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Buffys männliche Vampire

Eine Rezension von Andreas Hudelist

Recht, Marcus: Der sympathische Vampir. Visualisierungen von Männlichkeiten in der TV-Serie Buffy. Frankfurt/New York: Campus, 2011.

Mit "Der sympathische Vampir" beschreibt Marcus Recht fließende geschlechtliche Identitäten anhand von zwei Charakteren der TV-Serie "Buffy". Durch die Analyse des Bildmaterials zeigt er den Leserinnen und Lesern wie der männliche Vampir zwar auf den ersten Blick klassisch männlich wahrgenommen werden kann, die Figuren jedoch nicht von einem starren geschlechtlichen Korsett gehalten werden. An Hand der Serie zeigt Recht mediale Figuren, die Grenzen ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität erweitern und damit auch verändern. Die dazu analysierten Charaktere geben uns Beispiele vor, wie auch wir einen Bewegungsraum in unserer Sexualität und unserem Geschlecht haben können, wenn nicht vielleicht schon haben.

 


Die Fernsehserie "Buffy" ist für Marcus Recht interessant, weil sie die Grenzen zwischen Menschen und Monstern problematisiert und damit gesellschaftliche Normen hinterfragt. Für ihn sind es gerade die männlichen Vampire, die diese Grenze als sympathische und postmoderne Gestalten problematisieren: an ihnen lassen sich sowohl Übereinstimmungen als auch Abweichungen eines klassischen codierten Männerbildes aufzeigen (S. 15).

Mittels einer Artefaktanalyse lokalisiert er innerhalb der Serie Visualisierungen von Männlichkeiten. Er möchte damit dem bildrelevanten Teil der Serie Gewicht zu sprechen und nicht die sprachliche Ebene im Vordergrund sehen – ein Manko vormaliger Analysen. Detailliert entkoppelt er in seiner Arbeit das Visuelle vom Sprachlichen und arbeitet die Bedeutungen des Körpers, der Kleidung sowie des "gaze" (Blick) heraus. Nach einer ersten Sichtung hat er Notizen und Screenshots angefertigt, um nicht das Material einem Thema unterzuordnen, sondern aus ihm die Besonderheiten herausarbeiten zu können. Recht sammelte 35.000 Bilder (screen shots), die er in 400 Ordnern nach den Kategorien Kleidung, Körper und "gaze" schematisierte.

In seinem Analyseteil zeichnet Recht die Entstehungsgeschichte der Vampirfigur nach und verweist auf verschiedene AutorInnen, die den Wandel des Vampirs vom Außenseiter zum Sympathieträger verfolgen. Die sympathische Darstellung von Vampiren ist für die Serie notwendig, da sonst keine Identifikationsmöglichkeiten mit den wiederkehrenden Protagonisten möglich wären. "Den sympathischen Vampir macht zum einen aus, dass er als Identifikationsfigur für die Leser oder Zuschauer fungiert, was bei einem Monster, wie zum Beispiel den Nosferatu-Darstellungen, nur schwer möglich war." (S. 88 f.) Eine erste Vampirfigur, auf die diese Beschreibung zutrifft, scheint der Vampir Barnabas Collins aus der TV-Serie "Dark Shadows" (1960) zu sein. Ein Charakter, der eine Vorreiterrolle zu Buffy bilde. (S. 94)
In der kanadischen Fernsehserie "Forever Night" wiederum findet Recht eine Figur, die dem Charakter Angel aus Buffy sehr ähnlich ist. Nick Night ist in der Serie ein (Vampir)Polizist, der nur in der Nachtschicht arbeitet, da er angeblich eine Sonnenallergie hat. Angel als Detektiv steht dieser Figur besonders nahe. Vielleicht gäbe es dadurch ein eigenes Genre, so Recht: das "Vampir-Detektiv-Genre".

