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Von List und Last der Nationalgeschichte(n)

Eine Rezension von Dagmar Lorenz

Berger, Stefan; Eriksonas, Linas; Mycock, Andrew (Hg.): Narrating the Nation. Representations in History, Media and the Arts. (Series: Making Sense of History.) New York/Oxford: Berghahn Books, 2008.

Der von Stefan Berger, Linas Eriksonas und Andrew Mycock herausgegebene Sammelband enthält 14 Beiträge namhafter Autoren aus den Bereichen der Geschichtswissenschaft, der Geschichtsphilosophie, der vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaften, sowie der Politologie. Sie alle widmen sich – aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven –  Erzählformen und Erzähltechniken von Nationalgeschichtsschreibung in einem Zeitraum, der vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis in unsere Gegenwart reicht. Während die Beiträge im ersten Teil des Buches das Verhältnis zwischen Geschichtswissenschaft und erzählender Geschichtsschreibung beleuchten, werden in den drei darauffolgenden Teilen nationale "Geschichtserzählungen" in Literatur, Film, bildender Kunst und Musik anhand konkreter Beispiele und Fragestellungen analysiert. Mit lediglich zwei Beträgen zu außereuropäischen Sichtweisen auf die "eigene Nationalgeschichte" untersucht der fünfte und letzte Teil nationale Geschichtskonstruktionen in den USA und Ostasien (Japan und Korea).

 

> English Abstract     > Inhaltsverzeichnis


Wie eng moderne Identitäts- und Politikdiskurse mit jenen nationalen Geschichtserzählungen verknüpft sind, die sich in Europa seit Anfang des 19. Jahrhunderts herausgebildet haben, zeigt ausgerechnet unsere vermeintlich globalisierte Gegenwart. Allein schon deshalb interessiert der oben genannte Sammelband. Hervorgegangen aus einer Konferenz, die 2004 im Rahmen des EU-finanzierten Forschungsprogramms "Representations of the Past: The Writing of National Histories in Nineteenth and Twentieth Century Europa" (NHIST) stattgefunden hatte, enthält er insgesamt 14 Beiträge von Autoren aus unterschiedlichen Disziplinen: angefangen von der Kritik des amerikanischen Historikers Allan Megill an jeder Form der von Historikern befeuerten "identity politics" (Kapitel 1), bis hin zur Analyse identitätsstiftender Generations- und Familiendiskurse durch die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel (Kapitel 7). Solch thematische Bandbreite sucht Stefan Berger, einer der drei Herausgeber des Bandes und zugleich Leiter des NHIST-Programms, in seinem Vorwort (S. 1-16) zu bündeln. Indem er sich gegen den von Megill geäußerten Verdacht verwahrt, die Initiatoren des NHIST-Programms stellten ihre historische Arbeit an der Entlarvung nationaler Geschichtsmythen in den Dienst gegenwärtiger politischer Interessen um der "guten europäischen Sache" willen (Megill, S. 26), verweist er auf die komparatistische und transnationale Ausrichtung des NHIST-Programms (S. 3). Letzteres betone insbesondere die Vielfalt nationaler Traditionen, richte das Augenmerk auf den Wandel nationaler Identitäten im Laufe der Zeiten, und betrachte nationale Identitäten und ihre Konstruktion letztlich nicht als in sich geschlossene Entitäten, sondern als "hybride" Phänomene (S.6).
Dass sich eine selbstreflexive Forschung ihrer Kriterien immer neu zu vergewissern hat, wird  insbesondere in den ersten drei, eher geschichtsphilosophisch ausgerichteten Buchkapiteln deutlich. So verfolgt der in Amsterdam lehrende Geschichtsphilosoph Chris Lorenz  einen konstruktivistischen Ansatz, indem er eine kategoriale Gegensätzlichkeit zwischen "wissenschaftlicher" Geschichtsschreibung und historischem "Mythos" bestreitet (Kapitel 2). Die Geschichtswissenschaft, wie sie im 19. Jahrhundert durch Leopold von Ranke und Wilhelm von Humboldt begründet wurde, so lautet seine These, sei schon aufgrund ihrer verabsolutierenden "Ideenlehre" von Anfang an "mythisch" konstruiert gewesen (S. 49). Auf welche Weise aber wäre es dann überhaupt möglich, "Geschichte" als Nationalgeschichte zu erzählen oder sie kritisch zu befragen, ohne in die Fallen sowohl essentialistischer Geschichtskonstruktionen, als auch postmoderner Beliebigkeit zu geraten? Hier befürwortet der Politikwissenschaftler Mark Bevir einen "radikalen Historismus", der auf die alten prinzipiellen Bestimmungen des Nationalen zugunsten flexibler Konzepte etwa von Tradition verzichtet. Denn das, was die kulturellen, gesellschaftlichen und sprachlichen Grenzen einer "Nation" etwa gegenüber anderen Nationen angeblich ausmachen soll, entpuppt sich stets als zweifelhaft – zumal auch die Grenzen selbst im Verlaufe geschichtlicher Prozesse immer neu und anders vermessen werden. Statt Identitätsgeschichte also als Geschichte nationaler Abgrenzungen  zu erzählen, wäre sie besser in Kategorien wie die der "Überschreitung" oder "Durchlässigkeit" zu beschreiben (Kapitel 3).
Welche Funktionen "nationale Geschichtserzählungen" im Kontext bestimmter Medien und narrativer Genres erfüllen können, beschreiben die nachfolgenden Aufsätze (II.-IV. Teil). Folgt man etwa der Komparatistin Ann Rigney ("Fiction as a Mediator in National Remembrance", Kapitel 4), so kann der historische Roman durch die Verwandlung historischer Ereignisse in fiktionale "Geschichten" Erinnerung herstellen und den Prozess des Sich-Erinnerns zugleich reflektieren. Historische Romane zeigen zuweilen "vergessene" oder tabuisierte Vergangenheit, sie vermitteln zwischen unterschiedlichen Erinnerungskollektiven (S. 85). Untersuchungen zu "Nationalgeschichten" in Europa sollten daher, so Rigney, sowohl fiktionale, als auch historiographische Formen von Erinnerung umfassen und deren unterschiedliche Diskurse im Sinne "kultureller Medien" zueinander in Beziehung setzen (S. 93). Filmischen Konstruktionen kollektiver Identitätsbildung geht Wulf Kansteiner in seinem Beitrag zu einem global vermarkteten "Holocaust Cinema" in Europa und den Vereinigten Staaten nach (Kapitel 8). Hugo Frey unterzieht hingegen die Filmfestivals in Cannes der Jahre 1956 und 1979 einem Vergleich im Hinblick auf jeweils unterschiedliche nationale Identitäts-Konzeptionen (Kapitel 9).
Während sich der vierte Teil des Bandes Repräsentationen des "Nationalen" in Lied (Philip V. Bohlman, Kapitel 12), bildender und angewandter Kunst (Michael Wintle, Kapitel 11), sowie im Denkmal am Beispiel österreichischer Erinnerungskultur widmet (Heidemarie Uhl, Kapitel 10), enthält der fünfte und abschließende Teil zwei Beiträge zu außereuropäischen Perspektiven: Peter Seixias informiert über das US-amerikanische Konzept der 'People's History' (Kapitel 13). Der in Seoul lehrende Historiker Jie-Hyun Lim untersucht Projektionen des Nationalen in Japan und Korea im Kontext einer innerasiatischen Kolonialgeschichte bzw. deren modernen "Orient"-Projektionen (Kapitel 14): ein lesenswerter Beitrag, der in seinen ostasiatischen Bezügen hier leider nur als Solitär auftaucht.
Der oben genannte Band vereinigt eine beeindruckende Vielfalt an Fragestellungen und Positionen zum vielschichtigen Thema der "nationalgeschichtlichen Narrative". Dass in den einzelnen Beiträgen so manches Argument allenfalls als künftig zu bewältigende Forschungsaufgabe Erwähnung findet, ist wohl dem begrenzten Seitenumfang geschuldet. Wünschenswert wäre allerdings gewesen, wenn man dem einzelnen "Ostasien"-Beitrag im Schlussteil noch einen Aufsatz zum "Nationalgeschichtlichen" in China zur Seite gestellt hätte: Eine vergleichende Analyse von "Chineseness" mit den nationalen Narrativen Europas hätte diesen Band jedenfalls trefflich ergänzt!

