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Utopisches Schreiben über Gender und Bildung - eine experimentelle Arbeit über experimentelle Diskurse

Eine Rezension von Catherina Schreiber

Overbeck, Emily: Frauenbilder und Frauenbildung. Geschlechterrollen und Bildungskonzepte in Sozialutopien amerikanischer Autorinnen des 19. Jahrhunderts. Trier: WVT, 2011.

Die Untersuchung von Overbeck zu Sozialutopien amerikanischer Autorinnen des 19. Jahrhunderts bietet eine innovative, anschauliche und breit kontextualisierte Perspektive auf die beiden Diskurssysteme "Gender" und "Bildung". In ihrer Analyse rückt Overbeck Strategien der Umwertung von Diskursbegriffen in den Vordergrund. Dabei legt sie eine dialogische Arbeit vor, die mit Leser, Forschungsstand und Quellen auf vielfältige Weise interagiert. Aus historiographischer Perspektive bleibt offen, ob das Quellenmaterial notwendigerweise auf dominante Diskursstrategien schließen lässt und inwiefern die präzisen exemplarischen Analysen und diskurstheoretischen Überlegungen zu Strategien der rhetorischen Umwertung diese nachweisen können. So postuliert Overbeck, dass die Umwertung von Gender-Normen und Bildungsidealen in literarischen Utopien die öffentlichen Debatten für Vorstellungen öffneten, welche die „realen Fortschritte“ im Bereich der Frauenbildung erst möglich machten.  


Mit ihrer Arbeit zu Konzepten von Weiblichkeit und Bildung in Sozialutopien amerikanischer Autorinnen des 19. Jahrhunderts legt Overbeck eine thematisch innovative Dissertation an der Schnittstelle zwischen soziologischen, literaturwissenschaftlichen, pädagogischen und historischen Forschungsfragen vor.
Anhand der "textlichen und ideologischen Verwendung von Denkstrukturen" (S. 22) aufzuzeigen, wie "diskursive Traditionslinien, aber auch Brüche innerhalb eines kulturellen Systems auftreten und sich [...] Verwerfungen und Überschneidungen bilden" (S. 21), so beschreibt Emily Overbeck das ambitionierte Ziel ihrer Untersuchung. Wie weit sie über den konkreten Untersuchungsgegenstand hinausgeht, zeigt sich an ihrer konsequenten Verwendungen eines foucault-butlerschen Theorierahmens, gleichwohl ihr Erkenntnisinteresse auch auf allgemeinen Fragen der Diskurstheorie liegt.

Zur Untersuchung bedient sie sich zweier umfassender und, so die Autorin, permanent miteinander agierender Diskurssysteme – Weiblichkeit und Bildung. Beide wurden trotz ihrer Reichweite und gerade in ihrer Verbundenheit bisher vernachlässigt: Bereits der äußerst knappe Forschungsstand (S. 18) demonstriert dies.

Die Verbindung zwischen Gender- und Bildungsdiskursen bildet einen Hauptargumentationspunkt der Autorin. Bildung für Frauen sei als totum pro parte für ein komplettes Weiblichkeitsmodell auch ein Instrument, um Veränderungen in den Geschlechterrollen als möglich darzustellen. Eingebettet wird die Analyse in den Kontext der USA des 19. Jahrhunderts, die die Autorin als "in bisher ungekannter Weise kollektiv traumatisiert" beschreibt (S. 13). So werden etwa die diskursiven Kernmerkmale Häuslichkeit (domesticity) und Trennung der männlichen und weiblichen Sphären (separate spheres) als Sinngebungen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher "Umwälzungen" interpretiert. Genauer beziffert werden diese beispielsweise als industrielle Revolution, Urbanisierung, Ablösung des Sinnsystems Religion durch die Naturwissenschaften, wirtschaftliche Zentralisierung und Etablierung der bürgerlichen Kleinfamilie.