Im Anschluss werden im dritten bis fünften Kapitel die männlichen Protagonisten erneut hinsichtlich Kleidung, Körper und "gaze" untersucht. Zuerst analysiert er die Figur Angel. Er beschreibt die Kleidung als Erweiterung des Vampir-Ichs und wie sie ihn hauptsächlich von den Menschen abschirmt. Die oft fehlende Krawatte beim Anzug weise auf einen Dandy oder Künstler hin. Durch die Bildanalyse zeigt Recht Ähnlichkeiten zu James Dean in "Rebel without a cause" und den "Batman"-Filmen auf. Darüber hinaus gibt es so genannte "Demaskulinisierungsstrategien", etwa durch Kleidung (pinker Motorradhelm), Requisiten (Rosa Sparschwein, Puppen), Mimik (schneiden von Grimassen), Kindererziehung, Singen und Tanzen.
Der zweite Protagonist Spike ist blond und scheint das Gegenteil Angels zu sein. Wie alle bösen oder zwielichtigen Figuren der Serie raucht er und hat einen Kleidungsstil wie ein Rocker. Er verkörpert damit eine klassische Männlichkeit, die als stark, aggressiv, sexuell und rebellisch empfunden werden kann. Sein Auftreten wirkt phallisch und ähnelt jenem von männlichen Rockstars wie Sid Vicious oder Billy Idol. Benannte "Demaskulinisierungen" spielen sich bei ihm vor allem mit Hilfe seiner mächtigeren Freundin Drusilla ab. Spike ist ihr gegenüber zudem eifersüchtig und passiv. Er sieht gerne Soaps und weint oftmals. Im Verlauf der Serie wird er von einem Chipimplantat impotent und ist nicht mehr in der Lage, Menschen zu töten. Sein dominantes Auftreten widerspricht also seinem Handeln, speziell wenn er mit Drusilla oder Buffy zusammen ist. Hier zerfällt die klischeehafte maskuline Erscheinung und Spike wird passiv, schwach und sehr emotional dargestellt.

Im Fazit fasst Recht zusammen, dass hinsichtlich des "gaze" die Sexualisierung der männlichen Protagonisten auffällt. Oftmals weniger bekleidet als die weiblichen Figuren, werden Angel und Spike in verschiedenen Situationen auf ihre erotisierte Körperlichkeit reduziert.
Gleichzeitig sind also die männlichen Vampir-Figuren ebenso weiblich codiert, wie sie in anderer Hinsicht klassisch männlich dargestellt werden. Die nicht-menschlichen Vampire in "Buffy" müssten kein gesellschaftlich konstruiertes Geschlecht annehmen, sie tun es Recht zufolge aber dennoch. Insgesamt ließen sie sich als Hybride lesen, wobei sich ihre Identität aus unterschiedlichen Elementen sozialer Geschlechtlichkeit bilde. Hierdurch wären dann auch Abweichungen von Geschlechterdichotomien möglich und erkennbar.

Recht hat in seiner Studie gezeigt wie die Serie "Buffy" geschlechtliche Spiegelbilder der Gesellschaft anbietet, diese jedoch gleichzeitig in bestimmten Szenen verschiebt und damit verändert. Der Verfasser thematisiert in seinem Buch aktuelle Gender-Debatten und bezieht sie auf seine Ergebnisse der medialen Visualisierung von Männlichkeiten. Während andere Gender-Studien sich meist mit weiblicher Darstellung und Inszenierung beschäftigen, versucht der Autor dieses Ungleichgewicht mit einem anspruchsvollen Beitrag zu überwinden. Das Buch liest sich sehr gut und ist jedem empfohlen, der sich mit "Quality TV" bzw. "Neuen Fernsehserien" befasst sowie für die Kategorie "Gender" oder visuelle Analyse/Bildanalyse interessiert. "Der sympathische Vampir" besticht durch seine Klarheit und Struktur und bleibt bis zum Schluss eine spannende wissenschaftliche Lektüre.


Recht, Marcus: Der sympathische Vampir. Visualisierungen von Männlichkeiten in der TV-Serie Buffy.Frankfurt/New York: Campus, 2011. S. 343, broschiert, € 34,90 Euro. ISBN: 9783593394213

Inhaltsverzeichnis

I Thematische Annäherung & Methodenapparat ... 9

1 Der Serienkosmos Buffy ... 17

1.1  Format & Genre ... 17 

1.2 Ein schwieriger Anfang: Buffy on »Big Screen« ... 21 

1.3 Beginn der TV-Serie Buffy ... 24 

1.4 Expansion des Buffy-Universums: Die Serie Angel ... 29

2 Methodische Zugänge ... 30 

2.1 Bildanalyse ... 31 

2.2 Das abweichende Geschlecht des Vampirs ... 39 

2.3 Visuelle Trias für die Gender-Analyse des Bild-Sujets ... 46 

II Der »sympathische Vampir« ... 87 

1 Der »sympathische Vampir« im TV ... 93 

1.1 Dark Shadows ... 93 

1.2 Forever Knight ... 95 

1.3 Kindred: The Embraced ... 96 

1.4 Ultraviole ... 96

1.5 Blade: The Series ... 97 

1.6 Blood Ties ... 98 

1.7 Moonlight ... 99 

1.8 Exkurs: Twilight ... 100

1.9 True Blood  ... 106

1.10 The Vampire Diaries ... 108

 