 
Berger, Stefan; Eriksonas, Linas; Mycock, Andrew (Hg.): Narrating the Nation. Representations in History, Media and the Arts. (Series: Making Sense of History.) New York/Oxford: Berghahn Books, 2008. 348 p., Hardcover, $95.00/£58.00. ISBN: 978-1-84545-424-1


Inhaltsverzeichnis

 

List of Illustrations … ix
Acknowledgements … xi
Introduction: Narrating the Nation: Historiography and Other Genres … 1
Stefan Berger

Part I. Scientific Approaches to National Narratives
1. Historical Representation, Identity, Allegiance … 19
Allan Megill

2. Drawing the Line: 'Scientific' History between Myth-making and Myth-breaking … 35
Chris Lorenz

3. National Histories: Prospects for Critique and Narrative … 56
Mark Bevir

Part II. Narrating the Nation as Literature

4. Fiction as a Mediator in National Remembrance … 79
Ann Rigney

5. The Institutionalisation and Nationalisation of Literature in Nineteenth-century Europe … 97
John Neubauer

6. Towards the Genre of Popular National History: Walter Scott after Waterloo … 117
Linas Eriksonas

7. Families, Phantoms and the Discourse of 'Generations' as a Politics of the Past: Problems of Provenance: Rejecting and Longing for Origins … 133
Sigrid Weigel

Part III: Narrating the Nation as Film

8. Sold Globally – Remembered Locally: Holocaust Cinema and the Construction of Collective Identities in Europe and the US … 153
Wulf Kansteiner

9. Cannes 1956/1979: Riviera Reflections on Nationalism and Cinema … 181
Hugo Frey

Part IV: Narrating the Nation as Art and Music

10. From Discourse to Representation: 'Austrian Memory' in Public Space … 207
Heidemarie Uhl

11. Personifying the Past: National and European History in the Fine and Applied Arts in the Age of Nationalism … 222
Michael Wintle

12. The Nation in Song … 246
Philip V. Bohlman

Part V: Non-European Perspectives on Nation and Narration

13. 'People's History' in North America: Agency, Ideology, Epistemology … 269
Peter Seixas

14. The Configuration of Orient and Occident in the Global Chain of National Histories: Writing National Histories in Northeast Asia … 290
Jie-Hyun Lim

Notes on Contributors … 309

Bibliography … 315

Index … 333


"Telling History on National Identities"

Being the result of a conference on the shaping of national narratives at the University of Glamorgan in May 2004, this book relates to the relationship between nation and narration. 14 essays on the topic are written by authors rooted in different academic disciplines, ranging from History to Comparative Literature and Political Science. Beginning with three chapters on the relationship between scientific history writing and national narratives (part I), the following parts (II-IV) deal with the promotion of national narratives in the fields of literature, film, and the fine arts, including music, while covering the period from the early nineteenth century to the present day. Containing two essays on non-European perspectives of national history writing, the concluding part (V) focuses on North America and East Asia (Japan and Korea).


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