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Wo sich Geschlecht, Sexualität und Ethnizität treffen: neuseeländische Gegenwartsliteratur aus intersektionaler Sicht

Eine Rezension von Lisa Bach

Luh, Katharina: Intersecting Identities. Ethnicity, Gender, and Sexuality in Contemporary Fiction from Aotearoa New Zealand. Trier: WVT, 2013.

Katharina Luhs Dissertation Intersecting Identities. Ethnicity, Gender, and Sexuality in Contemporary Fiction from Aotearoa New Zealand (2013) ist eine Studie der Gegenwartsliteratur Neuseelands, die vielschichtige Überschneidungen geschlechtlicher, sexueller und ethnischer Identitätsparameter in den Blick nimmt. Die Arbeit untersucht sowohl indigene als auch nicht-indigene Texte und zeigt, wie Intersektionalität als zentrale Forschungsperspektive u.a. mit Hilfe der Narratologie für literaturwissenschaftliche Untersuchungen fruchtbar gemacht werden kann. Neben einer Einführung in den neuseeländischen und intersektionalen Forschungskontext bietet die Dissertation mit sieben Analysekapiteln einen Überblick über die gegenwärtige literarische Verhandlung der Komplexität neuseeländischer Identitäten. Der Band eignet sich mit seinen umfassenden, jedoch fokussierten Darstellungen für eine einsteigende Lektüre sowie für fortgeschrittene Leser_innen.  


Die Forschungsperspektive der Intersektionalität – "the concurrence of several categories of difference and dimensions of social inequality" (S. 39) – bildet die argumentative und methodische Grundlage für Katharina Luhs 2013 erschienene Dissertation Intersecting Identities. Ethnicity, Gender, and Sexuality in Contemporary Fiction from Aotearoa New Zealand. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Diversifizierung der neuseeländischen Gesellschaft, in der kollektive Zuschreibungen wie 'Neuseeländer' oder 'Maori' der gelebten Vielfalt nicht mehr gerecht werden können, erforscht die Arbeit literarische Repräsentationen indigener und nicht-indigener Identitäten am Schnittpunkt von Ethnizität, Geschlecht und Sexualität. Luh trägt mit dem Einsatz der Intersektionalität den kulturspezifischen Kontextbedingungen Rechnung und deckt auf, wie narrative Texte identitätsbezogene Themen wie Feminismus, Homosexualität oder Männlichkeit widerspiegeln.

Im ersten Teil der Publikation widmet sich die Autorin der Zusammenführung ihrer zentralen Forschungsstränge und begründet ihre intersektionale Betrachtung mit Blick auf die neuseeländische Gegenwartskultur: "in the 21st century Aotearoa New Zealand is diverse, as ethnicity, gender, [and] sexuality [...] intertwine to shape the lived experiences of local women and men" (S. 1). Intersektionalität wird als eine "travelling research perspective" (S. 39) etabliert, die nach den Rechts- und Sozialwissenschaften auch in den Kulturwissenschaften angekommen ist. Nicht nur marginalisierte, sondern auch privilegierte Positionen seien so zu entschlüsseln (vgl. S. 39 f.). Darauf aufbauend werden im zweiten Teil neuseeländische Manifestationen von Ethnizität, Geschlecht und Sexualität zuerst getrennt kontextualisiert, um im dritten Kapitel miteinander verwoben zu werden. Luh geht dabei auf bekannte Felder wie Feminismus, Heterosexualität oder Weiblichkeit ein, ergänzt diese jedoch um Aspekte wie Männlichkeit oder kritische Weißseinsforschung. Im Ergebnis entwirft sie dadurch ein tiefgründiges Portrait der komplexen Identitätslandschaft Neuseelands. Der theoretische Block schließt mit der neuartigen Verknüpfung von Intersektionalität und narratologischen Instrumenten wie Perspektivenstruktur oder unzuverlässigem Erzählen, denn "for the literary scholar [...], there is rather little flesh to the intersectional bones" (S. 40).