Nach einer kurzen Einleitung und knappen theoretischen Vorüberlegungen folgen drei größere Kapitel, deren erstes den Lesern auf gut 60 Seiten mit einer Analyse der naturwissenschaftlichen und politischen Diskurse (unter den Schlagwörtern Sozialdarwinismus und Progressivism subsummiert) gesellschaftliche Hintergründe für die folgende Analyse anbietet.

Die diskurshistorische Herleitung wird anhand prominenter Einzelkonzepte vorgenommen (wie Ellen Key, S. 60), was durch den Rekurs der späteren Quellen auf diesen Diskurskontext begründet ist. Dem Diskurs mit seinen Bedeutungsschattierungen wird dies allerdings nur bedingt gerecht.

Nach einer knappen Darstellung der Adaptionen dieser Diskurse in den Frauenzeitschriften The Ladies' Home Journal (S. 114 ff.) und Good Housekeeping (S. 123 ff.) folgt im umfangreichsten fünften Kapitel auf gut 140 Seiten die Analyse der Sozialutopien. Konkret umfasst die literarische Analyse vier Romane: Out of her sphere (1871), Mizora (1881), Unveiling a Parallel (1893), und Herland (1915).

Die Grundlage für die Untersuchung bilden damit sowohl fiktionale als auch Sachtexte, wobei die Autorin voraussetzt, dass beide Textformen Ideen und Verhaltensmodelle ihrer Leser ausdrücken (S. 12). Dabei geht sie jedoch nicht im Detail auf Interaktionen zwischen den Textformen und deren Leserschaften ein.

Trotz der Kontextualisierung mit Zeitschriftenartikeln liegt das Hauptaugenmerk der Untersuchung auf der Gattung des utopischen Romans, was angesichts der eingangs vorgestellten Funktion der literarischen Utopie, der Anbindung an vertraute Elemente bei gleichzeitiger "Entfremdung" (S. 144; S. 293) schlüssig ist.

Auf der Textebene, so die Autorin, werden Konzepte von Bildung und Weiblichkeit erprobt, die (noch) nicht mehrheitlich kulturfähig waren, denen aber als Transporteure und Katalysatoren von Ideen im vorliegenden Buch große Bedeutung beigemessen wird.
Somit seien Utopien besonders geeignet, um die streitbare These der Autorin nachzuweisen: Die Aushandlung der veränderten Begrifflichkeiten auf der Textebene hätten den Weg bereitet für die Veränderungen am Übergang des 20. Jahrhunderts im Bildungssystem und im Geschlechterrollenverständnis. So habe eine graduelle Umwertung des Gender-Begriffs stattgefunden, die die Neustrukturierung von Konzepten der Bildung und der Weiblichkeit zur Folge hatte.

Der Fokus der Untersuchung liegt jedoch nicht nur auf dem geschlossenen Text, sondern – in diskursanalytischer Tradition nicht überraschend – auf den Lesern als "Objekt" (S. 288) und ihren Reflexionsprozessen. Somit wird der Text offen verstanden, was dem Leser gleichzeitig die Möglichkeit und Notwendigkeit der Selbstpositionierung überlässt. Auch die Autorin denkt sich selbst als Leserin und reagiert dialogisch auf ihre eigenen Quellen: die Reaktion Overbecks auf die utopischen Romane wird ebenso greifbar wie ihr Respekt vor der Quelle als diskursives und funktionales Kunstwerk, inklusive seiner Makro- und Mikrostrukturen, visuellen Argumenten, gut platzierten Zitaten (z. B. S. 176), Überschriften und Textversatzstücken. Der Dialogcharakter der Analyse zeigt sich weiterhin in ihrer Anschaulichkeit und Ausführlichkeit: Kapitel vier unternimmt auf gut 30 Seiten zunächst eine Beschreibung der Quellen samt ausführlicher Inhaltsangaben der Romane, szenischer Beschreibungen (S. 162) Kapiteleinführungen, erklärenden Fußnoten und Kontextualisierungen, sowie persönlichen Formulierungen, Reflexionen und Einschätzungen (z. B. S. 141).

