte des Wohlfahrtsstaats …101

ROLF G. HEINZE, JÖRG BOGUMIL, SASCHA GERBER
Vom Selbstverwaltungsmodell zum Managementmodell? Zur Empirie neuer Governance-Strukturen im deutschen Hochschulsystem …121

ÅSE GORNITZKA, PETER MAASSEN
University governance reforms, global scripts and the "Nordic Model". Accounting for policy change? …149

CHRISTIAN FÖRSTER
Divergenz in der Konvergenz: Studiengebührenpolitik im Europäischen Hochschulraum – die Beispiele Deutschland, England und Österreich …179

UTE CLEMENT
Politische Steuerung beruflicher Bildung zwischen betrieblichen Bedarfen und gesellschaftlicher Verantwortung … 203

JOHANNES KLENK
Selbstkoordination statt staatlicher Gestaltung – die Entwicklung des Deutschen Qualifikationsrahmens als Prototyp neuer Bildungspolitik? … 223

MARCELO PARREIRA DO AMARAL
Bildungspolitik im Transformationsprozess. International vergleichende Forschung zu Educational Governance und Regimetheorie … 245

ALEXANDRA IOANNIDOU
Governance im transnationalen Bildungsraum: Von der nationalstaatlichen Steuerung zur transnationalen Governance … 267

ENRICO MICHELINI
Cooperation in the Promotion of Physical Activity: The Function of the WHO and the Role of Sports in the Global Strategy on Diet, Physical Activity and Health … 287

LISA DAMASCHKE, INGA SCHWARZ, ILZE SKUJA
Themen und Arbeitsbereiche des Promotionskollegs "International-vergleichende Forschung zu Bildung und Bildungspolitik im Wohlfahrtsstaat" … 317

LISA DAMASCHKE, CHRISTIAN FÖRSTER, JOHANNES KLENK, ENRICO MICHELINI, JOSEF SCHMID, INGA SCHWARZ, ILZE SKUJA
Die Analyse bildungspolitischer Bestimmungsfaktoren und eine ergänzende Perspektive auf den "cultural turn"… 331

How to price education? Knowledge societies in flux

How many worlds of education are there? Many, according to the anthology of the Graduate Center International-vergleichende Forschung zu Bildung und Bildungspolitik im Wohlfahrtsstaat at Tübingen. Too many, if one reads some of the articles addressing the equality of opportunity for children, especially in Germany.
On everyone's lips are the studies about educational systems from PISA, the OECD countries, and the Bertelsmann Foundation, but only the catchphrases are widely known. The book contains systematized introductions to educational research, supplemented by detailed data and practical examples. The internationally comparative analyses offer a wide variety and stimuli for future research. At the same time they show how closely education is entangled with the history and culture of societies and other political areas.


© bei der Autorin und bei KULT_online