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Totgesagte leben länger – Zur kulturwissenschaftlichen Renaissance und den Paradoxien von Authentizität

Eine Sammelrezension von Sascha Simons

Funk, Wolfgang; Groß, Florian; Huber, Irmtraud (Hg.): The Aesthetics of Authenticity. Media Constructions of the Real. Bielefeld: transcript , 2012.

Straub, Julia (Hg.): Paradoxes of Authenticity. Studies on a Critical Concept. Bielefeld: transcript , 2012.

Angesichts der Verschleißerscheinungen postmoderner Erklärungsmuster genießt Authentizität gegenwärtig kulturwissenschaftliche Konjunktur. Die von Julia Straub bzw. Wolfgang Funk, Florian Groß und Irmtraud Huber herausgegebenen Sammelbände Paradoxes of AuthenticityStudies on a Critical Concept und The Aesthetics of Authenticity – Medial Constructions of the Real leisten ähnlich gelagerte Beiträge zu einem zeitgenössischen Konzept ästhetischer Authentizität. Als Formel gesellschaftlicher Selbstbeschreibung vermittelt dieses zwischen kulturellen Widersprüchen, statt in einen Essenzialismus der Ursprünglichkeit oder Eigentlichkeit zu münden. 


Noch vor wenigen Jahren war Authentizität kein opportuner Gegenstand kultur- und medienwissenschaftlicher Forschung. Auf der einen Seite schien ein Begriff, der sich zu leicht mit Echtheit, Eigentlichkeit oder Ursprünglichkeit identifizieren ließ, nicht vereinbar mit konstruktivistischen und poststrukturalistischen Paradigmen, die derartigen Letztbegründungen mit einer grundsätzlichen Skepsis begegnet sind. Auf der anderen Seite ist der Begriff der Authentizität auch durch technologische Innovationen unter Druck geraten. Angesichts der schier grenzenlosen Manipulations- und Simulationsmöglichkeiten digitaler Medien und der durch sie angestoßenen Debatten um post-fotografische Wahrheit schienen die Mythen um die Indexikalität foto- und kinematografischer Aufzeichnungsverfahren entkräftet worden zu sein.

Umso erstaunlicher ist, dass Authentizität auch jenseits von Marketing- und Selbsthilferhetorik als philosophische, kulturelle und mediale Gegenwartsdiagnose wieder salonfähig geworden ist, wie man sich anhand einer Vielzahl jüngerer Publikationen veranschaulichen kann. Neben einer ganzen Reihe von Sammelbänden, z. B. von Antonius Weixler (http://kult-online.uni-giessen.de/wps/pgn/home/KULT_online/35-21/) oder Harro Müller und Susanne Knaller, hat sich vor allem letztere um den Begriff verdient gemacht. In ihrer Studie Ein Wort aus der Fremde (2007) hat sie eine Dreiteilung von Subjekt-, Referenz- und Kunstauthentizität etabliert, die einen verbindlichen Ausgangspunkt für die aktuellen Auseinandersetzungen um Authentizität darstellt. Auch dass Wolfgang Engler 2010 eine an Foucault geschulte Diskursgeschichte der Aufrichtigkeit und Authentizität aus den späten 1980er Jahren unter dem Titel Lüge als Prinzip gründlich erweitert hat, belegt: Authentizität ist wieder aktuell.

Zu dieser diskursiven Renaissance tragen auch die beiden Sammelbände Paradoxes of Authenticity von Julia Straub sowie The Aesthetics of Authenticity von Wolfgang Funk, Irmtraud Huber und Florian Groß bei. Funk und seine Mitherausgeber liefern schon in der Einleitung eine einleuchtende Begründung für diese Konjunktur, auf die man beim Lesen der beiden Bände mehrfach stößt: Demnach begründen gerade die Einsicht in die grundsätzliche Unverfügbarkeit von Welt und Wesen gepaart mit der umfassenden Mediatisierung der Lebenswelt eine unstillbare Sehnsucht nach vermeintlichen Ausgängen aus dem Käfig der Konstruktionen und unmittelbaren Zugängen zu Wahrheit, Identität und Realität. Diese werden, wie Straub mit einem Hinweis auf die Post Colonial Studies anmerkt, nicht selten an den als exotisch verklärten Rändern von Gesellschaft und Zivilisation gesucht (Eis, Mayer, Mettler, Palitzsch).

