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Wie der Aufbruch in die Freiheit und die ästhetische Selbstbestimmung begann: über die Geburtsmomente der Massenkultur

Eine Rezension von Justyna A. Turkowska

Maase, Kaspar: Die Kinder der Massenkultur. Kontroversen um Schmutz und Schund seit dem Kaiserreich. Frankfurt am.M./New York: Campus, 2012.

Seit der Etablierung eines alle gesellschaftlichen Schichten umfassenden Bildungssystems um das Jahr 1900 und der damit einhergehenden Vereinnahmung des bis dahin Privaten, werden wir von einer ständigen Sorge um unsere gesellschaftliche Kultiviertheit begleitet. Diese Befürchtung artikuliert sich meist in der Sorge um die zukünftigen Kulturträger – um die "Kinder, von denen wir nichts wissen" (Vgl. S. 333), die wir ästhetisch und moralisch erziehen wollen. Diese Erziehung ist geprägt durch viele Berührungsängste, befindet sich lediglich an der Oberfläche der Diffamierung bestimmter Medien und bleibt um Machtfragen bzw. Generationskämpfe konzentriert. Kasper Maases Monographie "Die Kinder der Massenkultur" zeigt durch eine kulturwissenschaftliche Analyse des Schundkampfes der Kaiserzeit, dass diese Sorge in ihrem Kern wesentlich unverändert bleibt. Sie begleitet den Generationswechsel bis heute, was die aufgeworfenen Fragen, seine Überbleibsel und seine regulativen gesellschaftlichen Disziplinierungsansprüche ebenso spannend wie relevant macht. 


Die wilhelminische Sorge um (das kulturelle) Sich, das im Fokus des Buches steht, war im Kaiserreich durch drei Zäsuren geprägt: 1890 Basisaktivierung, 1906-09 staatliche Unterstützung des Schundkampfes und Aufstieg des neuen, die gesellschaftliche Hierarchie demokratisierenden Mediums des Kinos, 1916 Radikalisierung mit Verbotserlassen. Sie wurde ferner von einer breiten sozialen Bewegung des Schundkampfes mitgetragen: von kunsterzieherischen und kulturreformatorischen Vereinen wie dem Dürerbund (1902 gegründet) oder dem Verein für Volksliteratur (1891) bis zu Sittlichkeitsinitiativen wie dem Volksbund zur Bekämpfung des Schmutzes in Wort und Bild (1904) oder aber der Deutschen Gesellschaft zur Verbreitung guter Jugendschrift (DGzVgJ, 1909). Aufgrund fehlender definitorischer Klarheit wurde "Schund" zu einem stark umstrittenen und beliebig ausdehnbaren Begriff, der "als Argument gegen Säkularisierung wie gegen den Obrigkeitsstaat, gegen Juden wie Naturalisten, für ästhetische Bildung wie für paramilitärische Körperertüchtigung, für Prüderie wie für Sexualaufklärung, für Religion wie Sozialismus" (S. 32) diente, sich gegen Massenkunst richtete, von selbsternannten Gesellschaftswächtern geprägt wurde und, vor allem während der Kriegsjahre, zu oft widersprüchlichen Allianzen führte (Vgl. S. 228-230). Als neu zu beschreitender Wissensbereich wurde die jugendliche Massenkultur zu einem Zuweisungs- und Inszenierungsfeld gesellschaftlicher Sinnbilder und distinktiver Positionierungen. Über eine Schundkategorisierung entschied dabei oft, wie beispielsweise bei der Adler-Bibliothek – einer Illustrierten der DGzVgJ, die viele Behördensubventionen und Rektorenempfehlungen erhielt und gleichzeitig 1916 in München durch das Generalkommando verboten wurde (S. 54-57) –, der individuelle Geschmack des Gutachters oder das Heftformat, denn Kolportageromane und Heftserien galten als Schundverkörperung. Der kulturreformatorische Fokus der lokalen, den Schundkampf bestimmenden Aktivisten stimmte dabei nicht immer mit den öffentlichen politischen Debatten überein, die stärker konservative Werte und Kaisertreue betonten (Vgl. S. 86-90). Auch die lokale Intensität war individuell. Eine weitere Ausdifferenzierung des Schundkampfes brachten die Kriegsjahre: im Namen nationaler Herrschaftsinteressen und zwecks Erziehung eines neuen Menschen wurde eine staatliche Medienpolitik "Brunnersche[r] Wende" (S. 219) etabliert, die weniger in der Tradition der Volkserziehungsbemühungen stand und mehr durch Zensur agierte. Die einzelnen Maßnahmen waren aber schwer umsetzbar, denn die Zahl und Wandlungshäufigkeit der Heftserien ließ sich kaum überblicken, es gab kaum Alternativangebote für gestrichene Filme und die Tauschaktivitäten der Jugendlichen entzogen sich jeglicher Kontrolle.