III Kleidung & Inszenierung ... 113 

1 Angel: vestimentäre Praxen ... 113 

1.1 Angels Herrenanzug ... 114 

1.2 Angels dandyesque Bekleidung ... 120 

1.3 Kleidungsgenese Angels ... 124

1.4 Angel als tragischerRebell der 1950er Jahre ... 132 

1.5 Angel als Superheld ... 135

1.6 Angel als »FilmNoir«-Held ... 143 

2 Angel: Demaskulinisierungs-Strategien ... 145 

2.1 Vestimentäre Demaskulinisierung ... 145 

2.2 Requisitäre Demaskulinisierung ... 145

2.3 Mimische Demaskulinisierung ... 153

2.4 Demaskulinisierung durch Kindererziehung ... 157 

2.5 Manly Vampires don't sing and dance ... 159 

3 Spikes Style: oszillierende Genderung ... 165

3.1 Verspäteter Auftritt eines »breakout character« ... 165 

3.2 Spikes Mantel ... 174 

3.3 Spike vs. Sid Vicious ... 175 

3.4 Spike vs. Billy Idol ... 179

3.5 Spikes Haare ... 182 

3.6 Spikes lackierte Fingernägel ... 183 

3.7 Spikes Mantel als Frauenkleidung? ... 184 

4 Spike: Demaskulinisierungs-Strategien ... 187

4.1 Körperliche Schwäche ... 187 

4.2 Eifersucht & Passivität ... 189

4.3 Manly Vampires don't cry ... 191

4.4 Gefühle diskutieren und Soaps schauen ... 192 

 4.5 Spikes Chip& Impotenz ... 194

4.6 Der sensible Poet William als die »Essenz« von Spike ... 200 

4.7 Spikes »campe« Inszenierung ... 206

4.8 Spikes Sexualität ... 213

5 Resümee: Gender – Kleidung & Inszenierung ... 217

 

IV Körper ... 221

1 Angels »massiger« Körper ... 221

2 Spikes »definierter« Körper ... 225

3 Gepeinigte Masculinity ... 230

3.1 Verortung in christlicher Ikonologie ... 230

3.2 MasochistischeMasculinity ... 241 

3.3 Folter ... 245

3.4 Körper-Differrenz: Folter am Menschen ... 248

4 Resümee: Gender – Körper & Folter ... 250


V Gaze ... 255

1 Der Male Gaze in der Serie »Angel« ... 255

1.1 Faith unter der Dusche ... 255

1.2 Ein Male Gaze auf Gwen ... 258

2 Gazing atAngel ... 260

2.1 Der Gaze auf den Trainierenden ... 261

2.2 Angels Rücken ... 268

2.3 Der Blick einer Folternden ... 271

3 Gazing at Spike ... 273

3.1 Der Gaze auf ein Loch im Rücken ... 273

3.2 »Object of the Gaze« als Strategie ... 276 

3.3 Der Gaze einer Unsichtbaren ... 284

4 Gazing at a human Man ... 286

4.1 Knappe Bekleidung bedingt nicht zwingend den Gaze ... 287

4.2 Kaum bekleidet vor der Klasse ... 289

5 Blick-Differenz: Mensch & Vampir ... 291 


VI Fazit: geschlechtlich codierte Visualisierungen von Männlichkeiten ... 291


VII Verzeichnisse ... 311

1 Literatur ... 331

2 Filme ... 335

3 Serien ... 336

4 Buffy-Episoden ... 337

5 Angel-Episoden ... 338 

6 Abbildungsverzeichnis ... 339

Dank ... 340

Buffys male vampires

In Der sympathische Vampir Marcus Recht describes fluid gender identities. He analyses the visual data of two main characters from the TV series "Buffy" and shows how spectators perceive both male characters as classically male on first sight, but a closer look reveals they are granted more leeway from binding gender roles. Using the series, Recht shows medial figures that broaden their gender identity and are able to change it. The analyzed characters give us examples of how we, too, are capable of more potential for movement within the areas of sexuality and gender


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