Wider einen emphatischen, ungebrochenen Authentizitätsbegriff münde diese Dialektik der Postmoderne in ein paradox verfasstes Konzept. In der ungelösten Spannung zwischen Innen und Außen bzw. Subjekt und Objekt, zwischen Identität und Alterität, zwischen Singularität und Reproduktion sowie zwischen Unmittelbarkeit und Vermittlung biete Authentizität ebenso einen angemessenen Ausdruck epistemologischer und ethischer Krisen wie Aussicht auf Kritik. Letzteres vor allem, weil Authentizitätszuschreibungen durch situative und performative Beglaubigungsprozesse flankiert und stabilisiert werden, die als Selbstbeschreibungen von Kultur und Gesellschaft fungieren und Reflexionen der sie strukturierenden Machtverhältnisse ermöglichen (Assmann, Knaller). Hierzu zählen auch die Fragen danach, wann und unter welchen Bedingungen in das 'symbolische Kapital' Authentizität investiert wird (Claviez) und wer davon profitiert, das Leben in Form von Schriftstellerbiografien (Mettler), Selbsthilfe-Ratgebern (Loren) oder dilettantischen Volksmusikanten (Weixler) als authentisch zu verkaufen.

Auch hinsichtlich der vermeintlichen Unmittelbarkeit stimmen beide Bände überein: Authentische Darstellungen werden im Sinne einer vermittelten Unmittelbarkeit durchweg als ästhetische Inszenierungen behandelt. Das heißt die Authentizität medialer Darstellungen wird nicht als genuine Eigenschaft ästhetischer Objekte gedeutet, sondern als diesen Artefakten äußerliche Zuschreibung, die wiederum durch Inszenierungsstrategien provoziert und angeleitet werden kann. Dies wirft wiederholt die Frage nach der Authentizität ästhetischer Erfahrung auf (Huber/Seita, Funk). Sie ist wichtig, weil sich eine solche authentische Erfahrung semiotischen Begriffen ebenso entziehen würde wie Knallers Dreiteilung in Subjekt-, Objekt- und Kunstauthentizität. Stattdessen erscheint eine Problematisierung im Rahmen phänomenologischer Ästhetiken, der Präsenzthese Hans-Ulrich Gumbrechts oder ästhetischer Ereignistheorien aussichtsreich. Sie wird hier allerdings nicht unternommen.

Das Gros der Beiträge beschäftigt sich mit Prosa jüngeren Datums. Hier werfen vor allem meta-referentielle Erzählungen Fragen nach der prekären Autorität von Autor und Erzähler (Funk, Iatsenko, Loren, Piccitto, Schönfelder, Straub), nach dem Verhältnis von Fakt und Fiktion (Assmann, Groß, Hulse, Iatsenko, Susanka) bzw. Original(ität) und Kopie (Huber/Seita) sowie den Konsequenzen für individuelle (Assmann, Huber, Schönfelder) und kollektive (Bousquet, Mayer, Nunius, Palitzsch) Identitätsbildung auf. Auch wo die Analysen das literarische Feld verlassen, variieren in der Regel weniger Fragestellung, Perspektive und Vorgehen der Beobachter, sondern vielmehr ihre Gegenstände (Hulse, Groß, Mayer).

Neben den Einführungen steuern v.a. Straub, Knaller, Aleida Assmann und Thomas Claviez kulturgeschichtliche bzw. philosophische Überlegungen bei, die wertvolle Beiträge für die Kontextualisierung der anderen Studien leisten und aus diesem Grund eine dringliche Leseempfehlung verdienen. Claviez nimmt zudem die ethischen Implikationen von Authentizität nicht einfach in Kauf, sondern explizit zum Anlass seiner Kritik an Alessandro Ferraras moraltheoretischem Konzept reflexiver Authentizität. Mehr ähnlich gelagerte Verknüpfungsversuche von ästhetischer Form und sozialer Funktion hätten die kulturwissenschaftliche Wiederentdeckung des Authentizitätsbegriffs breiter legitimieren und zudem gegen tautologische Verlockungen immunisieren können. Denn dass sich Werken, die sich einer postmodernen Poetologie verpflichten, postmoderne Authentizitätskonzepte ablesen lassen, ist zwar einleuchtend, aber auch redundant. Um Erzählungen nicht lediglich das entnehmen zu können, was man zuvor selbst in sie hineingesteckt hat, sollten Literatur- und Kulturwissenschaften daher unvermittelte Schlüsse zwischen kultureller Gegenwartsdiagnose und medialer Fiktion vermeiden. Schließlich beziehen auch die hier untersuchten Nivellierungsversuche von Fakt und Fiktion ihren Reiz daraus, dass der geschützte Möglichkeitsraum der Fiktionalität, verschwimmender Grenzen zum Trotz, nach wie vor prinzipiell anerkannt wird.

