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Ohne Sowjetmacht keine armenische Nation: Staatsräson und Nationbuilding unter imperialen Vorzeichen

Eine Rezension von Rayk Einax

Lehmann, Maike: Eine sowjetische Nation. Nationale Sozialismusinterpretationen in Armenien seit 1945. Frankfurt a.M./New York: Campus, 2012.

Der retrospektive Blick auf die Sowjetvergangenheit führt in Armenien zu dem Befund, dass die Schaffung einer armenischen Nation nach 1945 auf äußerst hybriden Grundlagen erfolgen musste. Maike Lehmann schildert daran anknüpfend, wie dies unter sowjetischen Bedingungen an der Peripherie von statten ging. Ihre als Diskursgeschichte angelegte Dissertationsschrift erörtert das Potential spezifisch armenischer "nationaler" Problemfelder und deren Einbettung in Narrative, die summa summarum auf (sowjetische) supranationale Integrationsprozesse abzielten. Das Ergebnis dieser widersprüchlichen Entwicklungen war im wahrsten Sinne des Wortes die Ausprägung einer sowjetischen Nation, deren Strukturen bis heute fortwirken. 


Armenien, die mit rund 30.000 km2 kleinste ehemalige Sowjetrepublik, tut sich auch Jahrzehnte nach dem Zerfall der UdSSR schwer in der Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe des Sozialismus. Angesichts einer jahrtausendealten Kultur erscheint dies nicht verwunderlich. Maike Lehmann, welche die – im weitesten Sinn – nationalen Diskurse für die Zeit vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende der Sowjetunion untersucht, macht dagegen deutlich, dass sich das maßgeblich von Lenin initiierte sowjetstaatliche Projekt zumindest für das armenische Fallbeispiel pauschal weder als eine geradlinige Erfolgsgeschichte, noch als tragische Episode des Scheiterns darstellen lässt. Angesichts einer latenten Weiterexistenz sowjetischer Denkmuster und Bewertungsmaßstäbe auf individueller Ebene wirft die Autorin im Kern zwei überaus spannende Fragen auf: In welchem Verhältnis stehen sowjetsozialistische Staatlichkeit und die darin eingebetteten nationalen bzw. erinnerungspolitisch relevanten Narrative? Zudem: Welche Auswirkungen hatte dieser spezifische Aushandelsprozess für die armenische Gesellschaft? Die Bremer Forscherin geht in diesem Zusammenhang folgerichtig davon aus, dass sich diese Konstellation symbolisch in Archiven, wissenschaftlichen und belletristischen Elaboraten, aber auch in Kunst und Architektur widerspiegelt; zusätzliche Informationen hat sie mit Hilfe von Interviews eingeholt, welche eine Ahnung von den Handlungsoptionen einzelner Akteure vermitteln.

Vor diesem Hintergrund beruhen die acht Abschnitte des Buches auf Fallstudien, welche die Problemlage auf unterschiedliche Weise aufgreifen bzw. interpretieren. Das erste Kapitel schildert, wie in Armenien infolge des sowjetischen Sieges im Weltkrieg Gebietsansprüche gegenüber der Türkei virulent wurden, die wiederum auf den traumatischen Erfahrungen während des Zerfallsprozesses des Osmanischen Reiches (1915-1920) fußten. Die alte Heimat und deren Sinnbild, der "heilige" Berg Ararat, standen plötzlich im Mittelpunkt vieler, auch öffentlicher Reminiszenzen. Darüber hinaus stellte Nagornyj Karabach, ein mehrheitlich von Armeniern besiedelter Landstrich, der in der Frühphase der Sowjetunion als Autonomes Gebiet der aserbaidschanischen Nachbarrepublik zugeschlagen worden war, das Objekt der Begierde dar. Die geografischen Gegebenheiten repräsentierten damit zum einen die schmerzhafte Vergangenheit, zum anderen beförderten sie irredentistische Gedankenspiele, welche nicht zuletzt von der Armenischen Kirche befeuert wurden. Gerade mit Blick auf Nagornyj Karabach hätte die Umsetzung dieser Vorstellungen nach einer Revision der gesamten sowjetischen Territorialordnung im Kaukasus verlangt. Auch wenn der Status quo an dieser Stelle erst einmal gewahrt wurde, drängten sich Territorialfragen in den nächsten Jahrzehnten immer wieder in den Vordergrund.

Ein weiteres Untersuchungsobjekt sind die Repatrianten, welche nach 1945 in beträchtlicher Zahl (90.000) aus der Diaspora zuwanderten und mit ihren fremden Sitten, Essgewohnheiten etc. Aufsehen erregten. Mit Blick auf den Alltag erwuchsen Konfliktfelder, welche einer raschen Integration der (Wieder-)Zugewanderten im Wege standen; beispielsweise die Konkurrenz um Arbeits- und Ausbildungsplätze, religiöse Praktiken, Sichten auf die Vergangenheit u. a. Das dritte Kapitel legt seinen Schwerpunkt ebenfalls auf die unmittelbare Nachkriegszeit, als im Zuge der sogenannten "Ždanovščina" – so benannt nach dem Moskauer ZK-Sekretär Andrej A. Ždanov – armenisches Kulturerbe mit Narrativen konfrontiert wurde, welche vom russischen Volk u. a. das Bild des fortschrittlichen, kulturell hochentwickelten "großen Bruders" zeichneten. In einem weiteren Schritt wird die Zäsur der Entstalinisierung zwischen 1953 und 1956 bzw. die damit einhergehenden Aushandelsrituale innerhalb der Parteiöffentlichkeit skizziert. Hierbei sei bezeichnend, dass sich der stalinistische Sprachduktus auch nach dem Tod Stalins als Mittel der Auseinandersetzung, wenn nicht sogar der Abrechnung bewährt habe.

