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Was wirklich geschah?! Selektivitätsmechanismen in Erinnerungen an den Nationalsozialismus


Eine Rezension von Said Elmtouni

Sebald, Gerd; Lehmann, René; Malinowska, Monika; Öchsner, Florian; Brunnert, Christian; Frohnhöfer, Johanna: Soziale Gedächtnisse. Selektivität in Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus. Bielefeld, transcript, 2011.

Der Sammelband Soziale Gedächtnisse. Selektivität in Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus enthält Forschungsbeiträge aus einem DFG-finanzierten Forschungsprojekt. Dabei vermeidet er die assmansche Trennung der Gedächtnisse in kommunikativ und kulturell. Methodisch kommen narrative Interviews mit einzelnen Befragten zum Einsatz, aber auch Familiengespräche stellen eine Basis der Analyse dar. Die Auswertung geschieht einmal themen- und einmal sequenzorientiert. Ziel des Bands ist es, die Forschungslücke im Bereich der Selektivität von Erinnerungen zu schließen. 


Die rege Beschäftigung mit dem Themenkomplex um Gedächtnis und Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus in den letzten zwanzig Jahren hat unterschiedliche Gründe. Zum einen weil nur noch wenige Zeitzeugen am Leben sind und aus erster Hand von ihren Erlebnissen erzählen können; zum andern wird es insbesondere bei der zweiten und dritten Generation immer wichtiger und dringender zu wissen, wie die Eltern bzw. Großeltern im Naziregime gelebt und welche Rolle sie in diesem System gespielt haben. Das belastende historische Wissen, das durch Medien und Schulen vermittelt wird, wird dabei in den familiären Kreisen abermals behandelt und erfragt. Nicht nur wird letztlich geprüft, inwieweit die ältere Generation in die Gräueltaten des NS verwickelt war, sondern vor allem um sich positionieren zu können. Auch weil die Geschichte der Familie mit ihren positiven und negativen Seiten an die jüngeren Generationen weiter tradiert wird.

Der Sammelband Soziale Gedächtnisse. Selektivität in Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt sich mit der Weitergabe und dem Umgang mit den Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus im familiären Kontext. Obwohl es sich um ein definiertes zeitliches Intervall handelt, sticht die thematische Vielfalt heraus. So kommen darin verschiedene sozialen Typen zu Wort: Der 68er, der Einwanderer und Menschen, die in einer interkulturellen Ehe leben. Aber auch Themen wie Antisemitismus, Medien und Authentizität der Erinnerung sind in dem Band vertreten.

Den ersten Aufsatz liefern Gerd Sebald und René Lehmann. Sie behandeln die intergenerationale Beziehung zwischen Erinnerung, normativen Überlegungen und ihrer Überlieferung. Dabei stellen sie fest, dass die Erinnerungen mit positiven Bewertungen sowohl an den Familienverwandten als auch an das dichte soziale Umfeld ausgerichtet sind, wobei es den Menschen um die Frage der Schuld im nationalen Wir-Kollektiv aber auch um mögliche Täter im Familienkreis geht. Die Interviewten für die Fallkonstruktion können als typisch für eine breite Gruppe gelten, in der weitgehend Schweigen in der ersten Generation und ein ähnlicher Umgang mit Leerstellen in der zweiten und dritten Generation herrscht.

Im danach folgenden Beitrag von René Lehmann wird die Geschichte einer Frau, die in der NS-Diktatur und in der DDR gelebt hat, vorgestellt. Lehmann interessiert sich für die Zusammenhänge und die Vergleichbarkeiten beider Systeme bezüglich ihrer totalitären Strukturen in privaten Räumen. Dafür interviewte er die Mutter und ihre Tochter. Er kommt zu dem Ergebnis, dass nicht die Vergangenheit das soziale Gedächtnis strukturiert, sondern ein Gemisch aus "gegenwärtig diskursiv vermittelten Deutungsmustern und deren Verarbeitung, Reproduktion, Re-Konstruktion" (S. 66) es steuert.

Christian Brunnert untersucht in seinem Beitrag den Umgang der 68er-Generation mit ihrer familialen Erinnerung. Ansatzpunkte für Brunnerts Untersuchung sind der behauptete Konflikt und der Bruch der 68er-Generation mit ihren Familien. Stark orientierten sich die Interviewten an der kollektiven Identität der 68er-Generation und identifizierten sich mit ihrem aufklärerischen Denken. Daneben fällt auf, dass sie Verbrechen innerhalb ihrer Familien relativieren oder rechtfertigen, wohinter der Drang zur Legitimation und Authentifizierung der eigenen Version der Familiengeschichte steht.

Einen besonderen Beitrag präsentiert Johanna Frohnhöfer. Sie befragte türkische und kurdische Migranten aus unterschiedlichen Generationen zur NS-Geschichte und wie sie mit diesem historischen Erbe ihrer Wahlheimat umgehen. Die Interviewteilnehmer lösen die Geschichte des Nationalsozialismus aus ihrem historischen Kontext und übertragen sie auf vergangene und gegenwärtige Situationen. Die Schoah als historisches Ereignis wird zum Bezugspunkt, an dem andere Menschenverletzungen gemessen und verurteilt werden können. Das Erinnern an die Zeit des Nationalsozialismus wird hier als notwendig angesehen, um ein Wiederholen der Verbrechen vorzubeugen und gegenwärtige Fremdenfeindlichkeit abzuwehren.