Im Analyseteil der Arbeit lässt sich die thematische Vielfalt der vorangegangenen Kapitel wiederfinden. Der Primärkorpus erstreckt sich über eine Zeitspanne vom Beginn der 1980er-Jahre bis ins Jahr 2007 und enthält sieben insbesondere kanonische Werke wie the bone people (1983) von Keri Hulme, Alan Duffs Once Were Warriors (1990) sowie zwei Texte von Witi Ihimaera. Im Rahmen der Untersuchungen werden dann, jeweils im intersektionalen Zusammenspiel, individuelle Schwerpunkte wie die Subversion normativer Identitätskonstellationen (vgl. IV.1), die Verbindung von Homosexualität und Raum (vgl. IV.4) oder Literatur als Medium öko-feministischer Kritik (vgl. IV.7) skizziert. Angelehnt an den intersektionalen Fokus der Studie spiegelt die Auswahl der Autor_innen und Romane eine Fülle unterschiedlicher Identitäten, mit deren Hilfe Luh ein großartiges, intersektionales Panorama neuseeländischer Gegenwartstexte gestaltet. Deutlich wird hieran nicht nur die Komplexität und Dynamik besagten Panoramas, sondern auch die Notwendigkeit, starre Identitätszuschreibungen zu überwinden.

Die Stärke der Arbeit liegt zum einen in der detaillierten theoretischen Annäherung an die ausgewählten Identitätskategorien; zum anderen in der thematischen Bandbreite der Analysekapitel, die das hohe Anwendungspotenzial des intersektionalen Blickwinkels für literaturwissenschaftliche Untersuchungen deutlich werden lassen. Besonders gelungen ist die Integration einer Kurzgeschichte im ersten Kapitel, die die theoretisch angedeuteten Möglichkeiten der Intersektionalität in die Praxis umsetzt und die gewählte Herangehensweise zusätzlich legitimiert. Auf allen Ebenen der Dissertation ist die umfassende Recherche an den tiefgründigen Ausführungen zu erkennen. Für potentielle Leser_innen bleiben keine inhaltlichen Wünsche offen. Die Textauswahl und der Einsatz neuseeländischer Metaphern schließlich zeigen die hohe Sensibilität für den kulturspezifischen Kontext und machen die Studie zu einem wertvollen Beitrag der Erforschung neuseeländischer Gegenwartsliteratur.

Luhs Dissertation zeichnet somit den Weg Neuseelands "from an introverted, monocultural, and cringingly conformist society to a Pacific nation characterised by increasing diversity" (s. Klappentext auf der Rückseite des Buches) anhand zeitgenössischer Erzählliteratur nach. Literatur- und Kulturwissenschaftler_innen werden von der Lektüre nicht nur profitieren, wenn sie an Theorie und Praxis der Intersektionalität und einem neuen Feld ihres Faches interessiert sind, sondern auch, wenn sie sich einen Überblick über identitätsrelevante Themen der neuseeländischen Literatur der vergangenen 30 Jahre verschaffen wollen. 

Literaturverweise
Duff, Alan: Once Were Warriors. Auckland: Vintage, 1995 [1990].
Hulme, Keri: the bone people. London: Picador, 1986 [1983].


Luh, Katharina: Intersecting Identities. Ethnicity, Gender, and Sexuality in Contemporary Fiction from Aotearoa New Zealand. Trier: WVT, 2013. 556 S., broschiert, 58,50 Euro. ISBN: 978-3-86821433-8


Inhaltsverzeichnis


Preface and Acknowledgements xiii

I. Weaving Introductions: Intersecting Identities in Contemporary Fiction from Aoetearoa New Zealand 1

1. Intersectional Research Positions and Power Relations 8
2. Preliminary Considerations on Local Contexts 12
3. Selecting the Corpus: Contemporary New Zealand Novels and Their Intersectional Potential 23
4. 'Colliding Urgencies': Interweaving Maori Lesbian Identities in Ngahuia Te Awekotuku's Short Story Mirimiri (1989) 28
5. Nga poutokomanawa, the Founding Posts: Research Objectivves and the Argumentative Pattern of the 'Thesis Cloth' 36
6. Travelling Research Perspectives and Intersecting Identities in Contemporary Aotearoa New Zealand: A Research Report 39