Die durch eine steigende Überwachung (1877 erster Prüfungsausschuss für Jugendschriften, Schulkontrollen, Ladenboykotte oder Vorprüfung der angebotenen Filme) angestrebte Bewahrung der Ästhetik war ferner durch Degenerations- und Entmächtigungsängste gekennzeichnet: Angst vor der Proletarisierung der Massenkünste und einer neuen Gesellschaftsordnung (Kapitel II); vor den Kontrollverlusten seitens der Oberschichten; des männlichen Geschlechts über die weibliche Sexualität, der Eltern über ihre Kinder. Verbunden war damit eine Angst vor der Verselbständigung der Frauen, vor der Eigenständigkeit der Kinder oder aber vor der Sichtbarkeit des Verdrängten und der Disziplinlosigkeit des Wissens (Kapitel III). Diese Angstaustragung und topographische Bestimmung des Feldes der Massenkultur (wer wann was wie und mit wem konsumierte und wie das Wissen am besten aneignet werden sollte) skizziert Maase als ein Theater gegenseitiger Bewegungen und Inszenierungen, in dem kein Schritt unbedeutsam bliebe.

Indem Maase das deutsche Spezifikum herausarbeitet – Bildung und Kultur als Augenmerk statt Moral als Maßstab und Nähe zum Staat (Vgl. S. 316-319) –, transnationalisiert er den wilhelminischen Schundkampf, um anschließend ein knappes Panorama über seine Fortsetzung seit dem Ersten Weltkrieg anzubieten. Dabei zeigt er unter anderem die gesellschaftskonsolidierende Rolle des Schundkampfes für das Nazireich (Vgl. S. 324).

Die Annäherung an die Schundliteratur und die wilhelminischen Debatten ist bei Maase breit gespannt: er fokussiert sowohl die "Schundkämpfer" als auch die "Schundnutzer"; sowohl die Debatten und ihre diskursive Deutungsmacht als auch einzelne Praktiken der Ästhetisierung, von Buchempfehlungen, über Kinokontrolle bis zur Schaufensterbetrachtung und jugendlicher Selbstorganisation; sowohl einzelne Akteure als auch fallbezogen die Verbindungen zwischen ihnen. Zudem richtet er seinen Blick auf ein breites Spektrum der umstrittenen medialen Bereiche: von Heft- und Groschenromanen über Film bis zum Theater. So entsteht eine hervorragende Gesamtdarstellung der Schundkampagnen und der Schundliteratur. Die Schundnutzer kommen quellenbedingt wenig zur Sprache, ähnlich wie die sonst bei Maase stets präsenten Ästhetisierungs- oder Alltagserfahrungen. Der Band eignet sich, aufgrund seiner dichten Beschreibung, die sich durch detaillierte Rekonstruktion einzelner Schundkampagnen sowie entlang von Zahlen, Daten und/oder Serientiteln entfaltet, eher als ein ereignisorientiertes Nachschlagewerk. Die paradigmatisch dargestellten Prozesse der Dynamik und Aushandlung von Wissenssystemen erhielten weniger Platz (Kapitel III), obwohl gerade ein wissenschaftshistorischer Blick auf die Geburtsmomente und Herausforderungen der Massenkultur ihre Geschichte komplettiert hätte.

 
Maase, Kaspar: Die Kinder der Massenkultur. Kontroversen um Schmutz und Schund seit dem Kaiserreich. Frankfurt am Main: Campus 2012, 424 S., broschiert, € 34,90, ISBN: 978-3-593-39601-9


Inhaltsverzeichnis

Zu diesem Band 9

I.    Einleitung: Kultur ist sterblich 12

II.    Weichenstellungen für das 20. Jahrhundert: Der Schundkampf im Kaiserreich 31

Eine explosive Konstellation 32

Eine Kulturrevolution: Allgegenwart der populären Künste (33) – die  Antwort: Kulturreform (36) – Von Unbehagen zum Schundkampf (44)

Wie definiert man ein Gespenst? 50

Willkür, Verdächtigungen, Denunziation (51) – Schundliteratur: kurze Begriffsgeschichte (58) – Wege zur Massenlektüre: Familienblatt und Kolportage (60) – Die moderne Heftserien (67)