Wie sich Menschen aus unterschiedlichen Kulturen an gemeinsame Geschichte erinnern, zeigt Monika Malinowska. Sie wählte für ihren Beitrag ein deutsch-polnisches Ehepaar. Während sich das Paar über die Verbrechen der Nazis einig ist, unterscheidet es sich in seiner Konstruktion und Repräsentation der Geschichte, was zum innerfamiliären Konflikt führt. Da die Fronten verkrampft sind und keiner sich von dem anderen überzeugen lässt, lassen sie schließlich, insbesondere die Ehefrau, die Sache ruhen. Die unterschiedliche Verarbeitung der Geschichte in den beiden Ländern und die Art des Umgangs damit wirken belastend auf diese interkulturelle Beziehung.

Die zwei letzten Beiträge stammen von Gerd Sebald. In ihnen behandelt Sebald Themen der Medien und der Authentizität im Zusammenhang mit Erinnern und Erzählen. Die gebrauchten Medien können sprachlicher oder technischer Natur sein, so Sebald, dabei ist ihre soziale Reichweite bedeutend. Der Rückgriff auf die Medien könne unterschiedliche Funktionen erfüllen: Um die historischen Informationen zu aktualisieren, um Wissen über die Geschichte zu sammeln, um Leerstellen offen zu halten oder abzuschließen. Zuletzt wird auf Medien rekurriert, wenn es darum geht, Ereignisse zu dokumentieren oder bestimmtes Wissen zu versichern. Dabei wird der Sprache eine bedeutende Rolle im Prozess des Erinnerns zuerkannt, denn ohne Sprache gäbe es kein Erinnern. Die medialen Artefakte verliehen dem Erinnern Authentizität und umgäben die konstruierte Vergangenheit mit einem Schein der Wahrheit.

Das Besondere an dem Sammelband ist, dass er zeigt, wie Menschen aus unterschiedlichen sozialen Gruppen und Generationen in ganz Deutschland mit der Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus umgehen. Die Ergebnisse des Bands sind, wenn auch personenbezogen, von großer Relevanz für die Erforschung der Erinnerung in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg. Die Beiträge sind in einer durchdachten wissenschaftlichen Sprache geschrieben, die Vielfalt der Themen macht das Lesen spannend und der Leser verfolgt die kommentierten Interviews interessiert. Der einzige Makel sind die vielen Flüchtigkeitsfehler (u. a. S. 77, 89, 125, 171, 179 und 181), die man in einer weiteren Ausgabe vermeiden könnte. Wegen der Beschaffenheit des Themas ist der Band sowohl für den wissenschaftlichen Betrieb, als auch für interessierte Laien zu empfehlen.


Gerd Sebald, René Lehmann, Monika Malinowska, Florian Öchsner, Christian Brunnert, Johanna Frohnhöfer: Soziale Gedächtnisse. Selektivität in Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus. Bielefeld, transcript Verlag, 2011. 255 S., 29, 80 Euro. ISBN-13: 978-3837618792


Inhaltsverzeichnis

Vorwort..........7

Einleitung: Zur Selektivität von sozialen Erinnerungen
Gerd Sebald..........9

Ethische Implikationen in familialen Erinnerungen an die Zeit
des Nationalsozialismus - eine Fallrekonstruktion
Gerd Sebald/René Lehmann..........23          

»Jetzt bist de ein zweites Mal betrogen worden!«
- Vergleichendes Erinnern gesellschaftlicher Verhältnisse 
René Lehmann..........43

Vom Mythos der Aufklärung. Die »68er«-Generation und
familiale Erinnerung
Christian Brunnert..........67
   
Antisemitismus in familialen Erinnerungen an den
Nationalsozialismus
Florian Öchsner..........109

Pluralisierte Erinnerungsmuster in der deutschen
Einwanderungsgesellschaft
Johanna Frohnhöfer..........133

Soziale Gedächtnisse in einer interkulturellen Ehe
Monika Malinowska..........161

Gebrauchte Medien
Gerd Sebald..........183

Errinnerung, Erzählung und Authentizität
Gerd Sebald..........207

Feldzugang und Material
Rene Lehmann..........217

Methodische Erläuterungen
Gerd Sebald/Christian Brunnert..........227

Literatur..........241

AutorInnen..........255


What Really Happened? Selectivity in Memories of the Nazi Regime

The anthology Soziale Gedächtnisse. Selektivität in Erinnerungen an die Zeit des National-
sozialismus
contains research articles from a study funded by the German Research Foundation (the DFG). The authors argue against stark divisions between communicative and cultural memory once introduced by Jan Assman. Using not only narrative interviews, but also family conversation to analyse memories during the time of the Nazis, the evaluation is both topical and sequence-oriented. The aim of this volume is to close the academic void when it comes to considering the selectivity of memories.


© beim Autor und bei KULT_online