In dieser Perspektive kann sich Paradoxes of Authenticity im abschließenden Vergleich dadurch auszeichnen, den eigenen Beobachterstatus durch mehr Positionswechsel (Susanka, Mayer, Junius) stärker zu hinterfragen. Aesthetics of Authenticity hingegen widmet sich fast ausschließlich einzelnen Werken bzw. einzelnen Autoren und verdankt seine Homogenität medien- (Huber/Seita) bzw. systemtheoretischer (Weixler) Passagen zum Trotz einem methodisch weitgehend einheitlichen Vorgehen. Da die individuelle Güte der Beiträge nicht von der Brennweite des konzeptionellen Fokus beeinflusst wird, bieten aber beide Bände gleichermaßen viele Beispiele dafür, dass und warum Authentizität als kulturelle Selbstbeschreibungsformel keineswegs ausgedient hat
   

Funk, Wolfgang; Groß, Florian; Huber, Irmtraud (Hg.): The Aesthetics of Authenticity. Media Constructions of the Real. Bielefeld: Transcript (Cultural and Media Studies), 2012.
288 S., kartoniert, 33,80 Euro, ISBN 978-3-8376-1757-3


Table of Contents

Acknowledgments | 7

Exploring the Empty Plinth. The Aesthetics of Authenticity
Wolfgang Funk, Florian Gross, and Irmtraud Huber | 9

FRAGMENTATIONS

Authenticity as an Aesthetic Notion. Normative and Non-Normative Concepts in Modern and Contemporary Poetics
Susanne Knaller | 25

Found Objects. Narrative (as) Reconstruction in Jennifer Egan's A Visit from the Goon Squad
Wolfgang Funk | 41

Monolithic Authenticity and Fake News Stephen Colbert's Megalomania
Seth Hulse | 63

Authentic Bodies. Genome(s) vs. Gender Norms in Oryx and Crake, The Year of the Flood, and BioShock
Sven Schmalfuss | 91

CONTESTATIONS

»The Real Thing«. Authenticating Strategies in Hemingway's Fiction
Melanie Eis | 121

Real Lives – Living Wild. Authenticity, Wilderness, and the Postmodern Robinsonade in James Hawes's Speak for England and Jeanette Winterson's The Stone Gods
Francesca Nadja Palitzsch | 141

Monica Ali and the Suspension of Disbelief
Melanie Mettler | 163

PERFORMANCES
Poet and the Roots. Authenticity in the Works of Linton Kwesi Johnson and Benjamin Zephaniah
David Bousquet | 187

The Dilettantish Construction of the Extraordinary and the Authenticity of the Artificial. Tracing Strategies for Success in German Popular Entertainment Shows
Antonius Weixler | 207

»Brooklyn Zack is Real«. Irony and Sincere Authenticity in 30 Rock
Florian Gross | 237

Authentic Simulacra or the Aura of Repetition. Experiencing Authenticity in Tom McCarthy's Remainder
Irmtraud Huber and Sophie Seita | 261

Contributors | 281


Straub, Julia (Hg.): Paradoxes of Authenticity. Studies on a Critical Concept. Bielefeld: Transcript (Cultural and Media Studies), 2012. 284 S., kartoniert, 32,80 Euro, ISBN 978-3-8376-1819-8


Table of Contents

Acknowledgements | 7

Introduction: The Paradoxes of Authenticity
Julia Straub | 9

MAPPING AUTHENTICITY

Authenticity – The Signature of Western Exceptionalism?
Aleida Assmann | 33

The Ambiguousness of the Authentic: Authenticity between Reference, Fictionality and Fake in Modern and Contemporary Art
Susanne Knaller | 51

Time, Alterity, Hybridity and 'Exemplary Universality': Some Remarks on Alessandro Ferrara's Concept of 'Reflective Authenticity'
Thomas Claviez | 77

REPRESENTING THE AUTHENTIC

The Rhetorics of Authenticity: Photographic Representations of War
Thomas Susanka | 95

A Quest for Authenticity: Jonathan Safran Foer's Everything Is Illuminated
Irmtraud Huber | 115

"I Want My Past Back": The Quest for Memory and Authenticity in Helen Dunmore's Talking to the Dead
Christa Schönnfelder | 135

AUTHENTIC LIVES

Posthumanist Panic Cinema: Defining a Genre
Scott Loren | 159

Violent Criminals and Noble Savages: The Filmic Representation of Football Hooliganism
as a Quest for Authenticity
Uwe Mayer | 185

Performative Authenticity: Identity Constructions among Asian Second-Generation Youths in Great Britain
Sabine Nunius | 201

AUTHENTICITY AND AUTHORSHIP

"That is Real": Oprah Winfrey and the 'James Frey Controversy'
Anna Iatsenko | 225

Reclaiming "The Grandeur of Inspiration": Authenticity, Repetition and Parody in William Blake's Milton
Diane Piccitto | 243

Coming Home: Bret Easton Ellis's Lunar Park, Authorship
and Heidegger's Concept of Authenticity
Julia Straub | 263

Contributors | 281


There Is Life in the Old Dog Yet –
On Authenticity's Renaissance in Cultural Studies and its Contradictions

In the face of a declining validity of postmodern assertations authenticity has increasingly gained momentum in cultural studies. The volumes Paradoxes of Authenticity – Studies on an Critical Concept and The Aesthetics of Authenticity – Medial Constructions of the Real edited by Julia Straub respectively Wolfgang Funk, Florian Groß and Irmtraud Huber contribute to a contemporary concept of aesthetic authenticity. Understood as a category of social self-reference, authenticity mediates between cultural contradictions rather than leading to an essentialism of nativeness or 'Eigentlichkeit'.


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