Die wilhelminische Kampagne 75

Der Hamburger Ausschuss für Kinematographie und die Kinder (75) – Der Alltag der  Prüfungen (79) – Maßstäbe (81) – Drei Ringe des Schundkampfs (86) – Eine soziale Bewegung (90) – Formen und Schauplätze (96) – Schweres Geschütz: Boykotte (106) – Die Sicht eines Jugendlichen: Paul Wehrli erinnert sich (117)

Bewegte und bewegende Bilder: >> Schundfilme<< 122

Kino, Film und Publikum bis 1918 (123) – Schreckbild >>Kientopp<< (126) – Beginn der Kinokritik (132) – Regulierung des Kinos (135) – >>Beschneidung der Auswüchse<<: Effekte staatlicher Filmzensur (141) – Die Kinderfrage (145)

Ästhetische Volkserziehung: der >>positive<< Schundkampf 150

Grauzonen und Etikettenschwindel (153) – Geschmackserziehung (160) – Schwierige Partner: Buchhandel und Vorkämpfer der Volkslektüre (162) – Emporlesen im Wochentakt (166) – Nah dran: Kinderlesehallen (170) – Selbstlose Selbstermächtigung: Bucherempfehlungen für Arbeitereltern (173) – >>Gute<< Heftreihen (176) – Lehrer, Arbeiterkinder und Lasen (185) – Dialog der Taubstummen: Kultur, Ökonomie und Volkslektüre (187) – Leser und Leserinnen (192)  – Ästhetische Erfahrungen (195) – >>Lesen, was man in die Hände bekommt<< (202)

Radikalisierung im Ersten Weltkrieg 205

>>...wie eine Erlösungsverkündigung<<: Jugendschutzerlasse und Schundverbote (207) – Die Berliner Linie (210) – Grundsatzstreit: Ordnung oder Geschmack? (212) – Neuer Kurs: Schund als Volksliteratur (217) – die Praxis der Erziehungsdiktatur (220) – Druck von untern? (222) – >>Der Kapitalismus hat einen Teil seiner Macht für die Dauer des Krieges verloren<< (225) – Verkehrte Welt (228) – Propagandastreifen als >>Kulturfilme<< (230) – Am Ende des deutschen Weges zur Volkserziehung (239)

III.    Soziales Theater 241

Bildung Macht Klasse 244

Soziale Konstruktion der Massenkünste (244) – >>Verrohung<<: Zur Anthropologie des Schundkampfes (247) – Strategien der Beschämung (250) – >>Heilig sei uns das Weib<< (225)

Kinderlebenswelten – Kindermedienwelten 260

Lernen und Arbeiten (261) – Grenzziehungen (264) – Jugendliche Selbstorganisation (269) – Expedition ins Unbekannte (273) – Schaufenster-Inszenierungen (227) – >>Wilde Eindrucksvermittler<< und >>Disziplinlosigkeit des Wissens<< (282) – Kindheit in der Mediengesellschaft (285) – Kinder lieben – Kinder fürchten (292) – Exkurs: 1900 begann 1800 (300)

IV.    Schlussüberlegungen: Was blieb? 310

Erklärungsangebote (312) – Deutsche Antworten auf ein transnationales Problem (316) – Neue Landkarten der Kultur (319) – Schundkampf für die Demokratie (324) – Vergnügen mit gutem Gewissen (327) – Die Kinder der Massenkultur: von Medien gemachte Monster (328) – >>Kinder, von denen wir nichts wissen<< (333)


Anmerkungen 338

Abkürzungen 370

Abbildungsnachweise 372

Quellen 374

thematisches Literaturverzeichnis 391

Preiswerte Heft- und Schriftenreihen 416

Register der Personen und Organisationen 419


How the Awakening into Freedom and Aesthetic Self-Determination Began: Onset of the Mass Culture

Since the establishment of an educational system at the turn of the 19th century, which included all parts of the society and, thus, absorbed and determinated the (previously) private sphere, we are accompanied by a constant fear about our civilized behaviour and culture. This worry manifests itself in a form of care about the future cultural agents – about the "children, we don`t know anything about" (see p. 333). We try to educate aesthetically and morally but, by doing this, we act very anxiously and superficially. Instead of a true education we tend to blame certain media for our failure, we struggle for power and over generational issues. Kasper Maase's book Die Kinder der Massenkultur gives us, from the perspective of cultural studies, a glimpse of the struggle over products and the practices of mass culture that were identified as disposable during the time of the German Empire (1871-1918). Further it shows that worries about a proper transfer and proliferation of culture have not changed that much. The continuity of the dispute about trash/high culture and its regulative and disciplining claims make the look at the German struggle about mass culture even more exciting and relevant.


© bei der Autorin und bei KULT_online