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"Lebendige Praktiken des Lebenserhaltenden": Gesundheitsfürsorge und Seuchenbekämpfung im kolonialen South Carolina und Louisiana des 18. Jahrhunderts

Eine Rezension von Andreas Hübner

Stange, Marion: Vital Negotiations: Protecting Settlers‘ Health in Colonial Louisiana and South Carolina, 1720–1763. Göttingen: V&R unipress, 2012.

Mit Vital Negotiations hat die Nordamerikahistorikern Marion Stange eine Studie vorgelegt, die die Diskussionen um den Charakter der frühen nordamerikanischen Kolonien neu entfachen kann: Durch den Vergleich des französisch-kolonialen Louisiana und des britisch-kolonialen South Carolina bietet die Studie einen detaillierten Blick in die Organisation und Regulierung lokaler Gesundheitsfürsorge und Seuchenbekämpfung im 18. Jahrhundert. Dabei erörtert die Studie die verwaltungspolitischen Entwicklungen, welche die Praktiken der Gesundheitsfürsorge und Seuchenbekämpfung in Louisiana und South Carolina maßgeblich beeinflussten. Stange betont die Rolle von lokalen Bedingungen und Akteuren und kommt zu dem Schluss, dass sich die lokale politische Organisation der beiden Kolonien weniger voneinander unterschied, als dies die grundsätzlich konträr angelegten, kolonialen französischen und britischen Verwaltungssysteme hätten vermuten lassen. 


> English Abstract     > Inhaltsverzeichnis

"These are most Awful times", zitiert die Berliner Nordamerikahistorikerin Marion Stange den presbyterianischen Pfarrer Archibald Simpson an prominenter Stelle einführend und löst dessen Aussage sogleich auf: "the Small pox are prevailing in many places, carrying off numbers [sic.]" (S. 9). Laut Stange reflektierte Simpson mit diesen Worten die Auswirkungen einer Pockenepidemie in South Carolina im Jahr 1760, die eine erhebliche Zahl von Todesopfern nach sich gezogen hatte. Simpson, so Stange weiter, verwies mit seinen Worten auf ein wesentliches Problem für die kolonialen Verwaltungssysteme des 18. Jahrhunderts: Krankheiten und Epidemien forderten die Gesundheit der kolonialen Siedler von South Carolina und Louisiana permanent heraus und sie gefährdeten den dauerhaften Erfolg der Kolonien.

Stange macht dieses Szenario zum Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen in Vital Negotiations und fragt vergleichend, wie die britischen und französischen kolonialen Verwaltungssysteme auf das Gefahrenpotential von Krankheiten und Epidemien reagierten. Dabei rückt Stange die Politiken und Praktiken um Hygienestandards, Seuchenbekämpfung und Gesundheitsfürsorge ins Zentrum ihrer Studie. Sie argumentiert, dass sich die kolonialen Verwaltungssysteme von South Carolina und Louisiana trotz einer grundsätzlichen Unterschiedlichkeit auf lokaler Ebene erstaunlich ähnelten. Heuristisch greift Stange auf den Governance-Ansatz zurück und versteht die Kolonien von South Carolina und Louisiana – gemäß den Überlegungen des Berliner Sonderforschungsbereiches "Governance" – vor allem als Räume begrenzter Staatlichkeit. Dieser Ansatz ist für die nordamerikanischen Kolonien freilich nicht neu, zumal eine Konzentration auf die Akteure vor Ort sowie auf die "modes of action employed by these agents", wie sie Stange anstrebt, auch ohne den Governance-Ansatz zu rechtfertigen gewesen wäre (S. 15).

Die Stärken der Studie sind dementsprechend weniger in der konzeptuellen Anlage denn vielmehr in der akribischen und analytisch-fundierten Quellenarbeit zu sehen. So gelingt es Stange in vier thematischen Kapiteln nachdrücklich, den Einfluss lokaler Bedingungen und Akteure auf die Verwaltungssysteme von South Carolina und Louisiana zu belegen. Über die Analyse von Raumwahrnehmungen zeigt Stange in einem ersten Kapitel beispielhaft, wie Siedler aus den kolonialen Erfahrungen heraus Strategien des Überlebens gegen Krankheiten und Epidemien entwickelten. Auf diesem Kapitel aufbauend untersucht Stange in der Folge die Praktiken der Gesundheitsfürsorge und Seuchenbekämpfung. Dezidiert widmet sie sich der Stadtplanung, dem Bau von Dämmen und Entwässerungssystemen sowie der Zirkulation von medizinischem Wissen unter europäischen, indianischen und afrikanischen Akteuren. In diesem Zusammenhang diagnostiziert Stange auch die Kreolisierung des medizinischen Wissens (S. 76). In den Kapiteln drei und vier erörtert sie an- und abschließend die Organisation medizinischer Praktiken, die Einrichtung bzw. Verwaltung medizinischer Institutionen und die Maßnahmen gegen Risiken von Epidemien, wie sie sich in Quarantäne- und Impfvorschriften niederschlugen. Trotz aller Unterschiede – zum Beispiel fehlten die Louisiana-typischen öffentlichen Krankenhäuser in South Carolina gänzlich (S. 148) – kennzeichnet Stange immer wieder Gemeinsamkeiten der beiden Kolonien. Unter anderem, so Stange, hätten Privatpersonen in South Carolina und in Louisiana eine entscheidende Rolle in der Armenhilfe und -fürsorge eingenommen (S. 186). Zudem führt sie einzelne Unterschiede auf die variierenden lokalen Bedingungen zurück. So erklärt sie etwa das Fehlen von übergeordneten Regulierungen zur Vermeidung von Epidemien in Louisiana dadurch, dass hier die Risiken von Epidemien aufgrund der geringen Anzahl von eintreffenden Schiffen wesentlich niedriger waren als in South Carolina (S. 230).