Daran schließt sich ein Kapitel an, welches veranschaulicht, mit welchen architektonischen Stilmitteln die armenische Hauptstadt Eriwan zum Aushängeschild des sowjetischen Aufbruchs modelliert wurde. Das große Set an entsprechenden Erinnerungsorten, darunter auch das Genoziddenkmal von 1967, habe sich vor allem dadurch ausgezeichnet, dass darin sowjetische und nationale Gestaltungselemente miteinander verschmolzen worden seien. Wie der nächste Abschnitt dokumentiert, bestimmte der Genozid von 1915/16 generell ab der Mitte der 60er Jahre immer stärker die Diskurse in Kunst und Literatur, aber auch in den Sphären der historischen Wissenschaft. Die damit verbundenen Bedrohungsszenarien konnten 1967 auch deswegen wiederauferstehen, weil sich die Lage in Nagornyj-Karabach verschärfte (Kap. 7).

Das letzte Kapitel streift schließlich die Gegenwart: Auch wenn die Frage der territorialen Zugehörigkeit Nagornyj-Karabachs für ca. weitere 20 Jahre mühsam aufgeschoben werden konnte, sorgten 1988 neue Gewalt (z. B. das Pogrom an Armeniern in Sumgait/Aserbaidschan) und dadurch hervorgerufene Massenproteste für einen Wiederaufgriff des Problems im Rahmen sowjetischer Nationalitätenpolitik. Auch wenn das historische Opfernarrativ nach wie vor im Vordergrund stand, hatten sich die irredentistischen Forderungen in der Zwischenzeit von der Türkei nahezu exklusiv auf den aserbaidschanischen Nachbarn verlegt. Das Eingreifen Moskaus – vermeintlich zugunsten der Aserbaidschanischen Sowjetrepublik – wurde dabei zwar keinesfalls goutiert, dennoch erlebte die Sowjetunion und darüber hinaus die russische Sprache und Kultur – im Gegensatz zur KPdSU oder zur Armee – (noch) keinen Reputationsverlust; erste Forderungen nach einer staatlichen Souveränität keimten dementsprechend erst 1989 auf.

In Anbetracht der enttäuschenden Entwicklungen nach 1991 rief sich jedoch so mancher Protagonist, beispielsweise die Interviewpartner der Autorin, gewisse Vorteile der sowjetischen Strukturen ins Gedächtnis. Angeregt durch diese ambivalenten Erfahrungen hat Maike Lehmann eine überaus ansprechende Diskursstudie vorgelegt, welche einerseits von einer dauerhaften staatlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Hybridität zeugt, und andererseits verdeutlicht, dass sich Armenien dennoch, d. h. über die Erlangung der Unabhängigkeit hinweg, zu einer "sowjetischen Nation" gemausert hat.


Lehmann, Maike: Eine sowjetische Nation. Nationale Sozialismusinterpretationen in Armenien seit 1945. Frankfurt/M., New York: Campus, 2012. 442 S., brosch., 43,- €. ISBN: 978-3-593-39492-3


Inhaltsverzeichnis

Einleitung 9

I. Nachkriegshorizonte 41
1. Völkerbefreiung: 'Armenische Territorien' und sowjetische Grenzen 1945 47
2. Nationale Distinktionen: Repatrianten als eigene 'Andere' 76

II. Sozialismus, aprikosenrot 115
3. Die Ždanovščina und die Verteidigung der armenischen Geschichte 123
4. Nation und Destalinisierung 1953-1956 163

III. Die Ausdeutung einer sowjetischen Nation 205
5. Dem Ararat zugewandt:
    Eriwan als sowjetische Stadt und nationale Erinnerungslandschaft 212
6. Für Volk, Vaterland und Völkerfreundschaft:
    Armenische Repräsentationen der sozialistischen Mission 250

IV. Vom Wort zur Tat: Der armenische Kampf um Nagornyj Karabach 295
7. Provokateure und Patrioten: Die Verteidigung Karabachs 302
8. Des Volkes Stimme: Armenische Positionen in der späten Sowjetunion 346

Epilog 385

Interviewpartner 399
Abkürzungsverzeichnis 407
Abbildungsverzeichnis 409
Kartenverzeichnis 411
Archivquellen 413
Literatur 417
Register 433
Dank 439


No Soviet Power, No Armenian Nation: Reason for State and Nation Building Under Imperial Conditions

In Armenia a retrospective look at the Soviet past leads to the conclusion that building an Armenian nation after 1945 had to take place on essentially hybrid foundations. Considering this Maike Lehmann describes the principles that determined this process under Soviet circumstances at the periphery. Her dissertation offers a historical research of discourses which dealt with specifically Armenian "national" questions and discusses the embedding of these issues into narratives focusing all in all on a (Soviet) supranational integration. A result of these contradictory developments was the manifestation of a Soviet nation in the true sense of the word. The Armenian society has been shaped by these structures up to the present day.


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