Diese Transparenz der Arbeit macht sämtliche Schlussfolgerungen nachvollziehbar und überprüfbar. Umso mehr muss dies geschätzt werden, da die Autorin eine klare, kohärente Sinngebung vor Augen hat, die sich nicht notwendigerweise als einzige oder notwendige Interpretation der Quellen ergibt. Das angebotene Erklärungsmodell ist darauf konzentriert, eine Rhetorik der Umwertung im "experimentellen Raum" (S. 293) der literarischen Utopie zu konstatieren. Innerhalb dieser könnten "nicht kulturfähige Ideen" (die Autorin spricht gar von "häretischen Modellen") ohne die Furcht vor negative Konsequenzen ausgetestet werden (S. 288). Overbeck konstatiert ein "Pendeln" (S. 147) zwischen Anpassung und Kritik, um gleichzeitig eine Anbindung und kritische Umwertung zu erreichen. Beispiele sind das Modell der New Woman oder die an traditionelle Weiblichkeitsmodelle wie den Republican Motherhood anschließende Konzeption der True Woman (etwa S. 133). Die Frage nach Resultaten und letztendlichen Positionierungen dieser Auseinandersetzungen ist jedoch für die Autorin sekundär, was verblüfft, da Ideen in ihrer Wirkmacht in vorliegender Analyse als zentral eingeschätzt werden.

Somit ist die Arbeit geprägt von einem immanenten Spannungsverhältnis zwischen Autor- und Leserfokus, zwischen Einzelideen und Paradigmen, Text und Kontext, zwischen einer literarischen und einer funktionalen Würdigung der Quellen. Im Hinblick auf die nachzuweisende diskursive Umdeutung wäre zudem eine längere zeitliche Perspektive von Nutzen gewesen, die von der Autorin durch einen kurzen Ausblick auf die Frauenbewegung der 1970er Jahre (S. 293) angedeutet wird. Dennoch können die gewählten Beispiele die Umwertung vertrauter Begriffe – nicht aber immer deren Wirkmacht – und die Selektionsstrategien sinnstiftender Systeme exemplarisch verdeutlichen. Overbeck bietet mit ihrer Analyse somit einer breiten und interdisziplinären Leserschaft eine anregende und anschauliche Lektüre.

   
Overbeck, Emily: Frauenbilder und Frauenbildung. Geschlechterrollen und Bildungskonzepte in Sozialutopien amerikanischer Autorinnen des 19. Jahrhunderts. Trier: WVT, 2011. (= Mosaic. Studien und Texte zur amerikanischen Kultur und Geschichte, Bd. 41) 316 S, broschiert. 31,50 EUR. ISBN 978-3-86821-273-0 .


Inhaltsverzeichnis

Inhalt

1.Einleitung 11           
1.1These 17
1.2 Stand der Forschung 18
2. Historische Hintergründe und theoretische Vorüberlegungen 21
    2.1 Theoretische Vorüberlegungen zu Verfahren der Diskursanalyse 21
    2.2 Michel Foucault und die Diskursanalyse 23
    2.3 Judith Butler und die Performativität von Geschlecht 27
    Pierre Bourdieu und das Feld der kulturellen Produktion 34