Exemplarisch für Stanges Argumentation ist, dass sie vielfach lokale Bedingungen heranzieht, um den Umgang mit Risiken von Epidemien in Louisiana zu erläutern. Vermerkt sie Unterschiede zwischen South Carolina und Louisiana, dann verortet sie deren Ursachen in lokalen Bedingungen. Diese Herangehensweise ermöglicht es ihr, die Rolle der übergeordneten kolonialen Verwaltungssysteme zurückzustellen und die Rolle lokaler Akteure stärker zu betrachten. So leuchtet Stange für South Carolina den Einfluss von lokalen Druckern und Personen aus dem Umfeld von Wohltätigkeitsorganisationen und Freimaurerlogen überzeugend aus. Für Louisiana hingegen anerkennt sie die zentralen Funktionen des Gouverneurs, des Commissaire Ordonnateurs und der örtlichen Kommandanten. Von diesen staatlichen Akteuren differenziert Stange halb-staatliche Akteure, wie die katholischen Würdenträger der Kapuziner-, Jesuiten- und Ursulinenorden. Zusätzlich führt sie Privatpersonen als maßgebliche lokale Protagonisten ein. Als Beispiel dient ihr unter anderen der Naturalist Alexandre Vielle, der auf eigene Initiative die medizinischen Wirkungen von Kräuter- und Heilpflanzen erkundete und seine Erkenntnisse öffentlich zugänglich machte (S. 86).

Die unzähligen Analysen zu den Funktionen lokaler staatlicher und halb-staatlicher Akteure sowie zu lokalen Privatpersonen und den mit ihnen verbundenen Praktiken lassen die Kolonien von South Carolina und Louisiana nachhaltig als Räume begrenzter Staatlichkeit erscheinen. Auf diese Weise fördert Stange mit der Fokussierung auf lokale Formen von Gesundheitsfürsorge und Seuchenbekämpfung nicht nur unser Verständnis von den kolonialen Welten in South Carolina und Louisiana, sie markiert auch eine Perspektive zur generellen Analyse von kolonialen Verwaltungs- und Governanceformen. Mit Nachdruck revidiert Stange das Bild von Kolonien, deren Organisation und Regulierung von Europa aus gesteuert würden. Stattdessen zeigt sie, wie geringfügig sich die lokale politische Organisation der Kolonien von South Carolina und Louisiana voneinander unterschied, obschon die grundlegenden Differenzen der Verwaltungssysteme in Bezug auf Strukturen und Strategien offenkundig waren. Für den Leser sind die Argumentationen von Stange dabei stets schlüssig nachvollziehbar; für die Lektüre der Studie gelten daher – entgegen der einleitenden Aussage des presbyterianischen Pfarrers Archibald Simpson – die Worte: "These are most Joyful times".


Stange, Marion: Vital Negotiations: Protecting Settlers' Health in Colonial Louisiana and South Carolina, 1720–1763. Göttingen: V&R unipress, 2012. 268 S., kartoniert, 43,90 Euro. ISBN: 978-3-89971-999-4.

Inhaltsverzeichnis

 

Introduction...7

1 Environment and Disease: The Settlers' Perception of Colonial Space ... 27
1.1 The New Environment: Paradise or Hell? ... 32
1.2 Settlers' Reactions to Environmental Conditions ... 40
1.3 Disease as Means of Justifying Slavery ... 45

2 Space and Knowledge: Shaping and Understanding the New World ... 49
2.1 Improving the Land: Levees and Ditches for the Colonial Centers ... 50
2.2 Networks of Expertise: Medical Knowledge in the New World ... 70

3 Population and Medicine: Settlers as Providers and Recipients of Medical Care ... 109
3.1 Physicans and Quacks: The Organization of Medical Practice ... 110
3.2 Places of Treatment: Public and Private Hospitals ...144
3.3 Charitable Medicine: Care for the Sick Poor ...165

4 Community and Disease Control: Protecting the Body – Individual and "Politick" ... 189
4.1 Protecting the "Body Politick": Quarantine and Sanitation ...191
4.2 Protecting the Individual Body: Inoculation ... 218

Conclusion ... 237
Appendix ... 251

List of Illustrations ... 251
List of Abbreviations ... 251
Bibliography ... 252

Acknowledgements ... 267

"Vital Negotiations": Health Care and Disease Control in colonial South Carolina and Louisiana

 

Concentrating on the fields of health care and disease control, Marion Stange's newly published comparative work Vital Negotiations presents an impressive addition to the studies of North American colonial history. While analyzing which measures of health care and disease control were introduced in French Louisiana and British South Carolina, the study succeeds in shedding more light on local forms and practices of governance in the eighteenth century. In the process, Stange continuously stresses the significance of local conditions and emphasizes the key role of official, semi-official, and non-official agents. As a result, Stange challenges traditional works that accentuate the differences of colonial governance, and concludes that "the differences between the two administrative systems were not as great as might be expected judging from the distinct characters of the French and British colonial empires" (p. 238).


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