II. New Zealand Identities: Ethnicity, Gender, and Sexuality in Contemporary Aotearoa New Zealand 46

1. Of National Uniformity, Cultural Conformity, and Racial Difference(s): The Complicacies of New Zealand Ethnic Identities 46
2. Gender 'Down Under': Pakeha and Maori Masculinities and Femininities 96
3. 'Say It Loud! Sexual Diversity is Proud!': Sexualities in Aotearoa New Zealand 141

III. Narrating Intersections: Intersectionalities in Aotearoa New Zealand 174

1. 'Travelling Intersectionalities': Intersectionality as a Research Perspective in Aotearoa New Zealand 174
2. 'Intersectional Narratives': Interweaving Intersectionality, Narratology, and New Zealand Cultural Concepts 227

IV. Narrated Intersections: Ethnicity, Gender, and Sexuality in Contemporary Fiction from Aotearoa New Zealand 265

1. 'Cou Can't Section Me Up': Maintained Differences, Subversive Narrative Performance, and Spiralling Multiperspectivity as a Means of Character Agency and Epistemological Scepticism in Keri Hulme's the bone people (1983) 265
2. 'Our People Once Were Warriors': Multiperspectival Unreliability and Maori Identities at the Intersection of Choice and Essence in Alan Duff's Once Were Warriors (1990) 295
3. 'A Whole Otherness to Me': Maori Women's Self and Community-Making and Interweaving the whanau in Patricia Grace's Cousins (1992) 326
4. 'People of Many Lives and Of Many Faces': Diversifying (Pakeha) Male (Homo)Sexuality, Intersectional Discrimination, and 'Queer World-Making' in Witi Ihimaera's Nights in the Gardens of Spain (1995) 358
5. 'Haramai ki te ope tane me wahine takatapui': Multiperspectival Narration and the Double Spiral Plot as Means of Moving from Repressed Maori Male Homosexuality Towards the 'New Gay Tribe' in Witi Ihimaera's The Uncle's Story (2000a) 379
6. 'White is a Feeling': Postmodern Re-/Decentrings of Pakeha Masculinity, Narratological Unreliability, and Performed Identities in Lloyd Jones' Mister Pip (2006) 406
7. 'Witches of All Breeds': Inclusive Multiperspectivity, Literary Activism, and Female, Indigenous Talkstory as a Means of Glocal Survival and Eco-Feminist Critique in Cathie Dunsford's Return of the Selkies (2007) 433

V. Closing Remarks and Dangling Threads: Interweaving Conclusions and Spiralling Into Future Fields of Investigation 461

VI. Bibliography 479

1. Primary Literature 479
2. Feature Films and Television Pieces 481
3. Secondary Literature 481
4. Further Online Sources 555

Where Gender, Sexuality and Ethnicity Meet: Contemporary New Zealand Fiction from an Intersectional Perspective

Katharina Luh's Intersecting Identities. Ethnicity, Gender, and Sexuality in Contemporary Fiction from Aotearoa New Zealand (2013) examines the diversification of New Zealand's society by taking into account literary representations of overlapping ethnic, gender, and sexual identities. Considering indigenous and non-indigenous texts, the study highlights how intersectionality can serve as a viable research perspective for the analysis of narrative fiction in combination with other methodological tools such as narratology. The volume provides a contextualization of New Zealand's identitary landscape, traces the journey of intersectionality from North America to the Pacific, and illustrates its practical potential by analysing seven novels and their negotiation of multi-layered identities. Due to its comprehensive yet focused descriptions, the publication is a worthwhile read for all those who are interested in the fields of intersectionality or contemporary New Zealand literature.



© bei der Autorin und bei KULT_online