3. Gesellschaftliche Hintergründe: Die Diskurse des 19. Jahrhunderts 41

    3.1. Naturwissenschaften: Der Sozialdarwinismus 41
        3.1.1 Frauenrechte vs. Status Quo: Herbert Spencer 48
        3.1.2 Kritik an der Aufklärung: William Graham Sumner 53
        3.1.3 Bildung und "Gyneacocracy": Lester Frank Ward 56
        3.1.4 The Evolution of Woman: Eliza Burt Gamble 58
        3.1.5 Mutterschaft statt Ehe: Ellen Karolina Sofia Key 60
        3.1.6 Die feminisierte Gesellschaft: Charlotte Perkins Gilman 62
        3.1.7 Fazit 66
    3.2 Politik: Der Progressivism 71
        3.2.1 Bildung im Kontext: John Dewey 75
3.2.2 Bildung zu politischer Reform: Herbert Croly und Walter Lippmann 80
3.2.3 Bildung als Mittel zur Ausprägung sozialen Verhaltens: Jane Addams 86
3.2.4 Bildung und sexuelle Selbstbestimmung: Margaret Sanger 88
3.2.5 Bildung zu moderner Partnerschaft: M. Carey Thomas 91
3.3 Geschlechterrollen: separate spheres und domesticity 92
3.4 Häretische Entwürfe: Das Geschlechtermodell Margaret Fullers 100

4. Abbildung und Widerstände innerhalb des kulturellen Systems 109
4.1 Einführung: Frauenzeitschriften der viktorianischen Ära 109
4.2 The Ladies' Home Journal 114
4.3 Good Housekeeping 123
    4.4 Auswertung 139

5.Weiblichkeit und Bildung in Sozialutopien des 19. Jahrhundert 143

5.1 Einführung: Die weibliche Utopie 143
5.2 Der utopische Reformroman: Out of Her Sphere (1871) 156
5.2.1 Hintergründe: Reformerisches Christentum 156
5.2.2 Literarische Doppelung und moralischer Standard 160
5.2.3 Strategien der frühen amerikanischen Frauenbewegung 164
5.2.4 Out of Her Sphere als sentimentaler Reformroman 168
5.2.5 Strategien der Umwertung 171
5.2.6 Makro- und Mikrostuktur des Romans 180
5.3 Die erste rein weibliche Utopie: Mizora (1881) 182
5.3.1 Hintergründe: Autorinnen der weißen, christlichen Mittelschicht 182
5.3.2 Mizora: eine 'gelungene' Utopie? 184
5.3.3 Bildung als Basis einer neuen Gesellschaft 192
5.3.4 Mizora als 'klassische' Utopie des 19. Jahrhunderts 199
5.3.5 Strategien der Umwertung 203
5.3.6 Der große Paradigmenwechsel des 19. Jahrhunderts 213
5.4 Die Parallelwelten: Unveiling a Parallel(1893) 215
5.4.1 Hintergründe: Christliche Sozialreform 215
5.4.2 Gender-Kategorien: Satire und Spiegelung 218
5.4.3 Utopische Literatur als experimenteller Raum 221
5.4.4 Spannungen und Widersprüche 224
5.4.5 Strategien der Umwertung 235
5.4.6 Interaktion von Diskursen 247
5.5 Der Ausblick auf das 20. Jahrhundert: Herland (1915) 251
5.5.1 Hintergründe: Sozialismus und Feminismus 251
5.5.2 Drei Mann als Entdecker: Verschiedene Modelle von Männlichkeit 258
5.5.3 Die organische Frauengesellschaft 267
5.5.4 Herland als Bildungsutopie 270
5.5.5 Strategien der Umwertung 275
5.5.6 Individuum und Kollektiv – Weiblichkeit und Männlichkeit 282

6. Resümee 287
7. Literaturverzeichnis 297


Utopian Writing about Gender and Education - An experimental Study about experimental Discourses

Overbeck's analysis of social utopias written by 19th century American women provides an innovative, detailed, and broadly contextualized perspective on the discourse systems "gender" and "education". Overbeck puts her focus on strategies of transvaluating discursive terms, presenting a dialogic thesis, which interacts with the readers, sources, and the state of research in multiple ways. From a historiographic perspective, it remains to be seen whether the source material provided allows for implications on dominant discursive strategies to be drawn and to what extent the precise examples of analysis and the theoretical considerations can provide evidence for Overbeck's main hypothesis – the hypothesis that the transvaluation of gender-norms and educational ideas in literary utopias opens up public discourse for new ideas enabling "real progress" in the broad field of female education.


© bei der Autorin und bei KULT_online